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IHK-Präsident Reinhold Braun: „Es war ein Fehler, Atomkraftwerke abzuschalten“
Interview

IHK-Präsident Reinhold Braun: „Es war ein Fehler, Atomkraftwerke abzuschalten“

Reinhold Braun, Präsident der IHK Schwaben, fordert eine andere Energiepolitik, damit die Unternehmen in Bayerisch-Schwaben wettbewerbsfähig sind. Foto: B4B/ Katharina Seeburger
Reinhold Braun, Präsident der IHK Schwaben, fordert eine andere Energiepolitik, damit die Unternehmen in Bayerisch-Schwaben wettbewerbsfähig sind. Foto: B4B/ Katharina Seeburger

Unternehmen kritisieren die hohen Energiekosten. Darunter leide ihre Wettbewerbsfähigkeit. Im Interview erklärt Reinhold Braun, Präsident der IHK Schwaben, was in der Energiepolitik anders laufen muss, und fordert Technologieoffenheit.

B4BSCHWABEN.de: Die Unternehmen in Bayerisch-Schwaben sehen die Energie- und Rohstoffpreise aktuell als größtes Risiko. Kürzlich haben Sie mit der Vollversammlung der IHK Schwaben eine wirtschaftlich tragfähige Energiepolitik gefordert. Was läuft demnach bei der Energiepolitik falsch?

Reinhold Braun: Uns fehlt ein Masterplan. Die Energiepolitik muss mehrere Dimensionen zusammenbringen: Woher kommt die Energie? Wie sind die Netze aufgestellt? Wie funktioniert die Verteilung? Wie sieht der Energiemix aus? Aktuell drehen wir oft an einer Schraube und merken dann, dass sich das gesamte System in eine falsche Richtung bewegt. Teilweise subventionieren wir einzelne Energieträger, deren Nutzung uns allerdings international nicht wettbewerbsfähig macht. Das Modell geht nicht auf. Wir brauchen für Deutschland eine klare Grundlage: Wie hoch ist unser Energiebedarf? Wie müssen die Netze gestaltet werden? Und welche Energieträger speisen in welchem Umfang ein? Und das Ganze muss technologieoffen sein. Da ist uns in den letzten Jahren der rote Faden verloren gegangen.

Deutschland hat im internationalen Vergleich hohe Energiepreise. Woran liegt das?

Wir haben in Deutschland einen anderen Energiemix als andere Länder. Mein Unternehmen Sortimo hat einen Standort in Georgia, in den USA. Dort liegen die Strompreise bei fünf bis sechs Cent pro Kilowattstunde. Die USA setzen weiterhin stark auf Atomkraft. Diese gilt als nachhaltige Energie, übrigens auch in der EU. Damit entsteht ein ganz anderer Energiemix. In Deutschland setzen wir dagegen auf grundlastfähige Kohle und Gas. Und auf etwas Atomstrom, den wir allerdings nicht mehr selbst produzieren, sondern aus anderen Ländern beziehen. Damit gehen eine Reihe von Problemen einher: Netzausbau, Überlastungen, Volatilität. Wir haben Tage mit viel Sonne und Wind mit Überproduktion und dann wieder Dunkelflauten zu kämpfen. Für ein stabiles System braucht es dagegen aus meiner Sicht einen Mix aus rund 80 Prozent erneuerbarer und mindestens 20 Prozent grundlastfähiger Energie.

War es ein Fehler, die Atomkraftwerke in Deutschland abzuschalten?

Aus meiner Sicht ja. Wir brauchen neben den Erneuerbaren grundlastfähige, klimaneutrale Energie. Unter anderem am sinnvollsten wäre dafür aus meiner Sicht die Kernenergie. Ich bin ein Fan erneuerbarer Energien, aber wir müssen die Realitäten betrachten: Ein KI-Rechenzentrum kann ich nicht nur dann laufen lassen, wenn die Sonne scheint oder der Wind weht. Hier steckt zu viel Ideologie im Thema. Und Gaskraftwerke, wie wir sie heute diskutieren, werden diesen Bedarf nicht langfristig decken können.

Die Atomkraftwerke sind abgeschaltet, die Kühltürme in Gundremmingen wurden gesprengt. Ist das Thema damit nicht erledigt?

Die Anlagen sind weg. Da kann man lamentieren, aber das ist vorbei. Was wir aber haben, ist deren Atommüll in erheblichen Mengen. In den USA arbeitet man z. B. an Small Modular Reactors und denkt darüber nach, Atommüll als Ressource zur Energiegewinnung zu nutzen. Es geht darum, den Brennstäben mehr Energie zu entziehen und die Halbwertszeit zu reduzieren. Ich sage nicht, dass das die alleinige oder die richtige Lösung ist. Aber wir sollten uns von Denkverboten lösen und technologieoffen prüfen, wie wir bezahlbare, nachhaltige und versorgungssichere Energie hinbekommen. Sonst kaufen wir Technologien am Ende teuer zu, statt selbst Lösungen zu entwickeln.

Das Bundeswirtschaftsministerium arbeitet am Netzpaket, u. a. mit dem Redispatch-Vorbehalt. Kritiker sagen, das bremse die Energiewende aus. Wie ordnen Sie das ein?

Es ist vermutlich kein Megawurf, aber zwingend notwendig. Den eingeschlagenen Weg einfach weiterzugehen, führt uns nur immer weiter in eine Sackgasse und wird unbezahlbar. Wir müssen sinnvoll steuern, wie die Energie, die wir produzieren, auch genutzt werden kann. Es kann nicht sein, dass in Regionen mit schwachen Netzen weiter massiv Erneuerbare zugebaut werden, die bei Netzüberlastung dann abgeregelt werden müssen, obwohl für deren Betreiber weiterhin Geld fließt. Zu viele Subventionen sind für einen funktionierenden Energiemarkt nicht förderlich. Nach 25 Jahren EEG-Förderung muss man prüfen, ob das Modell so noch passt. Die Politik muss dafür eine klare Analyse liefern: Was brauchen wir heute und was ist unser Bedarf Richtung 2030?

