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B4BSCHWABEN.de: „Moving big things to Zero“: Diesen Slogan liest man immer wieder in Augsburg. Ob auf Litfaßsäulen, am Everllence-Hochhaus oder auf der Straßenbahn. Was steckt hinter dem Slogan?
Gunnar Stiesch: Wir haben unsere Unternehmensstrategie 2018 überarbeitet und konsequent auf kohlenstoffneutrale, saubere Energielösungen ausgerichtet. Ziel ist, unsere Kunden zu unterstützen, ihren Betrieb klimaneutral zu gestalten – insbesondere in industriellen Großanwendungen, also in „schwer zu dekarbonisierenden“ Bereichen. Mit den Produkten, die bei unseren Kunden im Betrieb sind, werden wir im Jahr 2026 rund 85 Millionen Tonnen CO₂ einsparen. Das entspricht etwa den gesamten CO₂-Emissionen des Freistaats Bayern.
Zu den Produkten gehören Motoren und Großmotoren, die mit sauberen, kohlenstoffneutralen Kraftstoffen betrieben werden können, aber auch große industrielle Wärmepumpen, etwa für Fernwärmenetze und industrielle Anwendungen. Dieses Wachstumssegment ergänzt unser konventionelles Stammgeschäft und gewinnt zunehmend an Bedeutung. Zudem entwickeln wir auch Technologien zur CO₂-Abscheidung und -Speicherung, mit deren Hilfe sich die CO₂-Emissionen von industriellen Prozessen abfangen lassen, bevor sie in die Atmosphäre entweichen.
Wo begegnen einem im Alltag Produkte von Everllence?
Zum Beispiel im Hamburger Hafen. Dort ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass mehr als die Hälfte mit unseren Motoren angetrieben wird. Großwärmepumpen sind eine attraktive Lösung für klimaneutrale Wärmeversorgung. In Esbjerg (Dänemark) läuft bereits eine große Anlage und versorgt rund 25.000 Haushalte, indem sie Wärme aus der Nordsee mithilfe von Windstrom auf ein höheres Temperaturniveau bringt und ins Fernwärmenetz einspeist. Das spart 120.000 Tonnen CO₂ pro Jahr. Auch in Köln planen wir eine Großwärmepumpe. So soll Wärme aus dem Rhein genutzt werden, um viele Haushalte mit klimaneutraler Fernwärme zu versorgen. Ähnliche Projekte sind aktuell in mehreren großen und mittelgroßen Städten – auch in Deutschland – in Planung.
Hier in Augsburg verbindet jeder Everllence noch mit MAN und dem Dieselmotor. Welche Rolle spielt Diesel noch als Antriebsform bei Everllence?
Das Grundkonzept des Dieselmotors spielt heute und auch in Zukunft eine große Rolle. Nur wird künftig nicht mehr Diesel als Kraftstoff verbrannt, sondern alternative Kraftstoffe, die kohlenstoffneutral sind – teilweise auch kohlenstofffrei. Als Zwischenschritt können das Biokraftstoffe sein, mittel- bis längerfristig synthetische Kraftstoffe aus grünem Wasserstoff. Heute werden auch schon Methan, Methanol oder Ammoniak eingesetzt. Das Grundkonzept bleibt, aber Einspritztechnologie und Kraftstoff ändern sich – und dadurch kann der Motor klimaneutral werden.
Wann kam der Wendepunkt, dass sich Everllence von Diesel abgewandt und auf Klimaneutralität konzentriert hat?
Da kamen mehrere Faktoren zusammen. Einerseits die Notwendigkeit für die Industrie, Emissionen zu reduzieren. Das ist die äußere Antriebskraft. Andererseits gab es einen internen Faktor: 2019/20 waren wir wirtschaftlich nicht so stark wie heute und mussten schmerzliche Einschnitte machen. Wir haben ein Transformations- und Performance-Projekt gestartet, um die Kostenstruktur nachhaltig aufzustellen und das Produktportfolio zu fokussieren. Die klare strategische Ausrichtung ging in Richtung Dekarbonisierung, und das hat sich in den sechs, sieben Jahren seitdem als erfolgreich und tragfähig erwiesen.
Wie schafft man es, Zukunftstechnologien frühzeitig zu erkennen und gerade in großen Unternehmen schnell genug zu reagieren?
Wir haben einen systematischen Prozess mit regelmäßigem Screening und Monitoring: Was entwickelt sich in unserem Umfeld und technologisch? Und wo haben wir Anknüpfungspunkte zu unserem Know-how, unseren Kerntechnologien? Beim Thema „grüne Motoren“ konnten wir auf unsere Expertise in Motorentechnologie, Verbrennung und Kraftstoffen aufbauen und den Schritt zu alternativen, kohlenstoffneutralen Kraftstoffen gehen. Ähnlich bei Turbomaschinen: Unsere Kompetenz in der Gaskompression hilft uns z. B. bei CO₂‑Kompression/‑Abscheidung oder bei großen Kompressoren für Wärmepumpen.
Das heißt: Nie auf den aktuellen Erfolgen ausruhen, sondern immer am Ball bleiben.
Absolut. Das Umfeld ändert sich permanent – und die Änderungsgeschwindigkeit nimmt spürbar zu. Daraus folgt die Notwendigkeit, sich laufend selbst zu hinterfragen und anzupassen, um auch künftig erfolgreich zu sein.
