Deutsche Bank AG

Interview: „Unsicherheit ist immer schlecht für die Börsen“

Dr. Ulrich Stephan, Chef-Anlagestratege. Foto: Deutsche Bank
Max Drexler, Filialdirektor Augsburg, mit Dr. Ulrich Stephan, Chef-Anlagestratege. Foto: Deutsche Bank Augsburg
Deutsche Bank Augsburg. Foto: B4B WIRTSCHAFTSLEBEN SCHWABEN

„Kapitalmärkte 2016 – wie geht es weiter?“ Dies war das Thema des Referenten Dr. Ulrich Stephan am 14. Juni. Im Steigenberger Hotel Drei Mohren in Augsburg zeigte der Chef-Anlagestratege der Deutschen Bank verschiedene Chancen und Risiken auf. Im Interview mit B4B WIRTSCHAFTSLEBEN SCHWABEN verrät Dr. Stephan zudem wichtige Tipps für Anleger.

B4B WIRTSCHAFTSLEBEN SCHWABEN: Herr Dr. Stephan, nach mehrjähriger positiver Entwicklung sind die Aktienmärkte zunächst sehr schwach ins Jahr 2016 gestartet. Was waren die Gründe dafür?

Dr. Ulrich Stephan: Wir haben immer gesagt, dass 2016 kein einfaches Börsenjahr wird. Aber dass der Start ins Jahr derart missglückt, hat mich überrascht. Denn wie sich zeigt, ist die Lage besser als die Stimmung. Deswegen haben wir bereits im zweiten Quartal wieder eine Erholung an den Märkten gesehen. In China scheint inzwischen der Konjunkturstimulus zu wirken, in Amerika läuft der Arbeitsmarkt alles in allem ok und der Ölpreis ist in den vergangenen Monaten erstaunlich robust. Es kann aber natürlich jederzeit wieder einen Schock geben. Leider gibt es genug Themen auf der Welt, die für weitere Unruhe sorgen können.

Euro-Krise, Ukraine-Krise, Flüchtlings-Krise: Der Gemeinsinn in Europa war schon stärker. Wie wirkt sich dies auf das Anlage-Geschäft aus?

Unsicherheit ist immer schlecht für die Börsen. Die globalen Aktienmärkte waren insbesondere in den vergangenen Wochen von größeren Schwankungen geprägt und auch die Rentenmärkte spiegeln die unischere Lage wider. Das dürfte auch noch eine Weile anhalten. Neben den politischen Unwägbarkeiten gelten insbesondere das schwache Wirtschaftswachstum und die weltweit schwache Gewinnentwicklung der Unternehmen als die größten Sorgenkinder.

Auf dem Sparbuch oder Tagesgeldkonto lässt sich keine rentable Verzinsung mehr erzielen. Ich gehe davon aus, dass der Zins auch noch eine lange Zeit extrem niedrig bleiben wird. Das wirkt sich auf das Verhalten aus: Wir nehmen derzeit wahr, dass die Menschen zwar einerseits mehr sparen, andererseits sich aber auch etwas gönnen wollen und mehr konsumieren.

Am 23. Juni stimmen die Briten über einen möglichen Brexit ab. Welche Folgen hätte dieser für die Anleger?

Mit Sicherheit würde dies zu weiteren Ausschlägen an den globalen Märkten führen und das Britische Pfund abwerten. Mit einem knappen Sieg der EU-Befürworter, auf den ich beim Referendum hoffe, könnte aber zumindest dieses Risiko entschärft werden. Noch aber ist nichts in trockenen Tüchern.

Wer auf Nummer sicher gehen möchte, für den sind Staatsanleihen mit einer hohen Bonität trotz der niedrigen Rendite sicherlich eine Alternative. Auch 10-jährige Bundesanleihen mit ihren mittlerweile negativen Zinsen und Unternehmensanleihen mit einer besseren Bonität sowie Dividendenaktien bieten eine gute Diversifikationsmöglichkeit. Es ist sicherlich auch vernünftig, nicht alles in Euro anzulegen.

Zu guter Letzt: Wie wird es mit den Kapitalmärkten 2016 weitergehen? Haben Sie Tipps für unsere Leser?

Grundsätzlich kommt es natürlich auf die individuellen Ziele und Wünsche an – und auf die finanziellen Möglichkeiten. Wenn man etwas Zeit und Risikoaffinität mitbringt, sollte man eher auf den Kapitalmarkt schauen als auf das Sparbuch. Ich würde dabei breit streuen, denn keiner weiß, was morgen passiert.

Im Anleihenbereich würde ich einen Schwerpunkt auf Unternehmensanleihen legen. Aufgrund der größeren Stabilität und in der Erwartung eines stärkeren US-Dollar bevorzugen wir bei Aktien momentan die USA. Die Bewertungen sind zwar etwas höher, aber auch die Gewinnsituation scheint robuster. Technologie-Aktien gehören zu meinen Favoriten in Amerika, auch der Health Care-Sektor scheint interessant.

