Interview

Hotel einsmehr: „Inklusion ist betriebswirtschaftlich sinnvoll“

Ingrid Schieb. Foto: einsmehr/Martin Beck
Die Hotel-Branche sucht verzweifelt nach Nachwuchskräften. Viel ungenutztes Potenzial sehen die Köpfe hinter dem Inklusions-Hotel „einsmehr“ in Menschen mit Beeinträchtigung. Ingrid Schieb, pädagogische Fachkraft, erzählt im Interview, wie auch andere Hotels hier Fachkräfte finden können.

B4B WIRTSCHAFTSLEBEN SCHWABEN: Inklusion in der Hotellerie: Wo sehen Sie hier überall Potenziale?

Ingrid Schieb: Das Hotel- und Gastgewerbe ist eine internationale Branche, die nicht nur von Gästen aus aller Welt lebt, sondern auch von der Vielfalt in der Belegschaft. Inklusion steht für Vielfalt und birgt damit zahlreiche Chancen, insbesondere für die Gewinnung von Mitarbeitern. In Zeiten des Fachkräftemangels rücken vorhandene und noch nicht ausgeschöpfte Potenziale auf dem Arbeitsmarkt in den Fokus. Menschen mit Behinderung als potenzielle Nachwuchskräfte werden deshalb für Arbeitgeber zunehmend wichtiger. Wenn Aufgaben so strukturiert werden, dass sie ihre Fähigkeiten und Stärken einsetzen können, vermögen sie unterschiedliche Tätigkeiten im Hotelbetrieb zu übernehmen.

Die Beschäftigung von Menschen mit Behinderung steigert darüber hinaus die soziale Kompetenz aller Mitarbeiter, fördert Teamarbeit und ermöglicht innovative und unkonventionelle Lösungen. Und natürlich wirkt sich die Aufgeschlossenheit gegenüber unterschiedlichen Talenten in der Belegschaft auch positiv in der Außenwahrnehmung eines Unternehmens aus. Inklusion ist also nicht nur sozial- und gesellschaftspolitisch wünschenswert, sondern ebenfalls betriebswirtschaftlich sinnvoll.

Warum werden diese Chancen Ihrer Meinung nach bisher noch nicht flächendeckend genutzt?

Menschen mit Behinderung werden oft als weniger leistungsfähig gesehen und als Belastung wahrgenommen. Manche Arbeitgeber sind sich unsicher, wie sie mit einem Menschen mit Beeinträchtigung umgehen sollen. Das erzeugt Bedenken und führt dazu, dass eine Beschäftigung gar nicht in Erwägung gezogen wird.

Doch diese Wahrnehmung basiert häufig auf falschen Annahmen und Unwissenheit. Dafür ist es notwendig, Vorurteile abzubauen und Bewusstsein zu schaffen. Genau hier wird das Inklusionshotel „einsmehr“ ansetzen und verdeutlichen, dass Menschen mit Behinderung zum Erfolg eines Unternehmens beitragen können.

Wie wollen Sie das Thema der Branche näherbringen?

Als Augsburgs erstes Inklusionshotel möchten wir zeigen, wie inklusive Strukturen auch in der Wirtschaft zum Erfolgsfaktor werden können und damit zum Nachmachen anregen. Inklusion näherbringen möchten wir aber nicht nur ab Hoteleröffnung im November 2020. Bereits vorher schaffen wir Begegnungs- und Erfahrungsmöglichkeiten. Betrieben im Hotel- und Gastgewerbe bieten wir die Möglichkeit, in einem unverbindlichen Praktikum das vorhandene Potenzial von jungen Menschen mit Behinderung als mögliche Nachwuchskräfte kennenzulernen. Ohne finanziellen Aufwand und mit pädagogischer Begleitung können sie Erfahrungen sammeln und Beschäftigungs-Möglichkeiten entdecken.

Mit welchen Partner-Hotels arbeiten Sie bereits zusammen und wie läuft es?

Bisher waren wir mit vielen interessierten Hotels in Augsburg und Umgebung im Austausch und konnten bereits erste Betriebe für eine Kooperation gewinnen, zum Beispiel das Patchworkhotel Alpenhof. Die Zusammenarbeit mit den Partner-Hotels umfasst vor allem intensiven Austausch. Vor und während der beruflichen Qualifizierung begleite, berate und unterstütze ich als Sozialpädagogin und Betriebswirtin die Hotelbetriebe. Zum aktuellen Zeitpunkt suchen wir noch Betriebe im Hotel- und Gastgewerbe, in denen die jungen Menschen mit Behinderung die Praxis kennenlernen dürfen.

