
Holen Sie sich B4BSCHWABEN.de auf Ihr Smartphone.
Klicken Sie auf das Symbol zum „Teilen” in der Toolbar von Safari. Finden Sie die Option „Zum Home-Bildschirm”. Mit einem Klick auf „Hinzufügen” ist die Installation abgeschlossen! Schon ist die Website als App auf Ihrem iOS-Gerät installiert.
B4BSCHWABEN.de: Everllence hat mit „Moving Big Things to Zero“ ein neues Leitbild und sich umbenannt. Waren die Vorbereitungen für eine Übernahme durch einen internationalen Investor?
Mikhail Rasumny: Vorab möchte ich noch betonen, dass uns Details zur Transaktion nicht bekannt sind, weil wir den Deal nicht betreut haben. Als reine „Verkaufsverpackung“ würde ich Umbenennung und neues Leitbild aber nicht sehen. Es war wichtig und vermutlich auch notwendig, die frühere MAN Energy Solutions aus der alten Diesel-Wahrnehmung herauszulösen und das Unternehmen stärker als eigenständigen, strategischen Technologieanbieter zu positionieren. Das kann einem Investor helfen, weil er eher eine Plattform mit Zukunftsmärkten sucht.
Bain Capital aus den USA wird Everllence übernehmen. Aber wer ist Bain Capital überhaupt?
Bain Capital ist eine international tätige Private-Equity-Investmentgesellschaft, die es seit Anfang der 1980er Jahre gibt. Nach eigenen Angaben verwaltet Bain Capital über 220 Milliarden US-Dollar und investiert in verschiedene Bereiche und Anlageklassen. Unter anderem in klassische Private-Equity-Investments, Real Assets und Growth Assets. Für Everllence ist wichtig: Bain ist sehr groß und damit auch in der Lage, komplexe Übernahmen bzw. Carve-outs nicht nur zu finanzieren, sondern auch operativ zu begleiten.
Wie passt Everllence in das Bain-Portfolio?
Everllence ist aus mehreren Gründen attraktiv. Technologisch ist das Unternehmen sehr interessant und es kann regelmäßig stabile Margen sowie relevante Erträge liefern. Gleichzeitig ist Everllence in Wachstumsmärkten unterwegs, etwa bei der Energieversorgung, Dekarbonisierung und Rechenzentren. Hinzu kommt: Als Carve-out aus einem Großkonzern wie Volkswagen gibt es oft gutes Wertsteigerungspotenzial.
Wie ist Bain Capital als Investor einzuschätzen?
Bain ist ein sehr professioneller und stark finanzierungsorientierter Investor. Das heißt nicht automatisch, dass ausschließlich kurzfristig gedacht wird. Aber der Fokus liegt typischerweise auf Portfolioentscheidungen, operativer Exzellenz, möglichen Zukäufen und Expansion. Dabei wird Bain sehr genau auf Kennzahlen wie den Cashflow, die Kapitalbindung und Investitionsrenditen schauen. Gleichzeitig benennt Bain auch Wachstumsfelder, in die investiert werden soll.
Bain ist ein US-amerikanischer Investor. Wofür sind US-Investoren bekannt?
Gerade amerikanische Finanzinvestoren sind oft sehr fakten- und kennzahlenorientiert, mit klaren und schnellen Entscheidungswegen. Sie arbeiten mit Businessplanvorgaben und richten ihre Entscheidungen daran aus. Das ist nicht per se negativ, im Gegenteil: Wenn man aus einem etablierten Konzern kommt, kann mehr Geschwindigkeit in Entscheidungen ein positiver Impuls sein, weil man weniger gegen Konzernbürokratie kämpfen muss. So ein Paradigmenwechsel kann Vorteile bringen.
Welche Entwicklungsmöglichkeiten ergeben sich für Everllence, wenn das Unternehmen nicht mehr zum VW-Konzern gehört, sondern Teil eines Finanzinvestors ist?
Das Herauslösen aus dem VW-Konzern kann zu mehr strategischer Eigenständigkeit führen. Beim Kapitalbedarf muss Everllence nicht mehr um einen Anteil am „Konzernkuchen“ kämpfen, sondern erhält eine eigene Kapitalallokation. Investitionen in vorgegebenen Bereichen lassen sich schneller umsetzen. Außerdem können Anreizsysteme für Management und Geschäftsführung stärker an Unternehmenswert, Wachstum und Zielerreichung gekoppelt werden, statt an der Gesamtkonzernstrategie zu hängen.
Das heißt, das Management und die Entwicklung des Unternehmens werden mehr an sich selbst gemessen. Das bringt Vorteile und mehr Freiraum, aber auch mehr Verantwortlichkeiten, oder?
Genau. Es entsteht auch mehr Druck, Ziele zu erreichen. Sowohl persönlich als auch für das Gesamtunternehmen. Gleichzeitig eröffnen sich dadurch Chancen und Gestaltungsmöglichkeiten.
Bain Capital spricht von einem langfristigen Ansatz, den es bei Everllence verfolgt. Bis 2030 gelten noch Beschäftigungsgarantie und Standortsicherung in Deutschland. Trotzdem gibt es Sorgen vor einer Zerschlagung und Standortschließungen. Wie wahrscheinlich ist das?
Das ist schwer zu sagen. Nach allem, was Bain öffentlich kommuniziert hat, halte ich eine (kurzfristige) Zerschlagung derzeit für eher unwahrscheinlich. Gerade weil dabei möglicherweise ein erheblicher Unternehmenswert verloren ginge. Mittel- und langfristig ist es schwer zu sagen. Nach 2030 werden die Standorte stärker an den Ergebnissen gemessen und der Druck zur Zielerreichung wird zunehmen. Ich würde aber nicht von einer erhöhten Zerschlagungswahrscheinlichkeit sprechen, sondern von höherem Leistungs- und Umsetzungsdruck und dem Druck, die Entwicklungsstrategie zu implementieren.
