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B4BSCHWABEN.de: Was ist heute in der Medizintechnik möglich, was Sie vor zehn Jahren nicht erwartet hätten?
Bernd Ohnesorge: Bei bildgebenden Systemen und Präzisionstherapien arbeiten wir heute mit einer Genauigkeit, die es vor zehn Jahren so noch nicht gab. Minimalinvasive Therapien lassen sich besser planen und Erkrankungen detaillierter darstellen. Das ermöglicht personalisierte Präzisionstherapien. Zugleich öffnen sich neue Felder, etwa in der Prävention. Bildgebung wird zunehmend für Screening-Anwendungen eingesetzt. Moderne Technologien kommen mit sehr geringer oder gar keiner Strahlenbelastung aus und werden dadurch für eine breitere Anwendung möglich. Beispielsweise bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen und für das Screening der Prostata und der Lunge.
Neu ist auch, dass Technologien und Ergebnisse besser miteinander integriert werden. Gerade bei personalisierten Therapien können Daten aus der gesamten diagnostischen Kette einfließen. KI hilft dabei, diese Informationen zu kombinieren und Diagnostik und Therapie noch präziser und effizienter zu machen.
Welche Rolle spielt KI in der Medizintechnik und welche Entwicklungen erwarten Sie?
KI spielt eine große Rolle, auch wenn das vielen noch nicht bewusst ist. In der Bildgebung können Patientinnen und Patienten beispielsweise mit sehr wenig Personalaufwand im Scanner positioniert, das passende Untersuchungsprotokoll ausgewählt und die Untersuchung weitgehend automatisiert durchgeführt werden. Das entlastet das Personal: Es kann sich stärker um die Menschen kümmern und ist weniger mit der Technologie beschäftigt. Auch in der Diagnostik unterstützt die KI: Sie macht Vorschläge, die Ärztinnen und Ärzte dann prüfen und ergänzen. KI wird sich aus meiner Sicht unaufhaltsam verbreiten, aber man wird nicht eines Morgens aufwachen und die Medizin ist voll von KI. Sie wird schrittweise in immer mehr Anwendungen und an wichtigen Schnittstellen zwischen Diagnostik und Therapie Einzug halten.
In Augsburg gibt es neben der Uniklinik auch die Hessing Klinik und seit diesem Semester an der Technischen Hochschule den Studiengang Medizintechnik. Welche Rolle spielen solche Partner für Entwicklung und Innovation in der Medizintechnik?
Das ist eine tolle Kombination. Ein akademisches Spitzenhaus, das mit einer hochwertigen Versorgung in der Breite zusammenarbeitet, schafft wichtige Grundlagen für systemische Innovationen im Gesundheitswesen. Universitätskliniken bleiben unverzichtbar für klinische Studien mit neuen Verfahren. Entscheidend ist dann der Übergang in die breite Versorgung. Dafür braucht es ein Hand-in-Hand-Arbeiten. So lassen sich mehr Daten aus der realen Anwendung gewinnen und beispielsweise KI-Verfahren weiterentwickeln und besser trainieren.
Den Medizintechnik-Studiengang finden wir fantastisch. Dort entstehen Talente, die technisch und klinisch ausgebildet sind. Sie können dieses Ökosystem bereichern und sind natürlich auch für Unternehmen wie uns interessante potenzielle Nachwuchskräfte.
Haben Sie ein Praxisbeispiel, wie Siemens Healthineers bereits mit der Uniklinik Augsburg zusammenarbeitet?
Ich greife zwei Beispiele heraus. Als die Universitätsklinik Augsburg noch sehr jung war, haben wir dort 2021/22 erstmals ein Computertomographie-Gerät der neuesten Generation für klinische Tests und Studien eingesetzt. Diese Studien waren für die Zulassung relevant. In einer Umgebung, in der man sich auf Augenhöhe begegnet und operativ eng zusammenarbeitet, war Augsburg für diese Kerntechnologie ein wichtiger Kristallisationspunkt. Die Technologie verbreitet sich inzwischen weltweit.
Das zweite Beispiel ist strategischer Natur: die Konferenz „Safety Camp“ und der geplante Safety Campus. Die Universitätsklinik Augsburg betritt damit in Europa ein neues Feld. Es geht zum einen um die Sicherheit in der Medizin: Wie kann man Patientensicherheit weiter verbessern und auch aus Fehlern lernen? Zum anderen geht es um den Umgang mit länger andauernden Krisen. Für Massenunfälle oder klar begrenzte Naturkatastrophen gibt es in Krankenhäusern etablierte Abläufe. Aber für Krisen, die Wochen oder Monate dauern – etwa eine Pandemie, Hitzewellen, größere Naturkatastrophen oder Konfliktlagen – fehlen vielfach belastbare Konzepte. Der Safety Campus soll solche Konzepte entwickeln und Simulationsmodelle schaffen: Wo treten Belastungen auf? Wie müssen Krankenhäuser reagieren? Welche Reserven brauchen sie? Wir sind sehr stolz, hier als Partner dabei zu sein. Von Augsburg wird man in diesem Bereich noch viel hören.
