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B4BSCHWABEN.de: Sind wir inzwischen mitten in einer Insolvenzwelle – oder steht der Höhepunkt noch bevor?
Es ist davon auszugehen, dass das Niveau der Insolvenzen in Deutschland mindestens auf dem aktuellen hohen Level bleiben wird und sich vermutlich im Verlauf des Jahres noch einmal leicht weiter erhöhen wird. Mit einem schnellen Absinken der Fallzahlen rechne ich nicht.
Hat sich die Dynamik der Unternehmensinsolvenzen im Vergleich zu 2024 spürbar verändert?
Wir hatten während der Corona-Pandemie wegen der staatlichen Förderprogramme einen ungewöhnlichen Rückgang der Insolvenzfälle. Jetzt gibt es in vielen Wirtschafts-Sektoren Nachhol-Effekte. Weiterhin machen die Multikrisen allen Unternehmen zu schaffen. In der Folge bewegten sich die Insolvenz-Anträge kontinuierlich weiter nach oben.
Sehen Sie derzeit eher eine konjunkturelle Schwächephase oder strukturelle Probleme im Geschäftsmodell vieler Mittelständler?
Es ist immer eine Kombination von Ursachen für Krisen in Unternehmen. Der Konjunktur-Motor stottert immer noch – die Zollpolitik der USA schürt weiter Unsicherheiten - und wir haben in Europa einen Krieg. Zudem stehen viele Geschäftsmodelle der Industrie auf dem Prüfstand wegen zunehmender Anforderungen durch Digitalisierung. Produktzyklen werden immer kürzer und dies erfordert größere Flexibilität und hohe Investitionen. Die Zeiten werden insgesamt für die Unternehmen nicht leichter.
Welche Branchen sind aktuell besonders betroffen – bundesweit und im Raum Bayerisch-Schwaben?
Das besondere an der aktuellen Situation ist, dass sich die Krise praktisch durch alle Branchen zieht. Hohe Energiepreise, Inflation für nahezu alle Warengruppen und Fachkräftemangel zehren die Betriebe aus. Selbst einstmals sichere Sektoren wie die Automobilindustrie mit ihren Zulieferern hat große Probleme. Der Dienstleistungssektor leidet darunter, dass die Unternehmen wegen der rezessiven Entwicklung nicht mehr so viele Aufträge erteilen. Dazu kommt die Konsumzurückhaltung der Verbraucher. Und die exportorientierten Unternehmen leiden unter der Zollpolitik der USA und der Konkurrenz, vornehmlich aus Fernost. Alle diese Faktoren betreffen auch die Unternehmen in Schwaben – insbesondere exportorientierte Firmen.
Trifft es inzwischen auch zuvor solide aufgestellte Unternehmen?
Alle die Krisenfaktoren können auch vermeintlich „solide Aufgestellte“ Unternehmen stark unter Druck setzen. Und wenn dann noch unerwartete Ereignisse hinzukommen – wie beispielsweise der Ausfall der Lieferkette oder Zahlungsprobleme bei Kunden – dann können diese Probleme schnell existenzbedrohend werden.
Welche Faktoren setzen den Mittelstand derzeit am stärksten unter Druck?
Belastend sind seit mehreren Jahren die hohen Energiekosten, das hohe Steueraufkommen, die allgemeine Preissteigerung/Inflation, die Kaufzurückhaltung vieler Verbraucher, die Investitionszurückhaltung in Unternehmen aufgrund der wirtschaftlichen Unsicherheiten sowie die insgesamt unsichere Lage der Weltpolitik mit den Brennpunkten Ukraine, Naher Osten und Taiwan.
Welche Auswirkungen haben Großinsolvenzen auf kleinere Zulieferer?
Jede Insolvenz schadet nicht nur den Beschäftigten des Betriebes, sondern den Geschäftspartnern, die auf ihren Rechnungen sitzen bleiben und ihren Kunden verlieren. Besonders kritisch ist das Klumpenrisiko, d.h., wenn sich ein Lieferant in die Abhängigkeit eines oder mehrerer Großkunden begibt. Das können kleine Handwerker sein aber auch größere Zulieferer. Oft kommt es hier zum Dominoeffekt. Kleinere Unternehmen sind hier leider praktisch wehrlos.
Woran erkennen Unternehmer, dass ihr Unternehmen in eine ernsthafte Schieflage gerät?
