Markus Funk im Interview

Hessing Jubiläum: Die Heilanstalt wird digital

Markus Funk, Direktor der Hessing Stiftung. Foto: Hessing Stiftung
Seit 100 Jahren gibt es die Hessing Stiftung. Zum Doppeljubiläum haben wir bei Direktor Markus Funk nachgefragt, wie sich Stiftung und Klinik seither entwickelt haben. Dabei gab er Einblicke, wie digitale Lösungen, den Klinikalltag unterstützen.

B4B WIRTSCHAFTSLEBEN SCHWABEN: Was sind die größten Meilensteine in der Geschichte der Hessing Stiftung?

Markus Funk: Der erste Meilenstein, der Grundstein, war das Jahr 1868, als Hessing die Heilanstalt in Göggingen gründete. Man muss dabei beachten: Hessing war kein Arzt. Er kam aus ganz einfachen Verhältnissen und war Tischler und Orgelbauer. Am Anfang muss die etablierte ärztliche Gemeinde sehr stark gegen ihn interveniert haben. Der Erfolg gab ihm dann recht. In den Jahren danach wuchs die Klinik sehr schnell und er hat Ärzte für sich arbeiten lassen. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden 60.000 Patienten hier versorgt. Dazu gehörte auch die deutsche Kaiserin, die sich nach einer Knöchelverletzung von Hessing behandeln ließ. Aber auch die Tochter des russischen Zaren und der belgische Königshof gehörten zum Klientel. Das war der Grund, dass Hessing eine Burg auf dem Gelände bauen ließ.

War es Augsburg oder Hessing, der diese Patienten anzog?

Das war Hessing selbst. Er expandierte zudem weiter und pachtete die bayerischen Staatsbäder: Bad Kissingen und Bad Reichenhall gehörten zu Hessing und er hat das Wildbad in Rothenburg einschließlich Theater mit 500 Plätzen bauen lassen. Auch das Kurhaustheater Göggingen gehört dazu.

Warum hat Hessing Bäder gekauft und Theater gebaut?

Hessing war es wichtig, den Menschen ganzheitlich zu sehen. Hessing war davon überzeugt, dass Körper und Geist eine Einheit sind und man dem Geist Nahrung geben muss, damit der Körper gesunden kann. Er hat das Theater für das kurzweilige Vergnügen gebaut, nicht weil er unbedingt Theaterbesitzer sein wollte. Aus diesem Grund sind zum Beispiel auch Gebäude wie die Wandelhalle entstanden.

Wie feiern Sie das Jubiläum?

Es gibt ein Rahmenprogramm, das über das ganze Jahr verteilt ist. Los geht’s mit der Gedenkfeier an seinem 100. Todestag. Erst 1918 kam damit die Stiftung zum Tragen. Am 16. Juli findet eine Festgala für geladene Gäste im Kurhaustheater statt. Es wird Fachsymposien geben, aber auch Veranstaltungen über die Grenzen von Augsburg hinaus. Über das ganze Jahr hinweg werden Benefizkonzerte, teilweise mit unserer Orgel, stattfinden. Am 22. September planen wir einen großen Tag der offenen Tür, an dem wir der Öffentlichkeit unsere Kliniken und Einrichtungen zugänglich machen. Die meisten Menschen, die in unseren OP rein kommen, bekommen das normalerweise zum Glück ja nicht so richtig mit. 

Wie passt die Digitalisierung zu Hessing?

Ich glaube, dass die Digitalisierung ein ganz wichtiger Schritt ist, um sich wieder mehr auf die weicheren Komponenten konzentrieren zu können. Ein großer Punkt ist, dass in den letzten zehn bis 15 Jahren die Bürokratie ein erschlagender Faktor geworden ist. Digitalisierung ist dahingehend ein echter Fortschritt. Es kann deutlich papierärmer gearbeitet werden und viele Dinge können automatisiert geschehen.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Heute geht ein Arzt mit der Pflegekraft zur Visite und sagt, dieser Patient braucht nochmal ein Röntgenbild. Die Pflegende schreibt das von Hand in eine papiergeführte Patientendokumentation, anschließend muss sie am Stützpunkt einen Anforderungsschein dafür ausfüllen, diesen wiederum muss der Arzt unterschreiben, weil das eine ärztliche Anordnung ist. Solche Prozesse passieren tausendfach in der Klinik, jeden Tag. Wir stellen dieses Jahr auf eine digitale Patientendokumentation um. In unserer Hessingpark-Clinic läuft diese seit zwei Jahren erfolgreich. Wir werden 2018 auch das Orthopädische Fachkrankenhaus auf der Station papierlos machen.

Was bedeutet das für die Arbeit in der Klinik?

Während der Visite wird ein mobiles Device mitgeführt, der Arzt trifft die selbe Anordnung, die Schwester dokumentiert das digital, die Leistungsanforderung passiert automatisch. Damit wird der ganze Prozess enorm zeitsparend und die Fehleranfälligkeit in jeglicher Dokumentation und Kommunikation geringer. Wir glauben, dass die gesamte Zusammenarbeit so viel reibungsärmer gestaltet werden kann. Das digitale System unterstützt den Workflow. Damit ist der Datenschutz besser gewährleistet, es gibt keine Dokumentationslücken mehr. Das System kann dies nämlich auch hinterfragen, wenn etwas fehlt. Das führt dazu, dass wir unsere Ressourcen näher am Patienten einsetzten können. Bis voraussichtlich Oktober werden alle Stationen umgestellt.

Wie wird das von den Mitarbeitern aufgenommen?

Es gibt noch den ein oder anderen, der Angst vor der Berührung mit dem Computer hat. Gerade bei Mitarbeitern der älteren Generation, die sagen, eigentlich waren sie froh, nur das aller nötigste mit dem Computer machen zu müssen. Wir werden versuchen, diese Ängste mit Schulungsmaßnahmen abzubauen.

