The World’s Originals

Kaffee-Startup: „Fair Trade Siegel sind mehr Lifestyle als Lösung“

Peter Woerle (l.) und Sven Rosenthal (r.) in Kolumbien. Foto: Linusto GmbH
Bio und Fair Trade Siegel kennt wohl jeder. Doch faire Wertschöpfung sieht für Sven Rosenthal und Peter Woerle anders aus. Mit „The World’s Originals“ wollen die Gründer das ändern. So soll Kolumbianischer Kaffee die Welt aufwecken.

B4B WIRTSCHAFTSLEBEN SCHWABEN: Kaffee aus Kolumbien: Was ist daran neu?

Sven Rosenthal: Man sieht heute in Europa durch Massenproduktion und Industrialisierung des Handelsprozesses einfach nur Arabica oder eben Robusta im Regal. Das liegt daran, dass aufgrund des Mischens bei den großen Exportgesellschaften nicht mehr nachvollziehbar ist, um welche Bohne es sich handelt. Durch unser Konzept werden Bauern zu Unternehmern und nicht nur für den Rohstoff bezahlt. Unsere Kaffees werden zu Hause auf der Farm der Familie komplett produziert, also auch geröstet, sortiert und verpackt. Dadurch gelingt es uns die Bohne genau zu tracken und zu spezifizieren. Wir erhalten also sortenreinen Kaffee.

Sind die Kaffee-Bauern nicht heute schon Unternehmer?

Kaffee wird nahezu ausschließlich als Rohmaterial nach Europa verschickt. Der Bauer wirft den Sack mit rohen Kaffeebohnen auf den Truck der Kooperationspartner und bekommt je nach Gewicht einen Geldbetrag. Damit sind die Bauern reine Rohstoffhändler und werden in Europa als wirtschaftliche Akteure nicht ernst genommen. Nachhaltige Wirtschaftsförderung: Fehlanzeige. Unser Ziel ist es, Bauern-Familien vor Ort volle „Ownership“ und damit wirtschaftliche Ermächtigung, Kontrolle und Entscheidungsmacht mit eigener Marke und Firma zu geben. Hierdurch werden sie unabhängig vom Rohstoffpreis und können den Preis aktiv mitgestalten.

Wo in dieser Kette operiert ihr?

Wir betreiben Entwicklungsförderung und wollen Kleinunternehmertum mit voller Verankerung im Ursprungsland schaffen. Zudem ermöglichen wir den Farmern alle Services rund um den Vertrieb sowie die Logistik. So verhelfen wir ihnen dazu, ihre Originalprodukte zu verkaufen. Daher stammt auch unser Name „The World’s Originals“: wir wollen die Originale dieser Welt nach Europa bringen. Das Konzept dazu haben wir „Faire Wertschöpfung“ getauft.

Ist das nicht dasselbe wie Fair Trade?

Fair Trade macht den Bauern zwar etwas unabhängiger vom Rohstoffpreis und gibt eine gewisse Preissicherheit, ändert aber nichts am Prozess und an der volkswirtschaftlichen Entwicklung. Der Bauer bleibt reiner Rohstoffproduzent. Fair Trade und sonstige Siegel sind mittlerweile mehr Lifestyle als Lösung und helfen auch nach Gesprächen mit den Bauern nicht wirklich vor Ort – zumindest nicht nachhaltig. Daher haben wir uns entschieden, nicht als Fairtrade-Produkt aufzutreten. Dieses System ist für uns überholt, wir möchten aber gerne den gut gemeinten Ansatz fortführen und ausbauen. Wir müssen anfangen, Wertschöpfung neu zu denken anstatt nur Handel „etwas fairer“ zu machen.

Wie schwer ist es als Startup in die Lebensmittelbranche einzusteigen?

Die Lebensmittelbranche gehört zu den am härtesten umkämpften Branchen in Deutschland. Daher muss genau abgewogen werden, wie man hier als Startup einsteigen möchte. Für uns persönlich war dieser Schritt mit vielen Hürden verbunden, bis wir den ersten Prototyp unseres Produkts nach Deutschland schicken konnten. Hygienezertifikate unserer Produzenten in Kolumbien mussten auf europäische Standards geprüft und angepasst werden. Zudem war die Koordinierung unseres Logistikprozesses sehr zeitaufwendig, teuer und komplex.

Mit Kolumbien sprechen wir hier zudem über ein Land mit extrem hoher politischer Unsicherheit und einer langen Vorgeschichte an Drogenkriminalität. Einen standardisierten Prozess um ein fertiges Lebensmittelprodukt nach Deutschland zu verschicken gibt es quasi nicht. Wir haben gut 1,5 Jahre gebraucht, um all diese Aspekte erfolgreich in ein Konzept zu bringen.