Grundsätzlich gilt, dass Krisen nur in Ausnahmefällen vollkommen überraschend eintreten – sie kündigen sich in der Regel an. Mit den entsprechenden Werkzeugen haben es Unternehmer selbst in der Hand, früh Gegenmaßnahmen einzuleiten. Am Beginn steht eine strategische Krise, bei der das Management beurteilen muss, ob sich das Geschäftsmodell grundsätzlich noch trägt. Existenziell wichtig ist, dass der Unternehmer seine Buchhaltung im Griff hat. Nur auf Grundlage einer soliden Zahlenbasis kann er den Ernst der Lage beurteilen und die richtigen Schlüsse daraus ziehen.
Welche typischen Fehler machen Geschäftsführer in Krisensituationen?
Wir erleben in unserer Beratung oft, dass Unternehmer und Verantwortliche zu lange abwarten und auf Besserung hoffen. Spätestens bei Auftreten der ersten Krisenanzeichen, sollten Gegenmaßnahmen ergriffen werden. Zu diesem Zeitpunkt ist es noch gut möglich, mit Strategieanpassungen und neuen Konzepten eine Verschärfung der Krise zu vermeiden. Externe Berater sind hier oftmals wichtige Impulsgeber. Zu einem späteren Zeitpunkt im Ablauf der Krise wird die Einleitung von Gegenmaßnahmen schwieriger und vor allem auch deutlich teurer.
Wann wird ein Liquiditätsengpass zur Insolvenzpflicht und welche Haftungsrisiken bestehen?
Hierbei spielen zwei juristische Tatbestände eine zentrale Rolle. (1) Zahlungsunfähigkeit: Diese liegt vor, wenn das Unternehmen nicht mehr in der Lage ist, die fälligen Zahlungspflichten zu erfüllen. (2) Überschuldung: Wenn das Vermögen die bestehenden Verbindlichkeiten nicht mehr deckt, es sei denn, die Fortführung des Unternehmens ist in den nächsten zwölf Monaten überwiegend wahrscheinlich. Sobald einer dieser Gründe vorliegt, muss der Insolvenzantrag ohne schuldhaftes Zögern gestellt werden – sonst droht der Geschäftsführung eine persönliche Haftung und Strafverfolgung.
Wie haben sich die Chancen auf eine erfolgreiche Sanierung zuletzt entwickelt?
Die bereits beschriebenen Mulitikrisen führen auch dazu, dass die Rettung von insolventen Firmen durch einen Investor immer schwieriger wird. Wir erleben mehr und mehr, dass sich keine Käufer für ein kriselndes Unternehmen finden. Es sind weniger Interessenten auf dem Markt und es wird auch schwieriger, Finanzierungen zu erreichen. Das ist oftmals bedauerlich, weil dadurch nicht nur Arbeitsplätze, sondern auch technisches Know-how verloren gehen.
Welche Rolle spielen Eigenverwaltung und StaRUG aktuell in der Praxis?
Durch diese beiden neueren Formen von Insolvenzverfahren hat sich der Werkzeugkasten für die Sanierung erheblich erweitert. Wir haben dadurch die Möglichkeit, frühzeitiger Maßnahmen zu ergreifen, um eine Rettung einzuleiten. Und es gilt immer noch die Weisheit, dass die Rettungschancen umso größer sind, je frühzeitiger Gegenmaßnahmen eingeleitet werden. StaRUG und Eigenverwaltung sind einerseits beratungsintensiv und bedürfen einer guten Vorbereitung – aber sie bieten dafür auch gute Möglichkeiten für ein Sanierung.
Erwarten Sie eher eine Marktbereinigung durch Insolvenzen oder vermehrt Unternehmensverkäufe?
Grundsätzlich sind Insolvenzen eben auch zur Marktbereinigung wichtig. Wenn das Geschäftsmodell eines Unternehmens überholt ist, dann verliert es irgendwann die Marktberechtigung. Das ist ein vollkommen normaler Verlauf in der Wirtschaft – Technologien entwickeln sich weiter und das gilt dann auch für Unternehmen. In einer krisenbehafteten Phase wie gerade jetzt fällt es schwer, langfristige Prognosen anzustellen. Es passiert zu viel zu schnell. In einer solchen Situation sind Unternehmensverkäufe schwierig.
Wenn Sie heute Geschäftsführer eines mittelständischen Unternehmens wären – worauf würden Sie besonders achten?
Planung, Kontrolle und Geschwindigkeit – alles ist schneller geworden und darauf müssen sich Unternehmen einstellen.