Wo nutzen Sie Digitalisierung außerdem?

Gerade in unseren handwerklichen Abteilungen zieht jetzt die Digitalisierung ein. In manchen Bereichen machen wird das bereits: Wenn wir Oberkörperkorsetts anfertigen, dann mit einem 3D-Laserscann-Verfahren. Früher musste man dafür einen kompletten Gipsabdruck machen. Wir schauen uns jetzt außerdem schon nach 3D-Druck-Orthesen um. Es gibt erste Modelle, die eine Orthese maßgetreu drucken können. Auch das Material hat weitestgehend die Qualität, die es dazu braucht.

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War es Augsburg oder Hessing, der diese Patienten anzog?

Das war Hessing selbst. Er expandierte zudem weiter und pachtete die bayerischen Staatsbäder: Bad Kissingen und Bad Reichenhall gehörten zu Hessing und er hat das Wildbad in Rothenburg einschließlich Theater mit 500 Plätzen bauen lassen. Auch das Kurhaustheater Göggingen gehört dazu.

Warum hat Hessing Bäder gekauft und Theater gebaut?

Hessing war es wichtig, den Menschen ganzheitlich zu sehen. Hessing war davon überzeugt, dass Körper und Geist eine Einheit sind und man dem Geist Nahrung geben muss, damit der Körper gesunden kann. Er hat das Theater für das kurzweilige Vergnügen gebaut, nicht weil er unbedingt Theaterbesitzer sein wollte. Aus diesem Grund sind zum Beispiel auch Gebäude wie die Wandelhalle entstanden.

Wie feiern Sie das Jubiläum?

Es gibt ein Rahmenprogramm, das über das ganze Jahr verteilt ist. Los geht’s mit der Gedenkfeier an seinem 100. Todestag. Erst 1918 kam damit die Stiftung zum Tragen. Am 16. Juli findet eine Festgala für geladene Gäste im Kurhaustheater statt. Es wird Fachsymposien geben, aber auch Veranstaltungen über die Grenzen von Augsburg hinaus. Über das ganze Jahr hinweg werden Benefizkonzerte, teilweise mit unserer Orgel, stattfinden. Am 22. September planen wir einen großen Tag der offenen Tür, an dem wir der Öffentlichkeit unsere Kliniken und Einrichtungen zugänglich machen. Die meisten Menschen, die in unseren OP rein kommen, bekommen das normalerweise zum Glück ja nicht so richtig mit. 

Wie passt die Digitalisierung zu Hessing?

Ich glaube, dass die Digitalisierung ein ganz wichtiger Schritt ist, um sich wieder mehr auf die weicheren Komponenten konzentrieren zu können. Ein großer Punkt ist, dass in den letzten zehn bis 15 Jahren die Bürokratie ein erschlagender Faktor geworden ist. Digitalisierung ist dahingehend ein echter Fortschritt. Es kann deutlich papierärmer gearbeitet werden und viele Dinge können automatisiert geschehen.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Heute geht ein Arzt mit der Pflegekraft zur Visite und sagt, dieser Patient braucht nochmal ein Röntgenbild. Die Pflegende schreibt das von Hand in eine papiergeführte Patientendokumentation, anschließend muss sie am Stützpunkt einen Anforderungsschein dafür ausfüllen, diesen wiederum muss der Arzt unterschreiben, weil das eine ärztliche Anordnung ist. Solche Prozesse passieren tausendfach in der Klinik, jeden Tag. Wir stellen dieses Jahr auf eine digitale Patientendokumentation um. In unserer Hessingpark-Clinic läuft diese seit zwei Jahren erfolgreich. Wir werden 2018 auch das Orthopädische Fachkrankenhaus auf der Station papierlos machen.

Was bedeutet das für die Arbeit in der Klinik?

Während der Visite wird ein mobiles Device mitgeführt, der Arzt trifft die selbe Anordnung, die Schwester dokumentiert das digital, die Leistungsanforderung passiert automatisch. Damit wird der ganze Prozess enorm zeitsparend und die Fehleranfälligkeit in jeglicher Dokumentation und Kommunikation geringer. Wir glauben, dass die gesamte Zusammenarbeit so viel reibungsärmer gestaltet werden kann. Das digitale System unterstützt den Workflow. Damit ist der Datenschutz besser gewährleistet, es gibt keine Dokumentationslücken mehr. Das System kann dies nämlich auch hinterfragen, wenn etwas fehlt. Das führt dazu, dass wir unsere Ressourcen näher am Patienten einsetzten können. Bis voraussichtlich Oktober werden alle Stationen umgestellt.

Wie wird das von den Mitarbeitern aufgenommen?

Es gibt noch den ein oder anderen, der Angst vor der Berührung mit dem Computer hat. Gerade bei Mitarbeitern der älteren Generation, die sagen, eigentlich waren sie froh, nur das aller nötigste mit dem Computer machen zu müssen. Wir werden versuchen, diese Ängste mit Schulungsmaßnahmen abzubauen.

Wo nutzen Sie Digitalisierung außerdem?

Gerade in unseren handwerklichen Abteilungen zieht jetzt die Digitalisierung ein. In manchen Bereichen machen wird das bereits: Wenn wir Oberkörperkorsetts anfertigen, dann mit einem 3D-Laserscann-Verfahren. Früher musste man dafür einen kompletten Gipsabdruck machen. Wir schauen uns jetzt außerdem schon nach 3D-Druck-Orthesen um. Es gibt erste Modelle, die eine Orthese maßgetreu drucken können. Auch das Material hat weitestgehend die Qualität, die es dazu braucht.

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