Wie qualifizieren und schulen Sie Menschen mit Handicap für den Hotelbetrieb?

Von April bis Ende August werden insgesamt zwölf Nachwuchskräfte in den Bereichen Küche, Service und Housekeeping qualifiziert. Die Qualifizierung findet überwiegend in kooperierenden Betrieben aus dem Hotel- und Gastgewerbe in Augsburg und Umgebung statt. Dort erhalten die jungen Menschen mit Behinderung eine gezielte Vorbereitung auf den Berufsalltag. Ergänzend zu der betrieblichen Praxis werden sie an regelmäßig stattfindenden Qualifizierungstagen zu spezifischen Themen geschult. Zu den wichtigen Schulungsthemen zählen beispielsweise der grundlegende Aufbau und die Aufgaben eines Hotels, der Umgang mit Gästen sowie die Rolle als Arbeitnehmer.

Gibt es Bereiche, für die Mitarbeiter mit Einschränkungen nicht qualifiziert werden können?

Wir sind überzeugt, dass Menschen mit Behinderung in jedem Arbeitsbereich qualifiziert und eingesetzt werden können. Entscheidend ist, die Arbeit an die Menschen anzupassen und nicht die Menschen an die Arbeit. Ausgehend von ihren Fähigkeiten und Stärken gilt es die richtigen Aufgaben und Arbeitsbedingungen zu definieren. Im Rahmen der beruflichen Qualifizierung werden die zukünftigen Mitarbeiter in den Bereichen Küche, Service und Housekeeping qualifiziert. Auch hier sind wir überzeugt, dass eine Qualifizierung in jedem Bereich stattfinden kann. Demnach sehen wir Qualifizierungslehrgänge in weiteren Arbeitsbereichen als mögliche Zukunftsperspektive.

Auf was müssen sich interessierte Hotels einstellen bei der Beschäftigung von Mitarbeitern mit Einschränkungen?

Eine Beschäftigung von Mitarbeitern mit Behinderung kann dann gelingen, wenn ihre Besonderheiten so berücksichtigt werden, dass sie sich gut in das Unternehmen einfügen und ihr volles Potenzial ausschöpfen können. Damit stellt die Beschäftigung von Menschen mit Behinderung nichts grundsätzlich Neues dar oder unterscheidet sich wesentlich von der Beschäftigung von Menschen ohne Behinderung. Schließlich ist es die Aufgabe jedes Arbeitsgebers, das Arbeitsumfeld und die Zusammenarbeit so zu gestalten, dass alle Mitarbeiter ihre optimale Leistung erbringen können.

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Ingrid Schieb: Das Hotel- und Gastgewerbe ist eine internationale Branche, die nicht nur von Gästen aus aller Welt lebt, sondern auch von der Vielfalt in der Belegschaft. Inklusion steht für Vielfalt und birgt damit zahlreiche Chancen, insbesondere für die Gewinnung von Mitarbeitern. In Zeiten des Fachkräftemangels rücken vorhandene und noch nicht ausgeschöpfte Potenziale auf dem Arbeitsmarkt in den Fokus. Menschen mit Behinderung als potenzielle Nachwuchskräfte werden deshalb für Arbeitgeber zunehmend wichtiger. Wenn Aufgaben so strukturiert werden, dass sie ihre Fähigkeiten und Stärken einsetzen können, vermögen sie unterschiedliche Tätigkeiten im Hotelbetrieb zu übernehmen.

Die Beschäftigung von Menschen mit Behinderung steigert darüber hinaus die soziale Kompetenz aller Mitarbeiter, fördert Teamarbeit und ermöglicht innovative und unkonventionelle Lösungen. Und natürlich wirkt sich die Aufgeschlossenheit gegenüber unterschiedlichen Talenten in der Belegschaft auch positiv in der Außenwahrnehmung eines Unternehmens aus. Inklusion ist also nicht nur sozial- und gesellschaftspolitisch wünschenswert, sondern ebenfalls betriebswirtschaftlich sinnvoll.

Warum werden diese Chancen Ihrer Meinung nach bisher noch nicht flächendeckend genutzt?

Menschen mit Behinderung werden oft als weniger leistungsfähig gesehen und als Belastung wahrgenommen. Manche Arbeitgeber sind sich unsicher, wie sie mit einem Menschen mit Beeinträchtigung umgehen sollen. Das erzeugt Bedenken und führt dazu, dass eine Beschäftigung gar nicht in Erwägung gezogen wird.

