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Der Einzelne muss resilienter werden. Lieferketten auch. Und Unternehmen insgesamt sowieso. Allein schon wegen des Klimawandels. Resilienz scheint das Allheilmittel für die multiplen Herausforderungen zu sein, die der Einzelne, die Gesellschaft und die Unternehmen erleben. In unserer Serie haken wir nach, was dahintersteckt.
Sönke Marahrens, Experte für hybride Kriegsführung, ist Non-Resident Fellow am Institut für Sicherheitspolitik an der Universität Kiel. Außerdem ist er Oberst i. G. bei der Bundeswehr und dort Abteilungsleiter II im Zentrum für Digitalisierung der Bundeswehr.
B4BSCHWABEN.de: Sie haben dieses Jahr beim Rocketeer Festival in Augsburg über hybride Kriegsführung gesprochen. Was kann man sich darunter vorstellen?
Sönke Marahrens: Mit hybrider Kriegsführung meinen wir Aktivitäten fremder Staaten in Deutschland und Europa, die außerhalb klassischer militärischer Angriffe stattfinden. Dazu zählen Desinformation, Sabotage oder Störaktionen, wie die Kabelschnitte in der Ostsee, Pipeline-Schäden und Drohnenflüge über Flugplätzen. Solche Maßnahmen bedrohen die äußere, aber auch die innere Sicherheit, weil sie die Funktionsfähigkeit des Staates beeinträchtigen und die Stimmung in der Bevölkerung beeinflussen können. Denn wenn Sie wegen einer Drohne nicht in den Urlaub fliegen können, schimpfen Sie nicht über den, der die Drohne fliegt, sondern über diejenigen im Staat, die den Abflug nicht ermöglichen konnten.
Welche Gefahren birgt das konkret für Deutschland?
Es geht um Staatlichkeit und Vertrauen: Menschen sollen das Vertrauen in den Staat und in Institutionen verlieren. Dazu kommt die Frage der Führungsfähigkeit, zum Beispiel, wenn die Signal-Konten von Bundestagsabgeordneten angegriffen werden. Hybride Akteure unterstützen nicht „eine Seite“, sondern befeuern Konflikte in alle Richtungen. Aus dieser Polarisierung kann auch reale Gewalt entstehen. Denken Sie an die Ermordung des CDU-Politikers Walter Lübcke. Oder den Anschlag auf die Synagoge in Halle. Virtuelle Gewalt im Internet ist hier plötzlich zu echter Gewalt geworden.
Gehören Fake News oder KI-generierte Falschnachrichten auch dazu?
Ja. Desinformation ist ein besonders wichtiges Mittel, weil wir Informationen nicht nur rational, sondern auch emotional verarbeiten. Wer Desinformation geschickt platziert, um Hass zu schüren oder bestehende Konflikte zu verstärken, kann Meinungen manipulieren. Wichtig ist eine Unterscheidung: Desinformation ist die absichtliche Verbreitung falscher Informationen, um zu manipulieren. Misinformation kann jedem aus Versehen passieren.
Was bedeutet diese Bedrohungslage für Unternehmen?
Unternehmen sind angreifbar, weil sie digital präsent sind. Es kann zu Cyberangriffen kommen, etwa durch Ransomware: Daten werden verschlüsselt und wenn überhaupt nur gegen Zahlung wieder freigegeben. Gleichzeitig können auch Marke und Reputation angegriffen werden, zum Beispiel durch Kampagnen im Netz. Unternehmen sollten jetzt nicht auf ihre Werte und ihre Positionierung verzichten. Denn so etwas ist sehr wichtig. Aber sie sollten sich der Risiken bewusst sein und Notfallpläne haben.
Lesen Sie hier:Hackerangriff hinter den Kulissen: Betroffenes Unternehmen berichtet
Wo liegen typische Angriffsflächen für mittelständische Unternehmen?
Das hängt stark von der Rolle in der Wertschöpfungskette ab. Wer direkt oder indirekt mit sicherheitsrelevanten Bereichen zu tun hat, kann schneller ins Visier geraten. Das hat wieder einen doppelten Vertrauensverlust zur Folge: Angriffe können das Vertrauen in die Marke und in den Staat zerstören. Denn der Staat war nicht in der Lage, die Unternehmen zu schützen. Cyberangriffe können außerdem schnell zu Umsatzverlusten führen. In Deutschland sind sogar Firmen nach Ransomware-Angriffen insolvent gegangen, weil keine Backups vorhanden waren.
Im Zusammenhang mit hybriden Kriegen wird als Lösung immer wieder Resilienz genannt. Was bedeutet Resilienz für Sie persönlich und aus der Sicht der Sicherheitspolitik?
Resilienz heißt erst mal, Schläge abpuffern zu können. Und wenn man doch fällt, schnell wieder aufzustehen. Früher dachte man, dass Abschreckung Angriffe verhindert. Das heißt, wir haben uns im Grunde gerüstet, um nicht kämpfen zu müssen. Hybride Aktivitäten bleiben aber unterhalb klassischer militärischer Schwellen und nutzen Bereiche wie das Internet und soziale Medien, die schwer zu verteidigen sind, weil es um Meinungsbeeinflussung geht. Resilienz bedeutet daher auch, Dinge aushalten zu können, handlungsfähig zu bleiben und besser mit Stress umgehen zu können. In Finnland und Schweden lernen Kinder das in der Schule. Obwohl Finnland direkt an der Grenze zu Russland liegt, ist es das neunte Jahr in Folge das glücklichste Land der Welt.
