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Resilienz für Unternehmen: Mitarbeitende müssen Grenzen setzen
Serie Resilienz

Resilienz für Unternehmen: Mitarbeitende müssen Grenzen setzen

Foto: Rudolf Langemann
Foto: Rudolf Langemann

Wie ein Unternehmen geführt wird, wirkt sich auf die Resilienz der Mitarbeitenden aus. Dabei ist die durch Krisen und viele Veränderungen derzeit belastet. Wirtschaftspsychologin Bettina Abele erklärt, was Unternehmen tun können, um ihre Mitarbeitenden resilienter zu machen, und warum sie das Thema nicht ignorieren sollten.

Der Einzelne muss resilienter werden. Lieferketten auch. Und Unternehmen insgesamt sowieso. Allein schon wegen des Klimawandels. Resilienz scheint das Allheilmittel für die multiplen Herausforderungen zu sein, die der Einzelne, die Gesellschaft und die Unternehmen erleben. In unserer Serie haken wir nach, was dahintersteckt.

B4BSCHWABEN.de: Wenn man auf LinkedIn unterwegs ist, aber auch in anderen Medien Interviews oder Gastbeiträge liest, stolpert man immer wieder über das Wort Resilienz. Was verstehst du darunter?

Bettina Abele: Resilienz ist für mich die Fähigkeit, egal was im Leben auf mich zukommt, privat oder im Job, nicht dauerhaft aus der Bahn geworfen zu werden. Natürlich hat jeder Höhen und Tiefen. Entscheidend ist, dass man durch ein Tal durchgeht, wieder herauskommt und nicht liegenbleibt oder in einer Opferhaltung verharrt. Wissenschaftlich kommt der Begriff ja aus der Technik: Ein Material kann sich verformen und kehrt wieder in seinen Ursprungszustand zurück.

Es prasseln aktuell viele Krisen und Herausforderungen auf uns ein: KI, Kriege, Wirtschaftskrise, Klimawandel und persönliche Themen. Ist Resilienz so etwas wie ein Allheilmittel?

Ich weiß nicht, ob „Allheilmittel“ passt. Im Kern geht es um eine Fähigkeit, die zum Leben dazugehört: Veränderungen annehmen und damit umgehen zu können, ohne sich fremdbestimmt zu fühlen. Weder von äußeren Ereignissen noch von den eigenen Gedanken. Resilienz ist nichts, was man mit einem zweitägigen Seminar „repariert“. Es hat viel mit der eigenen Haltung, Selbstführung und dem Mindset zu tun. Da muss sich oft grundlegend etwas verändern, damit man es im Alltag auch wirklich umsetzen kann.

Welche Rolle spielt die Resilienz der Mitarbeitenden für ein Unternehmen?

Eine sehr hohe. Wenn Mitarbeitende nicht gut mit Veränderungen umgehen können, wird es gerade in unserer Zeit schwierig. Alles wird schneller. Wirtschaftlich, politisch, und durch KI. Man muss ständig adaptieren und auf neue Gegebenheiten eingehen. Resilienz hängt auch damit zusammen, Grenzen zu setzen, Nein zu sagen und auf sich zu achten, um leistungsfähig zu bleiben. Wenn High-Performer ständig „alles rausballern“ und dann nach ein paar Jahren mit Burnout ausfallen oder häufig krank sind, hilft das dem Unternehmen nicht. Unternehmen brauchen gesunde, widerstandsfähige Mitarbeitende, die langfristig leistungsfähig sind.

Andersherum gefragt: Welche Rolle spielt das Unternehmen bei der Resilienz der Mitarbeitenden?

Das wird oft vernachlässigt. Mitarbeitende in Schulungen zu stecken, reicht nicht. Wenn die Organisation nicht resilient ist, bringt es wenig, wenn ich einzelne Menschen trainiere, während es im Alltag nicht vorgelebt wird. Das muss von der obersten Führung kommen und „top down“ durch Führungskräfte gelebt werden. Wenn die Führungskraft selbst ständig krank zur Arbeit kommt, keine Grenzen kennt und nie Nein sagt, dann hilft auch das beste Seminar nichts. Resilienz muss Teil der Kultur werden und dauerhaft gelebt werden.

Was kostet es ein Unternehmen, wenn Resilienz fehlt?

Dann hast du Krankheitstage ohne Ende. Das ist oft das Erste. Wer sich schlecht abgrenzen kann, ist nicht nur häufiger erkältet, sondern psychisch schneller angeschlagen, kann mit Stress schlechter umgehen und fällt eher aus. Dazu kommt oft höhere Fluktuation, wenn Menschen in einem dauerhaft stressigen Umfeld nicht mehr klarkommen. Das kostet Unternehmen natürlich viel.

Du hast gesagt, man kann Resilienz-Seminare besuchen. Man kann Resilienz also grundsätzlich lernen?

Auf jeden Fall. Gleichzeitig ist nicht jeder Mensch gleich: Manche lassen Dinge leichter an sich abprallen, andere weniger. Viele Sorgen entstehen ja im Kopf, über Dinge, die noch gar nicht passiert sind. Manche können gut Nein sagen, andere haben damit große Probleme. Grundsätzlich kann man Resilienz zum Beispiel durch Seminare entwickeln. Es gibt viele Dinge, die hier helfen. Zum Beispiel Meditation oder Spaziergänge im Wald. Wichtig ist, dass man es kultiviert und dranbleibt. Veränderungen sind für Menschen oft schwer.

Was können Unternehmen über Seminare hinaus tun, um Mitarbeitende resilienter zu machen?

