Kommentar der Woche von Ulrich Pfaffenberger

Kommentar: Warum Bargeld den Einzelhandel schützt

Das ehemalige Woolworth-Gebäude in der Augsburger Innenstadt. Foto: B4B SCHWABEN

Die wieder einmal kursierende Idee, Münzen und Scheine abzuschaffen, führt in die Irre. Unternehmen und Verbraucher sind gut beraten, dagegen auf die Barrikaden zu gehen.

Sie erinnern sich vielleicht an die Szene aus dem Klassiker „Die Glenn Miller Story“: Der Bandleader kommt nach Hause und Ehefrau Helen überrascht ihn mit einem neuen Auto. Auf die verwunderte Frage, womit sie das denn bezahlt habe, lächelt diese und sagt: „Mit dem Kleingeld, das ich Dir jeden Abend aus der Hosentasche genommen habe…“

Seit die Schweden angekündigt haben, künftig ganz auf Bargeld verzichten zu wollen, und der Wirtschaftsweise Peter Bofinger prompt ins gleiche Horn gestoßen hat, kochen die Emotionen hoch. Wie bei vielen anderen liebgewordenen Traditionen auch, die im Zuge von Globalisierung, Europäisierung, Digitalisierung und Automatisierung schon von der Bildfläche verschwunden sind, wehren sich die potentiell Betroffenen mit Vehemenz.

Und sie haben Recht, dies zu tun. Allen voran sollte die Wirtschaft, insbesondere der Einzelhandel, sich dem Protest anschließen. Warum? Weil dieser Vorschlag den Giganten am Markt in die Hände spielt und den Kleinen und Spezialisierten an die Substanz gehen wird. Mag auch heute schon der eine oder andere darüber klagen, dass die Sicherung und der Transport von Bargeld zu hohe Kosten verursachen, so ist doch auch klar, dass bargeldlos auch nicht kostenlos sein wird.

Viel kritischer ist ein anderer Aspekt zu sehen: Wer die (Bezahl-)Daten hat, hat die Macht. Da sich dieses Datenvolumen auf wenige Dienstleister konzentrieren wird, bekommen diese einen beherrschenden Zugang zu Kundeninformationen – und die anderen müssen sich mit Brosamen begnügen oder kräftig für die Teilhabe am Wissen blechen.

Es geht aber auch um die Kultur im Umgang mit Geld. Denken Sie zunächst, wie ich, an den Spontankauf an der Eisdiele, die schnelle Fischsemmel auf dem Jahrmarkt oder den Schokoriegel aus dem Automaten am Bahnsteig? Nun ja, das ließe sich sicher irgendwie bargeld- und kontaktlos noch darstellen. Die Kassensysteme in den Bundesligastadien machen es ja schon vor, wie’s geht. Aber was ist mit dem Euro für den Bettler an der Straßenecke? Was mit der kleinen Opferkerze vor Maria Knotenlöserin? Mit der spontanen Belohnung für den rasenmähenden Neffen?

Mal ganz abgesehen von Datenschutz und Datensicherheit sowie informationeller Selbstbestimmung: Die Abschaffung des Bargelds bedeutet einen massiven Eingriff in die Freiheit jedes einzelnen. Unmündige Kinder, die keine Bezahlkarten und dergleichen nutzen dürfen, wären buchstäblich mittellos, soziale Randgruppen ohne Kontoverbindung ebenfalls. Wollen wir das? Der Verdacht drängt sich auf, dass die letzte Verknüpfung des Begriffs „Sparen“ mit greifbaren Werten gekappt werden soll...

Zudem eine weitere Gefahr im Raum steht: Geld, das nicht sichtbar ist, wird abstrakt, eine Zahl auf dem Display. Das Bewusstsein für „es wird knapp“ wird schwinden. Wir brauchen nur einen Blick in die Schuldnerberatungen – und in die Zentralbanken und Börsensäle – zu werfen, um die wuchernden Folgen von verzocktem virtuellem Geld zu sehen.

