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B4BSCHWABEN.de: Die aktuelle KfW-Studie zeigt, dass bis 2029 jedes Jahr 114.000 mittelständische Unternehmen stillgelegt werden könnten. Der Grund: fehlende Nachfolge und das Alter der Chefinnen und Chefs. Im Bezirk der HWK für Schwaben sind ein Viertel aller Unternehmer über 60 Jahre alt. Was kommt auf uns zu, wenn diese keine oder nur wenige Nachfolger finden?
Ulrich Wagner: Man kann nicht eins zu eins davon ausgehen, dass alle Unternehmerinnen und Unternehmer über 60 automatisch ihre Betriebe übergeben wollen oder eben häufig nicht übergeben können. Aber es ist ein Alarmsignal. Uns ist besonders wichtig, Betriebe zu erhalten, weil das einfacher ist, als neu zu gründen. Am Ende regelt sich natürlich vieles über den Markt. Manche Betriebe verschwinden, manche schließen sich zu größeren Einheiten zusammen, andere finden doch noch eine Nachfolge. Es werden sicher nicht Zehntausende Betriebe wegfallen. Aber allein die Dimension und die damit verbundene Aufgabenstellung sind sehr relevant. In der Politik fehlt aus unserer Sicht häufig der Fokus auf kleine und mittlere Unternehmen, die Probleme haben, einen Nachfolger zu finden. Sich darum zu kümmern, ist derzeit deshalb für uns ein zentraler Schwerpunkt unserer Kammerarbeit.
Warum ist es schwer, Nachfolger zu finden?
Die Gründe sind vielschichtig. Eine auf Sicherheit und Wohlstand ausgelegte Gesellschaft ist kein idealer Nährboden für Selbstständigkeit und Unternehmertum. Denn das bedeutet Verantwortung und Risiken. Viele junge Menschen scheuen das, auch, weil sie erleben, wie staatliche Bürokratie, Auflagen und Gesetze die unternehmerische Freiheit einschränken. Die Rahmenbedingungen sind hier eher unternehmerfeindlich als unternehmerfreundlich. Außerdem hat die gesellschaftliche Entwicklung der vergangenen Jahre und Jahrzehnte sehr stark auf Akademisierung gesetzt. Unternehmergeist entsteht aus unserer Sicht aber häufiger bei Auszubildenden oder Beschäftigten, die diesen Unternehmeralltag jeden Tag erleben. Hinzu kommt der demografische Faktor: Es fehlen insgesamt Menschen und damit auch potenzielle Unternehmer. Außerdem werden Übernahmen zunehmend zur Finanzierungsfrage. Ein bestehendes Unternehmen zu übernehmen, ist eine hohe finanzielle Hürde. Das ist also insgesamt ein gesellschaftliches, politisches und wirtschaftspolitisches Thema.
Ist Selbstständigkeit unattraktiver geworden?
Im Grundsatz ist Selbstständigkeit sehr attraktiv: Karrierechancen, finanzielle Möglichkeiten, sich als Chef selbst verwirklichen. Unsere rund 30.000 selbstständigen Handwerkerinnen und Handwerker leben das. Viele sagen, es gebe nichts Schöneres, als sein eigener Chef zu sein. Hinzu kommt, dass im Handwerk in den nächsten Jahren viel Geld verdient werden wird. Denn das Angebot wird weniger, aber die Nachfrage ist konstant. Wer sein Handwerk versteht und unternehmerisch gut aufgestellt ist, hat da große Chancen. Diese Attraktivität des Unternehmertums muss mehr und besser vermittelt werden, sonst bekommen wir als Gesellschaft insgesamt ein Problem.
Was meinen Sie damit?
Wenn Betriebe fehlen, trifft es am Ende die Menschen. Wer repariert die Heizung, wer saniert den Dachstuhl, wer fertigt orthopädische Einlagen? Das ist existenziell und deshalb muss man gesellschaftlich umdenken: „Wie schaffen wir es, dass junge Leute in diese Bereiche gehen, Unternehmen erhalten bleiben und wieder mehr entstehen?“ Sonst verändert sich unsere Wirtschafts- und Gesellschaftsstruktur dramatisch, auch im Hinblick auf den ländlichen Raum. Wenn es vor Ort weniger Handwerksbetriebe gibt, fehlen Arbeitsplätze und oft auch Menschen, die sich in der Zivilgesellschaft, in Feuerwehren oder Vereinen einbringen. Im Handwerk und generell im Mittelstand ist das Problem, dass dieser Prozess schleichend ist und unterschätzt wird. Wenn VW 30. 000 Leute entlässt, dann ist das überall in den Medien, die Politik ist sofort zur Stelle. Wenn aber viele einzelne Handwerksbetriebe schließen und dadurch auch tausende Arbeitsplätze wegfallen, dann ist das weniger sichtbar. In der Summe ist das für die Gesellschaft und für den Wirtschaftsstandort ein Problem. Im Übrigen auch für die Industrie. Dort werden Partner und Dienstleister gebraucht, zum Beispiel funktionierende und zuverlässige Zulieferer. Das ist ein Standortfaktor. Wir dürfen nicht akzeptieren, dass dieser Wirtschaftsbereich ausblutet.
Wie kann man das Image wieder verbessern?
Wir müssen deutlich machen, dass man mit der dualen Ausbildung, mit Gesellen- und Meisterbrief genauso schnell vorankommt, wie mit dem Abitur. Meister können heute ohne Probleme alles studieren. Das ist verglichen mit dem Gymnasium nicht langsamer, hat aber den Vorteil, dass man Praxis und Bodenhaftung gewinnt. Dafür müssen die Vorteile der dualen Ausbildung stärker kommuniziert werden. Schulen spielen dabei eine wichtige Rolle, weswegen wir mit allen Schularten beim Thema Berufsorientierung zusammenarbeiten. Viele Lehrkräfte haben selbst wenig Bezug zu Ausbildungsberufen, aber sie sind Multiplikatoren für dieses Thema. Wir sehen gute Fortschritte bei der Nachwuchswerbung und haben im aktuellen Ausbildungsjahr sechs Prozent mehr Lehrverträge abgeschlossen als im Vorjahr. Image-Kampagnen, Messen und Aktionen auf Social Media wirken. Immer mehr Eltern und Jugendliche nehmen das Handwerk wahr und prüfen, ob es für sie interessant ist.
Der zweite Teil des Interviews wird am Mittwoch, 11. Februar, veröffentlicht.