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Der Aufschrei im Allgäuer Tourismus war groß, als vor rund einem Jahr bekannt wurde, dass die IC-Verbindung zwischen Hamburg und Oberstdorf gestrichen wird. Hoteliers und Tourismusvertreter hatten Angst, dass das Allgäu im Vergleich mit anderen Urlaubsregionen abgehängt wird.
Zu diesem Zeitpunkt sind die IC-Züge schon noch nur unregelmäßig unterwegs gewesen, wegen Baustellen und einem defekten Stellwerk. Betroffen von der Streichung sind neben Oberstdorf auch Kempten, Kaufbeuren, Immenstadt, Sonthofen und Fischen. Die fehlende IC-Verbindung aus Hamburg spürt das Hotel Kühberg aus Oberstdorf inzwischen.
„Wir verzeichnen weniger Buchungen aus dem Hamburger Raum. Zudem leider kaum Bahnreisende: Weniger als fünf Prozent“, sagt Geschäftsführerin Verena Eichhorn-Lange. Selbst Gäste aus den naheliegenden Gebieten wie München reisen laut Eichhorn inzwischen lieber wieder mit dem Auto an. Grund: Seit Monaten fallen die Züge ab Immenstadt immer wieder aus und werden durch Busse ersetzt. „Alle Gäste, die es wagen, mit der Bahn zu reisen, kommen gefrustet mit starken Verspätungen an“, sagt Eichhorn.
Zudem kommen Gäste, die bisher bewusst mit dem Zug kamen, laut Eichhorn größtenteils gar nicht mehr. Nur ein kleiner Teil ist auf das Auto umgestiegen. „Vor allem für bewusst Reisende, die sich für die Reise mit öffentlichen Verkehrsmitteln entscheiden, fällt dadurch das Allgäu sicher aus der Urlaubsplanung“, sagt Eichhorn.
Bei den Touristenzahlen macht sich die schwierige Anreisesituation laut Allgäu GmbH bisher nicht bemerkbar. Von Januar bis Juli stiegen die Ankünfte um drei Prozent, die Zahl der Übernachtungen um zwei Prozent. „Daher liegt der Schluss nahe, dass die Gäste gegebenenfalls von der Bahn aufs Auto umsteigen“, sagt Klaus Fischer, Geschäftsführer der Allgäu GmbH. Man sei mit dem bisherigen touristischen Jahresverlauf im Allgäu sehr zufrieden. Der Wegfall der Verbindung nach Hamburg aber sehr bedauerlich.
Petra Genster, stellvertretende Tourismusdirektorin von Tourismus Oberstdorf, sieht das ähnlich. Ihre Befürchtungen, dass das Allgäu durch das reduzierte Fernverkehrsangebot abgehängt wird, bestehen weiterhin. Zwar lassen sich individuelle Buchungsentscheidungen nicht eindeutig auf den Wegfall einer bestimmten Zugverbindung zurückführen. Zugausfälle, Verspätungen, Umstiege und Ersatzbusse erschwerten aber die Entscheidung, mit der Bahn anzureisen, vor allem bei Kurzurlauben.
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Was das Hotel Kühberg in Oberstdorf schon erlebt, bestätigt Genster: „Die Vermutung bleibt also bestehen, dass Gäste so weiter auf das Auto ausweichen oder sich für ein Urlaubsziel entscheiden, das leichter erreichbar ist. Das Allgäu verliert dadurch an Wettbewerbsfähigkeit und Attraktivität – gerade für klimabewusste Menschen“, kritisiert Genster.
Daran kann auch der neue ICE L erst mal nichts ändern, der theoretisch seit Mitte Juli statt einem alten IC zwischen Dortmund und Oberstdorf fährt. „Der neue ICE L ist ein wichtiges und ausdrücklich zu begrüßendes Signal“, sagt Genster. „Er kann aber die weggefallene Direktverbindung zwischen Hamburg und Oberstdorf nicht ersetzen.“ Vor allem, da der ICE L wegen Baustellen noch gar nicht durchgängig fährt. Immer wieder gibt es lange Phasen, in denen er komplett ausfällt oder nur zwischen Dortmund und Stuttgart fährt.
