Interview

Dr. Marc Lucassen zieht erstes Fazit als IHK-Hauptgeschäftsführer

Dr. Marc Lucassen ist seit Anfang des Jahres Hauptgeschäftsführer der IHK Schwaben. Wir haben nachgefragt, wie sein erstes halbes Jahr im Amt ablief und wie die Krise unsere regionale Wirtschaft verändert.

B4B WIRTSCHAFTSLEBEN SCHWABEN: Was hatte Sie dazu bewegt, sich für die Nachfolge von Peter Saalfrank zu bewerben?

Dr. Marc Lucassen: Das ist aus meiner Sicht die prominenteste wirtschaftspolitische Position in der Region. Nach verschiedenen Stationen in der Wirtschaft und im Kammernetzwerk im In- und Ausland ist es reizvoll meine Erfahrungen an dieser Stelle für Bayerisch-Schwaben einzubringen – also für die Region, in der ich aufgewachsen bin. Solch eine Positionen wird ohnehin nicht allzu oft ausgeschrieben. Für mich – mit meiner familiären und beruflichen Vorgeschichte – lag es nur nahe, sich auf diese Stelle zu bewerben.

Wenn Sie auf das erste halbe Jahr im Amt zurückblicken. Konnten Sie sich – trotz oder gerade wegen Corona – den Einblick verschaffen, den Sie sich gewünscht hatten?

Die ersten Monate sind völlig anders gelaufen als gedacht. Das Corona-Krisenmanagement hat ab Mitte März das Tagesgeschäft dominiert. Viele meiner ersten Gespräche mit Entscheidungsträgern waren bereits Krisengespräche. Dadurch bin ich viel schneller in meine Rolle hineingewachsen. Innerhalb kürzester Zeit habe ich tiefe Einblicke sowohl in das breite Aufgabenspektrum der IHK als auch in sämtliche Branchen der bayerisch-schwäbischen Wirtschaft erhalten. Der äußere Druck der Krise hat – wie in der Wirtschaft und der Politik – auch bei uns zu einer extremen Veränderungsbereitschaft geführt. Mein Eindruck ist, dass das Team der IHK Schwaben noch enger zusammengewachsen ist. Wir haben diese Corona-Krise gut gemeistert und konnten uns als kompetenter und solidarischer Partner profilieren. Das alles hat meinen Start als Hauptgeschäftsführer erleichtert.

Wen durften Sie bereits persönlich kennenlernen und wen wollen Sie unbedingt noch treffen?

Mittlerweile habe ich unser gesamtes Ehrenamt in den Regionalversammlungen kennengelernt, das immerhin 376 engagierte Unternehmer umfasst. Dieser Kontakt ist gerade in der Krise bedeutend, da wir die unmittelbare Rückkopplung aus der Wirtschaft brauchen. Mittlerweile bin ich wieder öfter zu Gast bei unseren Unternehmen – natürlich unter Einhaltung der Hygienevorgaben. Bei jedem dieser Besuche sehe ich, wie viel unsere Unternehmen in die Sicherheit ihrer Mitarbeiter, Kunden und Partner investieren. Das ist wirklich beeindruckend. Neben den Gesprächen mit Unternehmern tausche ich mich laufend mit Vertretern der Politik aus – darunter Landtags- und Bundestagsabgeordnete, Staatssekretäre und Minister. Auch in lokalen Initiativen wie der Allianz für Arbeit in Augsburg bin ich vertreten.

Was sind aus Ihrer Sicht die klaren Stärken der bayerisch-schwäbischen Wirtschaft? Und wo sehen sie Potenzial, das sich heben ließe?

Unsere regionale Wirtschaft fußt auf einem breiten und international wettbewerbsfähigen Fundament. Wir sind ein starker Produktionsstandort mit weltweiter Vernetzung, bieten darüber hinaus auch einen ausgezeichneten Branchenmix vom Handel über den Tourismus bis zur Logistik. Gerade in den vergangenen Jahren konnten wir vermehrt Kompetenzen in Forschung und Entwicklung aufbauen. Das werden wir sicherlich fortführen, auch mit Blick auf einer engere Verzahnung mit dem Mittelstand. Das betrifft insbesondere die Digitalisierung. Denn es ist uns wichtig, dass sich gerade kleine und mittlerer Unternehmen aus der Region an dem Wissenstransfer zwischen Wissenschaft und Wirtschaft verstärkt beteiligen.

Mit welchen wirtschaftlichen Folgen für unsere Region rechnen Sie in Folge der Corona-Krise? Wie wird das unsere Wirtschaft langfristig verändern? 

