Hochschule Augsburg

Augsburg als Carbon-Standort: „Es gibt noch viel zu tun“

Prof. Dr.-Ing. Joachim Voßiek. Foto: Peter Erber

Prof. Dr.-Ing. Joachim Voßiek ist Dekan der Fakultät für Maschinenbau und Verfahrenstechnik an der Hochschule Augsburg. Im Interview verrät er, wie Carbon die Zusammenarbeit von Wissenschaft und Wirtschaft nachhaltig prägt und warum Augsburg die Chance, sich als Zentrum für Ressourceneffizienz zu positionieren, unbedingt nutzen sollte.

B4B WIRTSCHAFTSLEBEN SCHWABEN: Herr Prof. Dr. Voßiek, wie hat sich das, was Sie den Fachkräften von morgen beibringen, durch die wachsende Rolle von Carbon geändert?

Prof. Dr.-Ing. Joachim Voßiek: Carbon hat die Welt des Maschinenbaus und damit selbstverständlich auch die Ausbildung beeinflusst. Seit etwa zehn Jahren werden die Inhalte in den Bachelor-Studiengängen angepasst. So wurden vor allem in den oberen Semestern neue Module geschaffen, um das Carbon-Know-how der Studierenden zu vertiefen. Außerdem bildet seit 2011 ein eigens konzipierter Master-Studiengang Leichtbau- und Faserverbund-Spezialisten aus. Im berufsbegleitenden Master Technologie-Management kann zudem eine entsprechende Vertiefungsrichtung belegt werden.

Wie bringen Sie ein so hochspezialisiertes Thema den Studenten näher?

Ob im Fahrrad oder Auto, mit dem man zur Arbeit fährt, in dem Bürostuhl, in dem man am Schreibtisch sitzt, dem Flugzeug, mit dem man eine Dienstreise antritt oder sogar beim Zahnarzt und in der Medizintechnik: Carbon ist fester Bestandteil von Technik und Alltag und daher selbst für Studienanfänger kein Fremdwort mehr.

Für unsere Studierenden ist Carbon zudem nicht nur in den Hörsälen ein Thema. Wichtig ist uns, dass sie mit dem Werkstoff hautnah in Berührung kommen. Dies geschieht vor allem in Labor-Praktika, die in verschiedene Module integriert sind. Im Studienjahr 2008/09 haben wir dazu ein eigenes Faserverbundlabor eingerichtet, das mit modernster Technik ausgestattet ist. Es dient in erster Linie der Lehre. Zudem wird es in der anwendungsorientierten Forschung genutzt, deren Ergebnisse wiederum in die Lehre einfließen. Forschende Kollegen tragen ihr Know-how aus einem Forschungs-Projekt direkt in den Hörsaal und binden Studierende teils sogar aktiv in Projekte ein.

Carbon ist in der Wissenschaft also sehr präsent. Aber wie genau wirkt sich das Erforschte auf die Wirtschaft aus?

Carbon ist ein wahres Fliegengewicht, hochfest und mit diesen Eigenschaften fast schon ein Synonym für Ressourceneffizienz. Kein Wunder also, dass Carbon im Raum Augsburg stark präsent ist. Hier sind zahlreiche Unternehmen ansässig, die den Werkstoff in der Produktion anwenden.

Dem dichten Netz an unterschiedlichen Akteuren in der Region kommt dabei eine besondere Bedeutung zu. Sie alle generieren Wissen, wenden es an und transferieren es. Die Innovationen, die so entstehen, sind Triebfeder für die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung.

Wie könnte sich Ihrer Meinung nach die Region noch stärker als Carbon-Standort positionieren?

Meines Erachtens gibt es noch viel zu tun – von der Fertigung, über Anwendungs-Bereiche bis hin zum Thema Recycling. Da sind Unternehmen der unterschiedlichsten Branchen und Hochschule gleichermaßen gefordert. Gemeinsam ist da viel zu erreichen. Beste Voraussetzungen hierfür bietet sicherlich der Augsburg Innovationspark.

Die Hochschule arbeitet ja bereits eng mit Unternehmen zusammen. Welche Veränderungen stellen Sie hier fest?

Beide Seiten sind zunehmend gefordert, sich im Wettbewerb mit anderen und einem sehr dynamischen Umfeld zu behaupten. Sie müssen sich profilieren und positionieren. Dies geht am besten gemeinsam. Klar, man hat auch schon früher gemeinsam Dinge vorangetrieben. Allerdings haben sich Form und Inhalte der Kooperation geändert. So wurde zunächst meist auf eher informeller Basis zusammengearbeitet. Seit ein paar Jahren vereinbaren die Hochschule Augsburg und Unternehmen Kooperationen schriftlich und verbindlich, mit konkreten und gemeinsamen Zielen vor Augen. Wir sind eng verzahnt in den Bereichen Studium und Lehre, Forschung und Entwicklung.

