
Holen Sie sich B4BSCHWABEN.de auf Ihr Smartphone.
Klicken Sie auf das Symbol zum „Teilen” in der Toolbar von Safari. Finden Sie die Option „Zum Home-Bildschirm”. Mit einem Klick auf „Hinzufügen” ist die Installation abgeschlossen! Schon ist die Website als App auf Ihrem iOS-Gerät installiert.
B4BSCHWABEN: Wie kam die Idee hinter Movitus zustande und welches Problem im Logistikalltag lösen Sie damit?
Helene Nicole Hellwig: Meine Schwester Michaela und ich sind in einer Logistikfamilie aufgewachsen. Während wir unsere Arzttermine längst mit zwei Klicks buchen konnten, liefen Transporte weiterhin über Anruf, E-Mail und Fax. Auf die Frage, ob das nicht anders ginge, hieß es: „Nein, das geht in der Logistik nicht.“ Die Wahrheit war jedoch: Die Branche ist schlicht massiv unterdigitalisiert. Als ich im Auslandssemester in Schweden Rohith kennenlernte, beschlossen wir, das gemeinsam zu ändern. Wir ergänzen uns als Team perfekt: Michaela und ich bringen BWL-Wissen und 70 Jahre familiäre Logistikerfahrung ein, Rohith die IT-Expertise.
Zusammen lösen wir mit Movitus zwei konkrete Kernprobleme: erstens den fehlenden Marktüberblick. Statt dass Versender mühsam Angebote manuell vergleichen, vernetzt unsere Plattform sie automatisiert mit dem passenden Spediteur. Das spart Zeit und reduziert Leerfahrten. Zweitens verschlanken wir das operative Tagesgeschäft der Speditionen, indem unsere KI den gesamten Auftragseingang digitalisiert.
Laut Kraftfahrt-Bundesamt sind fast 38 Prozent aller Lkw-Fahren im deutschen Güterverkehr Leerfahrten. Wie kommt es dazu und weshalb lässt sich dieses Problem bisher so schwer schließen?
Das ist im Kern ein Allokationsproblem in einem fragmentierten, kaum digitalisierten Markt. Tausende Speditionen disponieren per Telefon und E-Mail, Informationen zu freien Lkw und passenden Ladungen stecken in Postfächern oder Köpfen fest. Lkw fahren unter Zeitdruck also oft leer zurück, weil schlicht der Überblick fehlt. Das menschliche Gehirn kann diese Netzwerkkomplexität nicht erfassen – unsere Algorithmen schon. Angesichts knapper Margen, steigender Ölpreise durch globale Krisen und zwingender CO₂-Einsparungen braucht es genau diese digitale Infrastruktur, um die Lücke endlich zu schließen.
Was genau unterscheidet Movitus von bestehenden Transport-Management-Systemen und Frachtenbörsen?
Während eine Frachtenbörse als preisorientiertes „schwarzes Brett“ den Markt nur zeigt, organisiert Movitus ihn. Unsere Plattform berechnet die optimale Allokation, sodass auch Versender ohne Logistikerfahrung faire Konditionen erhalten. Auch Transport-Management-Systeme (TMS) leisten das nicht: Sie optimieren innerhalb eines Unternehmens, das Leerfahrtenproblem entsteht aber zwischen den Unternehmen.
Unser zweites Produkt, Movitus-Connect, schließt bei Speditionen die größte TMS-Lücke: den Auftragseingang. Unser KI-Agent übernimmt die automatische Datenerfassung und erstellt prüffertige Buchungen. Das bedeutet: kein aufwendiges IT-Projekt, sondern ein Tool, das sofort funktioniert.
Was beide Produkte verbindet: Sie strukturieren und digitalisieren Transportdaten und machen die Logistik effizienter und nachhaltiger.
An welcher Stelle im Prozess setzen Speditionen Ihre Plattform konkret ein, und wie wird der Mehrwert für sie messbar?
Es gibt zwei typische Einstiegspunkte. Zum einen über Movitus-Connect. Kundenanfragen erreichen eine Spedition heute in der Regel als E-Mail. Unser KI-Agent liest diese Anfragen, extrahiert Informationen wie beispielsweise Route, Gewicht, Termin und Anforderungen und erstellt einen strukturierten Buchungsentwurf. Dieser ist dann sofort für den Disponenten zur Prüfung und Freigabe bereit, ohne dass alles manuell abgetippt werden muss. Messbar wird der Mehrwert hier allen voran durch einen merklich reduzierten Arbeitsaufwand.
Der zweite Einstiegsweg ist direkt über die Plattform. Hier haben Speditionen die Möglichkeit, ihre freien Kapazitäten anzugeben und passende Anfragen dazu zu erhalten. Beispielsweise für leere Rückfahrten, denn genau hier haben Unternehmen oft Schwierigkeiten, diese optimal auszulasten. Durch unsere Plattform können sie nun einfach gefüllt werden, was einen positiven Einfluss auf die geringen Margen der Speditionsunternehmen hat. Zudem verzeichnen die Unternehmen weniger CO₂-Emissionen, was wiederum relevant für das ESG-Reporting ist.
Logistikunternehmen bieten auf Ihrer Plattform Preise für Buchungen an. Wie verhindern Sie bei diesem Marktplatz-Prinzip einen reinen Preiskampf nach unten?
Movitus ist kein reines Preisranking, denn neben dem Preis berücksichtigt unser Matching Variablen wie Zeit, Kapazität und Zuverlässigkeit. Wer verlässlich Qualität liefert, wird sichtbarer. Zugleich schützen wir Versender vor überhöhten Angeboten.