Doch diese Wahrnehmung basiert häufig auf falschen Annahmen und Unwissenheit. Dafür ist es notwendig, Vorurteile abzubauen und Bewusstsein zu schaffen. Genau hier wird das Inklusionshotel „einsmehr“ ansetzen und verdeutlichen, dass Menschen mit Behinderung zum Erfolg eines Unternehmens beitragen können.

Wie wollen Sie das Thema der Branche näherbringen?

Als Augsburgs erstes Inklusionshotel möchten wir zeigen, wie inklusive Strukturen auch in der Wirtschaft zum Erfolgsfaktor werden können und damit zum Nachmachen anregen. Inklusion näherbringen möchten wir aber nicht nur ab Hoteleröffnung im November 2020. Bereits vorher schaffen wir Begegnungs- und Erfahrungsmöglichkeiten. Betrieben im Hotel- und Gastgewerbe bieten wir die Möglichkeit, in einem unverbindlichen Praktikum das vorhandene Potenzial von jungen Menschen mit Behinderung als mögliche Nachwuchskräfte kennenzulernen. Ohne finanziellen Aufwand und mit pädagogischer Begleitung können sie Erfahrungen sammeln und Beschäftigungs-Möglichkeiten entdecken.

Mit welchen Partner-Hotels arbeiten Sie bereits zusammen und wie läuft es?

Bisher waren wir mit vielen interessierten Hotels in Augsburg und Umgebung im Austausch und konnten bereits erste Betriebe für eine Kooperation gewinnen, zum Beispiel das Patchworkhotel Alpenhof. Die Zusammenarbeit mit den Partner-Hotels umfasst vor allem intensiven Austausch. Vor und während der beruflichen Qualifizierung begleite, berate und unterstütze ich als Sozialpädagogin und Betriebswirtin die Hotelbetriebe. Zum aktuellen Zeitpunkt suchen wir noch Betriebe im Hotel- und Gastgewerbe, in denen die jungen Menschen mit Behinderung die Praxis kennenlernen dürfen.

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Von April bis Ende August werden insgesamt zwölf Nachwuchskräfte in den Bereichen Küche, Service und Housekeeping qualifiziert. Die Qualifizierung findet überwiegend in kooperierenden Betrieben aus dem Hotel- und Gastgewerbe in Augsburg und Umgebung statt. Dort erhalten die jungen Menschen mit Behinderung eine gezielte Vorbereitung auf den Berufsalltag. Ergänzend zu der betrieblichen Praxis werden sie an regelmäßig stattfindenden Qualifizierungstagen zu spezifischen Themen geschult. Zu den wichtigen Schulungsthemen zählen beispielsweise der grundlegende Aufbau und die Aufgaben eines Hotels, der Umgang mit Gästen sowie die Rolle als Arbeitnehmer.

Gibt es Bereiche, für die Mitarbeiter mit Einschränkungen nicht qualifiziert werden können?

Wir sind überzeugt, dass Menschen mit Behinderung in jedem Arbeitsbereich qualifiziert und eingesetzt werden können. Entscheidend ist, die Arbeit an die Menschen anzupassen und nicht die Menschen an die Arbeit. Ausgehend von ihren Fähigkeiten und Stärken gilt es die richtigen Aufgaben und Arbeitsbedingungen zu definieren. Im Rahmen der beruflichen Qualifizierung werden die zukünftigen Mitarbeiter in den Bereichen Küche, Service und Housekeeping qualifiziert. Auch hier sind wir überzeugt, dass eine Qualifizierung in jedem Bereich stattfinden kann. Demnach sehen wir Qualifizierungslehrgänge in weiteren Arbeitsbereichen als mögliche Zukunftsperspektive.

Auf was müssen sich interessierte Hotels einstellen bei der Beschäftigung von Mitarbeitern mit Einschränkungen?

Eine Beschäftigung von Mitarbeitern mit Behinderung kann dann gelingen, wenn ihre Besonderheiten so berücksichtigt werden, dass sie sich gut in das Unternehmen einfügen und ihr volles Potenzial ausschöpfen können. Damit stellt die Beschäftigung von Menschen mit Behinderung nichts grundsätzlich Neues dar oder unterscheidet sich wesentlich von der Beschäftigung von Menschen ohne Behinderung. Schließlich ist es die Aufgabe jedes Arbeitsgebers, das Arbeitsumfeld und die Zusammenarbeit so zu gestalten, dass alle Mitarbeiter ihre optimale Leistung erbringen können.

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