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Utilize-Gründerin Julia Singer: „Wir schaffen ein dezentrales, resilientes Energienetz“
Interview

Utilize-Gründerin Julia Singer: „Wir schaffen ein dezentrales, resilientes Energienetz“

Dr. Julia Singer ist Gründerin und Geschäftsführerin des Allgäuer Start-ups utilize. Foto: utilize
Dr. Julia Singer ist Gründerin und Geschäftsführerin des Allgäuer Start-ups utilize. Foto: utilize

Das Allgäuer Start-up will den Mittelstand vom Verbraucher zum Profiteur machen – mit einem virtuellen Kraftwerk und Batteriespeichern als Einnahmequelle. Gründerin Dr. Julia Singer erklärt im Interview, wie das Modell funktioniert und wieso Netzengpässe damit auch zur Chance werden können.

B4BSCHWABEN.de: Wie ist die Idee hinter Utilize entstanden und welches Problem wollen Sie damit lösen?

Dr. Julia Singer: Die Idee hinter Utilize ist aus der Frage entstanden, wie mittelständische Unternehmen an der nächsten Phase der Energiewende, der Flexibilisierung des Strommarktes, teilhaben können. Wir wollen dem Mittelstand einen aktiven Zugang zu diesem Markt eröffnen und gleichzeitig ein dezentrales, resilientes Energienetz innerhalb der bestehenden Infrastruktur schaffen. Genau dieses Prinzip spiegelt auch unser Name wider.

Sie wollen Unternehmen vom reinen Stromkonsumenten zum „Profiteur“ machen. Wie genau funktioniert Ihr virtuelles Kraftwerk, das Utilize Flex VPP?

Strom ist klassisch ein Kostenblock der Ausgabenseite. Diese Kosten lassen sich etwa durch PV-Anlagen reduzieren, wir gehen aber einen Schritt weiter und sagen: Unternehmen sollen direkt von der Energiewende profitieren. Dafür braucht es allen voran Flexibilisierung.

Als Teil des virtuellen Kraftwerks können unsere Kunden ihre bestehende Infrastruktur weiter nutzen, die wir dann um einen Batteriespeicher ergänzen. Diesen setzen wir gezielt ein, um Zusatzeinnahmen zu generieren, ähnlich wie früher bei der EEG-Vergütung für PV-Anlagen. Entscheidend ist unsere Software, denn sie macht das Modell auch für kleine Anlagen möglich. Bislang konnten solche Erlöse praktisch nur mit Großbatteriespeichern erzielt werden.

Die Preise am Strommarkt schwanken minütlich. Welche Rolle spielt Künstliche Intelligenz in Ihrer Software?

Künstliche Intelligenz spielt natürlich auch eine große Rolle, in zweifacher Hinsicht. Wir selbst sind nicht direkt am Strommarkt tätig, sondern arbeiten mit etablierten Partnern zusammen. Diese setzen KI beispielsweise aktiv für Marktoptimierungen ein. In unseren eigenen Anwendungen nutzen wir KI hingegen, um zu analysieren, wie Anlagen agieren, um Prognosen zu erstellen oder zu ermitteln, wie viel Flexibilität uns am jeweiligen Netzanschluss tatsächlich zur Verfügung steht.

Viele Unternehmen scheuen Vorabinvestitionen. Muss ein Betrieb erst einen Großspeicher anschaffen, um Teil Ihres VPP zu werden, oder können auch bestehende Infrastrukturen genutzt werden?

Wir machen beides: Wir installieren neue Speicher, binden aber auch bestehende Anlagen ein. Wenn ein Unternehmen bereits einen Batteriespeicher hat, ist das natürlich attraktiver, als neue Infrastruktur installieren zu müssen. Allerdings ist das bislang eher die Ausnahme, da nur wenige Betriebe bereits solche Anlagen betreiben.

Aufgrund geopolitischer Krisen sehnen sich viele Mittelständler vermehrt nach Unabhängigkeit. Wie garantieren Sie, dass trotz Flexibilitätshandel immer genug Strom für die eigene Versorgung der Betriebe im Speicher bleibt?

