B4B Schwaben

Holen Sie sich B4BSCHWABEN.de auf Ihr Smartphone.
Klicken Sie auf das Symbol zum „Teilen” in der Toolbar von Safari. Finden Sie die Option „Zum Home-Bildschirm”. Mit einem Klick auf „Hinzufügen” ist die Installation abgeschlossen! Schon ist die Website als App auf Ihrem iOS-Gerät installiert.

B4B Schwaben
 / 
B4B Nachrichten  / 
Energiewende: „Unternehmen sollten ihren Energiebedarf selbst decken“
Interview

Energiewende: „Unternehmen sollten ihren Energiebedarf selbst decken“

Foto: Wilhelm Bihler (l.) hat 2024 das Solarzentrum Allgäu an seinen Sohn Martin übergeben. Bihler glaubt an die Energiewende, kritisiert aber, dass sie politisch immer wieder behindert wird. Foto: Solarzentrum Allgäu GmbH
Foto: Wilhelm Bihler (l.) hat 2024 das Solarzentrum Allgäu an seinen Sohn Martin übergeben. Bihler glaubt an die Energiewende, kritisiert aber, dass sie politisch immer wieder behindert wird. Foto: Solarzentrum Allgäu GmbH

Reiches Netzpaket spaltet: Redispatch-Vorbehalt, keine Einspeisevergütung, teure Stromtrassen. Wilhelm Bihler, Gründer des Solarzentrum Allgäu, hat andere Ideen für die Energiewende.

B4BSCHWABEN.de: Sie haben 1999 Ihre ersten Photovoltaikanlagen verkauft und installiert. Was hat sich seitdem in der Solarbranche am stärksten verändert?

Wilhelm Bihler: Die Qualität und Leistung der Module haben extrem zugenommen und die Preise sind deutlich gefallen. Das war ja auch die Idee hinter den damaligen Programmen wie dem 10.000-Dächer-Programm. Bei uns hat das dazu geführt, dass wir unseren Umsatz bis 2010 im Grunde jedes Jahr verdoppeln konnten. Technisch ist bei Modulen, Wechselrichtern und der gesamten Einspeisethematik ebenfalls vieles besser geworden. Was allerdings deutlich schlechter wurde, ist die Bürokratie. Früher war die Anmeldung einfacher, heute sind die Vorgaben viel umfangreicher. Und: Früher gab es beim Energieversorger oft noch Ansprechpartner, mit denen man Dinge schnell telefonisch klären konnte. Heute fehlt mir häufig dieses pragmatische „Ärmel hochkrempeln“ – kleine Fehler führen dann schnell zu wochenlangen Verzögerungen.

Wie weit sind wir aus Ihrer Sicht beim Ausbau der erneuerbaren Energien – in Deutschland und in der Region?

Grundsätzlich glaube ich: Die Energiewende kann funktionieren – wenn sie nicht politisch immer wieder ausgebremst wird. Wir haben ja erlebt, wie schnell Rahmenbedingungen kippen können. Als 2013 die Einspeisevergütung massiv gekürzt wurde, ist unser Umsatz um mehr als 90 Prozent eingebrochen. Wir mussten von 120 Mitarbeitenden auf etwa 10 herunter. Viele Unternehmen in der Branche sind damals insolvent gegangen. Bis etwa 2017 waren das für uns sehr harte Jahre. Als der Eigenverbrauch attraktiver wurde und die Modulpreise weiter sanken, ging es wieder aufwärts.

Die Energiewende an sich ist richtig. Ich sehe es aber kritisch, wenn Flächenkonzepte entstehen, bei denen Investoren große Parks bauen und damit ihr Geld vermehren. Auf Dächern liegt noch sehr viel Potenzial, wovon auch viele direkt profitieren würden. Die Energiewende kann nur von unten funktionieren: Wenn jeder Einzelne seinen Strom größtenteils selbst produziert, kommt das auch irgendwann bei den großen Öl- und Gaslieferanten an. Aber mit der momentanen Politik wird es nicht funktionieren. Da kommt dann Wirtschaftsministerin Reiche und will die Einspeisevergütung für kleine Anlagen streichen. Ich verstehe das nicht. Warum wird wieder der Kleine bestraft?

Lesen Sie hier:Aus für erneuerbare Energien? LEW äußert sich zu Reiches Netzplänen

Was würde das für Unternehmen wie Ihres bedeuten, wenn die Einspeisevergütung für neue, kleine PV-Anlagen gestrichen wird?