Lesen Sie hier: Aus für erneuerbare Energien? LEW äußert sich zu Reiches Netzplänen

Ist die Energiewende aus Ihrer Sicht sinnvoll?

Die Energiewende ist absolut richtig. Sie muss aber maßvoll und gesteuert umgesetzt werden. Volkswirtschaftlich ist es sinnvoll, Abhängigkeiten vom Ausland zu reduzieren. Erneuerbare Energien schaffen Wertschöpfung in Deutschland und machen uns unabhängiger von Energieträgern, die wir in Deutschland nicht ausreichend haben. Das ist klimapolitisch und geopolitisch richtig. Aber es muss marktwirtschaftlich aufgehen, nicht dauerhaft nur über Subventionen.

Müsste nicht jedes Unternehmen PV-Anlagen, Batteriespeicher und Ähnliches installieren, um möglichst autark zu werden?

Bei Neubauten sind PV-Anlagen teilweise ohnehin Voraussetzung. Aber zu viele PV-Anlagen führen an sonnigen Tagen zu überlasteten Netzen, weil zu viel eingespeist wird. Unternehmen bräuchten also ein isoliertes Energiekonzept, damit sie ihre PV-Anlagen nicht abriegeln müssen. Das funktioniert meist aber erst ab einer gewissen Unternehmensgröße und ist teuer. Für kleinere Betriebe geht dieses Modell wirtschaftlich oft nicht auf. Dennoch brauchen alle Unternehmen mit steigendem Einsatz von Automatisierung und Künstlicher Intelligenz Versorgungssicherheit, da ein Produktionsstillstand fatal ist. Das Hoch- und Runterfahren komplexer Anlagen dauert Stunden und kostet viel Geld.

Was haben Unternehmen selbst in der Hand, um Energiekosten zu senken?

Der erste Schritt ist Energieeffizienz: Wo kann ich im Unternehmen Energie sparen? Ein wichtiger Punkt ist Prozesswärme. Wenn man die reduzieren kann, sinkt die Energiebilanz deutlich. Das erfordert teils Produkt- und Prozessanpassungen. Erst wenn die Effizienz stimmt, sollte man über Eigenstrom nachdenken und prüfen, wie viel man noch aus dem Netz braucht. Meist braucht es dafür eine professionelle Energieberatung.

Lesen Sie hier:Reiches Netzpaket: „Warum wird wieder der Kleine bestraft?“

Viele Rahmenbedingungen der Energiepolitik schaffen die Bundesregierung und die EU. Was ist kommunal möglich?

Es gibt Potenzial über die Sektorkopplung. Man kann auf kommunaler Ebene Erzeuger und Abnehmer besser zusammenbringen, zum Beispiel beim Thema Biogas: Wer produziert, wer kann regional abnehmen, wie lässt sich das aussteuern? Ein weiteres Beispiel ist Mobilität: Überschüsse können sinnvoll genutzt werden, etwa indem man E-Fahrzeuge dann lädt, wenn viel erneuerbare Energie verfügbar ist. Das erfordert Planung, Ladeinfrastruktur und Wetterprognosen. Teilweise lässt sich das über Modelle und KI steuern. Bei dem hohen Anteil an erneuerbaren Energien müssen wir uns im Verbrauch flexibler aufstellen. Keine wirkliche Lösung ist allerdings die Vorstellung, dass die Industrie nur noch dann produziert, wenn die Sonne scheint oder der Wind weht. Das scheitert allein am Arbeitsrecht. Solche Zielkonflikte zeigen, warum Reformen im größeren Rahmen gedacht werden müssen.

Welche drei Schritte sind aus Ihrer Sicht am dringendsten, damit die Energiewende gelingt und für Unternehmen bezahlbar ist?

Erstens brauchen wir einen Masterplan. Für Deutschland, heruntergebrochen auf Bayern und dann auf Bayerisch-Schwaben. Zweitens braucht es einen Energiegipfel. Alle relevanten Stakeholder wie Netzbetreiber und Energieerzeuger müssen an einen Tisch. Drittens muss man prüfen, wer die Hauptabnehmer sind und wie der Verbrauch in der Fläche aussieht. Dann haben wir einen Ist-Zustand und ein daraus abgeleitetes Zielbild. Es entsteht eine Planungsgröße, aus der sich auch ein sinnvoller Preis- und Maßnahmenmix ableiten lässt. Wichtig ist: Wir wollen keinen subventionierten Strom, sondern bezahlbaren Strom von der Erzeugung bis zur Steckdose.

Seit dem 1. Januar gilt für energieintensive Unternehmen der Industriestrompreis. Hat das geholfen?

In Bayerisch-Schwaben fallen nur sehr wenige Unternehmen darunter. Vielleicht 70 bis 100 Unternehmen. Ob das für diese Unternehmen ein großer Wurf ist, lässt sich noch nicht sicher beurteilen. Grundsätzlich ist es nicht verkehrt, aber die Rettung für den Standort Deutschland ist es sicher nicht. Wir hätten den Industriestrompreis auch für andere Branchen gebraucht, die stark unter hohen Energiekosten leiden. Man darf nicht vergessen: Am Ende zahlt die Allgemeinheit die Rechnung für subventionierte Strompreise. Beispielsweise gibt es in den USA diese Kosten nicht. Ab dem Punkt verlieren wir im internationalen Wettbewerb.

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