Kommentar

Abbruch statt Ausbildung: „Dann mach ich halt was anderes“

Symbolbild Ausbilungs-Abbruch. Foto: iStock | SeventyFour
Jeder Vierte bricht seine Ausbildung ab, jeder Dritte sein Studium. Jeder Zweite fragt sich: Wieso?

Lehrjahre sind keine Herrenjahre, das ist allgemein bekannt. Wer eine Ausbildung macht, der arbeitet zwar oft so lang und viel wie andere im Betrieb, erhält aber eine geringere Vergütung. So zumindest der Eindruck. Er hat aber auch weniger Verantwortung, weniger Erfahrung und scheinbar weniger Durchhaltevermögen. Das zeigen die letzten Zahlen des Berufsbildungsberichts. Jeder Vierte breche seine Ausbildung vor der Abschlussprüfung ab. Ist es wirklich eine Frage des Geldes?

Nicht nur Ausbildungsberufe sind von diesem Trend betroffen. Das Deutsche Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung veröffentlichte vergangenen Sommer eine Studie, nach der jeder dritte Student sein Studium abbricht. Das zeige, „dass viele junge Menschen noch nicht genau wissen, welchen Berufsweg sie einschlagen möchten“, resümierte die frühere Bundesbildungsministerin Johanna Wanka. Umso wichtiger sei daher eine gute Berufsorientierung in der Schulzeit. Dies gilt auch für Ausbildungen. Viele Unternehmen schließen daher Schulpartnerschaften, präsentieren sich auf Ausbildungsmessen und bieten Schnupperpraktika an.

Das hat einen zweiten positiven Effekt: Es wirkt falschen Vorstellungen entgegen. Wenn Sie ein Kind fragen, was es werden möchte, stehen medizinische oder pflegende Berufe oft sehr hoch im Kurs. Dennoch fehlt es an Ärzten, Krankenschwestern und Pflegern. Grund ist die Erwartungshaltung an das Berufsbild, wie Susanne Arnold, Pflege-Vorständin im Klinikum Augsburg erzählte. Ja, auch die Bezahlung spielt dabei eine Rolle. Mehr aber noch Schicht-Arbeit und das fehlende Ansehen in der Gesellschaft. Die sogenannte „Generation Y“ hat andere Prioritäten.

Die neue Generation fordert mehr Freizeit, familienfreundliche Arbeitszeit-Modelle, mehr Mitsprache. Das war auch Thema von Katharina Bitter auf dem 26. Augusta Netzwerktreffen. Die jungen Fachkräfte seien es von zuhause aus gewohnt, nach ihren Wünschen gefragt zu werden. Das erwarten viele nun auch von ihren Arbeitgebern. Und das sorgt für hohes Konflikt- und letztlich Abbruch-Potenzial, denn es gibt mehr Ausbildungsstellen als Bewerber.

Da fällt es leicht zu sagen, „Dann mache ich halt was anderes“, wenn tausende Lehrstellen unbesetzt sind. Eine Ausbildung oder ein Studium abzubrechen, heißt heute nicht zwangsweise, auf der Straße zu sitzen. Die Qual der Wahl sorgt jedoch dafür, dass sich bei manchen eine gefährliche Gelassenheit breit macht. Da gibt es die einen, die nicht mehr als 25-Stunden die Woche arbeiten wollen, weil es sonst nicht zu ihrer Work-Life-Balance passt. Da gibt es jene, die lieber im Schlafanzug daheim im Home-Office sitzen, statt sich mit Kollegen ein Büro zu teilen. Schließlich gibt es die, die sagen, „für das Geld stehe ich morgens gar nicht erst auf“.

Ja, auch diese letzte Einstellung ist vertreten. Ja, einige Azubis brachen ihre Lehre ab, weil sie sich mit dem Gehalt nicht selbst finanzieren können. Ja, Geld spielt eine Rolle. Aber nicht die entscheidende. Die hohe Quote sinkt nicht, indem junge Menschen mit mehr Geld bestochen werden, um im Unternehmen zu bleiben. Boni-Zahlungen sind schön, machen ein raues Betriebsklima aber nicht wett. Der Gehaltsscheck sollte keine Schmerzensgeld-Zahlung sein. Wie so oft im Leben geht es um den richtigen Kompromiss. Ein Geben und Nehmen. Für die Motivation, Leistung und Integration ihrer Lehrlinge brauchen Sie nur eines tun: Sie anspornen, individuell fördern und ihnen auf gleicher Augenhöhe begegnen.

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