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Der chinesische Konzern Midea soll planen, den Augsburger Roboterbauer Kuka 2027 wieder an die Börse zu bringen. Allerdings in China. Das berichtet Bloomberg mit Verweis auf Personen, die mit der Sache vertraut seien. Geprüft werde ein Börsengang an der chinesischen Börse Shenzhen. Auch die Börse in Hongkong sei im Gespräch gewesen. Kuka teilte auf Anfrage mit, dass dem Unternehmen hierzu nichts bekannt sei und verwies auf Midea. Midea wiederum will sich dazu nicht äußern und verwies auf Kuka. Midea hatte Kuka 2017 vollständig übernommen. Ende 2022 hatte Midea Kuka dann von der Frankfurter Börse genommen.
B4BSCHWABEN.de: Welche Gründe könnte Midea haben, Kuka jetzt an die Börse zu bringen? Schließlich hatte Midea Kuka erst 2022 von der Börse genommen.
Paul Maares: Das ist ein wenig spekulativ, aber die naheliegendste Erklärung ist meines Erachtens eine Bewertungsarbitrage. China honoriert Robotik-Geschäftsmodelle mit deutlich höheren Kursaufschlägen als der deutsche Markt. Das Finanzinstitut J.P. Morgan sieht Kuka bereits als künftigen Ergebnistreiber Mideas. Hinzu kommen ein historisch günstiges Emissionsfenster, der politische Rückenwind aus Peking und die Tatsache, dass die eigentliche Robotik-Zukunft von Midea längst in Foshan, dem Hauptsitz von Midea, entschieden wird.
Und genau hier liegt für uns der wunde Punkt: Deutsche Minderheitsaktionäre wurden 2022 zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt aus dem Unternehmen gedrängt. Wenn Kuka nun zu einer voraussichtlich weit höheren Bewertung in China wiederkehrt, wirft das ein bezeichnendes Licht auf die Werte, die den ehemaligen Aktionären damals entgangen sind. Wegfall einer Notierung zum vorläufigen Tiefpunkt und eine Wiederkehr im Aufschwung, nur eben auf einem anderen Kontinent.
Könnte der Börsengang ein Schritt dazu sein, dass die Präsenz von Kuka in Deutschland reduziert und nach China verlagert wird? Deutschland hat im Vergleich sehr hohe Standortkosten und der chinesische Staat hat KI und Robotik zu Kernpfeilern seiner Industriepolitik und der nationalen Fünfjahrespläne erklärt.
Ein Börsengang in China wäre nicht der Auslöser, aber er könnte eine Entwicklung beschleunigen, die längst läuft. Kuka baut in Augsburg 560 statt der zunächst angekündigten 400 Stellen ab, verweist auf die hohen Standortkosten und prüft Verlagerungen nach Ungarn. Natürlich sichert die Tarifeinigung vom Dezember 2025 erstmal die Beschäftigung bis Juli 2029. Bis dahin sind betriebsbedingte Kündigungen ausgeschlossen und Investitionen am Standort vorgesehen. Die entscheidende Frage ist aber, was nach 2029 kommt. Ein in China kapitalisiertes und dort bewertetes Kuka erhöht den Anreiz, Wertschöpfung genau dorthin zu verlagern, wo sie am höchsten bezahlt wird.
Wie unabhängig könnte die Kuka-Geschäftsführung bei einem Börsengang noch agieren?
Man muss nüchtern feststellen, dass die Eigenständigkeit der Kuka-Führung schon heute begrenzt ist, solange Midea die Kontrollmehrheit hält. Ein Teilbörsengang ändert daran aus unserer Sicht wenig, denn bei chinesischen Technologie-Börsengängen sind Streubesitzquoten von nur rund 10 Prozent üblich. Die strategische Steuerung bliebe also aus unserer Sicht klar bei Midea.
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Was würde ein Börsengang in China für die Position von Betriebsrat und Gewerkschaften hierzulande bedeuten?
