Interview

Corona-Krise: Müssen wir mit einer Inflation rechnen?

Die Corona-Krise wird mit riesigen Geldsummen bekämpft. Droht deshalb die große Inflation? Ein Interview mit Dr. Ralph Solveen, stellvertretender Leiter Economic Research bei der Commerzbank, über die ökonomischen Auswirkungen von Corona und die Unterschiede zur Finanzkrise 2008/2009.

B4B WIRTSCHAFTSLEBEN SCHWABEN: Wird es durch die Corona-Krise zu einer Inflation oder doch eher zu einer Deflation kommen? Da gibt es unterschiedliche Einschätzungen unter den Ökonomen, was denken Sie?

Dr. Ralph Solveen: Auf den ersten Blick erscheint die Sache sehr einfach: In den meisten Rezessionen der Vergangenheit ist die Teuerungsrate gefallen. Deshalb erwarten viele auch aktuell – angesichts des wahrscheinlichsten stärksten Einbruchs der Wirtschaft seit sehr langer Zeit – einen geringeren Anstieg oder gar einen Rückgang der Verbraucherpreise.

Allerdings ist die aktuelle Rezession keine „normale“ Rezession. Denn normalerweise kommt es zu einer Rezession, weil die Nachfrage einbricht. Der dann entstehende Angebotsüberschuss lässt die Preise fallen.

Diesmal ist es anders: Auslöser für den Einbruch war der Lockdown, wegen dem das Angebot deutlich stärker gefallen ist als die Nachfrage. Das spielte erstmal keine Rolle, da alles stillstand und die Konsumenten nichts kaufen konnten. Aber es hatte zur Folge, dass die Sparquote der Privathaushalte kräftig gestiegen ist, auch weil die Einkommensausfälle durch Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit zu einem beträchtlichen Teil durch den Staat ausgeglichen wurden.

Wäre die Pandemie morgen vorbei und jeder würde mit seinem Gesparten in die Läden stürmen, hätten wir auf einmal einen großen Nachfrageüberschuss. Gerade vor dem Hintergrund der Umsatzausfälle in den letzten Wochen würden dann sicherlich viele Anbieter ihre Preise anheben.

Also wird es zu einer Inflation kommen?

Mittelfristig birgt diese Krise und die Reaktion von Regierungen und Notenbanken sicherlich das Potenzial für etwas stärker steigende Preise. Allerdings ist die Pandemie noch nicht zu Ende. Es gibt noch keinen Impfstoff, und mancher wird deshalb und angesichts der weiter bestehenden Einschränkungen vorerst vorsichtig bleiben. Zudem wird die Arbeitslosigkeit zunächst weiter steigen und viele Arbeitnehmer vorerst in Kurzarbeit bleiben. Darum dürften die Löhne deutlich langsamer steigen, und sie sind ein klassischer Treiber der Inflation. Dies spricht zumindest für dieses und das kommende Jahr gegen einen Anstieg der Inflationsrate.

Werden die Preise langfristig steigen oder fallen?

Auf mittlere bis lange Sicht hat diese Krise ein gewisses inflationäres Potential. Allerdings reden wir hier eher von einer Größenordnung unter 1 Prozentpunkt als mehr. Für den langfristigen Preistrend wird dies aber kaum entscheidend sein.

Was ist es dann?

Für die Entwicklung in den nächsten 10 Jahren ist viel entscheidender, wie es mit dem Welthandel weitergeht. Nimmt der Protektionismus weiter zu? Schließlich haben die Globalisierung und der deshalb starke globale Wettbewerb maßgeblich dazu beigetragen, dass die Teuerungsraten so niedrig waren.

Sollte wie derzeit diskutiert als Antwort auf die Krise wieder mehr Produktion nach Europa zurückgeholt werden, würden die entsprechenden Produkte eher teurer. Eine in Deutschland produzierte Schutzmaske kostet einfach mehr als eine, die in Indien und China hergestellt wird. Wenn die Tendenz zu mehr Protektionismus, die wir in den letzten Jahren schon hatten, durch die Krise nochmal angeschoben wird, hätte dies einen größeren Effekt auf die Verbraucherpreise als ein stärkerer Anstieg der Geldmenge.

