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B4BSCHWABEN.de: Der Krieg im Iran zeigt gerade wieder, wie schnell geopolitische Krisen auf Energiepreise durchschlagen. Wird in so einer Situation für Sie noch einmal deutlicher, dass Energiewende nicht nur Klimapolitik ist?
Stefan Tölzer: Auf jeden Fall. Wenn man auf die Märkte schaut, betrifft der Krieg im Iran vor allem fossile Energieträger. Deren Preise sind in den vergangenen Monaten signifikant gestiegen. Ein ähnliches Phänomen sehen wir bei den Strompreisen nicht. Die sind nicht so stark gestiegen. Das verdeutlicht einmal mehr den Vorteil, eine eigene Ressource zu haben, und unterstreicht den Punkt, die Energiewende nicht nur aus der Sicht des Klimaschutzes zu sehen. Sondern auch aus Sicht der Versorgungssicherheit und Unabhängigkeit.
Wo stehen aus Ihrer Sicht Deutschland und Bayerisch-Schwaben beim Ausbau der erneuerbaren Energien bzw. bei der Energiewende?
Die Energiewende ist ein langer Transformationsprozess. Neben der Digitalisierung wahrscheinlich einer der größten Transformationsprozesse der letzten Jahrzehnte. Die Dynamik hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Jetzt fängt die zweite Halbzeit an.
Was heißt das?
Die erneuerbaren Energien sind erwachsen geworden. Sie haben eine Marktdurchdringung erreicht. Jetzt rückt der Fokus stärker auf Bezahlbarkeit und Effizienz. Wie wollen wir die zweite Hälfte gestalten? Was wollen wir uns erlauben, auch beim CO₂-Preis?
Als Standortbelastung nennen viele Unternehmen in Deutschland die hohen Energiekosten. Was ist strukturell bedingt und was hängt dann von Situationen wie dem Iran-Krieg ab?
Strukturell sehen wir ja schon die ersten, punktuellen Entlastungen. Gerade die Netzentgelte bei uns in der Region sind in den letzten Monaten signifikant gesunken. Wir haben deutschlandweit mit die niedrigsten Netzentgelte. Jetzt gilt es, diesen Weg der Energiewende konsequent weiterzugehen. Aber sich auch zu hinterfragen: Wie können wir den Weg effizient gestalten? Auch beispielsweise vor dem Hintergrund der Bezahlbarkeit. Denn der Netzausbau kostet Geld.
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche will die Energiekosten senken, unter anderem indem die Branche der erneuerbaren Energien weniger subventioniert wird. Wer in überlasteten Netzgebieten eine Anlage anschließen will, soll sich an den Kosten beteiligen oder das Risiko tragen, dass der Strom nicht immer eingespeist werden kann. Werden Neuanlagen wegen Netzüberlastung abgeregelt, soll es keine Entschädigung mehr geben. Was halten Sie von diesen Plänen?
Sie adressieren definitiv die richtige Frage für die zweite Hälfte der Energiewende: Wie gelingt es uns, die Energiewende effizient zu gestalten? Erneuerbare Energien haben mehrere Facetten. Erstens haben sie sich am Markt durchgesetzt. Zweitens sind erneuerbare Energien günstiger in der Herstellung und Projektierung geworden. Da stellt sich zu Recht die Frage, inwieweit man das aus gesellschaftlicher Sicht noch subventionieren muss. Drittens stellt sich immer auch die Frage des Erzeugungsmixes: Wo habe ich welche Erzeugungsträger? Hier in Bayerisch-Schwaben haben wir sehr viele PV-Anlagen. PV hat immer den gleichen Erzeugungsverlauf: einen Peak am Mittag, morgens, abends und im Winter weniger. Windräder wären komplementär genau die richtige Antwort, um die Netze besser auszulasten. Denn wenn es windig ist, dann scheint selten die Sonne und umgekehrt. Das ergänzt sich super.
Lesen Sie hier:Reform der Schuldenbremse: LEW fordert effizientes Energiesystem
Vor diesem Hintergrund ist es in der Tat ein Gedanke, dass zum Beispiel Betreiber neuer PV-Anlagen keine Entschädigung bekommen, wenn die Anlagen abgeregelt werden müssen – weil sie in einem Gebiet errichtet wurden, wo bereits sehr, sehr viele PV-Anlagen vorhanden sind und der Strom nicht abtransportiert werden kann. Das ist ein Steuerungsinstrument, um die Effizienz zu heben. Um die Erzeugung im richtigen Mix dorthin zu bekommen, wo sie am besten integriert und gebraucht wird. Gleichzeitig ist wichtig, dass die Rahmenbedingungen für Investoren klar und verlässlich bleiben.
Viele kritisieren, dass die wegfallende Entschädigung Unsicherheit schaffe und den Ausbau der erneuerbaren Energien gefährde. Vom „Ende der Energiewende“ ist die Rede. Wie sehen Sie das?