Hier ist eine differenzierte Betrachtung wichtig. Rechtlich bleiben die deutsche Mitbestimmung durch das Betriebsverfassungsgesetz, Tarifverträge und Betriebsrat unberührt, solange Kuka eine deutsche Gesellschaft ist. Daran ändert die Aktionärsstruktur zunächst nichts. Faktisch aber verschiebt ein Börsengang in Shenzhen das Kräftegleichgewicht weiter: Er bindet Kuka an chinesische Kapitalmarktinteressen und die Renditeerwartungen chinesischer Anleger, denen die deutsche Mitbestimmungskultur naturgemäß fernliegt.
Je mehr Wertschöpfung und Entscheidungsmacht nach China abwandern, desto stärker läuft die betriebliche Mitbestimmung Gefahr, auf einen schrumpfenden Standort begrenzt und damit materiell entwertet zu werden. Der chinesische Einfluss auf Kuka würde durch diese zusätzliche kapitalmarktseitige Verankerung aus unserer Sicht eher größer.
Kritische Stimmen sagen, dass durch die Übernahme durch Midea ohnehin schon sehr viel Know-how von Augsburg bzw. Deutschland nach China abfließt. Kann das verstärkt werden, wenn Kuka in China an die Börse geht?
Die Sorge, dass Wissen von Augsburg nach China abfließt, besteht grundsätzlich seit der Übernahme 2016/2017. Ein Börsengang kann diesen Abfluss durchaus verstärken. Ein IPO (Anm. d. Red.: Initial Public Offering, also Börsengang) erfordert eine umfassende Offenlegung von Geschäfts-, Technologie- und Finanzdaten gegenüber chinesischen Regulierern und Investoren. Ein dort bewertetes Kuka erhöht den ökonomischen Anreiz, die wertvolle Forschung und Entwicklung stärker in China anzusiedeln. Die 2016 vereinbarten Schutzrechte verlieren mit der Zeit an Bindungskraft. Wir halten das Risiko, dass ein China-Börsengang den Technologie- und Kompetenzabfluss weiter beschleunigt, für durchaus real.
Berichten zufolge versucht China gerade alles, was mit Robotern und KI zu tun hat, an die Börse zu bringen. Welche Beobachtung machen Sie hier?
Was wir derzeit in China sehen, ist in der chinesischen Industriepolitik üblich und eine staatlich orchestrierte Börsenwelle im KI- und Robotiksektor, die ihresgleichen sucht. Chinesische Technologie-Börsengänge haben 2026 mehr als das Fünffache des Vorjahres eingesammelt, rund 50 Robotik- und Halbleiterfirmen stehen mit einem Volumen von mindestens 18,7 Mrd. US-Dollar in der Warteschlange. Wenn ein Hersteller wie Unitree seine Börsenzulassung in nur 73 Tagen erhält, dann zeigt das, mit welchem politischen Nachdruck hier vorgegangen wird. Dahinter steht aber auch durchaus industrielle Substanz, denn chinesische Hersteller lieferten 2025 rund 90 Prozent der weltweit verkauften humanoiden Roboter.
Aus Anlegerschutzsicht sehen wir aber ebenso deutliche Überhitzungssymptome oder zumindest das steigende Risiko einer Überhitzung: Der maßgebliche Kursindex für Humanoiden-Aktien fiel 2026 um rund 13 Prozent, nachdem er 2025 noch um 47 Prozent gestiegen war. Wo staatliches Kapital und regulatorische „Green Channels" die normale Marktdisziplin ersetzen, ist die Grenze zur Blase schnell erreicht. Das sollten Anleger sehr genau im Blick behalten. Trotz alledem steckt dahinter ein realer Wachstumsmarkt mit erheblichem Wertschöpfungspotenzial.
Was bedeutet diese Entwicklung für deutsche oder europäische Unternehmen im Bereich KI und Robotik?
