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B4BSCHWABEN.de: Standortentwicklung wird oft auf Lage reduziert. Was wird aus unternehmerischer Sicht heute am häufigsten unterschätzt?
Viele Diskussionen über Standorte beginnen noch immer mit der Lage – und enden dort auch. In der Praxis entscheidet jedoch etwas anderes über den langfristigen Erfolg: die Fähigkeit eines Standorts, sich über die Zeit weiterzuentwickeln. Lage ist wichtig, aber sie ist kein statisches Erfolgsversprechen.
Gerade ein Blick auf den Wirtschaftsraum Augsburg macht das deutlich. Die Region ist in den vergangenen zehn Jahren um rund 9,5 Prozent gewachsen und zählt heute knapp 700.000 Einwohner. Dieses Wachstum verändert Anforderungen an Nutzung, Mobilität und Flächenqualität spürbar. Standortentwicklung muss diese Dynamik mitdenken und antizipieren – statt nur den heutigen Zustand abzubilden.
Häufig unterschätzt wird dabei, wie eng Standortqualität mit Akzeptanz, Nutzungsmischung und Anpassungsfähigkeit verbunden ist. Ein Standort, der diese Faktoren ignoriert, verliert langfristig an Wert – selbst dann, wenn die Lage auf den ersten Blick überzeugt.
Welche Standortfaktoren entscheiden heute wirklich über Investitionsfähigkeit und welche verlieren an Bedeutung?
Investitionsfähigkeit wird heute deutlich selektiver bewertet als noch vor wenigen Jahren. Das zeigt sich sehr klar am Markt. Im Wirtschaftsraum Augsburg lag das jährliche Transaktionsvolumen für gewerbliche Immobilien in den Jahren vor 2022 noch bei rund 800 Mio. Euro. Nach der Zinswende ist es auf etwa 170 Mio. Euro zurückgegangen. Investiert wird also weiterhin – allerdings wesentlich gezielter und mit deutlich höheren Anforderungen.
Gefragt sind Standorte mit klarer Qualität: eine gute Einbindung in das Umfeld, flexible Nutzbarkeit und stabile Nachfrageperspektiven. Reine Flächenverfügbarkeit oder monofunktionale Konzepte verlieren dagegen an Bedeutung. Investoren prüfen sehr genau, ob ein Standort auch unter veränderten Marktbedingungen tragfähig bleibt.
In einer Stadt wie Augsburg, in der über 34.000 Unternehmen angesiedelt sind und die ein Bruttoinlandsprodukt von rund 15 Milliarden Euro erwirtschaftet, entsteht Wert vor allem dort, wo Arbeiten, Leben und Aufenthalt zusammengedacht werden. Entscheidend ist nicht mehr nur der erste Vermietungstag, sondern die Relevanz eines Standorts in zehn oder fünfzehn Jahren.
Sie haben in Ihrer beruflichen Karriere Projekte mit einem Volumen von über 1 Mrd. EUR verantwortet. Was unterscheidet einen entwicklungsfähigen Standort von einem, der trotz guter Lage scheitert?
Ein entwicklungsfähiger Standort ist selten der einfachste – aber fast immer der ehrlichste. In meiner Laufbahn habe ich immer wieder erlebt, dass Projekte in sehr guten Lagen hinter den Erwartungen zurückbleiben, weil Komplexität ausgeblendet oder zentrale Rahmenbedingungen falsch eingeschätzt wurden.
Gerade bei WALTER haben wir früh gelernt, dass langfristige Standortentwicklung nur funktioniert, wenn man Verantwortung über das einzelne Projekt hinaus übernimmt. Das bedeutet, wirtschaftliche Ziele klar zu benennen, gleichzeitig aber auch die Perspektive der Stadt und der Nutzer mitzudenken. Erfolgreiche Standorte entstehen dort, wo Dialog kein Pflichttermin ist, sondern Teil der Projektkultur. Diese Haltung macht am Ende den Unterschied.
Wie früh muss ein Standort strategisch „mitgedacht“ werden, damit Projekte nicht in Genehmigungs-, Kosten- oder Akzeptanzproblemen stecken bleiben?
Sehr früh – im Grunde vor der ersten planerischen Entscheidung. Die entscheidenden Weichen werden lange vor dem Bauantrag gestellt: Welches Produkt erfordert der Standort? Wie entwickelt sich das Umfeld? Welche Erwartungen gibt es auf kommunaler Seite?
