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B4BSCHWABEN.de: Wie ist die Idee zu Heyv entstanden? Gab es einen konkreten Moment oder eine persönliche Erfahrung, die den Anstoß gegeben hat?
Shereen Diko: Der Anstoß war eine Beobachtung im Alltag. Ich sah hochqualifizierte Frauen aus Syrien, der Ukraine oder Afghanistan, die zwar Abschlüsse, aber kein Netzwerk hatten. Vor deutschen Formularen fühlten sie sich plötzlich klein und unfähig, nur weil sie die Sprache nicht perfekt beherrschten. Ich sage aber: „Schaut euch an, was diese Frauen alles geschafft haben!“ Wer eine Flucht überlebt und sich hier alles neu aufbaut, ist extrem stark, mutig und lernt schnell.
Diese wertvollen Eigenschaften in den Vordergrund zu rücken ist der Grundgedanke hinter „Heyv“ – Kurdisch für „Mond“ und ein Symbol für Licht im Dunkeln.
Frauen mit Migrationshintergrund stoßen auf dem Arbeitsmarkt oft auf große Hürden. Wo liegen aus Ihrer Sicht die größten Herausforderungen und wie setzt Heyv genau dort an?
Es sind nicht nur die Gesetze, es ist der Alltag. In Deutschland läuft beispielsweise viel über Kontakte. Wer neu ist, hat niemanden, der mal kurz den Hörer abhebt und zum Beispiel eine Bewerbung gegenliest. Gleichzeitig mangelt es oft an Selbstvertrauen. Heyv setzt genau hier an. Wir vermitteln den Frauen nicht nur Wissen, sondern geben ihnen das Gefühl zurück, gebraucht zu werden.
Neben Workshops bieten Sie bewusst auch informelle Veranstaltungen an. Welche Bedeutung hat dieser Austausch für die Teilnehmerinnen und den Aufbau der Community?
Diese Veranstaltungen sind das Herzstück und helfen beim Aufbau von Social Capital. In Workshops lernt man das „Was“, aber bei einem Kaffee lernt man das „Wie“. Zudem geben diese Treffen psychologische Sicherheit. Wenn eine Teilnehmerin sieht, dass eine andere Frau bereits den Sprung in den Job geschafft hat, bricht das Eis.
Sie werden vom Funkenwerk der Technischen Hochschule Augsburg unterstützt. Inwiefern hat diese Unterstützung Sie als Gründerin und Heyv geprägt?
Am Anfang hatte ich nur die Idee und viel Leidenschaft. Das Funkenwerk an der TH Augsburg war wie ein Anker. Sie haben mir nicht nur einen Schreibtisch gegeben, sondern mir beigebracht, wie man einen Businessplan schreibt, der auch Banken überzeugt. Sie waren die Ersten, die gesagt haben: „Du bist eine Unternehmerin“, noch bevor ich es selbst geglaubt habe.
Der Anteil an Gründerinnen in Deutschland lag 2024 bei rund 36 Prozent. Warum entscheiden sich Ihrer Meinung noch immer weniger Frauen für den Schritt in die Selbstständigkeit?
Es ist oft eine Frage der Sicherheit. Frauen (besonders mit Fluchthintergrund) tragen oft eine enorme Verantwortung für die Familie. Eine Gründung ist jedoch ein enormes Risiko. Wenn es schiefgeht, fällt nicht nur man selbst, sondern oft die ganze Familie. Zudem fehlt oft das Startkapital „aus der Verwandtschaft“.
Studien zeigen, dass Frauen und Menschen mit Migrationshintergrund deutlich seltener Zugang zu Wagniskapital erhalten. Wie erleben Sie diese strukturellen Hürden ganz konkret im Unternehmensalltag?
Ganz einfach gesagt: Wenn es um Geld für die Firma geht, nehme ich an einem Wettrennen teil, bei dem ich Steine im Rucksack habe. Zum einen passe ich nicht ins Bild, denn Leute, die Geld verteilen, geben es oft Menschen, die ihnen ähnlich sind. Da ich eine Frau mit Fluchterfahrung bin, sehen viele mich als soziales Projekt, anstatt als Unternehmerin mit starker Business-Idee. Zum Beispiel fragen Investoren mich oft: „Was ist, wenn dein Visum Probleme macht?“
Zum anderen muss ich mir jeden Euro und jeden Kontakt von Null auf hart erkämpfen. Viele Gründer bekommen am Anfang Geld von der Familie oder dem Bekanntenkreis. Dieses Netzwerk habe ich als Geflüchtete nicht.
Vor zehn Jahren sind Sie aus Syrien geflohen, heute sind Sie erfolgreiche Start-up-Gründerin. Wie bewerten Sie vor diesem Hintergrund aktuelle politische Forderungen nach einer Rückführung vieler syrischer Geflüchteter?
Angesichts der aktuellen Forderungen nach Rückführungen empfinde ich eine tiefe Sorge. Meine Geschichte zeigt: Geflüchtete sind eine Investition, keine Belastung. Wenn wir Menschen, die sich hier eine Existenz aufgebaut haben, Unternehmen gründen und Steuern zahlen, die Rückkehr in ein unsicheres Land nahelegen, schaden wir uns als Gesellschaft und Wirtschaftsstandort selbst. Wir brauchen diese Talente.
Sie setzen sich dafür ein, dass Mehrsprachigkeit und Fluchterfahrung als wertvolle Ressource verstanden werden. Was können Unternehmen tun, um dieses ungenutzte Potenzial besser zu erkennen und zu nutzen?
Unternehmen sollten aufhören, nur nach dem perfekten Lebenslauf zu suchen und Fähigkeiten statt Zertifikate priorisieren. Zudem glaube ich fest an "Cultural Add" statt "Cultural Fit." Wir als Unternehmerinnen und Unternehmer sollten nicht nach Leuten suchen, die ohnehin schon genau so ticken wie das bestehende Team, sondern nach Menschen, die es durch neue Perspektiven bereichern. Und damit das langfristig funktioniert, ist eine gute Begleitung essenziell: Wenn Betriebe interne Mentoring-Programme und Patenschaften etablieren, schaffen sie genau das Umfeld, in dem diese Fachkräfte nicht nur ankommen, sondern auch nachhaltig wachsen können.
Welchen Rat würden Sie Frauen geben, die eine Geschäftsidee haben, aber noch zögern, sich selbstständig zu machen?
Warte nicht, bis du dich zu 100 Prozent bereit fühlst. Du wirst es nie sein. Fang klein an, teste deine Idee, such dir Mitstreiterinnen und trau dich, laut zu sein. Deine Perspektive ist deine Superkraft, nicht dein Hindernis.
Was sind die nächsten Ziele und Meilensteine für Heyv?
Mein nächster großer Meilenstein ist die Beantragung des EXIST-Gründerstipendiums, um Heyv auf das nächste Level zu heben. Dafür baue ich aktuell ein starkes Gründerteam auf und suche Mitgründerinnen aus den Bereichen BWL und Informatik, die meine Leidenschaft teilen und die technische sowie strategische Entwicklung unserer Plattform vorantreiben. Unser Ziel ist es, einen echten Kulturwandel zu bewirken: Fluchterfahrung soll im Lebenslauf nicht länger als Defizit, sondern als wertvoller Beweis für außerordentliche Problemlösungskompetenz und Resilienz gewertet werden.