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B4BSCHWABEN.de: Dieses Semester starten die neuen Studiengänge „Medizintechnik“ und „KI und Robotik“ an der Technischen Hochschule Augsburg (THA). Warum braucht die Region Augsburg diese neuen Studiengänge?
Christoph Zeuke:Augsburg hat mit dem Universitätsklinikum einen sehr großen Magneten, der viel Industrie in diesem Bereich anzieht. Von Ärztinnen und Ärzten kommen viele Ideen, aber sie brauchen Menschen, die diese Ideen technisch umsetzen können. Darin liegen Chancen für unsere Studierenden: Sie können selbst Start-ups gründen und Anforderungen von Kliniken, Ärztinnen und Ärzten oder Pflegeeinrichtungen aufgreifen.
Medizintechnikprodukte werden immer digitaler und stärker vernetzt. Dafür braucht es Ingenieurinnen und Ingenieure, die solche Systeme entwickeln können. Mit dem Studiengang tragen wir dazu bei, dass der Bereich wächst und neue Arbeitsplätze entstehen.
Herr Strohmeier, warum braucht die Region den Studiengang KI und Robotik?
Michael Strohmeier: KI und Robotik gehen deutlich über Augsburg hinaus. KI verändert viele Bereiche. Dort, wo körperliche Arbeit gefragt ist, ist bislang aber vieles unverändert. Die Kombination aus KI und Robotik kann dort helfen, wo Prozesse eine mittlere Komplexität haben oder Fachkräfte fehlen. Bis intelligente Systeme aber auch in der physischen Welt zuverlässig arbeiten, dauert es noch. Dafür brauchen wir Fachkräfte, die beide Welten verstehen: Was kann KI? Und wie entwickle und bringe ich intelligente Systeme für physische Anwendungen tatsächlich zum Einsatz?
Augsburg hat mit Kuka ja eine lange Tradition in der Robotik.
Strohmeier: Richtig, Kuka ist vor allem für klassische Industrierobotik mit wiederkehrenden Bewegungsabläufen und großen Stückzahlen bekannt. Der typische Mittelständler hat oft nicht die Ressourcen, um Prozesse mit kleineren Stückzahlen umfassend zu automatisieren. Genau dafür wollen wir Fachkräfte ausbilden: Menschen, die Unternehmen helfen können, einzelne Schritte sinnvoll durch Robotik zu automatisieren.
Wie weit ist die Region Augsburg beim Thema KI und Robotik?
Strohmeier: Das ist schwer einzuordnen, weil das Feld sehr groß ist. Die THA hat aber in verschiedenen Bereichen viel Expertise – etwa beim autonomen Fahren oder bei KI-gestützten Systemen. Viele Unternehmen setzen KI bereits ein. Die Verbindung mit Robotik ist bislang weniger verbreitet. International steigt die Zahl der Industrieroboter weiter. Hinzu kommen mobile und zunehmend auch humanoide Roboter für unterschiedliche Aufgaben. Die Idee, KI in die Produktion zu bringen, ist in Augsburg beispielsweise über das KI-Produktionsnetzwerk fest verankert. Die Universität Augsburg, Fraunhofer IGCV, das Zentrum für Leichtbauproduktionstechnologie des DLR und die THA wollen Prozesse optimieren, Daten gewinnen und Themen wie Effizienz, Sicherheit, Nachhaltigkeit und Interaktivität voranbringen.
Welche Rolle haben das Umfeld aus Universitätsklinikum, KI-Produktionsnetzwerk und Kuka dabei gespielt, dass die Studiengänge entstanden sind?
Zeuke: In der Medizintechnik haben wir den Neubau des Universitätsklinikums und die wachsende Zahl an Ärztinnen und Ärzten beobachtet. Wir haben mit Unternehmen in der Umgebung gesprochen und daraus geschlossen: Die Region braucht Medizintechnik. Sie braucht Fachkräfte, aber auch eine Technische Hochschule als Partner für Forschung, Entwicklung und den Transfer in die Praxis. Medizintechnik ist zudem nicht auf Kliniken beschränkt. Sie betrifft auch Pflegeeinrichtungen. Wir arbeiten seit vielen Jahren mit dem Fritz-Felsenstein-Haus zusammen. Angesichts des Fachkräftemangels brauchen wir in der Pflege mehr technische Unterstützung.
Strohmeier: Bei uns war es ähnlich. Wir haben in verschiedenen Projekten mit Studierenden gemerkt, dass interdisziplinäre Expertise fehlt, um diese Themen umfassend anzugehen. Daraus entstand die Frage: Wie müsste ein Studiengang aussehen, der aktuelle und künftige Probleme in Forschung und Industrie adressiert? Anschließend sind wir auf Unternehmen zugegangen. Die Rückmeldung war, dass Bedarf besteht und ein solcher Studiengang begrüßt wird.
