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„Wir machen das seit über 30 Jahren, aber sowas ist uns in der ganzen Zeit noch nicht ansatzweise begegnet.“ Andreas Ritter, Inhaber des Familienunternehmens Ritter Verpackungen aus Weissenhorn, ist fassungslos. Sein Unternehmen ist Verpackungslieferant, vor allem für Bäckereien und Metzgereien. Der Betriebsurlaub Mitte August galt zwar für seine Mitarbeitenden, Ritter und seine Frau aber haben wegen der neuen Verpackungsverordnung der EU ihren Sommerurlaub geopfert. Sie informieren und beraten ihre Kunden zur neuen Verordnung. Als „absolute Katastrophe“ bezeichnet Ritter die „Packaging and Packaging Waste Regulation“ oder kurz „PPWR“ für sein Unternehmen und die Branche allgemein.
Die Problematik erklärt Ritter am Beispiel einer Bäckerei. Seine Ausführungen lassen erahnen, durch welchen Regulatorik-Dschungel er sein Unternehmen und seine Kunden führen muss. Verkauft ein Bäcker Semmeln und packt diese vor den Augen des Kunden in eine Tüte, galt diese schon vor der PPWR als „Serviceverpackung“. Bisher durfte Ritter dafür die Entsorgungsgebühren für seine Kunden direkt an die staatlich zertifizierten Entsorger abführen.
Mit der PPWR ist das jetzt anders: Dass der Bäcker bei Serviceverpackungen Unternehmen wie Ritter in die Pflicht nehmen kann, gilt noch. Allerdings nur noch für Kleinstunternehmen, die weniger als zehn Mitarbeitende und weniger als zwei Millionen Euro Umsatz haben. Oder für Unternehmen, egal welcher Größe, solange sie auf die Tüte kein eigenes Logo drucken lassen, also ein „Neutralmotiv“ haben. Für Ritter ist das sinnfrei. „Ob da der Bäckereiname draufsteht oder nicht: Das ist das gleiche Papier, Kleber, Farbe. Das ist auf der gleichen Maschine gelaufen.“
Ritter muss jetzt zusätzliche Kundendaten abfragen. „Ich weiß ja nicht, wie viel Mitarbeitende und Umsatz meine Kunden haben. Ich muss das also bei den Unternehmen abfragen. Das sind Firmeninterna und gehen mich eigentlich nichts an“, sagt Ritter. Zusätzlicher Aufwand, für den Ritter Verpackungen auch noch ein neues EDV-System gebraucht hat. Denn die Daten zur Größe des Unternehmens und ob die Verpackung personalisiert ist oder nicht, müssen so gesammelt werden, dass Ritter sie korrekt nutzen kann. „Unsere EDV macht eine externe Firma. Die hat unser System drei Wochen lang für uns komplett umprogrammiert. Auf die Rechnung freue ich mich jetzt schon“, sagt Ritter.
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Hinzu kommen bei Ritter und beim Bäcker ein erheblicher Arbeits- und Personalaufwand. Denn darf ein Bäcker die Entsorgung seiner Verpackungen nicht über Unternehmen wie Ritter Verpackungen lizenzieren, muss der Bäcker das selbst tun und auch die Konformitätserklärung zu den Inhaltsstoffen der Verpackung selbst ausfüllen. Diese Daten fragt er natürlich bei Ritter nach. „Ganz ehrlich, machen Sie das mal, bei hunderten Kunden. Da kommt Freude auf.“
Auch Multivac aus Wolfertschwenden (Kreis Unterallgäu) berät zusehends seine Kunden wegen der PPWR. Multivac stellt Maschinen für Verpackungen her. „Unsere Kunden möchten wissen, welche Verpackungskonzepte zukunftsfähig sind, also z. B. welche Materialien als recyclingfähig gelten“, erklärt Annika Eberhardt, Packaging Consultant mit Fokus auf Sustainable Packaging & Trends bei Multivac. Die meisten Anfragen an Multicav kommen aus der Lebensmittelindustrie. „Diese Unternehmen sind alle umfangreich betroffen und müssen die größten Herausforderungen meistern, beispielsweise bezüglich der Recyclingfähigkeit.“ Denn die Verpackungen müssten jetzt Nachhaltigkeitsanforderungen und Produktschutz zu vereinen.
Das ist bei Lebensmittelverpackungen nicht so einfach. „Viele Produkte wie Wurst und Fleisch sind empfindlich und müssen besonders gut geschützt werden. Dafür werden meist sogenannte Mehrschichtfolien verwendet, die aus verschiedenen Materialien bestehen. Dabei erfüllt jedes Material eine ganz bestimmte Schutzfunktion.“ Der Materialmix erschwert aber das Recycling. Dabei gibt es keine einheitliche Lösung, es hänge immer von einem Zusammenspiel aus Produkt, Maschine und Material ab.
