
Holen Sie sich B4BSCHWABEN.de auf Ihr Smartphone.
Klicken Sie auf das Symbol zum „Teilen” in der Toolbar von Safari. Finden Sie die Option „Zum Home-Bildschirm”. Mit einem Klick auf „Hinzufügen” ist die Installation abgeschlossen! Schon ist die Website als App auf Ihrem iOS-Gerät installiert.
B4BSCHWABEN.de: Das GVZ zwischen Augsburg, Neusäß und Gersthofen gibt es seit Oktober 1996. Damals war dort noch Ackerland. Was ist hier entstanden?
Ralf Schmidtmann: Die Entwicklung war ein längerer Prozess. Zwischen 1996 und 2004 mussten die drei Kommunen einen Konsens finden und viele rechtliche und wirtschaftliche Voraussetzungen schaffen. Zwischen 2004 und 2010 wurden Erschließungsanlagen wie Straßen, Brücken und Grünanlagen im Wert von über 20 Millionen Euro gebaut. Seit 2010 haben wir rund 650.000 Quadratmeter gewerblich nutzbare Flächen vermarktet. Das war und ist nicht immer einfach, weil wir ein reines Sondergebiet für Logistik sind. Einzelhandel oder Handwerk dürfen wir nicht ansiedeln. Trotzdem hat sich das GVZ Augsburg wirtschaftlich sehr positiv entwickelt: Es ist heute in Süddeutschland ein echter Hotspot und auf der logistischen Landkarte Deutschlands angekommen.
Welche Unternehmen findet man im GVZ?
Wir haben uns für einen Branchenmix entschieden. Dazu gehören Kontraktlogistiker, also gewissermaßen die verlängerte Werkbank produzierender Unternehmen. Hinzu kommen Servicebereiche, etwa für Nutzfahrzeughersteller mit Vertriebs- und Werkstattangeboten, sowie Unternehmen aus der KEP-Branche – Kurier, Express und Paket. Ein wesentliches Segment ist zudem die Logistik rund um den kombinierten Verkehr und das künftige Umschlagterminal. Das kann nur dann wirtschaftlich und leistungsfähig arbeiten, wenn ergänzende Infrastruktur vorhanden ist: etwa ein Leercontainerdepot oder Unternehmen, die Vor- und Nachläufe organisieren.
Das neue Umschlagterminal soll Mitte 2027 in Betrieb gehen. Was entsteht dort?
Das ist ein Infrastrukturprojekt des Bundes mit einem Volumen von mehr als 100 Millionen Euro. Das Terminal soll Unternehmen in Augsburg und Region bis ins Allgäu wirtschaftliche Transportalternativen eröffnen. Nicht jede Ware, die in die Region kommt oder von hier exportiert wird, muss per Lkw transportiert werden. Mit dem kombinierten Verkehr erhalten Unternehmen eine zweite Möglichkeit: Die Ware kommt per Schiene an oder wird über die Schiene versandt, während die kurzen Vor- und Nachläufe mit dem Lkw erfolgen. Perspektivisch schafft das Terminal für die Wirtschaftsregion enorme Alternativen, um Verkehre wirtschaftlicher und resilienter abzuwickeln.
In Augsburg-Oberhausen gibt es bereits ein Umschlagterminal. Warum braucht es einen neuen?
Das Umschlagterminal in Oberhausen war schon 1996 zu klein und wirtschaftlich nicht tragfähig. Die DB war Mitinitiator, neben den schon damals wichtigen Logistikbetrieben. Beides führte letztlich zum heutigen GVZ und dem Bedarf an Schiene und Logistikfläche. Die Kapazität des neuen Terminals ist mit jährlich 62.000 Ladeeinheiten dreimal größer als in Augsburg-Oberhausen. Heute ist das Umschlagterminal aus drei Gründen wichtig: Erstens wegen des Brennerbasistunnels. Darüber soll einmal deutlich mehr Güterverkehr über die Schiene abgewickelt werden, um den Brenner auf der Straße zu entlasten. Dafür braucht es leistungsfähige Terminals, an denen Ladung vom Lkw auf die Schiene wechseln kann. Augsburg kann dabei ein Baustein sein: direkt oder indem andere Verkehrsströme übernommen werden.
Zweitens ist das Allgäu eine ausgesprochen produktionsstarke Region. Viele Unternehmen fahren ihre Container heute nach München. Wenn diese Verkehre künftig über Augsburg abgewickelt werden können, ergeben sich wirtschaftliche Vorteile und kürzere Wege. Der dritte Punkt ist unser politischer Auftrag: Wir wollen Unternehmen und Spediteure dazu bewegen, Verkehre auf der Langstrecke vom Lkw auf die Schiene zu verlagern.
Lesen Sie auch:„Logistik Voraussetzung für Wirtschaftsstandort“: Das GVZ Augsburg
Warum ist das so wichtig?