Woran erkennt man grundsätzlich, ob ein Investor ein Unternehmen langfristig entwickeln will oder klassisch Private Equity mit späterem Weiterverkauf betreibt?
Ein Hinweis ist, ob echtes Wachstumskapital bereitgestellt wird, statt vor allem Programme zur Kostensenkung zu fahren. Langfristig orientierte Investoren wollen eher wachsen als schrumpfen. Außerdem erkennt man es daran, ob das Management langfristig über Erfolgsbeteiligungen incentiviert wird, und worin das Unternehmen investiert: Forschung, neue Produkte und Kapazitätsausbau sprechen eher für eine langfristige Entwicklung. Auch Add-on-Akquisitionen wie in diesem Fall angesprochen, können ein Zeichen sein. Wichtig ist zudem die Finanzierungsstruktur: Ein sehr hoher Verschuldungsgrad kann Entscheidungen mittel- und langfristig einschränken, während mehr finanzieller Spielraum mehr Handlungsfreiheit ermöglicht.
Viele hätten einen europäischen Investor bevorzugt. Wie sehen Sie das?
Das kann ich verstehen. Fachlich ist die Nationalität aber nicht entscheidend. Wichtiger sind Industriekompetenz, Größe, Finanzierung und Wachstumsstrategie. Im Fall von Everllence ist entscheidend, ob der Investor die technologische Tiefe des Unternehmens versteht und mitträgt und nicht nur Kostenblöcke sieht.
Sehen Sie den Verkauf an Bain eher als Chance oder als Risiko für Everllence?
Eher als Chance. Gerade weil die Loslösung vom VW-Konzern und eine eigenständige strategische Entwicklung mit einem neuen Impuls vorangetrieben werden können. Es ist eine nicht alltägliche Situation, das ist verständlich. Aber ich sehe derzeit keine Anhaltspunkte oder zwingenden Gründe für Schwarzmalerei.
Die Verträge sind unterschrieben, der Abschluss soll bis Ende des Jahres erfolgen. Welche nächsten Schritte erwarten Sie von Bain Capital in den kommenden Monaten?
Entscheidend ist, ob das, was Bain öffentlich angekündigt hat, tatsächlich umgesetzt wird: Ob die Investitionsmittel bereitgestellt werden und in welche Richtung investiert wird. Ob Add-on-Akquisitionen angestoßen oder vorbereitet werden und wie die strategische Ausrichtung in konkrete Vorgaben und Ziele für Management und Mitarbeitende übersetzt wird.
Lesen Sie auch: Kommentar: Warum der Everllence-Verkauf eine Chance ist
Worauf sollten Mitarbeitende, Kunden und Geschäftspartner in den kommenden Monaten besonders achten?
Zunächst darauf, wie Funktionen und Gremien besetzt werden. Auch ist es wichtig, welche Ziele das Management bekommt, insbesondere mit Blick auf die Bereiche Entwicklung, mehr Selbstständigkeit, Forschung und Zukäufe. Für Kunden ist wichtig, wie Vertragskontinuität gelebt wird. Für Mitarbeitende sind Kommunikation, Planung und Investitionen in Personal und Standorte zentral.
Bain Capital übernimmt mit 51 Prozent die Mehrheit, Volkswagen bleibt mit 49 Prozent beteiligt. Warum bleibt VW an Bord und was bedeutet das?
Eine 51/49-Struktur ist nicht ungewöhnlich. Sie kann Stabilität geben und signalisieren, dass nicht von heute auf morgen alles vollständig neu aufgesetzt wird. Für Bain ist die Mehrheit wichtig, um strategische Neuausrichtungen voranzutreiben. Für Volkswagen ist es attraktiv, am künftigen Wertzuwachs weiter maßgeblich zu partizipieren. Insgesamt ist das ein Signal für eine kontrollierte, überlegte Transformation hin zu einer eigenständigen Technologieplattform.
Es gibt immer wieder Spekulationen über einen späteren Börsengang. Sehen Sie Hinweise darauf?
Ein Börsengang kann eine Exit-Strategie sein, aber aktuell sehe ich wenige Anhaltspunkte. Für einen Börsengang wären eher Themen wie Marktposition, Größe und Eigenständigkeit entscheidend. Zuerst muss der Carve-out sauber umgesetzt werden. Ich würde nicht sagen, dass das ein sicherer Fahrplan ist. Auch für einen Finanzinvestor nicht unbedingt.
Renk war lange Teil der VW-Gruppe, wurde an Triton verkauft. Später ging Renk an die Börse, der Investor hat sich herausgezogen. Ist das eine Parallele?
Aus meiner Sicht sind die Unternehmen und die jeweilige Übernahme-Geschichte sehr unterschiedlich. Auch die Position von Renk im Konzern zum Zeitpunkt der Übernahme war anders. Zudem ist Triton ein anderer Investor als Bain. Es gibt zu viele Unterschiede, um das sinnvoll zu vergleichen.
Everllence ist ein Augsburger Traditionsunternehmen. Geht durch die Übernahme Identität verloren?
Identität ist ein Asset eines Unternehmens und muss aktiv gemanagt werden. Der Standort Augsburg steht für industrielle Glaubwürdigkeit. Engineering- und Technologie-Tiefe, die Diesel-Historie, Großmotoren, die Qualität: Das sind wertbildende Faktoren. Es liegt auch im Interesse des Investors, diese Faktoren aktiv zu managen, weiterzuentwickeln und nach vorn zu bringen, und nicht, sie durch etwas Neues zu ersetzen, das möglicherweise nicht gleichwertig ist.