Schon die Ankündigung hat für Verunsicherung gesorgt. Bei uns stand zeitweise das Telefon nicht still, weil viele schnell noch bauen wollten. Wir haben jetzt Aufträge bis August. So etwas kann man anders kommunizieren. Für unser Unternehmen mache ich mir keine großen Sorgen. Wir haben unser Angebot stark erweitert und bieten das Gesamtpaket an. Also nicht nur PV-Anlagen, sondern auch Wärmepumpen, Batteriespeicher, Smart Metering und intelligente Messsysteme, über die man flexibel reagieren kann, um Strom dann zu nutzen, wenn er günstig oder selbst erzeugt ist. Wenn man vom Gedanken „nur einspeisen“ hin zu „so viel wie möglich selbst nutzen“ geht, bleibt PV wirtschaftlich. Denn der überschüssige Strom wird sehr günstig vergütet, während die Energieversorger ihn deutlich teurer verkaufen. Diese Schere ist schwer vermittelbar.

Wie blicken Sie auf den Vorschlag im Netzpaket, dass in überlasteten Netzgebieten neue Anlagen für Wind- oder Solarenergie im Falle eines Redispatch keine Entschädigungen mehr bekommen?

Redispatch ist für mich grundsätzlich ein Problem – diese Logik „nicht einspeisen, aber trotzdem Geld bekommen“ ist schwer zu erklären. Wenn man schon über Entschädigungen oder deren Wegfall spricht, müsste man parallel massiv Speicher ausbauen. Statt alte Planungen für teure Gaskraftwerke weiterzuverfolgen, wäre es oft sinnvoller, Batteriegroßspeicher aufzubauen – dezentral verteilt. Mit Speichern kann man an Ort und Stelle Netze entlasten und überschüssigen Strom speichern. Mit intelligenten Messsystemen lässt sich das heute schon technisch steuern, aber in der Umsetzung hängt man hinterher.

Lesen Sie hier: AKW Gundremmingen: RWE baut hier größten Batteriespeicher Deutschlands

Der Netzausbau gilt als Nadelöhr der Energiewende: langsam und teuer. Was wäre aus Ihrer Sicht ein Hebel zur Beschleunigung?

Auch hier: Speicher. Wenn entlang großer Trassen oder an geeigneten Punkten Batteriespeicher stehen, kann man Spitzen abfangen und den Ausbaubedarf reduzieren. Dann müsste man jetzt auch nicht für viel Geld die Stromtrasse von Nord nach Süd bauen. Viele Projekte wirken wie „geplant, genehmigt, Geld da – also machen wir es“, statt zu prüfen, ob es inzwischen bessere Optionen gibt.

Viele in der Branche befürchten, dass die Debatten über Kürzungen und neue Regeln Investitionen ausbremsen. Teilen Sie diese Sorge?

Für unsere Firma bin ich, wie gesagt, relativ entspannt, weil wir keine Megawattparks bauen, sondern Lösungen für Eigenverbrauch und Gesamtenergie anbieten. Wer nur PV-Anlagen verkauft, wird es schwerer haben, wenn sich Vergütungsmodelle verschlechtern.

Welche Rahmenbedingungen wünschen Sie sich, damit Solarbranche und Energiewende schneller vorankommen?

Weniger Bürokratie und nicht ständig neue EEG-Richtlinien. Mehr Praxisleute in den Gremien – nicht nur Theorie und nicht nur die Perspektive der Energieversorger. Außerdem: ein verlässlicher, fairer Preis für Überschussstrom. Anreize, Speicher größer zu dimensionieren, weil Speicher systemisch helfen: Sie können Netze entlasten und wären über intelligente Messsysteme auch steuerbar. Ein weiteres Thema ist bidirektionales Laden: Die Technik funktioniert, aber regulatorisch ist es zu kompliziert. Dabei hätten wir durch E-Autos riesige Speicher, die man sinnvoll ins Energiesystem einbinden könnte, wenn die Autos gerade in der Garage stehen.

Lesen Sie hier: Kühe und Energiewende: Neue Agri-PV-Anlage bei Nestlé in Biessenhofen

Ihr Schlussgedanke: Was ist Ihnen bei dem Thema am wichtigsten?

Bihler: Ich glaube nicht, dass „die Großen“ schnell genug eine konsequente Klimapolitik hinbekommen – solange fossile Profite so stark sind. Deshalb muss man von unten anfangen: Möglichst viele Menschen und Unternehmen sollten ihren Energiebedarf zu einem großen Teil selbst decken können. Wenn viele nur noch einen kleinen Anteil ihres Energiebedarfs über Öl, Gas oder teuren Netzstrom decken müssen, dann verändert das langfristig auch die großen Strukturen. Dafür braucht es aber klare, machbare Regeln – und genügend Kapazitäten in Umsetzung und Verwaltung.

Wilhelm Bihler hat 1985 das Unternehmen „Elektro Bihler“ gegründet, das 2005 in die Solarzentrum Allgäu GmbH umfirmierte. 2024 hat er das Unternehmen an seinen Sohn Martin übergeben. Dennoch arbeitet er weiterhin in dem Familienbetrieb mit.

Artikel zum gleichen Thema