Die Inflation eher bremsen wird hingegen die zunehmende Digitalisierung. Welcher der beiden Effekte am Ende überwiegen wird, ist kaum abzuschätzen.

Die Ausweitung der Geldmenge hat in der Finanzkrise 2008 nicht zu einer höheren Inflationsrate geführt. Was unterscheidet die Coronakrise von der Finanzkrise?

Ein  Unterschied liegt wie erwähnt in dem jeweiligen Auslöser: Damals ein Rückgang  der Nachfragefrage, der schon vor dem Zusammenbruch von Lehman Brothers begonnen hatte und danach noch einmal dramatisch verstärkte, heute hingegen eine staatliche verfügte deutliche Verringerung des Angebots.

Ein weiterer Unterschied liegt darin, wohin das zusätzliche Geld fließt. Sowohl in der Finanzkrise als auch in den vergangenen Monaten hat die EZB die Geldschleusen aufgemacht. Damals floss der überwiegende Teil der zusätzlichen Liquidität in die Bankreserven, was wohl durchaus im Sinne der EZB war. Denn sie wollte verhindern, dass die Banken aufgrund von Liquiditätsproblemen anfangen, Kredite runterzufahren oder zurückzufordern. Das hätte eine Abwärtsspirale ausgelöst, wie wir sie in der Weltwirtschaftskrise hatten.

Dieses Mal fließt viel Geld in zusätzliche Kredite, da diese von den Unternehmen auch nachgefragt werden. Das Geld kommt also tatsächlich in der Realwirtschaft an. Für den mittelfristigen Effekt auf die Inflation wird nun entscheidend sein, wie die Unternehmen handeln werden. Viele von ihnen werden nach der Krise eine viel höhere Verschuldung haben, und manches Unternehmen wird in erster Linie versuchen, dies wieder zu korrigieren, was auch die Geldmenge wieder fallen lassen würde.

Was könnten die riesigen Hilfspakete der Regierungen und Notenbanken für langfristige Folgen haben?

Durch die Hilfspakete wird die Staatsverschuldung ähnlich wie in der Finanzkrise deutlich steigen. Allerdings starten die meisten Länder dieses Mal von einem deutlich höheren Niveau. So lange die Zinsen so niedrig sind, muss dies nicht zwingend in ein Desaster führen. Und die EZB wird alles tun, um die Zinsen niedrig zu halten, damit Länder mit hohen Schulden nicht ins Straucheln geraten. Allerdings wird damit für die EZB der Spielraum immer kleiner. Wenn zum Beispiel die Inflation anspringen sollte, wird sie hierauf wohl nur sehr zögerlich reagieren.

Welche Auswirkungen hat die Corona-Pandemie auf die Wirtschaft? 

Die Pandemie hat wahrscheinlich den tiefsten Wirtschaftseinbruch seit dem Zweiten Weltkrieg ausgelöst. Allerdings haben wir zuletzt bereits eine gewisse Erholung gesehen, wobei die Vorkrisenniveaus aber meist noch weit entfernt sind.

Hilfreich bei der Erholung sind sicherlich alle Maßnahmen der Regierung, die die Unternehmen in der Krise stützen. Denn einfach gesagt: Umso weniger Unternehmen Pleite gehen, umso mehr können danach auch wieder ihre Produktion hochfahren. Auch wegen dieser umfangreichen Hilfen besteht die Chance, dass Deutschland unter den Euro-Ländern noch mit am glimpflichsten durch diese Krise kommen wird.

Allerdings bleibt die Pandemie ein spürbarer Belastungsfaktor, und ihre weitere Entwicklung wird maßgeblich mit darüber entscheiden, wie schnell und wie weit sich die Wirtschaft wieder erholen wird. Selbst bei einem positiven Verlauf – also beim Ausbleiben einer zweiten Welle – wird es lange dauern, bis die Wirtschaft den im März und April erlittenen Einbruch vollständig wettgemacht haben wird.