Der Druck wirkt aus unserer Sicht doppelt auf die europäischen Wettbewerber: Zum einen verschärft sich der Wettbewerb ganz unmittelbar. Denn Kuka selbst begründet den geplanten oder auch begonnenen Stellenabbau mit der schärferen Konkurrenz aus Asien. Zum anderen verschiebt sich die Bewertungs- und Kapitalmarkthoheit für eine ganze Zukunftsbranche nach Asien. Der Fall Kuka führt vor Augen, was daraus folgt: Ein einst im MDAX notierter deutscher Pionier und Robotik-Champion wird Ende 2022 nach einem Squeeze-out von der Frankfurter Börse verdrängt und soll ausgerechnet in China wieder handelbar werden. Damit droht deutschen und europäischen Anlegern, dass sie von der Wertschöpfung einer strategischen Wachstumsbranche schlicht ausgeschlossen werden.
Warum könnten sie ausgeschlossen werden? Was sind die Besonderheiten der Börse in Shenzhen?
Shenzhen unterscheidet sich fundamental von Frankfurt: Die Notierung erfolgt in chinesischem Renminbi statt in Euro, es gibt tägliche Kursgrenzen von bis zu 20 Prozent im Wachstumssegment ChiNext, eine staatlich gesteuerte Aufsicht durch die Regulierungsbehörde CSRC und eine stark von Privatanlegern getriebene, entsprechend volatile Handelsstruktur. Frankfurt dagegen steht unter EU-Regeln und der unabhängigen Aufsicht der BaFin.
Chinesische Festlandaktien sind über die Stock-Connect-Programme grundsätzlich auch für Ausländer zugänglich. Für den deutschen Privatanleger ist der Zugang aber nur über wenige spezialisierte Broker und mit erheblichen Hürden möglich. Für die breite Anlegerschaft hierzulande bliebe Kuka damit praktisch und aller Voraussicht nach schwer erreichbar.
Medienberichten zufolge wurde auch ein Börsengang in Hongkong geprüft. Was wäre hier der Unterschied?
Als offenes Finanzzentrum mit frei konvertierbarer Währung und internationaler Aufsicht wären Kuka-Aktien dort für deutsche Anleger über gängige Broker handelbar, in Shenzhen dagegen hinter chinesischen Kapitalverkehrskontrollen praktisch unerreichbar. Am Grundproblem ändert aber auch Hongkong nichts: Die Wertschöpfung würde in Asien kapitalisiert, während die 2022 verdrängten deutschen Aktionäre außen vor bleiben.
Gibt es eine rechtliche Möglichkeit für Deutschland oder die EU, den möglichen Börsengang zu verhindern?
Ein möglicher Börsengang jetzt lässt sich meines Erachtens nicht verhindern. Man hätte 2016/2017, als Midea Kuka gekauft hat, über das Außenwirtschaftsrecht Einfluss nehmen können. Aber der Verkauf von Kuka war damals erst der Weckruf, diese Instrumente zu schärfen.
Was ist Ihr Fazit mit Blick auf einen möglichen Börsengang von Kuka?
Aus Sicht des Anlegerschutzes und mit Blick auf den Standort Deutschland sehen wir einen potenziellen China-Börsengang von Kuka kritisch. Er ließe die Verdrängung der deutschen Aktionäre von 2022 in einem denkbar ungünstigen Licht erscheinen und würde deutschen Privatanlegern die Teilhabe an einem einst heimischen Robotik-Champion erheblich erschweren. Zudem dürfte das die ohnehin laufende Verlagerung von Wertschöpfung und Know-how nach China weiter beschleunigen.
Deutschland und Europa müssen mit wettbewerbsfähigen Standortbedingungen und einem eigenen, attraktiven Kapitalmarkt gegenhalten, der Zukunftstechnologien wie KI und Robotik hier vor Ort hält und angemessen bewertet. Der Fall Kuka ist ein Weckruf: Ohne die zügige Vollendung der europäischen Kapitalmarktunion werden wir unter Umständen weiter zusehen müssen, wie heimische Spitzentechnologie an fernen Börsen kapitalisiert wird.