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Regulierung mit Preisschild: Gefährdet eine EU-Verordnung die Logistikbranche?
Interview

Regulierung mit Preisschild: Gefährdet eine EU-Verordnung die Logistikbranche?

Markus Siegner ist seit Anfang 2026 CEO von Kögel Trailer. Foto: Kögel Trailer
Markus Siegner ist seit Anfang 2026 CEO von Kögel Trailer. Foto: Kögel Trailer

Die VECTO-Verordnung der EU weist Sattelaufliegern einen virtuellen CO₂-Wert zu, der dann bis 2030 maßgeblich reduziert werden muss. Im Interview erklärt Markus Siegner, CEO von Kögel Trailer, warum der Logistikbranche dadurch Strafzahlungen in Millionenhöhe und massiver Stellenabbau drohen könnten.

B4BSCHWABEN: Herr Siegner, Kögel Trailer hat kürzlich mit 16 Trailern ein riesiges „SOS“ auf dem Werksgelände in Burtenbach geformt. Wie kam es zu dieser Aktion?

Markus Siegner: Grund für die Aktion ist die EU-Richtlinie VECTO (steht für „Vehicle Energy Consumption Calculation Tool“, Anm. d Red.), die Hersteller von Sattelaufliegern wie Kögel ab 2030 dazu verpflichtet, die CO₂-Emissionen ihrer Auflieger um 10 Prozent zu verringern. Da Auflieger jedoch nicht motorisiert sind, stoßen sie auch kein CO₂ aus. Trotzdem werden bei Nichterreichen der Vorgaben bei den Herstellern Strafgelder in Millionenhöhe fällig. Kögel, als Teil einer Klägergemeinschaft von 8 europäischen Auflieger-Herstellern, wollte das Thema VECTO und seine Auswirkungen auf die Branche mit dieser Aktion verdeutlichen und darauf hinweisen, dass die Richtlinie nicht nur zu höheren Preisen bei Kunden und Endverbrauchern führt, sondern auch Arbeitsplatzverluste nach sich ziehen kann.

Sie hatten bei Ihrer Initiative prominente Unterstützung durch Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger. Wie wichtig ist dieser politische Rückhalt für Sie?

Der politische Rückhalt ist für uns enorm wichtig. Herr Staatsminister Aiwanger wird dieses Thema in den richtigen Gremien auch in der EU ansprechen.

Die VECTO-Verordnung weist Aufliegern anhand verschiedener Faktoren einen virtuellen CO₂-Wert zu, den es dann zu reduzieren gilt. Warum sehen Sie diesen Ansatz als problematisch an?

Weil dieser Ansatz am realen Transportalltag vorbeigeht. Ein virtueller Wert hat mit der Wirklichkeit wenig zu tun. Die Vorgaben von VECTO ignorieren physikalische Grenzen und sind technisch nicht umsetzbar.

Die genannte CO₂-Reduzierung um 10 Prozent ist laut Einschätzung Ihres Unternehmens mit heutiger Technik unerreichbar. Woran scheitert es in der Praxis genau?

Ein CO₂-neutraler Auflieger wäre nach VECTO entweder kleiner oder flacher als unsere aktuellen Fahrzeuge. Das heißt jedoch, dass weniger Ware mit einem Auflieger transportiert werden kann. Es wären demnach mehr Fahrzeuge auf der Straße, um die gleiche Menge an Gütern zu transportieren und das führt zu mehr CO₂-Ausstoß.

Die zu einem SOS aufgestellten Sattelauflieger sollen symbolisieren, welche verheerenden Auswirkungen die Vecto-Verordnung der EU auf Trailerhersteller wie Kögel haben könnte. Foto: Kögel Trailer
Die zu einem SOS aufgestellten Sattelauflieger sollen symbolisieren, welche verheerenden Auswirkungen die Vecto-Verordnung der EU auf Trailerhersteller wie Kögel haben könnte. Foto: Kögel Trailer

Sie betonen bei Ihrer Kritik an VECTO immer wieder, dass den Klimaschutz wichtig ist. Mit welchen Maßnahmen unterstützt Kögel geringere CO₂-Emissionen durch die Logistik?