Gerade die Produktentwicklung ist dabei der wesentliche Faktor für eine erfolgreiche Projektentwicklung. Sie entscheidet darüber, ob ein Standort langfristig funktioniert, akzeptiert wird und wirtschaftlich tragfähig bleibt. Wer diese Fragen früh beantwortet, reduziert Risiken und schafft die Grundlage für stabile, zukunftsfähige Projekte.
Ist Augsburg im Standortwettbewerb eher der unterschätzte Herausforderer oder der pragmatische Gewinner gegenüber Städten wie München, Ulm oder Nürnberg?
Augsburg nimmt im Standortwettbewerb aus meiner Sicht eine sehr eigenständige und ausgewogene Rolle ein. Städte wie München oder Nürnberg haben jeweils ihre spezifischen Stärken und ihre Berechtigung im Wettbewerb. Augsburg profitiert jedoch davon, dass es die Nähe zu München mitbringt, ohne dessen extremen Preisdruck und Verdichtungsgrad übernehmen zu müssen. Gleichzeitig sind Entscheidungswege überschaubar, und es gibt weiterhin Raum für Entwicklung und Gestaltung.
Das spiegelt sich auch in der wirtschaftlichen Struktur wider. Augsburg liegt beim BIP pro Kopf deutlich über dem Bundesdurchschnitt und verfügt über eine breite Branchenvielfalt – von Industrie über Umwelttechnologie bis hin zu Dienstleistungen. Diese Mischung sorgt für Stabilität und macht den Standort langfristig attraktiv.
Kommunen, Investoren, Nutzer – Standortentwicklung lebt von vielen Interessen. Wann wird diese Vielfalt zum Erfolgsfaktor, wann zum Risiko?
Vielfalt wird dann zum Erfolgsfaktor, wenn sie aktiv gemanagt wird. Unterschiedliche Interessen sind kein Problem – sie sind Realität und Ausdruck einer lebendigen Stadt.
Kritisch wird es dort, wo Erwartungen unausgesprochen bleiben oder der Dialog erst beginnt, wenn Konflikte bereits entstanden sind. Unsere Erfahrung zeigt: Je früher Kommunen, Investoren und Nutzer miteinander ins Gespräch kommen, desto stabiler wird das Projekt. Standortentwicklung ist immer auch Vertrauensarbeit.
Regulatorische Anforderungen, ESG-Kriterien und gesellschaftliche Erwartungen steigen. Werden Standorte dadurch robuster oder verlieren sie an Tempo?
Beides ist möglich. Wer ESG als reine Checkliste versteht, verliert Tempo. Wer Nachhaltigkeit dagegen als integralen Bestandteil der Standortentwicklung begreift, gewinnt langfristig an Robustheit.
Gerade vor dem Hintergrund steigender Energiepreise und veränderter Arbeitswelten zeigt sich, dass nachhaltige Konzepte Risiken reduzieren, die Nutzungsdauer von Immobilien erhöhen und die Akzeptanz stärken. Das ist kein Idealismus, sondern eine wirtschaftliche Realität, die sich zunehmend durchsetzt.
Zum Abschluss: Was müssen Entscheider heute anders machen, damit Standorte nicht nur entwickelt, sondern dauerhaft erfolgreich werden?
Entscheider müssen lernen, über einzelne Projektphasen hinauszudenken. Standortentwicklung endet nicht mit der Fertigstellung – sie beginnt dort erst richtig.
Wer bereit ist, Verantwortung für den Stadtraum zu übernehmen, schafft Vertrauen: bei Kommunen, Nutzern und Investoren. Genau darin liegt aus meiner Sicht der Schlüssel für dauerhaften Erfolg – wirtschaftliche Stärke mit echter Gestaltungsverantwortung zu verbinden. Das ist anspruchsvoll, aber es lohnt sich – für Unternehmen ebenso wie für die Stadt.
Dieses Interview ist Teil einer Gesprächsreihe von B4BSCHWABEN.de zu der Veranstaltung „Perspektive Wohnungsbau in Augsburg und Bayern – Impulse, Herausforderungen und Lösungswege“ am 30. Januar 2026, zu der die Regio Augsburg Wirtschaft GmbH zusammen mit dem A³ Aktivkreis Immobilien einlädt. Gemeinsam mit Entscheidern aus Wohnungswirtschaft, Projektentwicklung und Stadtentwicklung beleuchten wir, wie Kooperationen, professionelle Prozesssteuerung, kluge Regelwerke und neue Formen der Quartiersentwicklung dazu beitragen können, Wohnbauprojekte schneller, effizienter und zukunftsfähiger umzusetzen.