Weil recyclingfähige Folien in der Verarbeitung teilweise herausfordernder sind, verbessert Multivac auch die Technologie seiner Maschinen. „Bei der Umstellung von einer Mehrschicht- auf eine Einschichtfolie könnte man zum Beispiel feststellen, dass das Heizverhalten ein anderes ist oder sich die Folie auch anders schneiden lässt“, sagt Eberhardt. Dann könnte Multivac die Maschinen der Kunden nachrüsten.
Vor allem bei kleinen und mittelständischen Unternehmen beobachtet Eberhardt, dass die Kapazität fehlt, sich mit der PPWR auseinander zu setzen. „Viele haben ihren Fokus auf anderen Herausforderungen, wie den steigenden Energiepreisen. Von diesen Kunden erwarten wir in naher Zukunft vermehrte Anfragen“, sagt sie.
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Eine Erfahrung, die auch Franziska Behrenz von der Fachberatung Bereich International der IHK Schwaben macht. „Große Lebensmittelkonzerne haben eigene Rechtsabteilungen, die das selbst bearbeiten. Die kommen selten damit zu uns“, sagt sie.
Doch gerade die großen Unternehmen trifft oft eine andere Frage: Was sollen sie mit den Verpackungen machen, die sie noch im Lager haben? „Die fragen sich, ob sie das jetzt nach kennzeichnen müssen und wie sie die Informationen dazu bekommen, wenn die Verpackungen schon ein paar Jahre alt sind“, safgt Behrenz. Wie Ritter Verpackungen müssen sich auch die Lebensmittelunternehmen erstmal ein System aufbauen, um ihre Verpackungsmassen zu strukturieren und die technische Dokumentation zu schaffen.
Gerade bei den Kleinen, bei Bäckereien und Metzgereien, befürchtet Ritter von Ritter Verpackungen schwere Folgen durch die PPWR. Seine Kunden seien nicht nur verärgert, sondern komplett frustriert. Er geht davon aus, dass einige Betriebe aufhören werden. „Wir haben Kunden, die jetzt eigentlich Verpackungen bei uns nachbestellen müssten. Aber das tun sie nicht. Sie sagen uns: ‚Wir müssen so viel Bürokratie stemmen. Wir wollen nicht mehr, wir hören auf.‘“ Ritter sieht durch die neue EU-Verpackungsverordnung die Nahversorgung in Gefahr. Außerdem verlieren er und seine Branche Kunden, wenn diese ihr Geschäft aufgeben. „Jeder wird bluten. So schaden wir der deutschen Wirtschaft, anstatt sie zu stärken.“
Zudem befürchtet er, dass deutsche Verpackungslieferanten nicht mehr zum Zuge kommen, weil chinesische Großkonzerne wie Temu profitieren. „Eine neutrale Tüte, ohne Bäckereiaufdruck, können Sie überall bestellen. Auch in China“, sagt Ritter. Aber er bezweifelt, ob Länder außerhalb der EU die Richtlinien, die die PPWR für das Material vorgibt, einhalten. Etwa die neuen Grenzwerte für PFAS in Lebensmittelverpackungen. „Wir rasieren nicht nur Existenzen von Selbstständigen, sondern Arbeitsplätze. Dieses Gesetz vernichtet Arbeitsplätze und Existenzen“, warnt Ritter.
Laut Behrenz von der IHK Schwaben gilt die PPWR für alle Unternehmen. Auch für chinesische Unternehmen, die etwas in die EU liefern. So bräuchte auch Temu in jedem europäischen Land einen Bevollmächtigten. Zudem muss jedes Unternehmen, das etwas in die EU importiert, abfragen, ob die Verpackungen PPWR-konform sind. Sind sie es nicht, dürfen sie die Ware in der EU nicht verkaufen. „Die Frage ist aber immer, wie kontrolliert wird und wie viel Kapazitäten die Behörden dafür haben. Das kann man jetzt noch nicht sagen. Da wird man abwarten müssen“, sagt Behrenz.
Ob die Verpackungsverordnung in ihrer derzeitigen Form so bleibt, ist offen. Die EU-Kommission rät den Ländern derzeit davon ab, Strafen zu verhängen. Außerdem will sie die Verpflichtung zu einem Bevollmächtigten in jedem EU-Land wieder ändern.
Wirtschaftsvertreter wie die IHK Schwaben fordern eine EU-weite Vollzugspause für Anforderungen, deren Auslegung noch nicht eindeutig geklärt ist. Zum Beispiel die Frage, wer gewährleisten müsse, dass eine Verpackung recyclingfähig ist. Auch fordert die IHK Schwaben verbindliche und einheitliche Regeln, ein zentrales digitales Verfahren sowie Vereinfachungen und Bagatellgrenzen für kleine und mittlere Unternehmen.
Ritter kann sich nicht vorstellen, dass durch das Gesetz Verpackungen gespart und weniger Müll produziert wird. „Wir hatten schon ein Verpackungsgesetz, das hat funktioniert. Es gab schon Vorgaben, was zu welchem Teil und wie recycelt werden muss. Diese Quoten wurden immer erhöht.“ Da stehe er auch dahinter. Die Einbußen durch die PPWR müsse man anderweitig auffangen. Ritter will das für sein Unternehmen mit Innovation schaffen.