Weil es alternativlos ist. Die Autobahnen sind voll, es fehlen Fahrer. Technische Assistenzsysteme können diesen Mangel nicht ausgleichen. Gleichzeitig besteht ein erheblicher Investitionsstau bei der Straßeninfrastruktur. Für Langstrecken und kontinentale Verkehre gibt es mit dem kombinierten Verkehr eine ökologisch und ökonomisch sinnvolle Alternative zum reinen Lkw-Transport.
Auf der Schiene gibt es ebenfalls Engpässe, Baustellen und Verspätungen. Ist überhaupt Platz für zusätzliche Güterzüge?
Es ist ausreichend Platz da, aber es wird enger. Dafür braucht es eine gute Taktung, eine konsequente Umsetzung und mehr Verlässlichkeit. Die Bundesrepublik und die Deutsche Bahn sind aus meiner Sicht auf einem guten Weg, dafür die Voraussetzungen zu schaffen. Wir müssen aber auch klar machen: Güterverkehr darf dabei nicht immer nur an dritter Stelle nach dem Fern- und Regionalverkehr stehen. Ohne funktionierende Warenströme hilft alles nichts. Das hat sich jetzt bei Niedrigwasser gezeigt: Wenn die Schifffahrt ausfällt, braucht es einen reaktionsfähigen kombinierten Verkehr, der solche Ausfälle auffangen kann. Sonst gerät der Wirtschaftsstandort Deutschland erheblich unter Druck.
Die Neubaustrecke Ulm–Augsburg wird sich wegen fehlender Finanzierung weiter verzögern. Was bedeutet das für das Logistikdreieck Augsburg, Neusäß und Gersthofen?
Große Teile der Transporte zu den Nordseehäfen wie in Hamburg, Bremen, Bremerhaven oder Wilhelmshaven laufen über Relationen außerhalb dieses Korridors. Natürlich ist jede neue Strecke auch für den Güterverkehr wichtig. Aber das System in Augsburg wird auch ohne eine kurzfristige Umsetzung dieser Strecke funktionieren.
Zunächst ging es um die Erschließung mit rund 20 Millionen Euro für Straßen, Brücken und weitere Infrastruktur. Danach folgten die Grundstücksverkäufe und die Immobilien, die dort errichtet wurden. Allein dadurch bewegt sich die Wertschöpfung inzwischen in Richtung einer halben Milliarde Euro. Neusäß, Augsburg und Gersthofen profitieren bereits heute durch Grund- und Gewerbesteuer im siebenstelligen Bereich. Das Potenzial ist damit noch lange nicht ausgeschöpft.
Ein kombiniertes Verkehrsterminal ist genauso wie Fachkräfte, Universitäten oder ein Messezentrum ein wichtiger Standortfaktor. Für bestimmte Unternehmen ist es sehr relevant, Warenströme verlässlich und im wahrsten Sinne des Wortes mehrgleisig absichern zu können. Das Terminal kann Unternehmen einen zusätzlichen Standortvorteil bieten: wirtschaftliche Vorteile, resilientere Lieferketten und eine leistungsfähige Infrastruktur direkt vor der Tür. Das kann bei Ansiedlungs- oder Investitionsentscheidungen eine Rolle spielen.
Das GVZ wird von Augsburg, Gersthofen und Neusäß gemeinsam betrieben. Wie funktioniert diese interkommunale Zusammenarbeit?
Das ist tatsächlich etwas Besonderes. Die drei Kommunen unterscheiden sich deutlich in ihrer Größe, begegnen sich beim GVZ aber auf Augenhöhe. Seit ich 2011 mit ihnen zusammenarbeite, erlebe ich eine große Einstimmigkeit bei Entscheidungen. Die Ausgaben und Einnahmen werden gedrittelt, unabhängig davon, welche Kommune welche Fläche oder Einwohnerzahl hat. Am Ende profitieren alle gleichermaßen.
Wo sehen Sie für die kommenden Jahre noch Potenzial für das GVZ?
Die wichtigste Aufgabe ist, das Niveau quantitativ und qualitativ zu halten. Wir müssen die logistische Infrastruktur sichern und weiterentwickeln, damit es keinen Trading-down-Effekt gibt. Logistik muss ihren Beitrag leisten, den Standort insgesamt zu stärken. Dazu gehört auch, der Politik und den Bürgerinnen und Bürgern die Bedeutung der Logistik zu vermitteln: Logistik ist mehr, als Ware von A nach B zu bringen. Zugleich möchten wir künftig stärker als Logistikagentur auftreten. Wir wollen keine Beratungsagentur sein, aber eine Einstiegshilfe, um interessierte Unternehmen mit den passenden Akteuren zusammenzubringen und zu zeigen, welche Möglichkeiten es gibt. Wir wollen, dass produzierende Unternehmen künftig mit ihren Spediteuren darüber sprechen, welche Möglichkeiten es neben dem reinen Lkw-Transport gibt. Das klare Ziel bleibt, möglichst viele Waren von der Straße auf die Schiene zu bringen.