Jetzt steht die nächste Herausforderung an: Das neue Konzept in die Köpfe der Leute in Deutschland bringen. Wir wollen die Menschen überzeugen, dass unser Ansatz der deutlich Nachhaltigere ist.

Um die Ware vor Ort zu prüfen bedarf es sicher viel Reisezeit – hat man die überhaupt als junges Unternehmen?

Über Whatsapp-Telefonate und Voice Message funktioniert das eigentlich ganz gut. In einer globalisierten Welt hat das Internet ja auch die letzten Teile der Welt erreicht. Aber es ist natürlich sehr wichtig oft vor Ort zu sein, um Vertrauen zu bilden mit der Familie, Freunden, Mitarbeitern und dem ganzen Dorf. Erst wenn Vertrauen aufgebaut ist, geben sie die wirklichen Probleme preis, teilweise auch unter Tränen. Uns ist es wichtig das Thema zu verstehen, deswegen geben wir auch sehr viel unserer ersten Gewinne für Reisen vor Ort aus.

Ihr habt einen Standort hier in Augsburg, dein Geschäftspartner sitzt in der Schweiz. Wie funktioniert das?

Natürlich macht es unsere Firma und unser Vorhaben nochmal einen gewissen Grad komplexer, dass wir an zwei verschiedenen Standorten arbeiten und leben – wir haben es aber so deutlich leichter, sehr bald auch in den für uns interessanten Schweizer Markt zu starten. Augsburg wiederum ermöglicht es uns durch Events wie „Augsburg gründet!“ interessante Kontakte in die Startup-Welt zu knüpfen und Erfahrungen auszutauschen. Dies hilft uns unheimlich bei der Weiterentwicklung unseres Konzepts.

Welche Ziele habt ihr euch für The World’s Originals langfristig gesetzt?

Wir wollen mit The World's Originals mit gutem Beispiel vorangehen und mit dem neuartigen Ansatz ein Umdenken in der Gesellschaft erreichen. Die Produktion im Ursprungsland ist unserer Meinung nach der nachhaltigste Weg, um eine faire Globalisierung voranzutreiben. Langfristig wollen wir daher noch vielen weiteren Bauernfamilien in diversen Ländern helfen und deren Produkte hier zugänglich machen. Wir möchten eine Community auf beiden Seiten – der Zulieferer und Konsumenten – aufbauen und durch den Austausch zu einer verbesserten globalen Verständigung beitragen.

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Sven Rosenthal: Man sieht heute in Europa durch Massenproduktion und Industrialisierung des Handelsprozesses einfach nur Arabica oder eben Robusta im Regal. Das liegt daran, dass aufgrund des Mischens bei den großen Exportgesellschaften nicht mehr nachvollziehbar ist, um welche Bohne es sich handelt. Durch unser Konzept werden Bauern zu Unternehmern und nicht nur für den Rohstoff bezahlt. Unsere Kaffees werden zu Hause auf der Farm der Familie komplett produziert, also auch geröstet, sortiert und verpackt. Dadurch gelingt es uns die Bohne genau zu tracken und zu spezifizieren. Wir erhalten also sortenreinen Kaffee.

Sind die Kaffee-Bauern nicht heute schon Unternehmer?

Kaffee wird nahezu ausschließlich als Rohmaterial nach Europa verschickt. Der Bauer wirft den Sack mit rohen Kaffeebohnen auf den Truck der Kooperationspartner und bekommt je nach Gewicht einen Geldbetrag. Damit sind die Bauern reine Rohstoffhändler und werden in Europa als wirtschaftliche Akteure nicht ernst genommen. Nachhaltige Wirtschaftsförderung: Fehlanzeige. Unser Ziel ist es, Bauern-Familien vor Ort volle „Ownership“ und damit wirtschaftliche Ermächtigung, Kontrolle und Entscheidungsmacht mit eigener Marke und Firma zu geben. Hierdurch werden sie unabhängig vom Rohstoffpreis und können den Preis aktiv mitgestalten.

Wo in dieser Kette operiert ihr?

Wir betreiben Entwicklungsförderung und wollen Kleinunternehmertum mit voller Verankerung im Ursprungsland schaffen. Zudem ermöglichen wir den Farmern alle Services rund um den Vertrieb sowie die Logistik. So verhelfen wir ihnen dazu, ihre Originalprodukte zu verkaufen. Daher stammt auch unser Name „The World’s Originals“: wir wollen die Originale dieser Welt nach Europa bringen. Das Konzept dazu haben wir „Faire Wertschöpfung“ getauft.

