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Mercosur, Cepa, Indien, Australien – in rund einem halben Jahr hat die EU-Kommission vier neue Freihandelsabkommen unterzeichnet. Derzeit in Verhandlungen sind Freihandelsabkommen mit Thailand, Malaysia und den Vereinigten Arabischen Emiraten.
Für Gernot Egretzberger, Geschäftsführer bei der Augsburger J. N. Eberle & Cie. GmbH, ist jedes neue Freihandelsabkommen der EU ein wichtiges und positives Signal. „Wir sehen darin einen wichtigen Beitrag, um die wirtschaftlichen Entwicklungen zumindest zu stabilisieren“, sagt Egretzberger.
25 Prozent des Umsatzes erzielt Eberle derzeit in den USA. Für Exporte wie Sägenprodukte und Bandstahl werden für Eberle zwischen 15 und 50 Prozent Zölle fällig.
Um das abzufangen, baut Eberle gezielt neue Distributionsstrukturen und Kundenbeziehungen in wachstumsstarken Regionen auf. „Kurzfristig lässt sich die Abhängigkeit vom US-Markt jedoch nur schrittweise reduzieren“, sagt Egretzberger.
Die USA sind Bayerns wichtigster Exportmarkt. 2025 haben bayerische Unternehmen Waren im Wert von 26 Milliarden Euro in die USA exportiert. Doch die Exporte in die USA sind um 9,8 Prozent zurückgegangen.
Gänzlich ersetzen können die neuen Freihandelsabkommen den Handel mit den USA nicht. Das sagt Jana Lovell, Leiterin der Abteilung International der IHK Schwaben. Sie geht davon aus, dass die USA wichtiger Außenhandelspartner der bayerischen Wirtschaft bleiben werden. „[Die Abkommen] eröffnen jedoch zusätzliche Absatzmöglichkeiten und können so zur strategischen Diversifizierung beitragen“, ordnet Lovell ein.
Vor allem beim Abkommen mit Indien sieht sie großes Potenzial: 1,5 Milliarden Einwohner, ein Wirtschaftswachstum von mehr als sechs Prozent. Lovell erwartet, dass Indien in ein bis zwei Jahren die drittgrößte Wirtschaftsnation der Welt sein wird.
Nach Indien werden laut Lovell aus Bayern vor allem Maschinen, Fahrzeuge und Chemie- und Elektronikprodukte exportiert. Das Volumen lag im vergangenen Jahr bei 2,3 Milliarden Euro. Aktive Geschäftsbeziehungen nach Indien haben 270 Unternehmen aus Bayerisch-Schwaben.
Das ifo-Institut sieht großes Potenzial in den Freihandelsabkommen. „Global Europe 2.0“ heißt die Studie, die untersucht hat, welches ökonomische Potenzial in einer „neuen europäischen Freihandelsoffensive“ steckt. Die vier neuen Freihandelsabkommen sowie die geplanten Freihandelsabkommen mit Thailand, Malaysia und den Vereinigten Arabischen Emiraten können laut den Ergebnissen der Studie die Wirtschaft in der EU ankurbeln und negative Auswirkungen der US-Zölle ausgleichen. Demnach würde das deutsche BIP mittelfristig um 0,47 Prozent steigen. Zum Vergleich: Durch die derzeitigen US-Zölle erwartet die Studie, dass das BIP in Deutschland um 0,1 bis 0,15 Prozent sinkt.
Lesen Sie hier:Mercosur-Abkommen unterzeichnet – so profitiert Bayerisch-Schwaben
„Auf der Importseite profitiert Deutschland durch den Zugang zu kostengünstigeren Vorleistungen. Auf der Exportseite profitiert Deutschland von einem besseren Marktzugang zu diesen Ländern, die über gigantische Binnenmärkte verfügen“, sagt Studienautorin Prof. Dr. Lisandra Flach. Die EU-Exporte könnten um 3,67 Prozent steigen.
