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B4BSCHWABEN.de: Herr Klein, in den vergangenen Jahren stand bei SGL Carbon vor allem Restrukturierung auf der Agenda. Wann kam für Sie der Moment, an dem klar war: Jetzt müssen wir wieder über Wachstum sprechen?
Andreas Klein: Diesen einen Moment gab es tatsächlich nicht. Wenn man auf die Restrukturierungsarbeit der vergangenen Jahre zurückblickt, dann war vieles durch veränderte Rahmenbedingungen getrieben – zuletzt insbesondere im Carbonfasergeschäft, aber auch schon davor. Gleichzeitig haben wir gesehen, dass wir mit unserem technologiegetriebenen Portfolio sehr gut an große Zukunftstrends anknüpfen können.
Im Rahmen unserer Strategie „Wachstum 2030“ haben wir deshalb parallel zur Restrukturierung intensiv daran gearbeitet, neue Wachstumsmärkte zu identifizieren. Dazu gehören die Energieerzeugung der Zukunft, die Verteidigungs- und Sicherheitsindustrie sowie die Luft- und Raumfahrt. Das war ein Prozess über mehrere Jahre hinweg – aus dem Restrukturierungsmodus heraus in die Zukunft.
Sie haben das Ziel ausgegeben, SGL Carbon bis 2030 wieder zu einem Milliarden-Umsatz-Unternehmen zu machen. Warum sind Sie überzeugt, dass das erreichbar ist?
Unsere Strategie basiert auf drei Säulen. Erstens wollen wir in bestehenden Märkten wachsen. Ein besonders wichtiger Markt ist dabei die Halbleiterindustrie. Dort hatten wir zuletzt eine Delle, weil die Elektromobilität und die Nachfrage nach Siliziumkarbid-Halbleitern nicht so schnell gewachsen sind, wie viele vor einigen Jahren erwartet hatten. Langfristig sehen wir aber großes Potenzial – sowohl durch Elektromobilität als auch durch neue Themen wie Künstliche Intelligenz, die Hochleistungshalbleiter für Rechenzentren benötigt.
Zweitens erschließen wir neue Märkte wie im Bereich Energieerzeugung durch Small Modular Reactors, die Verteidigungs- und Sicherheitsindustrie sowie die Luft- und Raumfahrt. Drittens setzen wir auf Innovation und die Weiterentwicklung unserer Produkte.
Wenn wir auf das Jahr 2030 blicken, sehen wir drei Themenfelder mit besonders großem Potenzial: Halbleiter, Small Modular Reactors und die Verteidigungs- beziehungsweise Sicherheitsindustrie. Jeder dieser Bereiche steht aus heutiger Sicht für einen zusätzlichen Umsatzbeitrag von mehr als 50 Millionen Euro. Darüber hinaus prüfen wir auch Möglichkeiten für Wachstum durch gezielte Zukäufe.
Small Modular Reactors gelten als einer Ihrer wichtigsten Zukunftsmärkte. Warum sehen Sie hier so großes Potenzial – und gibt es bereits konkrete Projekte?
Wenn man einmal die deutsche Perspektive außer Acht lässt, ist das ein enormes Wachstumsfeld. Der weltweite Energiebedarf steigt stark an – nicht zuletzt durch Künstliche Intelligenz und den Ausbau von Rechenzentren. Viele Länder sehen deshalb in Small Modular Reactors einen wichtigen Baustein der zukünftigen Energieversorgung.
Unsere Materialien spielen bei einigen dieser Technologien eine zentrale Rolle. Sie werden beispielsweise für die Einhausung von Reaktoren oder als Moderator in bestimmten Reaktorkonzepten benötigt. Dafür sind allerdings langjährige Qualifizierungsprozesse notwendig. Teilweise laufen solche Tests über fünf bis zehn Jahre.
Wir arbeiten unter anderem mit dem US-Unternehmen X-energy zusammen und haben dort umfangreiche Entwicklungsarbeit geleistet. Im Januar haben wir von diesem Partner einen Auftrag im Volumen von 100 Millionen US-Dollar über eine Laufzeit von drei Jahren erhalten. Das zeigt, dass wir in diesem Markt sehr gut positioniert sind. Aktuell fahren wir unsere Produktionskapazitäten hoch und bereiten uns auf die nächsten Schritte vor.
Welche Chancen sehen Sie darüber hinaus durch die Energiewende?
Small Modular Reactors sind aktuell das größte Einzelpotenzial. Gleichzeitig sind wir in vielen weiteren Bereichen aktiv. In der Photovoltaik wird unser Werkstoff Graphit beispielsweise für die Herstellung von Silizium-Einkristallen benötigt, die wiederum ein zentraler Bestandteil von Solarmodulen sind.