Kögel baut seine Fahrzeuge schon lange in Leichtbauweise. Das heißt, die Auflieger bringen wenig Gewicht auf die Straße, und das hat Einfluss auf die CO₂-Emissionen einer Dieselzugmaschine. Außerdem entwickeln wir innovative Anhänger wie unseren leichten Kühlauflieger Kögel Cool Liteshell, der circa 700 kg weniger Gewicht aufweist als andere Kühlauflieger. Seit Neuestem sind auch Kögel-Auflieger auf dem Markt, die speziell für E-Zugmaschinen konzipiert sind.

Bei Nichteinhaltung der VECTO-Vorgaben befürchten Sie Strafzahlungen von bis zu 64 Millionen Euro pro Jahr. Welche Auswirkung hätte eine solche Summe für Kögel Trailer und den Produktionsstandort Burtenbach?

Wir befürchten, dass dadurch Arbeitsplätze an unserem Hauptstandort in Burtenbach verloren gehen.

Gleichzeitig könnten die Preise für Auflieger langfristig um bis zu 50 Prozent steigen. Was bedeutet ein solcher Preissprung Ihrer Einschätzung nach kurz- bis langfristig?

Kurzfristig werden Transportunternehmen und Speditionen auf den Kauf neuer Auflieger verzichten und Investitionen in ihre Fahrzeuge aufschieben, auch wenn sie nötig wären. Mittel- bis langfristig werden die erhöhten Kosten für die Fahrzeuge von unseren Kunden wahrscheinlich weitergereicht und landen letztendlich beim Endverbraucher, der für seine Lebens- oder Arzneimittel mehr bezahlen werden muss.

Europaweit sind laut Schätzungen 70.000 Arbeitsplätzen von möglichen Folgen betroffen wären. Droht der Branche durch VECTO eine Abwanderung aus Europa?

Das steht zu befürchten, da die Verordnung auf Auflieger, die außerhalb der EU produziert werden, nicht gilt.

Gemeinsam mit sieben weiteren europäischen Trailerherstellern haben Sie im Herbst 2025 Klage gegen die VECTO-Verordnung beim EuGH eingereicht. Was genau ist das juristische Ziel dieser Klage?

Wir wollen Verständnis bei den Verantwortlichen der EU schaffen und fordern die Abschaffung der VECTO-Regulierung in ihrer jetzigen Form. Außerdem möchten wir erreichen, dass emissionsfreie Zugmaschinen auf die CO₂-Ziele für Anhänger angerechnet werden, was bisher nicht der Fall ist. Zudem verlangen wir ein Moratorium auf Sanktionszahlungen, solange die Zielvorgaben technisch nicht umsetzbar sind.

Ein juristisches Verfahren kann Jahre dauern. Was ist Kögels „Plan B“, falls die Klage scheitert oder sich zu sehr in die Länge zieht?

Wir werden auf jeden Fall daran arbeiten, unsere Auflieger weiter zu optimieren und noch leichter bzw. klimafreundlicher zu gestalten. Wir sind als innovativer Hersteller bekannt und setzen alles daran, den Standort zu erhalten.

Wenn Sie die Regulierung in Brüssel selbst neu formulieren dürften: Wie sähe eine Lösung aus, die sowohl dem Klimaschutz dient, als auch die wirtschaftliche Existenz der Branche sichert?

Die VECTO-Regulierung sollte technologieoffen und praxisnah ausgestaltet sein. Entscheidend ist die tatsächliche CO₂-Reduktion – unabhängig davon, durch welche Antriebe sie erreicht wird. Gleichzeitig müssen die Vorgaben realistisch sein und wirtschaftlich tragfähige Übergangsfristen berücksichtigen. So lassen sich Klimaschutz und die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Nutzfahrzeugindustrie gleichermaßen sichern.

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