Die Gebiete, in denen eine Entschädigung wegfallen würde, sind vorher, bei der Investitionsentscheidung, bekannt. Von dem her ist der Projektierer in der Situation zu entscheiden, inwieweit es ihn betrifft. Im Moment läuft es so, dass ein Projektierer irgendwo eine Anlage bauen will und wir als Netzbetreiber diese an das Netz anschließen müssen. Wir würden den Netzausbau eher andersherum denken: Wir als Netzbetreiber haben einen Netzausbau geplant, schaffen proaktiv Kapazitäten und ermöglichen es den Investoren, sich dort anzusiedeln. Da hätten sie genau das, was sie am meisten brauchen: Planungssicherheit.
Wie bei der Einspeisesteckdose in Balzhausen.
Ja, das ist der Grundgedanke. Wir haben proaktiv gesagt: Hier entsteht Kapazität für erneuerbare Energien. Die haben wir ausgeschrieben. So bekommen wir auch die Möglichkeit, den Erzeugungsmix auszuschreiben. In Balzhausen haben wir einen Mix aus Windkraft, PV und Batteriespeicher. Die ergänzen sich perfekt und die bestehende Infrastruktur wird optimal ausgenutzt. Die Kosten reduzieren sich signifikant: Der Netzausbau war um die Hälfte günstiger als sonst. Die Gesellschaft, die im Endeffekt diesen Ausbau bezahlen muss, wird dadurch maßgeblich entlastet. Das ist der Effizienzgedanke, den wir sehr, sehr befürworten und der dem Netzpaket des Wirtschaftsministeriums innewohnt. Das Netzpaket adressiert die Einspeisesteckdose auch direkt als Beispiel.
Welche Rolle spielen bei Effizienz und Netzausbau die Themen Digitalisierung und KI?
Digitalisierung ist der zentrale Beschleuniger der Energiewende. Im Endeffekt geht es darum, Kunden, Erzeuger und Netze in einem System zusammenzubringen. Das kann nur über digitale und smarte Netze funktionieren. Also Netze, mit denen wir nicht nur sehen, was dort passiert, sondern das auch steuern können. Dafür müssen wir am Smart-Meter-Ausbau festhalten: Kunden bekommen intelligente Messsysteme statt der alten Stromzähler. Bei der Energiewende geht es nicht einfach um ein bisschen Infrastruktur, sie ist ein Gesamtsystem. Das fängt bei der E-Mobilität an, geht über Wärmepumpen bis hin zu PV-Anlagen. Das Netz bringt das alles zusammen.
Welche drei Dinge müssen jetzt am dringendsten umgesetzt werden, damit die Energiewende gelingt?
Erstens ein pragmatisches Vorgehen. Zweitens offene Diskussionen über Effizienz und drittens klare und stabile Rahmenbedingungen für alle. Das impliziert auch weniger Bürokratie.
Was müsste passieren, damit die Energiepreise in Deutschland, gerade für die Unternehmen, spürbar sinken?
Ein direktes Mittel, das in unseren Augen nachhaltig wirkt, wäre zum Beispiel eine Senkung der Stromsteuer. Das wurde in Teilen schon mal angelegt, aber mit hohen Auflagen. Jetzt rund um den Krieg im Iran wird es auch in Teilen diskutiert. Auch die EU hat das Thema auf dem Schirm.
Lesen Sie hier:LEW: So kann die Energiewende funktionieren
Einige Unternehmen in Bayerisch-Schwaben haben bei sich PV-Anlagen installiert und versorgen sich zum Teil selbst. Wo sehen Sie die größten Punkte für die Unternehmen in Bayerisch-Schwaben, durch die sie selbst ihre Energiekosten senken können?
Das ist immer abhängig vom Unternehmen. Ich glaube aber schon, dass jedes Unternehmen Potenzial hat, sich selbst zu optimieren. Bei einem gemeinsamen Projekt mit Aviko in Rain am Lech geht es nicht nur um das Thema Solar, sondern viel um Abwärme. Es gibt mittlerweile Planungen für ein eigenes Wärmenetz, das Industrie und Privathaushalte versorgt. Effizienz hört nicht am Werkstor auf. Wie bei Aviko stellt sich dann auch bei vielen die Frage, wie die restliche Abwärme für die Gesellschaft genutzt werden kann. Es geht immer darum, im gesamten System abzuwägen. Das macht die Komplexität aus, die manchen Leuten vielleicht auch unweigerlich ein bisschen Angst macht. Gleichwohl bin ich hundertprozentig überzeugt, dass das Ziel absolut richtig ist. Das haben wir in den letzten Wochen gesehen. Die Frage ist: Wie kommen wir dahin?
Sind Sie optimistisch, dass wir das schaffen?
Ich bin der festen Überzeugung, dass wir es schaffen. Man muss auch sagen: Wir sind in der Energiewende schon so weit fortgeschritten, dass eine Umkehr immense Kosten bedeuten würde. Wir sind am Point of no return aus meiner Sicht. Wie wir die Energiewende weiter gestalten, müssen wir immer wieder überprüfen und ehrlich sagen, wo wir stehen. An so einem markanten Wendepunkt stehen wir gerade.