Das Hochfahren der Wirtschaft dauert in jedem Fall weit länger als der abrupte Lockdown und gestaltet sich aufgrund der komplexen Lieferketten und wirtschaftlichen Verflechtungen äußerst schwierig. Wie groß der wirtschaftliche Schaden tatsächlich ist, werden wir wohl erst in einigen Monaten, aber sicherlich im nächsten Jahr, bilanzieren können. Schon jetzt ist klar: Nicht jedes Unternehmen wird diese Corona-Krise überleben. Die Zahl der Insolvenzen wird nach oben gehen. Ich schätze, dass viele Unternehmen ihre Lieferketten überdenken werden. Das wird möglicherweise zu einer Aufwertung der europäischen Geschäftspartner führen. Zudem wird die Digitalisierung in allen Bereichen stark an Bedeutung gewinnen.

Wie kann sich die bayerisch-schwäbische Wirtschaft heute auf die Post-Corona-Zeit vorbereiten?

Im Moment geht es für die Unternehmen noch um Liquidität und Eigenkapitalsicherung. Jedem Unternehmer ist aber klar, dass wir sowohl in der Krise als auch danach im Wettbewerb stehen. Daher müssen wir uns wetterfest aufstellen. Dabei stehen Themen wie Digitalisierung, Wertschöpfungsketten und Innovationen im Vordergrund. Nur wer gesund und gleichzeitig zügig aus der Krise herauskommt, kann sich auch künftig am Markt behaupten. Wir müssen die Innovationskraft der bayerisch-schwäbischen Unternehmen auf hohem Niveau halten und ausbauen. Dabei spielt die hohe Qualifikation der Mitarbeiter und die Sicherung des Fachkräftepools in der Region eine herausragende Rolle. Wir als IHK stehen hier eng an der Seite unserer Mitgliedsunternehmen und unterstützen die Firmen mit einem breiten Dienstleistungsangebot.

Wo sehen Sie für die IHK Chancen sich neu oder anders aufzustellen?

In der Krise waren und sind wir als Industrie- und Handelskammer voll gefordert – als Berater unserer Unternehmen, als Interessensvertreter gegenüber der Politik und als zentraler Ansprechpartner im Bereich der Aus- und Weiterbildung. Dieses Mandat haben wir aus meiner Sicht bislang sehr gut erfüllt. Dabei sind uns in den vergangenen Wochen auch Schwachstellen aufgefallen. Diese werden wir jetzt schrittweise angehen. So hat uns die Krise deutlich vor Augen geführt, dass mit Blick auf unser digitales Angebot Luft nach oben besteht. Wir werden die hohe Veränderungsbereitschaft, die im Moment greifbar ist, nutzen, um den Transformationsprozess voranzutreiben. Wir wollen künftig mehr Dienstleistungen auf digitalem Weg anbieten. Damit werden unsere Services künftig einen größeren Teil unserer 140.000 Mitgliedsunternehmen erreichen.

Wenn wir Sie in sechs Monaten wieder interviewen dürfen: Auf welche Meilensteine würden Sie dann gerne zurückblicken?

Einige interne Projekte mit hoher Kundenorientierung sollten bis Ende 2020 abgeschlossen sein. Gleichzeitig möchte ich dieses Jahr noch alle für uns relevanten Ansprechpartner aus Politik, Verwaltung und Gesellschaft kennengelernt haben. Mein Ziel ist es stets, dass das Gesamtinteresse der bayerisch-schwäbischen Wirtschaft gut sicht- und hörbar ist – besonders bei der bayerischen Staatsregierung. Wichtig ist mir auch der Ausbildungsstart im Herbst. Wir arbeiten daran, dass trotz aller Widrigkeiten wieder viele Jugendliche und Ausbildungsbetriebe zueinanderfinden.  

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B4B WIRTSCHAFTSLEBEN SCHWABEN: Was hatte Sie dazu bewegt, sich für die Nachfolge von Peter Saalfrank zu bewerben?

Dr. Marc Lucassen: Das ist aus meiner Sicht die prominenteste wirtschaftspolitische Position in der Region. Nach verschiedenen Stationen in der Wirtschaft und im Kammernetzwerk im In- und Ausland ist es reizvoll meine Erfahrungen an dieser Stelle für Bayerisch-Schwaben einzubringen – also für die Region, in der ich aufgewachsen bin. Solch eine Positionen wird ohnehin nicht allzu oft ausgeschrieben. Für mich – mit meiner familiären und beruflichen Vorgeschichte – lag es nur nahe, sich auf diese Stelle zu bewerben.

Wenn Sie auf das erste halbe Jahr im Amt zurückblicken. Konnten Sie sich – trotz oder gerade wegen Corona – den Einblick verschaffen, den Sie sich gewünscht hatten?