Die Kernversorgung bleibt gewährleistet, da unsere Lösung ein zusätzlicher Baustein ist. Man kann es sich wie einen Wassertank an einer bestehenden Leitung vorstellen: In Zeiten von Überschuss füllen wir den Batteriespeicher günstig auf, indem wir Strom über den Netzanschluss der Unternehmen kaufen. Erst, wenn der Bedarf und damit meist auch die Preise auf dem Markt wieder steigen, verkaufen wir den Strom. Unternehmen steuern also vor allem ihre Infrastruktur und freie Kapazitäten bei, nicht den selbst produzierten Strom.

Als Teil eines VPP müssen Unternehmen ihre Infrastruktur vernetzen. Wie nehmen Sie Geschäftsführern die Angst, dass sich dadurch Einfallstore für Cyberangriffe öffnen könnten?

Der entscheidendste Punkt ist, dass wir nie über das Firmennetzwerk gehen, sondern eine eigene, gesicherte Verbindung zum Speicher haben. Somit haben auch die Hersteller der installierten Anlagen keinen Zugriff auf das Netz der Unternehmen. Zusätzlich hat unsere Software einen hohen Sicherheitsstandard, um potenzielle Angriffsflächen zu minimieren.

Hohe Energiekosten befeuern immer wieder die Deindustrialisierungsdebatte. Inwiefern unterstützt Utilize die Wettbewerbsfähigkeit energieintensiver Betriebe?

Die Energiekosten werden wahrscheinlich auf absehbare Zeit hoch bleiben. Dazu kommt, dass niemand sicher sagen kann, wie die Rahmenbedingungen in fünf oder zehn Jahren aussehen, denn Regulatorik und der Markt verändern sich konstant. Es ist daher entscheidend, dass sich gerade energieintensive und mittelständische Betriebe zukunftsorientiert und intelligent aufstellen, um wettbewerbsfähig zu bleiben.

Und genau das tun sie, wenn sie Teil unseres virtuellen Kraftwerks werden, denn durch die Integration eines Batteriespeichers profitieren die Betriebe von einer flexiblen Infrastruktur, mit der sich eine zusätzliche Einnahmequelle erschließen und damit auch ein weiteres Standbein aufbauen lässt.

Wirtschaftsministerin Reiches „Netzpaket“ könnte den Ausbau der Erneuerbaren bei Netzengpässen drosseln. Welche konkreten Chancen ergeben sich daraus für Ihr Geschäftsmodell?

Das Netzpaket ist aus unserer Sicht eine Chance, weil es ein Problem sichtbar macht, für das wir bereits die Lösung haben. Wenn Netze überlastet sind und Anlagen gedrosselt werden, verliert erzeugter Strom seinen Wert. Ein Batteriespeicher hinter dem Zähler fängt genau das auf: Der Engpass wird nicht zum Verlustgeschäft, sondern zur Einnahmequelle.

Wir sehen schon heute, dass bei großen Projekten praktisch keine Anlage mehr ohne Speicher gebaut wird. Mit dem Netzpaket wird das auch für den Mittelstand zur wirtschaftlichen Notwendigkeit. 

Nehmen wir an, ein Allgäuer Betrieb in einem „kapazitätslimitierten Netzgebiet“ darf künftig tageweise keinen Solarstrom mehr einspeisen. Wie wirkt sich das auf die Wirtschaftlichkeit innerhalb des Utilize Flex VPP aus?

Ein solches Szenario wirkt sich nicht negativ auf unser Geschäftsmodell aus. Wenn ein Betrieb tageweise nicht einspeisen darf, liegt das ja typischerweise daran, dass das Netz überlastet ist und das Angebot die Nachfrage deutlich übersteigt. Entsprechend wären die Preise am deutschen Strommarkt dann tendenziell niedrig. Genau in solchen Situationen würden wir im Utilize Flex VPP entgegenwirken, also Strom nicht einspeisen, sondern ihn speichern, bis der Bedarf wieder steigt.

Welche Meilensteine visieren Sie mit Utilize in den nächsten fünf Jahren an?

Aktuell stehen wir kurz vor dem Go-live der ersten Anlagen. Danach liegt unser Fokus darauf, diese Anlagen stabil zu betreiben, denn im Flexibilitätsmarkt entscheidet Zuverlässigkeit über den Ertrag. Parallel etablieren wir unser Modell über das Allgäu hinaus, wir sind bereits im Gespräch mit Kunden in Norddeutschland. Aber Wachstum heißt für uns nicht möglichst schnell möglichst viele Standorte, sondern: jede Anlage effizient betreiben, kontinuierlich optimieren und Kunden langfristig zufriedenstellen. Darauf bauen wir auf.

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