Hightech-Frage, Folge 21: Dr. Fabian Schmid

Wie verändert neueste Technologie den Fassadenbau, Herr Dr. Schmid?

Dr. Fabian Schmid, Engineer Research & Development der seele GmbH aus Gersthofen. Foto: seele GmbH
Neueste Technologien sind gerade im Bauwesen von größter Bedeutung. Wie diese den modernen Fassadenbau beeinflussen, weiß Dr. Fabian Schmid, Engineer Research & Development der seele GmbH aus Gersthofen.

Typische Märkte, mit denen Hightech verbunden wird, sind beispielsweise die Automobilindustrie, Biotechnologie, Energie- sowie Medizintechnik. Das Bauwesen beziehungsweise der Fassadenbau stehen dabei nicht im Fokus der Öffentlichkeit. Allerdings werden viele Techniken aus den genannten Branchen früh adaptiert. So beeinflussen sie die Anforderungen, Aufgaben und Weiterentwicklungen in der Bauindustrie. Glasscheiben in Übergröße, Beschichtungen und Verbindungstechniken mit verschiedenen Materialien sind Beispiele für den Einsatz von hochentwickelten Techniken im Fassadenbau.

seele realisiert weltweit einzigartige und vor allem individuelle Projekte, bei denen immer ein Großteil des Aufwands im Bereich Forschung und Entwicklung steckt. Neben dem Einsatz beziehungsweise der Weiterentwicklung von Hightech-Materialien sind heute vor allem die Prozessgestaltung und die Informationstechnologie wesentliche Treiber der Bauindustrie. Die Projekte werden dominiert von Routinen bei der Geometrie und Detailentwicklung. Dazu zählen beispielsweise weitgespannten Gitterschalen-Konstruktionen oder auch die Prozessoptimierung in der Fertigung bei Elementfassaden. Maschinen- und Bauteile-Informationen von der Planung bis zur Montage auf der Baustelle können bereits heute bei einzelnen Projekten durchgängig genutzt werden.

Das möchte ich gerne am Projekt „King Abdulaziz Center for World Culture“ in Dhahran/Saudi-Arabien erläutern: Hierfür realisierte seele eine futuristische Metallfassade mit dreidimensional gebogenen Edelstahlrohren. Jedes der rund 4.000 Rohre musste individuell gebogen und für die finale Einsatzposition gekennzeichnet werden. Die Umsetzung dieser Fassade war nur durch anwendungsbezogen entwickelte, selbstlernende Routinen bei der Programmierung der Maschinen und Vermessungsmittel möglich.

Das Projekt zeigt auch, dass flexibel angewendete Methoden sowie vernetzte und automatisierte Vorgehen und Prozesse im Fokus stehen. Dabei werden die Abstimmungen in der Planung durch BIM (Building Information Modelling) und die Möglichkeiten, die Industrie 4.0 für die Fertigung bereit hält, zusammenwachsen. Allerdings dürfen trotz des Hipes um BIM, Industrie 4.0 und Digitalisierung die Unternehmensziele und der Projekterfolg nicht aus den Augen verloren werden. Nicht zu unterschätzen ist, dass viele digitale Techniken erst einmal eine Verbesserung versprechen, dann aber in vielen Bereichen die Ressourcen binden. Deshalb ist es sehr wichtig, die Mitarbeiter sowie deren Ideen und Ansätze aktiv einzubinden, um den Erfahrungsschatz und den Umgang mit digitalen Techniken voranzubringen.

Für einen langfristigen Erfolg als Hightech-Standort ist es für den kleinteilig strukturierten deutschen Mittelstand wichtig, die Stärken gemeinsam zu nutzen. Dafür müssen über Branchen und Fachdisziplinen hinweg Kooperationen eingegangen werden. Man muss voneinander und miteinander lernen, schnell und flexibel Lösungen aus anderen Märkten adaptieren, diese skalieren oder für die automatisierte, vernetzte Fertigung von Losgröße 1 adaptieren. Aus diesem Grund geht die seele Unternehmensgruppe diese Themen mit dem Fokus auf den gesamten Gebäudelebenszyklus im Forschungsprojekt DigitalTWIN an. Dabei werden unterschiedliche Branchen der Informations- und Kommunikationstechnik, der Automatisierung und des Bauwesens zusammengebracht. So werden die Systemkompetenzen in einem heterogenen Umfeld entwickelt. Das Thema Hightech wird so für den Fassadenbau vorangetrieben, für das Bauwesen ganzheitlich entwickelt und für die Stärken und Schwächen des Standort Deutschlands betrachtet.

Im Profil: Die seele Unternehmensgruppe mit Stammsitz im bayerischen Gersthofen ist ein weltweit führendes Fassadenbauunternehmen. Gegründet wurde der Technologieführer im Fassadenbau im Jahre 1984 durch Glasermeister Gerhard Seele und Stahlbau-Konstrukteur Siegfried Gossner. Für die seele Unternehmensgruppe arbeiten weltweit 1.000 Mitarbeiter und erwirtschaften einen Umsatz von über 200 Millionen Euro pro Jahr.

B4B WIRTSCHAFTSLEBEN SCHWABEN nimmt die Zukunft von Wirtschaft und Region ins Visier: Neben Herrn Dr. Schmid haben weitere Persönlichkeiten aus der Region für das Frühjahrsthema 2018 von B4B WISSEN die Frage beantwortet, wodurch sich Technologie aus Bayerisch-Schwaben auszeichnet.

Zur vorangegangenen Folge der Hightech-Fragen gelangen Sie hier.

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