In Meitingen produzieren wir außerdem sogenannte Gas Diffusion Layer für Wasserstoff-Brennstoffzellen. Das ist ein spannendes Feld – etwa für Nutzfahrzeuge, Züge oder perspektivisch auch Flugzeuge. Darüber hinaus liefern wir Materialien für Batteriespeichersysteme.
Wenn die Energiewende gelingt und Stromnetze stärker belastet werden, werden Speicherlösungen eine entscheidende Rolle spielen. Der Vorteil von SGL Carbon ist, dass wir nicht auf eine einzelne Technologie setzen, sondern an vielen Stellen der Energiewende beteiligt sind.
Mitten in dieser Transformation verlegen Sie den Firmensitz von Wiesbaden nach Meitingen. Warum war Ihnen dieses Signal wichtig?
Meitingen ist unser größter Produktionsstandort und der einzige Standort, an dem alle drei Business Units vertreten sind. Wir wollten ein klares Signal setzen – für den Standort, aber vor allem auch für unsere Organisation.
Wir möchten näher an die Produktion und näher an die Menschen im Unternehmen heranrücken. Ich bin fest davon überzeugt, dass das zusätzliche Dynamik und Handlungsfähigkeit schafft. Deshalb wird auch der Vorstand künftig mehrheitlich von Meitingen aus arbeiten.
Dadurch entstehen mehr Austausch, mehr Präsenz vor Ort und letztlich auch schnellere Entscheidungen. Außerdem werden künftig viele Veranstaltungen, Vorstandssitzungen und Aufsichtsratssitzungen in Meitingen stattfinden.
Welche Rolle spielt Meitingen künftig in der Wachstumsstrategie von SGL Carbon?
Eine zentrale Rolle. Viele Innovationen, Produktentwicklungen und Prozessverbesserungen haben ihren Ursprung in Meitingen. Von hier aus werden Know-how und neue Technologien in unser globales Netzwerk getragen.
Da alle drei Business Units am Standort vertreten sind, entstehen hier viele der Wachstumsideen, an denen wir derzeit arbeiten. Ein konkretes Beispiel ist der Bereich Verteidigungs- und Sicherheitsindustrie. Dort laufen aktuell zahlreiche Entwicklungsprojekte, bei denen Meitingen eine wichtige Rolle spielt – von der Vorentwicklung bis hin zur späteren Produktion.
Meitingen ist damit ein wichtiger Nukleus für unser globales Netzwerk und wird auch künftig eine zentrale Rolle für die Weiterentwicklung des Konzerns spielen.
Viele Industrieunternehmen äußern sich skeptisch zum Standort Deutschland. Sie investieren dennoch in Meitingen. Warum?
Die Herausforderungen sind real. Der Dreiklang aus im internationalen Vergleich hohen Arbeitskosten, hohen Energiekosten und viel Bürokratie ist für Industrieunternehmen ein schwieriger Cocktail. Gerade für energieintensive Unternehmen wie uns ist das eine große Belastung.
Trotzdem stehen wir zu unseren deutschen Standorten und investieren gezielt in ihre Zukunftsfähigkeit. Die neue Photovoltaikanlage in Meitingen ist dafür ein gutes Beispiel. Sie deckt rund zehn Prozent unseres Strombedarfs und stärkt unsere Versorgungssicherheit. Auch die neue Luftzerlegungsanlage wird unsere Prozesse effizienter machen und Logistikaufwand reduzieren.
Das sind wichtige Entscheidungen, um den Standort langfristig wettbewerbsfähig zu halten. Gleichzeitig hoffe ich auf politische Reformen und darauf, dass alle Beteiligten verstehen, wie herausfordernd die Situation für die Industrie tatsächlich ist. Das ist auch für einen behutsamen und zukunftsorientierten Umgang der Parteien in anstehenden Tarifgesprächen wichtig.
Wenn wir uns 2030 wieder treffen: Woran würden Sie erkennen, dass Ihre Strategie aufgegangen ist?
Natürlich daran, dass wir unsere Wachstumsziele erreicht haben und wieder ein Milliarden-Umsatz-Unternehmen sind. Aber es geht um mehr als Zahlen. Ich möchte, dass SGL Carbon als erster Ansprechpartner für Hochleistungsmaterialien wahrgenommen wird. Wenn Kunden vor technologischen Herausforderungen stehen, z.B. bei Hochtemperaturprozessen, und sofort an SGL denken, weil sie wissen, dass wir die passende Lösung liefern können, dann haben wir unser Ziel erreicht. Und ich wünsche mir, dass unsere Mitarbeitenden sagen: Hier arbeiten wir an den Zukunftsthemen unserer Zeit und können wirklich etwas bewegen. Das wäre für mich der eigentliche Erfolg.