Wichtig zu erwähnen ist auch: Wir diktieren keine Preise. Unser Modell schafft Wert nicht durch Preisdruck, sondern durch bessere Auslastung. Eine Rückfahrt, die sonst leer bliebe, bringt dem Spediteur ganz automatisch eine zusätzliche Marge. Niemand muss sich unter Wert verkaufen.
Ihr KI-Agent verarbeitet sehr sensible Unternehmens- und Kundendaten. Wie stellen Sie sicher, dass diese Daten geschützt bleiben und die DSGVO eingehalten wird?
Datenschutz ist für uns Voraussetzung, kein Beiwerk. Wir erfüllen nicht nur die DSGVO, sondern haben auch den EU AI Act von Beginn an mitgedacht. Alle Daten liegen bewusst zentral auf unseren eigenen Servern in der EU. Dabei leiten uns drei Prinzipien: strenge Datenminimierung, höchste technische Sicherheit und das „Human-in-the-Loop“-Prinzip – der Mensch hat bei jedem Auftrag das letzte Wort.
Perspektivisch gehen wir noch einen Schritt weiter und bauen derzeit unser eigenes KI-Modell auf. Aktuell arbeiten wir für einzelne Schritte noch DSGVO-konform mit externen Anbietern zusammen, doch künftig entfällt auch das. Sensible Kundendaten verlassen unsere Infrastruktur dann zu keinem Zeitpunkt mehr. Da KI unser Kernprodukt ist, wollen wir den kompletten Datenweg zu 100 Prozent selbst in der Hand haben.
Ab Juli 2027 müssen EU-Behörden den elektronischen Frachtbrief (eCMR) akzeptieren. Wie bereit ist der Mittelstand, sich langfristig von Papierdokumenten zu verabschieden?
Die Bereitschaft ist ehrlich gesagt gemischt, zeigt aber eine klar positive Tendenz. Während einige den Wandel scheuen, treibt die nachrückende Generation die Digitalisierung aktiv voran. Der Druck ist ohnehin real: Angesichts historisch hoher Insolvenzraten in der Logistik wird auf Dauer nur bestehen, wer sich verändert. Die eCMR Akzeptanz der Behörden ab 2027 ist dabei der Wendepunkt. Sie schafft Rechtssicherheit bei Kontrollen und bringt handfeste Vorteile: keine verlorenen Frachtbriefe, sofortige Abliefernachweise und schnellere Abrechnungen. Movitus ist für diesen Wandel digital-nativ gebaut. Wer über uns bucht, hat alle Transportdaten bereits strukturiert vorliegen. Der Schritt zum eCMR ist dann keine Umstellung mehr, sondern ein klarer Wettbewerbsvorteil.
Movitus wurde kürzlich mit der Start?Zuschuss!-Förderung des Gründerlandes Bayern in Höhe von 36.000 Euro ausgezeichnet. Welche Rolle spielt dieser Zuschuss für die weitere Entwicklung Ihres Start-ups?
Konkret fließt der Zuschuss vor allem in unsere Technologie – und dort gezielt in den Aufbau unseres eigenen, bereits erwähnten KI-Modells. Allerdings war diese Förderung für uns mehr als nur ein monetärer Zuschuss: Sie war ein Signal, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Die Auszeichnung durch eine unabhängige Jury validiert unseren Ansatz, öffnet Türen bei Kunden wie Partnern und gibt uns Sichtbarkeit im Ökosystem. Wir geben jeden Tag alles, und diese Anerkennung hat uns unglaublich motiviert weiterzumachen.
Sie blicken strategisch auch auf den Handelskorridor zwischen Europa und Indien. Wie schlägt man als junges Unternehmen die Brücke aus dem Allgäu in den asiatischen Raum?
Da mein Co-Founder Rohith aus Indien stammt, hat er schon früh das enorme Potenzial des kommenden EU-Indien-Freihandelsabkommens erkannt. Weil fallende Zölle und der Zwang zur Lieferkettendiversifizierung den Handel künftig massiv antreiben werden, entsteht auf diesem Korridor eine echte Marktlücke: Es fehlen bislang schlichtweg etablierte Strukturen für den Mittelstand. Um genau diese Lücke zu schließen, schlagen wir die Brücke nach Asien ganz pragmatisch über unser familiäres Netzwerk. So haben wir mit Dinesh bereits einen starken Partner für die Logistik und Vermarktung vor Ort gewonnen. Dass dieser Vorstoß den Nerv der Zeit trifft, zeigte zuletzt auch das rege Kooperationsinteresse großer europäischer Speditionen auf der LogiMAT.
Wo sehen Sie Movitus in den nächsten fünf Jahren?
In fünf Jahren sehen wir Movitus als führende digitale Frachtplattform für den europäischen Mittelstand; als eine vollautomatisierte Infrastruktur auf Basis unseres KI-Modells, die Transporte ohne E-Mail-Ketten und zahllose Telefonate organisiert. Das übliche Henne-Ei-Problem neuer Plattformen lösen wir dabei durch unseren starken Startvorteil: 70 Jahre familiäre Logistikerfahrung und ein bereits bestehendes, wachsendes Netzwerk. Darauf aufbauend wollen wir nicht nur auf den europäischen Routen, sondern auch auf dem Korridor nach Indien fest etabliert sein.
Das Schöne an unserem Ansatz: Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit sind bei uns kein Zielkonflikt. Jede vermiedene Leerfahrt senkt Kosten und CO₂ gleichermaßen. Nachhaltigkeit ist somit kein Zusatzversprechen, sondern die direkte Folge unseres Geschäftsmodells. Wir adressieren damit sechs der 17 UN-Nachhaltigkeitsziele – und genau daran wollen wir uns messen lassen.