So wie die Industrie am stärksten unter den US-Zöllen leidet, würde sie auch am meisten von Freihandelsabkommen mit den Mercosur-Staaten (Argentinien, Bolivien, Brasilien, Paraguay und Uruguay), Indien, Indonesien, Australien, Malaysia, Thailand und den Vereinigten Arabischen Emiraten profitieren. Durch die US-Zölle geht die Industrie-Wertschöpfung um 1,3 Prozent zurück. Doch durch tiefe Handelsabkommen mit den oben genannten Ländern kann sie laut der ifo-Studie um 1,8 Prozentpunkte auf plus 1,1 Prozent steigen.
Lesen Sie hier:Eberle-Geschäftsführer warnt vor Industrie-Sterben
„Positive Effekte zeigen sich vor allem in exportstarken Branchen wie dem Maschinenbau (+2,7 Prozent), der Chemieindustrie (+3,1 Prozent) und der Automobilindustrie (+3,2 Prozent)“, sagt Flach.
Christian Müller, CSO der Grob-Werke in Mindelheim, sieht für die eigenen Standorte in Brasilien und Indien einen klaren strategischen Vorteil durch die Freihandelsabkommen. „Wir sind bereits vor Ort etabliert, kennen die Märkte, verfügen über Netzwerke und können schneller auf neue Rahmenbedingungen reagieren“, sagt Müller. „Freihandelsabkommen können diese Position zusätzlich stärken – etwa durch erleichterten Technologietransfer, geringere Importkosten für Komponenten oder verbesserte Exportmöglichkeiten innerhalb der jeweiligen Regionen.“
Vor allem in Indien sieht Grob großes Wachstumspotenzial. Generell könnten die Freihandelsabkommen in den betroffenen Regionen die Entscheidungen über Investitionen beschleunigen.
Gleichzeitig warnt Müller vor zu hohen Erwartungen. „Freihandelsabkommen sind ein wichtiger Baustein, aber kein kurzfristiger Konjunkturtreiber. Sie können helfen, die deutsche Wirtschaft zu stabilisieren, jedoch nicht strukturelle Herausforderungen vollständig kompensieren“, sagt Müller.
„Unser Ziel ist es aber nicht, einen Markt durch einen anderen zu ersetzen“, sagt Müller weiter. Genau wie die Firma Eberle aus Augsburg will Grob seine Märkte diversifizieren und sich breiter aufstellen.
In der Diversifikation sieht auch Lovell von der IHK-Schwaben große Chancen. „Wer seine Märkte breiter aufstellt, wird widerstandsfähiger gegenüber politischen Risiken“, erklärt Lovell. Vor allem mit Blick auf die Lieferketten und Rohstoffe sieht sie Potenzial. „Australien verfügt über Reserven bei 23 der 37 von der EU-Kommission als kritisch eingestuften Rohstoffe. Damit kann Australien eine Schlüsselrolle im Aufbau diversifizierter Lieferketten in den Zukunftsbereichen Batterien, Digitalisierung und Sicherheit spielen“, sagt Lovell. Australien könnte so zu einem Hauptlieferanten insbesondere für Nickel, Kobalt und Lithium und andere Seltenen Erden werden. Das würde die Abhängigkeit von China reduzieren.
Lovell rät Unternehmen, sich frühzeitig vorzubereiten, um die Chancen der Abkommen zügig nutzen zu können. Dazu gehöre etwa zu prüfen, wie groß potenzielle Entlastungen für das eigene Unternehmen sein können. Branchen wie der Maschinenbau, Elektrotechnik und Medizintechnik sollten klären, ob ihre Zertifikate und Normen in den Ländern anerkannt sind oder ob sie zusätzliche Konformitätsnachweise brauchen. Grundsätzlich empfiehlt Lovell, neue Regionen nicht als Ersatz bestehender Märkte zu betrachten. „Sondern als strategische Ergänzung innerhalb eines ausgewogenen internationalen Risikomixes.“