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B4B WIRTSCHAFTSLEBEN SCHWABEN: Wird es durch die Corona-Krise zu einer Inflation oder doch eher zu einer Deflation kommen? Da gibt es unterschiedliche Einschätzungen unter den Ökonomen, was denken Sie?

Dr. Ralph Solveen: Auf den ersten Blick erscheint die Sache sehr einfach: In den meisten Rezessionen der Vergangenheit ist die Teuerungsrate gefallen. Deshalb erwarten viele auch aktuell – angesichts des wahrscheinlichsten stärksten Einbruchs der Wirtschaft seit sehr langer Zeit – einen geringeren Anstieg oder gar einen Rückgang der Verbraucherpreise.

Allerdings ist die aktuelle Rezession keine „normale“ Rezession. Denn normalerweise kommt es zu einer Rezession, weil die Nachfrage einbricht. Der dann entstehende Angebotsüberschuss lässt die Preise fallen.

Diesmal ist es anders: Auslöser für den Einbruch war der Lockdown, wegen dem das Angebot deutlich stärker gefallen ist als die Nachfrage. Das spielte erstmal keine Rolle, da alles stillstand und die Konsumenten nichts kaufen konnten. Aber es hatte zur Folge, dass die Sparquote der Privathaushalte kräftig gestiegen ist, auch weil die Einkommensausfälle durch Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit zu einem beträchtlichen Teil durch den Staat ausgeglichen wurden.

Wäre die Pandemie morgen vorbei und jeder würde mit seinem Gesparten in die Läden stürmen, hätten wir auf einmal einen großen Nachfrageüberschuss. Gerade vor dem Hintergrund der Umsatzausfälle in den letzten Wochen würden dann sicherlich viele Anbieter ihre Preise anheben.

Also wird es zu einer Inflation kommen?

Mittelfristig birgt diese Krise und die Reaktion von Regierungen und Notenbanken sicherlich das Potenzial für etwas stärker steigende Preise. Allerdings ist die Pandemie noch nicht zu Ende. Es gibt noch keinen Impfstoff, und mancher wird deshalb und angesichts der weiter bestehenden Einschränkungen vorerst vorsichtig bleiben. Zudem wird die Arbeitslosigkeit zunächst weiter steigen und viele Arbeitnehmer vorerst in Kurzarbeit bleiben. Darum dürften die Löhne deutlich langsamer steigen, und sie sind ein klassischer Treiber der Inflation. Dies spricht zumindest für dieses und das kommende Jahr gegen einen Anstieg der Inflationsrate.

Werden die Preise langfristig steigen oder fallen?

Auf mittlere bis lange Sicht hat diese Krise ein gewisses inflationäres Potential. Allerdings reden wir hier eher von einer Größenordnung unter 1 Prozentpunkt als mehr. Für den langfristigen Preistrend wird dies aber kaum entscheidend sein.

Was ist es dann?

Für die Entwicklung in den nächsten 10 Jahren ist viel entscheidender, wie es mit dem Welthandel weitergeht. Nimmt der Protektionismus weiter zu? Schließlich haben die Globalisierung und der deshalb starke globale Wettbewerb maßgeblich dazu beigetragen, dass die Teuerungsraten so niedrig waren.

Sollte wie derzeit diskutiert als Antwort auf die Krise wieder mehr Produktion nach Europa zurückgeholt werden, würden die entsprechenden Produkte eher teurer. Eine in Deutschland produzierte Schutzmaske kostet einfach mehr als eine, die in Indien und China hergestellt wird. Wenn die Tendenz zu mehr Protektionismus, die wir in den letzten Jahren schon hatten, durch die Krise nochmal angeschoben wird, hätte dies einen größeren Effekt auf die Verbraucherpreise als ein stärkerer Anstieg der Geldmenge.