Wie wichtig ist es für eine Wirtschaftsregion, dass Hochschulen und Universitäten Trends und Bedarfe früh erkennen?
Strohmeier: Das ist schwer zu quantifizieren, aber natürlich wichtig. Wenn wir die Fachkräfte für den eigenen Markt nicht ausbilden, wird es schwierig.
Zeuke: Es geht nicht nur darum, jedem Trend hinterherzulaufen oder selbst einen Trend setzen zu wollen. Wir müssen Menschen ausbilden, die anpassungsfähig sind und neue Entwicklungen aufnehmen können. Als Hochschule müssen wir unsere Studierenden so aufstellen, dass sie sich in neue Themenfelder einarbeiten können. Ich weiß nicht, wie Medizintechnik in zehn Jahren genau aussieht. Entscheidend ist, dass die Studierenden heute lernen, sich die Dinge anzueignen, die sie dann brauchen werden.
Teil des Studiengangs Medizintechnik ist die Lehrkooperation mit der Hessing Klinik. Wie sieht die aus?
Zeuke: Wir wollen die medizinischen Anteile unserer Vorlesungen unbedingt von Ärztinnen und Ärzten vermitteln lassen. Die Absolventinnen und Absolventen sollen die Sprache der Ärztinnen und Ärzte verstehen. Wenn die Ärztin vom Thorax spricht und der Ingenieur an den Fuß denkt, funktioniert die Zusammenarbeit nicht. Die Vorlesungen finden direkt in der Hessing Klinik statt. Studierende sollen in höheren Semestern zudem in Einrichtungen mitlaufen und Abläufe kennenlernen. Vor Ort sieht man, wie Geräte tatsächlich eingesetzt werden und wo die Probleme im Alltag liegen. Das ist unglaublich wertvoll.
Hessing wiederum möchte seinen Mitarbeitenden Entwicklungsperspektiven bieten. Beschäftigte können künftig bei uns Medizintechnik studieren und sich weiterentwickeln.
Wie stellen Sie sicher, dass Ideen aus dem Studium nicht verloren gehen, sondern in die Wirtschaft gelangen?
Strohmeier: Im Studiengang KI und Robotik sammeln wir zum Beispiel im vierten Semester Themenvorschläge aus der Industrie: Kann ein Unternehmen nicht einen bestimmten Prozess automatisieren? Solche Fragestellungen bearbeiten die Studierenden dann gemeinsam. Sie können aber auch eigene Ideen einbringen. Im fünften Semester arbeiten die Teams zunehmend eigenständig an konkreten Problemstellungen. Danach folgen Praxissemester und Bachelorarbeit, die idealerweise direkt in einem Unternehmen geschrieben wird.
Zeuke: In der Medizintechnik haben wir einen Praxisanteil von 30 Prozent. Die Studierenden entwickeln von Anfang an über fünf Semester hinweg ein medizinisches Gerät. Sie sollen alle Schritte, die für die Entwicklung nötig sind, selbst durchlaufen. Perspektivisch können Unternehmen und Einrichtungen ihre Ideen und Anforderungen einbringen. Außerdem gibt es unser THA-Gründungsinstitut „Funkenwerk“, das Studierende unterstützt, ein Start-up zu gründen.
Wie groß ist das Interesse an den neuen Studiengängen?
Zeuke: Mit 40 Studierenden wären wir schon zufrieden gewesen. Jetzt sind wir bei 90. Das Interesse ist wahnsinnig groß. Es fordert uns teilweise heraus, aber wir bekommen das hin und freuen uns sehr darüber.
Strohmeier: Wir sind mit dem Marketing etwas später gestartet und haben knapp 60 Studierende. Für die erste Runde ist das keineswegs schlecht. Gerade weil wir auch Hardware bereitstellen müssen, ist das für die Hochschule eine Herausforderung.
Wenn der erste Jahrgang in sieben Semestern fertig ist: Was wünschen Sie sich dann?
Zeuke: Urlaub. (lacht)
Strohmeier: Ich hoffe, dass wir genau in die Lücken ausbilden, die sich auftun werden. Gerade an den Schnittstellen von KI und Robotik gibt es noch viele freie Felder.
Zeuke: Mich würde es freuen, wenn die Absolventinnen und Absolventen das Wissen aus dem Studium sofort einsetzen können. Unternehmen berichten uns teilweise von Einarbeitungszeiten von bis zu drei Jahren, insbesondere bei regulatorischen Themen. Diese Einarbeitungszeit wollen wir deutlich reduzieren.
Schön wäre auch, wenn sich Augsburg in Themen wie digitaler Pflege und Automatisierung in der Pflege ein neues Feld erschließt. Als Leuchtturm für die gesamte Region.