Den Tourismusvertretern im Allgäu fällt es deshalb schwer, seine Auswirkung einzuschätzen. „Fakt ist, wir freuen uns über den ICE L, aber er darf nicht als Endpunkt der Entwicklung verstanden werden. Er muss der Anfang einer besseren Fernverkehrsanbindung sein“, fordert Genster.
Und nicht nur das: Die Bahnsituation im Allgäu ist über den Fernverkehr hinaus seit Längerem angespannt. Denn auch im Regionalverkehr fallen wegen Baustellen immer wieder Züge aus oder kommen zu spät. Zwischen München und Buchloe gibt es seit Februar mehrere Langsamfahrstellen, die sich auch auf die Regionalzüge zwischen München und Füssen und Richtung Memmingen, Kempten und Lindau auswirken.
Fischer macht diese Situation mehr sorgen als der reduzierte Fernverkehr. „Hier sind Gäste und Einheimische betroffen. Mitarbeitende im Tourismus und viele Tagesbesucher, die in den Bergbahnen, Gaststätten und im Einzelhandel fehlen“, sagt Fischer. Genster wünscht sich verlässliche Ersatzkonzepte, rechtzeitige und verständliche Informationen und eine Planung, die touristische Hauptreisezeiten und große Veranstaltungen berücksichtigt.
Ursprünglich sollte das Zugpaar 2012/ 2013 wegen Bauarbeiten an der Strecke nur bis Anfang Oktober nur zwischen Dortmund und Stuttgart fahren. Wer ins Allgäu will, muss auf den Regionalverkehr umsteigen. Inzwischen wurden die Bauzeiten aber verlängert. Demnach fährt der ICE L auch vom 19. bis 24. Oktober, vom 31. Oktober bis 5. November und vom 13. bis 16. November das Allgäu nicht an.
Ab dem 17. November soll der ICE L laut der Deutschen Bahn zumindest von Oberstdorf nach Dortmund fahren und in die Gegenrichtung zwischen Köln und Oberstdorf.
Die volle Strecke Dortmund-Oberstdorf in beide Richtungen soll der ICE dann ab 13. Dezember fahren. „Vorbehaltlich kurzfristiger Bautätigkeiten“, heißt es von der Deutschen Bahn.
Wie die ICE L-Verbindung von Fahrgästen angenommen wird, teilt die Deutsche Bahn aus Wettbewerbsgründen nicht mit. Laut Fischer und der IHK Schwaben wird der neue ICE L von den Reisenden sehr gut angenommen.
Der neue ICE L ist der erste Hochgeschwindigkeitszug in Deutschland mit einem stufenlosen Einstieg. „Der stufenlose Einstieg ist gerade auf den touristischen Verbindungen wie nach Oberstdorf ein wichtiges Merkmal, da so auch der Einstieg mit viel bzw. großem Gepäck erleichtert wird“, sagt die Deutsche Bahn. Der ICE L hat 562 Sitzplätze, 46 Plätze davon im Familienbereich. Außerdem hat er einen abgetrennten Kleinkindbereich mit Spielfläche.
Für die Strecke ins Allgäu bietet er darüber hinaus einen Vorteil im Vergleich zu den bisherigen ICE‑Zügen. Denn der ICE L kann laut der IHK Schwaben im Gegensatz zu den anderen ICE-Zügen mit einer Lok mit Dieselaggregat gezogen werden. Das macht es möglich, dass das Allgäu mit einem ICE angebunden wird: Denn zwischen Ulm und Oberstdorf ist die Strecke noch nicht elektrifiziert. Die Deutsche Bahn sieht den ICE L unter anderem für Direktverbindungen in touristische Regionen sowie internationale Strecken vor. So fährt der ICE L auch etwa zwischen Berlin und Westerland sowie zwischen Frankfurt und Westerland.