In Europa sind vor allem zyklische Werte nicht teuer. In Asien ist sicherlich das Wachstum immer noch am höchsten. Daran wollen wir insbesondere in Indien, Hongkong und Japan partizipieren. Generell würde ich aber auch an Absicherungsstrategien denken, denn es ist weiterhin – vor allem über die Sommermonate – mit relativ starken Ausschlägen an den weltweiten Märkten zu rechnen.

Das Interview führte Rebecca Weingarten

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Dr. Ulrich Stephan, Chef-Anlagestratege. Foto: Deutsche Bank
Max Drexler, Filialdirektor Augsburg, mit Dr. Ulrich Stephan, Chef-Anlagestratege. Foto: Deutsche Bank Augsburg
Deutsche Bank Augsburg. Foto: B4B WIRTSCHAFTSLEBEN SCHWABEN

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B4B WIRTSCHAFTSLEBEN SCHWABEN: Herr Dr. Stephan, nach mehrjähriger positiver Entwicklung sind die Aktienmärkte zunächst sehr schwach ins Jahr 2016 gestartet. Was waren die Gründe dafür?

Dr. Ulrich Stephan: Wir haben immer gesagt, dass 2016 kein einfaches Börsenjahr wird. Aber dass der Start ins Jahr derart missglückt, hat mich überrascht. Denn wie sich zeigt, ist die Lage besser als die Stimmung. Deswegen haben wir bereits im zweiten Quartal wieder eine Erholung an den Märkten gesehen. In China scheint inzwischen der Konjunkturstimulus zu wirken, in Amerika läuft der Arbeitsmarkt alles in allem ok und der Ölpreis ist in den vergangenen Monaten erstaunlich robust. Es kann aber natürlich jederzeit wieder einen Schock geben. Leider gibt es genug Themen auf der Welt, die für weitere Unruhe sorgen können.

Euro-Krise, Ukraine-Krise, Flüchtlings-Krise: Der Gemeinsinn in Europa war schon stärker. Wie wirkt sich dies auf das Anlage-Geschäft aus?

Unsicherheit ist immer schlecht für die Börsen. Die globalen Aktienmärkte waren insbesondere in den vergangenen Wochen von größeren Schwankungen geprägt und auch die Rentenmärkte spiegeln die unischere Lage wider. Das dürfte auch noch eine Weile anhalten. Neben den politischen Unwägbarkeiten gelten insbesondere das schwache Wirtschaftswachstum und die weltweit schwache Gewinnentwicklung der Unternehmen als die größten Sorgenkinder.

Auf dem Sparbuch oder Tagesgeldkonto lässt sich keine rentable Verzinsung mehr erzielen. Ich gehe davon aus, dass der Zins auch noch eine lange Zeit extrem niedrig bleiben wird. Das wirkt sich auf das Verhalten aus: Wir nehmen derzeit wahr, dass die Menschen zwar einerseits mehr sparen, andererseits sich aber auch etwas gönnen wollen und mehr konsumieren.

Am 23. Juni stimmen die Briten über einen möglichen Brexit ab. Welche Folgen hätte dieser für die Anleger?

Mit Sicherheit würde dies zu weiteren Ausschlägen an den globalen Märkten führen und das Britische Pfund abwerten. Mit einem knappen Sieg der EU-Befürworter, auf den ich beim Referendum hoffe, könnte aber zumindest dieses Risiko entschärft werden. Noch aber ist nichts in trockenen Tüchern.

Wer auf Nummer sicher gehen möchte, für den sind Staatsanleihen mit einer hohen Bonität trotz der niedrigen Rendite sicherlich eine Alternative. Auch 10-jährige Bundesanleihen mit ihren mittlerweile negativen Zinsen und Unternehmensanleihen mit einer besseren Bonität sowie Dividendenaktien bieten eine gute Diversifikationsmöglichkeit. Es ist sicherlich auch vernünftig, nicht alles in Euro anzulegen.

Zu guter Letzt: Wie wird es mit den Kapitalmärkten 2016 weitergehen? Haben Sie Tipps für unsere Leser?

Grundsätzlich kommt es natürlich auf die individuellen Ziele und Wünsche an – und auf die finanziellen Möglichkeiten. Wenn man etwas Zeit und Risikoaffinität mitbringt, sollte man eher auf den Kapitalmarkt schauen als auf das Sparbuch. Ich würde dabei breit streuen, denn keiner weiß, was morgen passiert.

Im Anleihenbereich würde ich einen Schwerpunkt auf Unternehmensanleihen legen. Aufgrund der größeren Stabilität und in der Erwartung eines stärkeren US-Dollar bevorzugen wir bei Aktien momentan die USA. Die Bewertungen sind zwar etwas höher, aber auch die Gewinnsituation scheint robuster. Technologie-Aktien gehören zu meinen Favoriten in Amerika, auch der Health Care-Sektor scheint interessant.

In Europa sind vor allem zyklische Werte nicht teuer. In Asien ist sicherlich das Wachstum immer noch am höchsten. Daran wollen wir insbesondere in Indien, Hongkong und Japan partizipieren. Generell würde ich aber auch an Absicherungsstrategien denken, denn es ist weiterhin – vor allem über die Sommermonate – mit relativ starken Ausschlägen an den weltweiten Märkten zu rechnen.

Das Interview führte Rebecca Weingarten

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