Für die Hochschule Augsburg, speziell für die Fakultät für Maschinenbau und Verfahrenstechnik gesprochen, lässt sich sagen: Mehr denn je haben wir uns in den vergangenen Jahren mit uns selbst auseinandergesetzt und dabei neue Strukturen geschaffen. Um nur ein aktuelles Beispiel zu nennen: Vor Kurzem hat sich an unserer Fakultät eine Forschungs-Gruppe HSAComp – Composites im Maschinenbau gegründet. Die Kompetenz-Säulen der beteiligten Kollegen lauten: Composite Design & Engineering, Composite Process Technology, Composite Recycling & Sustainability. HSAComp hat ein Projektbüro im Technologiezentrum Augsburg und bietet Expertenwissen für komplexe innerbetriebliche Fragestellungen an.

Ausruhen können wir uns auf solchen Meilensteinen selbstverständlich nicht. Wir sind mehr denn je gefordert, nachhaltig und integrativ zu denken und zu handeln.

Vom 21. bis 23. September findet in Augsburg ja auch eine neue Messe zum Thema Carbon statt. Was kann sie für Wirtschaft und Wissenschaft bewirken?

Die Experience Composites ist die beste Gelegenheit für die Region, sich als das Zentrum für Ressourceneffizienz zu präsentieren. Besonders gut gefällt mir das Multi-Location-Format. Die Experience Composites hat nicht reinen Messe-Charakter, sondern will Interessierte gezielt aus den Messe-Hallen herauslocken. Dazu sind zahlreiche Exkursionen und Events geplant. So hoffe ich, dass in der gesamten Region eine Atmosphäre großer Offenheit und Transparenz entsteht. Die neuen Werkstoffe gehen die breite Öffentlichkeit, die im Alltag mit ihnen in Berührung kommt, genauso an wie die Experten. Aus fachlicher Sicht ist mir vor allem der Dialog wichtig. Er ist letztlich Grundvoraussetzung für jede Kooperation und Innovation.

Das Interview führte Rebecca Weingarten

Weitere Artikel zum Gleichen Thema
Hochschule Augsburg

Augsburg als Carbon-Standort: „Es gibt noch viel zu tun“

Prof. Dr.-Ing. Joachim Voßiek. Foto: Peter Erber

Prof. Dr.-Ing. Joachim Voßiek ist Dekan der Fakultät für Maschinenbau und Verfahrenstechnik an der Hochschule Augsburg. Im Interview verrät er, wie Carbon die Zusammenarbeit von Wissenschaft und Wirtschaft nachhaltig prägt und warum Augsburg die Chance, sich als Zentrum für Ressourceneffizienz zu positionieren, unbedingt nutzen sollte.

B4B WIRTSCHAFTSLEBEN SCHWABEN: Herr Prof. Dr. Voßiek, wie hat sich das, was Sie den Fachkräften von morgen beibringen, durch die wachsende Rolle von Carbon geändert?

Prof. Dr.-Ing. Joachim Voßiek: Carbon hat die Welt des Maschinenbaus und damit selbstverständlich auch die Ausbildung beeinflusst. Seit etwa zehn Jahren werden die Inhalte in den Bachelor-Studiengängen angepasst. So wurden vor allem in den oberen Semestern neue Module geschaffen, um das Carbon-Know-how der Studierenden zu vertiefen. Außerdem bildet seit 2011 ein eigens konzipierter Master-Studiengang Leichtbau- und Faserverbund-Spezialisten aus. Im berufsbegleitenden Master Technologie-Management kann zudem eine entsprechende Vertiefungsrichtung belegt werden.

Wie bringen Sie ein so hochspezialisiertes Thema den Studenten näher?

Ob im Fahrrad oder Auto, mit dem man zur Arbeit fährt, in dem Bürostuhl, in dem man am Schreibtisch sitzt, dem Flugzeug, mit dem man eine Dienstreise antritt oder sogar beim Zahnarzt und in der Medizintechnik: Carbon ist fester Bestandteil von Technik und Alltag und daher selbst für Studienanfänger kein Fremdwort mehr.

