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Unternehmen sucht Chef: Vom Minijobber zum Geschäftsführer
Nachfolge

Unternehmen sucht Chef: Vom Minijobber zum Geschäftsführer

Mit einer Polaroidkamera haben Arthur Pracht (l.) und Peter Hamann den Notartermin festgehalten. Hamann hat Pracht sein Unternehmen Balboa Business übergeben. Foto: Josef Hölzlein
Mit einer Polaroidkamera haben Arthur Pracht (l.) und Peter Hamann den Notartermin festgehalten. Hamann hat Pracht sein Unternehmen Balboa Business übergeben. Foto: Josef Hölzlein

Was tun, wenn ein Geschäftsführer in Rente gehen will, aber niemand da ist, der das Unternehmen übernehmen könnte? Das Nachfolgeproblem betrifft viele Unternehmen. Ein Fall aus Illertissen zeigt, wie das Problem gelöst werden kann.

Arthur Pracht ist 32 Jahre alt, seit wenigen Monaten Vater – und seit Anfang des Jahres Inhaber und Geschäftsführer der Onlinemarketingagentur Balboa Business aus Illertissen.

Pracht hatte 2014 bei Balboa Business auf Minijobbasis angefangen. Zehn Jahre später ist er in dem Unternehmen fest angestellt. Sein Chef ist zu diesem Zeitpunkt Anfang 60. „Ich hatte ihn gefragt, was passiert, wenn er in Rente gehen sollte“, erinnert sich Pracht.

Problem der gesamten Wirtschaft

Eine Frage, die sich nicht nur bei Balboa Business stellt. Knapp ein Drittel der Unternehmerinnen und Unternehmer der IHK-Mitgliedsunternehmen in Bayerisch-Schwaben sind über 60 Jahre alt. Jeder Sechste ist älter als 65.

Laut einer Studie des Bayerischen Wirtschaftsministeriums gibt es in Bayerisch-Schwaben rund 25.000 Unternehmen, die bis 2030 einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin brauchen. Davon betroffen sind fast 110.000 Beschäftigte. Gleichzeitig gibt es zu wenig Menschen, die ein Unternehmen übernehmen möchten. „Das ist ein Thema, das nicht nur einzelne Familienunternehmen betrifft, sondern die gesamte Wirtschaft“, sagt Monika Schmich-Graf, Pressesprecherin bei der IHK Schwaben.

Mitarbeitende als Nachfolger aufbauen

Dass Unternehmen innerhalb der Familie übernommen werden, wird dabei immer seltener. Laut der Deutschen IHK ist das nur noch bei rund einem Drittel der Fälle geplant. 48 Prozent wollen das Unternehmen extern verkaufen. Nur 19 Prozent der Unternehmer planen, an Mitarbeitende zu übergeben.

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Dabei wären Mitarbeitende eine naheliegende Lösung: Sie kennen das Unternehmen und seine Kunden. Geschäftsführer könnten sich über längere Zeit sogar bewusst Nachfolger aufbauen. Laut Karin Bräuer, Nachfolgeexpertin bei der IHK Schwaben, sind hier einerseits Finanzierungsmöglichkeiten eine Hürde. „Aber vor allem fehlt oft der Mut, Verantwortung zu übernehmen“, sagt Bräuer. Das hänge auch mit der Bürokratie, der politischen Lage und dem Bild von Unternehmertum zusammen. „Das sind alles Punkte, die dazu führen, dass Mitarbeitende lieber im Angestelltenverhältnis bleiben.“

Freude an der Selbstständigkeit

Bei Pracht war es anders. Während seines Studiums hat sich in ihm der Wunsch entwickelt, sich selbstständig zu machen. „Für mich war es das Thema Selbstverwirklichung und selbst über verschiedene Prozesse entscheiden zu können. Ich war mehrmals in großen Konzernen, da ist es schwer, etwas zu verändern“, sagt Pracht.

Pracht und sein damaliger Chef bei Balboa Business haben erst allgemein und dann immer intensiver darüber gesprochen, dass Pracht das Unternehmen übernehmen könnte. 2025 haben sie dann die Übernahme konkret geplant, Beratung von der IHK, Banken und Juristen. Im Oktober war der Notartermin.

Balboa Business: So funktioniert die Übergabe

Die praktische Übergabe läuft jetzt Schritt für Schritt. Der alte Chef übergibt die Kunden an den neuen. Dass die ausscheidenden Geschäftsführer wirklich loslassen, ist für Pracht ein wichtiges Thema. „Es war bei uns von Anfang an kommuniziert, dass ich die Zügel bekomme und Fehler machen darf. Ich werde unterstützt, aber nie übergangen. Das hilft mir ungemein, dass ich mich weiterentwickeln kann“, sagt Pracht.

Der scheidende Geschäftsführer arbeitet inzwischen halbtags. Einmal die Woche treffen sie sich im Büro. „Man kann nicht schlagartig aufhören. Unser Agreement ist, dass das Stück für Stück geschieht. Ich mache hier aber auch keine klaren Vorgaben“, sagt Pracht.

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Nachfolge: Bis zu zehn Jahre Vorlauf

Dass eine Nachfolgersuche und die Übergabe so schnell und leicht gehen, ist laut der IHK Schwaben nicht der Normalfall. Für eine gute und strukturierte Nachfolgeplanung rät die IHK, drei bis zehn Jahre Zeit einzuplanen. Denn erst mal muss ein Nachfolger gefunden werden. Ist das geschafft, kommen weitere Aufgaben dazu. „Neben der Kommunikation und emotionalen Themen, brauchen auch steuerliche und rechtliche Fragen viel Zeit“, sagt Bräuer.

Oft gingen auch die Preisvorstellungen der Unternehmer, der Übernahmeinteressierten und der tatsächliche Marktwert auseinander. Erst recht, wenn im Unternehmen in den vergangenen Jahren zum Beispiel bei Themen wie Digitalisierung gespart wurde.  

Die IHK Schwaben bietet etwa Übergabe-Workshops und individuelle Beratungen an, um Unternehmensübergaben zu unterstützen.

Balboa Business: Realitätscheck nach 10 Monaten

Wie zufrieden ist Pracht mit seiner Entscheidung, Balboa Business zu übernehmen? „Man gibt viel Sicherheit auf, man geht ein Risiko ein. Vor allem bei der Nachfolge gehört immer eine Finanzierung dazu. „Das heißt, man muss erst mal viele Jahre Gas geben, um die Finanzierung wegzuarbeiten“, sagt Pracht. Doch für das Risiko bekomme man eine etablierte Grundlage. „Ich habe ein geregeltes Einkommen, weil es schon einen geregelten Umsatz gibt. Ich spare mir die Aufbauphase, durch die andere durchmüssen.“

Er habe dennoch unterschätzt, wie viel man tun muss, auch wenn ein Unternehmen schon existiert. Aber: „Ich würde es definitiv immer wieder genauso machen.“