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Der US-Finanzinvestor Bain Capital verwaltet weltweit ein Vermögen von 225 Milliarden Euro. Wenn mit den Genehmigungen der Behörden alles gut geht, zählt bis Ende des Jahres auch das Augsburger Traditionsunternehmen Everllence dazu. Denn nach einem langen Bieterprozess hat VW sich am Ende entschieden, 51 Prozent der Anteile an Bain Capital zu verkaufen. 7,4 Milliarden Euro zahlen die Amerikaner für die Mehrheit an Everllence.
Die Mitarbeitenden bei Everllence sowie die Betriebsratsvorsitzende Astrid Kluge waren von der hohen Summe überrascht. „Viele haben einen Schreck bekommen, weil wir nicht wussten, dass wir so wertvoll sind“, sagt Kluge gegenüber unserer Redaktion.
In einer gemeinsamen Mitteilung drückten Kluge und Ferdije Rrecaj, Geschäftsführerin der IG Metall Augsburg, allerdings ihre Sorge über den hohen Kaufpreis aus. „Die Summe muss in den nächsten Jahren erwirtschaftet werden“, sagt Kluge. Auf Anfrage von B4BSchwaben.de sagt Kluge aber auch, sie sei ein positiver Mensch und wolle optimistisch in die Zukunft blicken. „Dass wir einen Kaufpreis wieder erwirtschaften müssen, ist bieterunabhängig“, sagt Kluge pragmatisch.
Lesen Sie:Kommentar: Warum der Everllence-Verkauf eine Chance ist
Im Laufe des Bieterprozesses hatten sich laut Kluge die letzten Bieter mit ihren Konzepten auch den Arbeitnehmervertretern von Everllence vorgestellt. Diese konnten ihre Einschätzung den Betriebsräten in Wolfsburg mitgeben. Letztere sitzen im Aufsichtsrat von VW und waren dementsprechend am Auswahlprozess beteiligt, aus Augsburg niemand. „Wir haben Präsentationen gesehen, die sehr detailliert gezeigt haben, wo investiert werden soll. Bei Bain Capital war das oberflächlicher gehalten“, erklärt Kluge. Sie gehe aber davon aus, dass es bereits konkretere Planungen gibt. „Die fehlende Tiefe in der vorgestellten Zukunftsstrategie werden wir einfordern, genauso wie einen detaillierten Investitions- und Wachstumsplan.“
Zumindest die Schwerpunkte, die Bain Capital für die nächste Wachstumsphase sieht, hat der US-Investor inzwischen mitgeteilt:
Bain Capital teilt mit, dass es dafür „globale Branchenexpertise und ein breites operatives Unterstützungsnetzwerk in diese Vorhaben“ einbringe.
Doch was genau hat Everllence für Bain Capital so interessant gemacht, dass es bereit ist, 7,4 Milliarden Euro für 51 Prozent der Anteile hinzublättern? Florian Taufmann, Partner bei Bain Capital, schreibt in einer Mitteilung: „Everllence ist in einer einzigartigen Position, um die Energiewende im weltweiten Seehandel zu ermöglichen und den steigenden Energiebedarf zu decken, der durch den rasant wachsenden Stromverbrauch von Rechenzentren entsteht.“ Zudem bezeichnet Taufmann Everllence als globalen Technologieführer in den Bereichen Marineverteidigung, Dekarbonisierung in der Schifffahrt und dezentrale industrielle Energieversorgung.
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Dazu, welche Vorteile Bain Capital für sich durch den Kauf sieht, will es sich auf Anfrage nicht äußern. Eine Person, die dem Finanzinvestor nahesteht, erklärte aber gegenüber B4BSCHWABEN.de, dass das „Gesamtpaket Everllence“ interessant war. Neben der von Taufmann genannten starken Marktposition in wichtigen Sektoren wie der Verteidigung, Dekarbonisierung und industrieller Energieerzeugung sei auch das „global einzigartige“ Servicenetz von Everllence ein Grund. „Es sind mehr als 100.000 Motoren in Betrieb, auch in der kritischen Infrastruktur, die am Laufen gehalten werden müssen. Das ist ein Faktor, der per se Stabilität in das Geschäft bringt.“
Viele stellen sich auch die Frage, ob Everllence als gesamtes Unternehmen bestehen bleibt oder ob der Investor es zerschlagen wird. Einer möglichen Zerschlagung von Everllence sind die Arbeitnehmervertreter zumindest für die kommenden Jahre zuvorgekommen. Während des Verkaufsprozesses haben sie mit Everllence und VW eine neue Gesamtbetriebsvereinbarung ausgehandelt. Demnach dürfen bis 2030 die Standorte in Augsburg, Oberhausen, Berlin, Hamburg und Ravensburg nicht geschlossen werden. Betriebsbedingte Kündigungen sind ebenfalls ausgeschlossen.
Sollte sich der Käufer Bain Capital an diese Gesamtbetriebsvereinbarung nicht halten, könnte das der Betriebsrat laut der Betriebsratsvorsitzenden Kluge einklagen.
Eine mit der Sache vertraute Person hat B4BSchwaben.de gegenüber diesen Befürchtungen widersprochen. „Eine Zerschlagung ist kein Szenario. Bain Capital bekennt sich zu Everllence als Gesamtunternehmen“, heißt es von der Quelle. Der Finanzinvestor sehe die drei Geschäftsbereiche Marine, Energie und Industrie als einander ergänzend an.
Deutschland sei zudem das Zentrum der gesamten Fertigung und Ingenieurstätigkeit bei Everllence. „Bain Capital will gemeinsam wachsen und nicht rationalisieren oder zerschlagen. Es bekennt sich zu den Standorten“, sagte die Person unserer Redaktion weiter. Zudem glaube sie nicht, dass VW Bain Capital den Zuschlag gegeben hätte, wenn der Investor nicht umfassende Zusagen zu den Standorten gemacht hätte.
Die Augsburger Bundestagsabgeordnete Claudia Roth und die Landtagsabgeordnete Stephanie Schuhknecht (beide Bündnis 90/Die Grünen) kritisieren indes, dass Everllence an einen amerikanischen Investor verkauft wird. „In Zeiten tiefgreifender wirtschaftlicher und geopolitischer Veränderungen müssen wir besser darin werden, Schlüsselunternehmen, industrielles Know-how und strategische Technologien in Europa zu halten“, schreiben Roth und Schuhknecht in einer gemeinsamen Mitteilung.
Schuhknecht und Roth erwarten von Bain Capital „ein klares und verbindliches Bekenntnis zur strategischen Ausrichtung von Everllence, zum Erhalt der Arbeitsplätze, zu den deutschen Standorten und zu den bestehenden Mitbestimmungsstrukturen“.
Diese Forderung stellen auch Betriebsratsvorsitzende Kluge und IG Metall Geschäftsführerin Rrecaj. „Wir erwarten die Einhaltung und Umsetzung der vereinbarten Eckpunkte in unserem Termsheet, genauso wie ein gutes Mitarbeiterbeteiligungsprogramm an den zukünftigen Erfolgen des Unternehmens“, teilen Kluge und Rrecaj mit. Sie zeigen sich offen für einen Dialog mit Bain Capital. „Die Arbeitnehmervertretung ist auf jeden Fall offen für eine gute und konstruktive Zusammenarbeit mit dem neuen Investor, um eine gute gemeinsame Zukunft zu gestalten.“