Was heißt Resilienz konkret für Unternehmen?
Zum Beispiel Redundanz. Habe ich Backups und was tue ich im Ernstfall? Viele reagieren sonst in gewohnten Mustern, die in der Krise nicht mehr funktionieren. Resilienz entsteht durch Vorbereitung und Training. Wenn etwas passiert, müssen die ersten Minuten und Stunden handhabbar sein.
Also Notfallpläne für verschiedene Szenarien?
Genau. Da geht es um grundlegende Fragen: Was machen Sie, wenn die Computer ausfallen, und die Telefone nicht gehen? Arbeiten die Mitarbeitenden dann über private Handys – mit neuen Risiken? Muss der Betrieb im schlimmsten Fall wochenlang schließen? Ziel ist, Vollausfälle zu vermeiden und zumindest reduziert weiterarbeiten zu können. Dafür müssen die Mitarbeitenden wissen, was zu tun ist.
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Sind Unternehmen und jeder Einzelne in der Gesellschaft Teil einer Art „Landesverteidigung“?
Der richtige Begriff ist Gesamtverteidigung. Landesverteidigung ist nur der militärische Teil. Wir sprechen auch von Bündnisverteidigung. Denn wenn unsere Nachbarn im Osten Europas unter Druck geraten, werden Truppen nach Polen oder ins Baltikum verlegt. Und die marschieren dann durch Deutschland. Deutschland wird Aufmarschgebiet. Wenn Autobahnen für Konvois gesperrt werden müssen, kann das die Just-in-time-Produktion beeinflussen. Dazu ist die Bundeswehr auch im Austausch mit den IHKs und anderen Verbänden. Es geht aber auch darum, wie man die Menschen versorgen kann und dass ein Gegner Interesse hätte, die Truppenbewegungen frühzeitig zu stören. Macht jemand Stimmung gegen die Alliierten oder die Bundeswehr und stehen plötzlich 150.000 Demonstranten in Augsburg auf der Straße? Deswegen werden Sie dann Teil der Gesamtverteidigung, ohne dass in Deutschland tatsächlich Krieg herrscht.
Und was heißt das für Unternehmen konkret?
Lieferketten sind ein gutes Beispiel. Wenn Polen oder Rumänien ihre Streitkräfte mobilisieren, fehlen bei uns plötzlich Arbeitskräfte wie die Lkw-Fahrer, die sonst Waren transportieren. Das kann direkte Auswirkungen auf unsere Versorgung mit Lebensmitteln und die Produktion der Unternehmen haben. Kommt Sabotage an kritischen Knotenpunkten hinzu, wird es noch schwieriger.
Woran scheitert Resilienz in Unternehmen in der Praxis?
Resilienz ist erstmal unangenehm, weil man sich mit Störungen und Krisenszenarien beschäftigen muss, statt mit Wachstum und Verbesserung. Außerdem wurde teils der physische Betriebsschutz vernachlässigt, weil der Fokus stark auf IT-Sicherheit lag. Gerade kleinere Firmen wiederum nehmen die IT-Sicherheit oft nicht ernst genug: „Alltagsdinge“, wie das Löschen der Accounts ehemaliger Mitarbeitender, werden häufig verschlafen. All diese Dinge aktuell zu halten und Ersatzprozesse zu schaffen, ist eine Herausforderung im Alltagsgeschäft.
Was erwarten Sie in den nächsten zwei bis drei Jahren für die Unternehmen und die Gesellschaft?
Ich rechne weiter mit internationaler Spannung. Auch damit, dass wir Abhängigkeiten weiter schnell spüren. Durch Preissprünge bei den Energiekosten oder Lieferausfälle. Ich glaube nicht, dass wir in eine vermeintlich ruhigere Lage wie „vor zehn Jahren“ zurückkehren. Wir werden weiter Krisen und Spannungen erleben und durch den Klimawandel auch weiter Migrationsdruck. Resilienz hilft, damit umzugehen.
Das klingt belastend. Wie bleiben Sie persönlich innerlich resilient?
Mir hilft der Blick auf das, was funktioniert: Wir leben im besten Deutschland aller Zeiten. Wir haben seit 80 Jahren Frieden. Warum wollen wir das jetzt gemeinsam schlecht reden? Wenn ich jetzt hier aus dem Fenster schaue, ist Frühling, der Himmel ist blau, ich kann Dinge gestalten. Ich muss mich ja diesen Krisen nicht ergeben. Gerade für Unternehmen entstehen auch Chancen, etwa in Bereichen wie Drohnenabwehr, Schutz vor Desinformation oder verantwortungsvollem Umgang mit KI. Aus Dynamiken können neue Geschäftsmodelle entstehen. Man kann entscheiden, „die Welle zu surfen“, statt von ihr abgeräumt zu werden.