Sehr wichtig sind Selbstbestimmung und Gestaltungsspielraum. Studien zeigen, dass schon kleine Dinge wie den Arbeitsplatz selbst gestalten zu können Motivation und Einstellung positiv beeinflussen. Bei uns im Unternehmen gibt es zum Beispiel regelmäßige Meditationen: 15 bis 20 Minuten vor Arbeitsbeginn, standortübergreifend über Teams. Außerdem gibt es heute viele Möglichkeiten wie Sportprogramme, an denen sich das Unternehmen beteiligen kann. Das hat es vor 15 oder 20 Jahren so noch nicht gegeben.

Ist Resilienz im Vergleich zu früher ein drängenderes Thema oder sind wir einfach sensibler geworden?

Ich glaube, wir haben heute einen viel höheren Druck, von außen und innen. Allein durch Social Media vergleichen wir uns ständig. Diese ganze Selbstoptimierungslogik wie „Werde die beste Version deiner selbst“ setzt viele unter Stress. Ich denke eher: Du bist schon gut genug, so wie du bist. Werde die echteste Version deiner selbst. Wir sollen heute die Ziele immer noch schneller erreichen, noch produktiver sein, aber die KI ist eh immer schneller als wir. Das gab es früher in dieser Form nicht.

Woran scheitert Resilienz in der Praxis oder der Versuch, sie im Unternehmen zu verankern?

Oft an Strukturen und Glaubenssätzen wie „Das haben wir schon immer so gemacht“ oder „Ohne mich funktioniert es nicht“. Viele kommen krank in die Arbeit, weil sie glauben, sie lassen die Kolleginnen und Kollegen sonst allein. Aber am Ende stecken sie noch mehr an. Ich frage dann immer: Was ist, wenn du heute einen Unfall hast und drei Monate im Koma liegst? Fackelt der Laden ab oder geht es doch auch ohne dich?

Dazu kommt eine extreme Fehlerkultur, die uns vermittelt, dass wir keine Fehler machen dürfen und 120 Prozent geben müssen. Dann sind wir auch noch in Schwaben, wo es heißt: „Nichts gesagt ist genug gelobt.“ Das aufzuweichen ist schwer. Und es ist anfangs anstrengend, neue Gedanken und Verhaltensweisen dauerhaft zu etablieren.

Was entgegnest du Geschäftsführern, die sagen: „Resilienz hatten wir vor 40 Jahren auch nicht“?

Die Zeiten sind nicht mehr wie vor 40 Jahren. Damals gab es andere Rahmenbedingungen, heute haben wir mehr Tempo, mehr Leistungsdruck, mehr Ablenkung, mehr Wettbewerb. Und wenn es wirtschaftlich schlecht läuft, hängen sich viele doppelt rein, aus Angst, den Job zu verlieren. Das erfordert eine andere Führung als früher.

Zu Menschen, die generell in belastenden Situationen sind, sage ich: „Du bist kein Baum, du bist nicht angewachsen. Du kannst belastende Situationen verlassen.“ Viele sind in einer Opfermentalität gefangen und glauben, sie könnten nichts tun. Doch, man kann handeln. Handeln hat halt Konsequenzen und davor schrecken viele zurück. Aber auch nichts zu tun ist eine Entscheidung.

Wie viel Eigenverantwortung haben Mitarbeitende – und wie viel Verantwortung hat das Unternehmen?

Mitarbeitende haben einen sehr hohen Anteil an Eigenverantwortung. Wenn ich immer sage „Ich kann noch“, bekomme ich auch immer mehr Aufgaben. Das neue Limit verschiebt sich ständig, bis man irgendwann umfällt. Ich muss also selbst Grenzen setzen. Gleichzeitig hat das Unternehmen einen ebenso wichtigen Anteil. Es muss hinschauen, was Mitarbeitende brauchen und was zumutbar ist. Gerade in Change-Phasen oder Krisen. Ausgleich anzubieten, ist auch wichtig: Fitness- oder Sportangebote, Vergünstigungen wie Fahrradleasing, Resilienz- und Stressmanagementseminare. Homeoffice kann Organisation im Alltag erleichtern kann, etwa mit Kind.

Wie gelingt es dir selbst, resilient zu sein?

Ich hatte vor zehn Jahren selbst einen Burnout. Rückblickend hat mich das extrem nach vorn katapultiert, weil ich in kurzer Zeit sehr viel gelernt habe. Eine Sache hat mein Leben grundlegend verändert: Dankbarkeit. Ich mache jeden Tag kurze Dankbarkeitsübungen. Früher war ich oft im Mangel: „Ich habe das noch nicht, ich muss noch besser werden.“ Das erzeugt Druck. Dankbarkeit bringt mich in ein Gefühl von Fülle. Außerdem hilft mir mein Hund. Tiere tun gut, das Streicheln wirkt beruhigend. Ich gehe mindestens dreimal am Tag raus, mache Sport oder gehe spazieren. Bewegung verändert das Verhalten. Dadurch fühlt man sich besser, und dann kommen auch wieder positivere Gedanken. Wichtig ist auch ein soziales Netzwerk, dem man sich mitteilt, wenn es einem nicht gut geht. Und: Nein sagen lernen. Das hat mir auch geholfen.

Bettina Abele ist Wirtschaftspsychologin und auf die Förderung von Mitarbeitenden und die Weiterentwicklung von Unternehmen spezialisiert. Sie arbeitet für die HR-Abteilung der Mediengruppe Pressedruck. Transparenzhinweis: B4BSCHWABEN.de ist Teil der Mediengruppe Pressedruck.

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