Die Region Augsburg ist stark in Maschinenbau, Mechatronik, IT und Automation. Wie gut passen diese industriellen Kompetenzen zur Medizintechnik?
Die Voraussetzungen sind sehr gut: ein junges, dynamisches Universitätsklinikum, die Technische Hochschule mit einem Medizintechnik-Studiengang, ein starker klinischer Versorgungsbereich und eine grundsolide Mittelstandsstruktur. Innovationsökosysteme müssen nicht riesig sein. München oder Berlin sind sehr aktiv, aber auch komplex. Kleinere Großstädte können absolut konkurrenzfähig sein, wenn sie die richtigen Maßnahmen einleiten. Erlangen mit rund 120.000 Einwohnern ist dafür ein Beispiel. Augsburg ist größer und verfügt über die Stadt hinaus mit Bayerisch-Schwaben über eine geeignete Infrastruktur.
Medizintechnik ist natürlich Hightech. Das sollte mittelständische Unternehmen aber nicht abschrecken. In der Wertschöpfungskette gibt es viele spezialisierte Komponenten, die auf grundlegenden Technologien aufbauen. Wer sich bereits mit Hightech-Modulen beschäftigt, kann seine Kompetenzen durchaus auf die Medizintechnik übertragen. Gerade die Partnerschaften vor Ort, frühe Entwicklungsprojekte und Themen wie der Safety Campus können für den Mittelstand Chancen eröffnen.
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Wie nehmen Sie Augsburg als Standort für Medizintechnik und Gesundheit wahr?
Wenn man überlegt, wie sich das Universitätsklinikum seit 2019 entwickelt hat, kann man mit Fug und Recht sagen: Es hat sich in diesen wenigen Jahren im mittleren bis oberen Drittel der Universitätskliniken etabliert und ist auf einem fantastischen Weg. Das Universitätsklinikum ist auf jeden Fall sicher in der ersten Liga. Das würde man sich manchmal auch vom FC Augsburg wünschen. (lacht)
Die Gesundheitswirtschaft insgesamt ist ein sehr großes Thema: In Deutschland arbeiten dort rund 7,7 Millionen Menschen. Die industrielle Gesundheitswirtschaft hat mehr als 100 Milliarden Euro Bruttowertschöpfung und einen hohen Exportanteil. Gerade in einer Zeit, in der andere Branchen unter Druck stehen, ist das ein sehr solider Bereich. Für Augsburg sehe ich wirklich gute Voraussetzungen. Nun geht es darum, über die bestehenden Stärken hinaus weiterzudenken, was es zusätzlich braucht, damit aus dem Standort, ein noch stärkeres Gesundheitswirtschafts-Ökosystem entsteht. Wichtig wird sein, zu messen, welche Arbeitsplätze dadurch entstehen und wie der Mittelstand eingebunden wird. Wenn man heute die richtigen Impulse setzt, kann man in fünf bis zehn Jahren sehen, was daraus geworden ist.
Was muss denn passieren, damit aus einzelnen starken Akteuren ein stabiles Netzwerk und eine gemeinsame Gesundheitswirtschaft in Augsburg wachsen können?
Es braucht Offenheit für das gesamte Ökosystem. Dazu gehören große etablierte Unternehmen ebenso wie innovative kleinere Unternehmen, Mittelständler und Start-ups, gerade auch aus dem digitalen Bereich. Wichtig sind Plattformen, auf denen sichtbar wird, welche Ideen es gibt und wie sie zu konkreten Themen passen könnten. Auch die Politik sollte an Bord sein und prüfen, welche Förderinstrumente oder Maßnahmen sinnvoll sind. Entscheidend ist die Frage: Was brauchen die unterschiedlichen Akteure, um Fortschritte zu machen und investieren zu können? Wenn man das gemeinsam betrachtet, kann sich ein stabiles Netzwerk entwickeln.
Woran würden Sie in etwa fünf Jahren erkennen, dass die Region den Schritt zu einem bedeutenden Standort für Gesundheit und Medizin geschafft hat?
Wenn man den Safety Campus als Leuchtturm nimmt, wird sich das Universitätsklinikum Augsburg in fünf Jahren zu einem echten Gravitationszentrum für Sicherheit und Resilienz in der Medizin entwickelt haben. Dann blicken große Universitätskliniken und Maximalversorger aus ganz Europa nach Augsburg, um dort Szenarien durchzuspielen und von den Erkenntnissen zu profitieren.
Rund um diese und weitere Innovationsthemen könnten Start-ups entstehen und intelligente Lösungen beitragen. Auch andere Unternehmen werden mit dem Universitätsklinikum zusammenarbeiten. Und am Ende lässt sich der Erfolg natürlich daran messen, wie viele Arbeitsplätze dadurch neu geschaffen wurden. Ich bin optimistisch, dass man dort positive Ergebnisse sehen wird.