Für unsere Studierenden ist Carbon zudem nicht nur in den Hörsälen ein Thema. Wichtig ist uns, dass sie mit dem Werkstoff hautnah in Berührung kommen. Dies geschieht vor allem in Labor-Praktika, die in verschiedene Module integriert sind. Im Studienjahr 2008/09 haben wir dazu ein eigenes Faserverbundlabor eingerichtet, das mit modernster Technik ausgestattet ist. Es dient in erster Linie der Lehre. Zudem wird es in der anwendungsorientierten Forschung genutzt, deren Ergebnisse wiederum in die Lehre einfließen. Forschende Kollegen tragen ihr Know-how aus einem Forschungs-Projekt direkt in den Hörsaal und binden Studierende teils sogar aktiv in Projekte ein.

Carbon ist in der Wissenschaft also sehr präsent. Aber wie genau wirkt sich das Erforschte auf die Wirtschaft aus?

Carbon ist ein wahres Fliegengewicht, hochfest und mit diesen Eigenschaften fast schon ein Synonym für Ressourceneffizienz. Kein Wunder also, dass Carbon im Raum Augsburg stark präsent ist. Hier sind zahlreiche Unternehmen ansässig, die den Werkstoff in der Produktion anwenden.

Dem dichten Netz an unterschiedlichen Akteuren in der Region kommt dabei eine besondere Bedeutung zu. Sie alle generieren Wissen, wenden es an und transferieren es. Die Innovationen, die so entstehen, sind Triebfeder für die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung.

Wie könnte sich Ihrer Meinung nach die Region noch stärker als Carbon-Standort positionieren?

Meines Erachtens gibt es noch viel zu tun – von der Fertigung, über Anwendungs-Bereiche bis hin zum Thema Recycling. Da sind Unternehmen der unterschiedlichsten Branchen und Hochschule gleichermaßen gefordert. Gemeinsam ist da viel zu erreichen. Beste Voraussetzungen hierfür bietet sicherlich der Augsburg Innovationspark.

Die Hochschule arbeitet ja bereits eng mit Unternehmen zusammen. Welche Veränderungen stellen Sie hier fest?

Beide Seiten sind zunehmend gefordert, sich im Wettbewerb mit anderen und einem sehr dynamischen Umfeld zu behaupten. Sie müssen sich profilieren und positionieren. Dies geht am besten gemeinsam. Klar, man hat auch schon früher gemeinsam Dinge vorangetrieben. Allerdings haben sich Form und Inhalte der Kooperation geändert. So wurde zunächst meist auf eher informeller Basis zusammengearbeitet. Seit ein paar Jahren vereinbaren die Hochschule Augsburg und Unternehmen Kooperationen schriftlich und verbindlich, mit konkreten und gemeinsamen Zielen vor Augen. Wir sind eng verzahnt in den Bereichen Studium und Lehre, Forschung und Entwicklung.

Für die Hochschule Augsburg, speziell für die Fakultät für Maschinenbau und Verfahrenstechnik gesprochen, lässt sich sagen: Mehr denn je haben wir uns in den vergangenen Jahren mit uns selbst auseinandergesetzt und dabei neue Strukturen geschaffen. Um nur ein aktuelles Beispiel zu nennen: Vor Kurzem hat sich an unserer Fakultät eine Forschungs-Gruppe HSAComp – Composites im Maschinenbau gegründet. Die Kompetenz-Säulen der beteiligten Kollegen lauten: Composite Design & Engineering, Composite Process Technology, Composite Recycling & Sustainability. HSAComp hat ein Projektbüro im Technologiezentrum Augsburg und bietet Expertenwissen für komplexe innerbetriebliche Fragestellungen an.

Ausruhen können wir uns auf solchen Meilensteinen selbstverständlich nicht. Wir sind mehr denn je gefordert, nachhaltig und integrativ zu denken und zu handeln.

Vom 21. bis 23. September findet in Augsburg ja auch eine neue Messe zum Thema Carbon statt. Was kann sie für Wirtschaft und Wissenschaft bewirken?

Die Experience Composites ist die beste Gelegenheit für die Region, sich als das Zentrum für Ressourceneffizienz zu präsentieren. Besonders gut gefällt mir das Multi-Location-Format. Die Experience Composites hat nicht reinen Messe-Charakter, sondern will Interessierte gezielt aus den Messe-Hallen herauslocken. Dazu sind zahlreiche Exkursionen und Events geplant. So hoffe ich, dass in der gesamten Region eine Atmosphäre großer Offenheit und Transparenz entsteht. Die neuen Werkstoffe gehen die breite Öffentlichkeit, die im Alltag mit ihnen in Berührung kommt, genauso an wie die Experten. Aus fachlicher Sicht ist mir vor allem der Dialog wichtig. Er ist letztlich Grundvoraussetzung für jede Kooperation und Innovation.

Das Interview führte Rebecca Weingarten

Weitere Artikel zum Gleichen Thema
nach oben