Die Argumente gegen das Bargeld, die sich auf den Kampf gegen Schwarzarbeit, Geldwäsche und andere Straftaten berufen, mögen wohlfeil sein. Die Eliminierung von Münzen und Scheinen jedoch ist der falsche Weg, um diesen Kampf zu führen.

von Ulrich Pfaffenberger

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Das ehemalige Woolworth-Gebäude in der Augsburger Innenstadt. Foto: B4B SCHWABEN

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Sie erinnern sich vielleicht an die Szene aus dem Klassiker „Die Glenn Miller Story“: Der Bandleader kommt nach Hause und Ehefrau Helen überrascht ihn mit einem neuen Auto. Auf die verwunderte Frage, womit sie das denn bezahlt habe, lächelt diese und sagt: „Mit dem Kleingeld, das ich Dir jeden Abend aus der Hosentasche genommen habe…“

Seit die Schweden angekündigt haben, künftig ganz auf Bargeld verzichten zu wollen, und der Wirtschaftsweise Peter Bofinger prompt ins gleiche Horn gestoßen hat, kochen die Emotionen hoch. Wie bei vielen anderen liebgewordenen Traditionen auch, die im Zuge von Globalisierung, Europäisierung, Digitalisierung und Automatisierung schon von der Bildfläche verschwunden sind, wehren sich die potentiell Betroffenen mit Vehemenz.

Und sie haben Recht, dies zu tun. Allen voran sollte die Wirtschaft, insbesondere der Einzelhandel, sich dem Protest anschließen. Warum? Weil dieser Vorschlag den Giganten am Markt in die Hände spielt und den Kleinen und Spezialisierten an die Substanz gehen wird. Mag auch heute schon der eine oder andere darüber klagen, dass die Sicherung und der Transport von Bargeld zu hohe Kosten verursachen, so ist doch auch klar, dass bargeldlos auch nicht kostenlos sein wird.

Viel kritischer ist ein anderer Aspekt zu sehen: Wer die (Bezahl-)Daten hat, hat die Macht. Da sich dieses Datenvolumen auf wenige Dienstleister konzentrieren wird, bekommen diese einen beherrschenden Zugang zu Kundeninformationen – und die anderen müssen sich mit Brosamen begnügen oder kräftig für die Teilhabe am Wissen blechen.

Es geht aber auch um die Kultur im Umgang mit Geld. Denken Sie zunächst, wie ich, an den Spontankauf an der Eisdiele, die schnelle Fischsemmel auf dem Jahrmarkt oder den Schokoriegel aus dem Automaten am Bahnsteig? Nun ja, das ließe sich sicher irgendwie bargeld- und kontaktlos noch darstellen. Die Kassensysteme in den Bundesligastadien machen es ja schon vor, wie’s geht. Aber was ist mit dem Euro für den Bettler an der Straßenecke? Was mit der kleinen Opferkerze vor Maria Knotenlöserin? Mit der spontanen Belohnung für den rasenmähenden Neffen?

Mal ganz abgesehen von Datenschutz und Datensicherheit sowie informationeller Selbstbestimmung: Die Abschaffung des Bargelds bedeutet einen massiven Eingriff in die Freiheit jedes einzelnen. Unmündige Kinder, die keine Bezahlkarten und dergleichen nutzen dürfen, wären buchstäblich mittellos, soziale Randgruppen ohne Kontoverbindung ebenfalls. Wollen wir das? Der Verdacht drängt sich auf, dass die letzte Verknüpfung des Begriffs „Sparen“ mit greifbaren Werten gekappt werden soll...

Zudem eine weitere Gefahr im Raum steht: Geld, das nicht sichtbar ist, wird abstrakt, eine Zahl auf dem Display. Das Bewusstsein für „es wird knapp“ wird schwinden. Wir brauchen nur einen Blick in die Schuldnerberatungen – und in die Zentralbanken und Börsensäle – zu werfen, um die wuchernden Folgen von verzocktem virtuellem Geld zu sehen.

Die Argumente gegen das Bargeld, die sich auf den Kampf gegen Schwarzarbeit, Geldwäsche und andere Straftaten berufen, mögen wohlfeil sein. Die Eliminierung von Münzen und Scheinen jedoch ist der falsche Weg, um diesen Kampf zu führen.

von Ulrich Pfaffenberger

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