Die Inflation eher bremsen wird hingegen die zunehmende Digitalisierung. Welcher der beiden Effekte am Ende überwiegen wird, ist kaum abzuschätzen.

Die Ausweitung der Geldmenge hat in der Finanzkrise 2008 nicht zu einer höheren Inflationsrate geführt. Was unterscheidet die Coronakrise von der Finanzkrise?

Ein  Unterschied liegt wie erwähnt in dem jeweiligen Auslöser: Damals ein Rückgang  der Nachfragefrage, der schon vor dem Zusammenbruch von Lehman Brothers begonnen hatte und danach noch einmal dramatisch verstärkte, heute hingegen eine staatliche verfügte deutliche Verringerung des Angebots.

Ein weiterer Unterschied liegt darin, wohin das zusätzliche Geld fließt. Sowohl in der Finanzkrise als auch in den vergangenen Monaten hat die EZB die Geldschleusen aufgemacht. Damals floss der überwiegende Teil der zusätzlichen Liquidität in die Bankreserven, was wohl durchaus im Sinne der EZB war. Denn sie wollte verhindern, dass die Banken aufgrund von Liquiditätsproblemen anfangen, Kredite runterzufahren oder zurückzufordern. Das hätte eine Abwärtsspirale ausgelöst, wie wir sie in der Weltwirtschaftskrise hatten.

Dieses Mal fließt viel Geld in zusätzliche Kredite, da diese von den Unternehmen auch nachgefragt werden. Das Geld kommt also tatsächlich in der Realwirtschaft an. Für den mittelfristigen Effekt auf die Inflation wird nun entscheidend sein, wie die Unternehmen handeln werden. Viele von ihnen werden nach der Krise eine viel höhere Verschuldung haben, und manches Unternehmen wird in erster Linie versuchen, dies wieder zu korrigieren, was auch die Geldmenge wieder fallen lassen würde.

Was könnten die riesigen Hilfspakete der Regierungen und Notenbanken für langfristige Folgen haben?

Durch die Hilfspakete wird die Staatsverschuldung ähnlich wie in der Finanzkrise deutlich steigen. Allerdings starten die meisten Länder dieses Mal von einem deutlich höheren Niveau. So lange die Zinsen so niedrig sind, muss dies nicht zwingend in ein Desaster führen. Und die EZB wird alles tun, um die Zinsen niedrig zu halten, damit Länder mit hohen Schulden nicht ins Straucheln geraten. Allerdings wird damit für die EZB der Spielraum immer kleiner. Wenn zum Beispiel die Inflation anspringen sollte, wird sie hierauf wohl nur sehr zögerlich reagieren.

Welche Auswirkungen hat die Corona-Pandemie auf die Wirtschaft? 

Die Pandemie hat wahrscheinlich den tiefsten Wirtschaftseinbruch seit dem Zweiten Weltkrieg ausgelöst. Allerdings haben wir zuletzt bereits eine gewisse Erholung gesehen, wobei die Vorkrisenniveaus aber meist noch weit entfernt sind.

Hilfreich bei der Erholung sind sicherlich alle Maßnahmen der Regierung, die die Unternehmen in der Krise stützen. Denn einfach gesagt: Umso weniger Unternehmen Pleite gehen, umso mehr können danach auch wieder ihre Produktion hochfahren. Auch wegen dieser umfangreichen Hilfen besteht die Chance, dass Deutschland unter den Euro-Ländern noch mit am glimpflichsten durch diese Krise kommen wird.

Allerdings bleibt die Pandemie ein spürbarer Belastungsfaktor, und ihre weitere Entwicklung wird maßgeblich mit darüber entscheiden, wie schnell und wie weit sich die Wirtschaft wieder erholen wird. Selbst bei einem positiven Verlauf – also beim Ausbleiben einer zweiten Welle – wird es lange dauern, bis die Wirtschaft den im März und April erlittenen Einbruch vollständig wettgemacht haben wird.

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