Ist das nicht dasselbe wie Fair Trade?

Fair Trade macht den Bauern zwar etwas unabhängiger vom Rohstoffpreis und gibt eine gewisse Preissicherheit, ändert aber nichts am Prozess und an der volkswirtschaftlichen Entwicklung. Der Bauer bleibt reiner Rohstoffproduzent. Fair Trade und sonstige Siegel sind mittlerweile mehr Lifestyle als Lösung und helfen auch nach Gesprächen mit den Bauern nicht wirklich vor Ort – zumindest nicht nachhaltig. Daher haben wir uns entschieden, nicht als Fairtrade-Produkt aufzutreten. Dieses System ist für uns überholt, wir möchten aber gerne den gut gemeinten Ansatz fortführen und ausbauen. Wir müssen anfangen, Wertschöpfung neu zu denken anstatt nur Handel „etwas fairer“ zu machen.

Wie schwer ist es als Startup in die Lebensmittelbranche einzusteigen?

Die Lebensmittelbranche gehört zu den am härtesten umkämpften Branchen in Deutschland. Daher muss genau abgewogen werden, wie man hier als Startup einsteigen möchte. Für uns persönlich war dieser Schritt mit vielen Hürden verbunden, bis wir den ersten Prototyp unseres Produkts nach Deutschland schicken konnten. Hygienezertifikate unserer Produzenten in Kolumbien mussten auf europäische Standards geprüft und angepasst werden. Zudem war die Koordinierung unseres Logistikprozesses sehr zeitaufwendig, teuer und komplex.

Mit Kolumbien sprechen wir hier zudem über ein Land mit extrem hoher politischer Unsicherheit und einer langen Vorgeschichte an Drogenkriminalität. Einen standardisierten Prozess um ein fertiges Lebensmittelprodukt nach Deutschland zu verschicken gibt es quasi nicht. Wir haben gut 1,5 Jahre gebraucht, um all diese Aspekte erfolgreich in ein Konzept zu bringen.

Jetzt steht die nächste Herausforderung an: Das neue Konzept in die Köpfe der Leute in Deutschland bringen. Wir wollen die Menschen überzeugen, dass unser Ansatz der deutlich Nachhaltigere ist.

Um die Ware vor Ort zu prüfen bedarf es sicher viel Reisezeit – hat man die überhaupt als junges Unternehmen?

Über Whatsapp-Telefonate und Voice Message funktioniert das eigentlich ganz gut. In einer globalisierten Welt hat das Internet ja auch die letzten Teile der Welt erreicht. Aber es ist natürlich sehr wichtig oft vor Ort zu sein, um Vertrauen zu bilden mit der Familie, Freunden, Mitarbeitern und dem ganzen Dorf. Erst wenn Vertrauen aufgebaut ist, geben sie die wirklichen Probleme preis, teilweise auch unter Tränen. Uns ist es wichtig das Thema zu verstehen, deswegen geben wir auch sehr viel unserer ersten Gewinne für Reisen vor Ort aus.

Ihr habt einen Standort hier in Augsburg, dein Geschäftspartner sitzt in der Schweiz. Wie funktioniert das?

Natürlich macht es unsere Firma und unser Vorhaben nochmal einen gewissen Grad komplexer, dass wir an zwei verschiedenen Standorten arbeiten und leben – wir haben es aber so deutlich leichter, sehr bald auch in den für uns interessanten Schweizer Markt zu starten. Augsburg wiederum ermöglicht es uns durch Events wie „Augsburg gründet!“ interessante Kontakte in die Startup-Welt zu knüpfen und Erfahrungen auszutauschen. Dies hilft uns unheimlich bei der Weiterentwicklung unseres Konzepts.

Welche Ziele habt ihr euch für The World’s Originals langfristig gesetzt?

Wir wollen mit The World's Originals mit gutem Beispiel vorangehen und mit dem neuartigen Ansatz ein Umdenken in der Gesellschaft erreichen. Die Produktion im Ursprungsland ist unserer Meinung nach der nachhaltigste Weg, um eine faire Globalisierung voranzutreiben. Langfristig wollen wir daher noch vielen weiteren Bauernfamilien in diversen Ländern helfen und deren Produkte hier zugänglich machen. Wir möchten eine Community auf beiden Seiten – der Zulieferer und Konsumenten – aufbauen und durch den Austausch zu einer verbesserten globalen Verständigung beitragen.

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