Lesen Sie hier:Vorstandschef Lauber über die Zukunft von Everllence
Wie kann man hier die Mitarbeitenden emotional und technisch mitnehmen?
Technisch knüpfen wir an bestehende Kernkompetenzen an. Es ist keine komplette Neuerfindung, sondern eine Adaption. Emotional stiftet das Ziel Sinn: Klimawandel und Kohlenstoffneutralität sind entscheidend für unsere Zukunft – und zugleich eine Chance für die Industrie. Das überzeugt viele Mitarbeitende und motiviert. Wir hatten 2016/2017 noch Herausforderungen, ausreichend neue Mitarbeitende für die „alte“ Technologie zu finden. Seit der Neuausrichtung zu Klimatechnologien und Nachhaltigkeit hat sich das komplett gewandelt: Heute sind wir für Studierende, Absolventen und neue Mitarbeitende sehr attraktiv und haben deutlich weniger Probleme, qualifizierte Kräfte zu gewinnen.
Klimaneutralität, Dekarbonisierung, Nachhaltigkeit – diese Begriffe gelten für die Industrie oft als Hindernis. Welches Potenzial sehen Sie hier?
Kurzfristig kann der Eindruck entstehen, das Klimathema habe politisch nicht mehr Priorität. Mittel- und langfristig sind wir aber überzeugt: Industrie und Unternehmen müssen nachhaltig arbeiten und nachhaltige Lösungen anbieten. Der Klimawandel wird nicht anhalten. Es wird auf Dauer teurer sein, auf Folgen zu reagieren, als von vornherein in Technologien zu investieren, die ihn verhindern oder verlangsamen. Außerdem tragen alternative, kohlenstoffneutrale Kraftstoffe aus erneuerbarem Strom dazu bei, energiepolitisch unabhängiger zu werden. Starke Abhängigkeiten von einzelnen Regionen sind riskant – das sehen wir aktuell.
Anfang des Jahres ist es Everllence gelungen, einen Motor zu 100 % mit Wasserstoff zu betreiben. Ist Wasserstoff der Antriebsstoff der Zukunft?
Beim Wasserstoff ist der Hochlauf aktuell langsamer als vor fünf Jahren erwartet. Trotzdem sind wir überzeugt, dass Wasserstoff mittel- und langfristig kommen wird und alternativlos ist. Wasserstoff ist zentral, weil er der erste Stoff in der Umwandlungskette ist: Aus erneuerbarem Strom werden über Wasserstoff chemisch gebundene Kraftstoffe hergestellt. In der praktischen Anwendung – etwa beim Schiff – wird es aber voraussichtlich nicht nur einen Kraftstoff geben. Für große Distanzen werden Derivate wie Methan, Methanol oder Ammoniak wahrscheinlicher sein, weil sie eine höhere Energiedichte haben und leichter zu speichern sind. Ein großes Containerschiff, das mit Methanol betrieben wird, spart ungefähr 100.000 Tonnen CO₂ pro Jahr ein – das entspricht etwa 50.000 Pkw. Wasserstoff selbst ist eher für Anwendungen an Land geeignet. Vor allem hier verzögert sich der Hochlauf, weil Wasserstoff als Kraftstoff noch nicht schnell genug verfügbar ist. Hier braucht es Rahmenbedingungen, damit sich das auch in Europa und Deutschland rechnet und nicht nur anderswo.
Viele Unternehmen stecken in einem Spagat zwischen neuen Technologien und alten mit Ablaufdatum. Etwa die Autoindustrie zwischen Verbrenner und E-Motor. Worauf kommt es an, damit so ein Spagat gelingt?
Bei uns ist eine Stärke des Modells, dass die Grundtechnologien sehr ähnlich bleiben – ob beim Grundmotor oder bei Kompressoren. In der Anwendung unterscheiden sich eher die letzten 20 bis 25 Prozent. Das gibt Flexibilität, auch in der Fertigungsauslastung. Wenn der Hochlauf neuer Technologien langsamer ist, können wir stärker über das Stammgeschäft auslasten – etwa durch Nachfrage nach Stromerzeugung. Das hilft, Ressourcen zu erwirtschaften, die wir weiter in das neue Geschäft investieren können. Wichtig ist also, vom Kern-Know-how und den Kernressourcen auszugehen und zu überlegen, welche Zukunftsthemen sich durch Adaption und Weiterentwicklung adressieren lassen.
Wie blicken Sie auf die Zukunft von Everllence – generell, aber auch in Augsburg?
Ich bin sehr zuversichtlich. Wir bewegen uns in einem attraktiven, wachsenden Marktumfeld und bieten Technologien, die unsere Kunden heute und langfristig brauchen, um klimaneutral zu werden. Augsburg ist ein sehr wichtiger Standort: Stammsitz und Hauptsitz, unser größter Standort, mit viel Produktion und Entwicklung sowie vielen Mitarbeitenden. Wir investieren aktuell rund 90 Millionen Euro in die Zukunftsfähigkeit des Standorts. Dazu gehören neue und effizientere Fertigungsanlagen, eine neue automatisierte Gussputzanlage und Investitionen in Prüfstände, um Motoren mit zukünftigen sauberen Kraftstoffen testen zu können. Dafür wurde auch neue Tankinfrastruktur etwa für Wasserstoff und Methanol aufgebaut.