Die ersten Monate sind völlig anders gelaufen als gedacht. Das Corona-Krisenmanagement hat ab Mitte März das Tagesgeschäft dominiert. Viele meiner ersten Gespräche mit Entscheidungsträgern waren bereits Krisengespräche. Dadurch bin ich viel schneller in meine Rolle hineingewachsen. Innerhalb kürzester Zeit habe ich tiefe Einblicke sowohl in das breite Aufgabenspektrum der IHK als auch in sämtliche Branchen der bayerisch-schwäbischen Wirtschaft erhalten. Der äußere Druck der Krise hat – wie in der Wirtschaft und der Politik – auch bei uns zu einer extremen Veränderungsbereitschaft geführt. Mein Eindruck ist, dass das Team der IHK Schwaben noch enger zusammengewachsen ist. Wir haben diese Corona-Krise gut gemeistert und konnten uns als kompetenter und solidarischer Partner profilieren. Das alles hat meinen Start als Hauptgeschäftsführer erleichtert.

Wen durften Sie bereits persönlich kennenlernen und wen wollen Sie unbedingt noch treffen?

Mittlerweile habe ich unser gesamtes Ehrenamt in den Regionalversammlungen kennengelernt, das immerhin 376 engagierte Unternehmer umfasst. Dieser Kontakt ist gerade in der Krise bedeutend, da wir die unmittelbare Rückkopplung aus der Wirtschaft brauchen. Mittlerweile bin ich wieder öfter zu Gast bei unseren Unternehmen – natürlich unter Einhaltung der Hygienevorgaben. Bei jedem dieser Besuche sehe ich, wie viel unsere Unternehmen in die Sicherheit ihrer Mitarbeiter, Kunden und Partner investieren. Das ist wirklich beeindruckend. Neben den Gesprächen mit Unternehmern tausche ich mich laufend mit Vertretern der Politik aus – darunter Landtags- und Bundestagsabgeordnete, Staatssekretäre und Minister. Auch in lokalen Initiativen wie der Allianz für Arbeit in Augsburg bin ich vertreten.

Was sind aus Ihrer Sicht die klaren Stärken der bayerisch-schwäbischen Wirtschaft? Und wo sehen sie Potenzial, das sich heben ließe?

Unsere regionale Wirtschaft fußt auf einem breiten und international wettbewerbsfähigen Fundament. Wir sind ein starker Produktionsstandort mit weltweiter Vernetzung, bieten darüber hinaus auch einen ausgezeichneten Branchenmix vom Handel über den Tourismus bis zur Logistik. Gerade in den vergangenen Jahren konnten wir vermehrt Kompetenzen in Forschung und Entwicklung aufbauen. Das werden wir sicherlich fortführen, auch mit Blick auf einer engere Verzahnung mit dem Mittelstand. Das betrifft insbesondere die Digitalisierung. Denn es ist uns wichtig, dass sich gerade kleine und mittlerer Unternehmen aus der Region an dem Wissenstransfer zwischen Wissenschaft und Wirtschaft verstärkt beteiligen.

Mit welchen wirtschaftlichen Folgen für unsere Region rechnen Sie in Folge der Corona-Krise? Wie wird das unsere Wirtschaft langfristig verändern? 

Das Hochfahren der Wirtschaft dauert in jedem Fall weit länger als der abrupte Lockdown und gestaltet sich aufgrund der komplexen Lieferketten und wirtschaftlichen Verflechtungen äußerst schwierig. Wie groß der wirtschaftliche Schaden tatsächlich ist, werden wir wohl erst in einigen Monaten, aber sicherlich im nächsten Jahr, bilanzieren können. Schon jetzt ist klar: Nicht jedes Unternehmen wird diese Corona-Krise überleben. Die Zahl der Insolvenzen wird nach oben gehen. Ich schätze, dass viele Unternehmen ihre Lieferketten überdenken werden. Das wird möglicherweise zu einer Aufwertung der europäischen Geschäftspartner führen. Zudem wird die Digitalisierung in allen Bereichen stark an Bedeutung gewinnen.

Wie kann sich die bayerisch-schwäbische Wirtschaft heute auf die Post-Corona-Zeit vorbereiten?

Im Moment geht es für die Unternehmen noch um Liquidität und Eigenkapitalsicherung. Jedem Unternehmer ist aber klar, dass wir sowohl in der Krise als auch danach im Wettbewerb stehen. Daher müssen wir uns wetterfest aufstellen. Dabei stehen Themen wie Digitalisierung, Wertschöpfungsketten und Innovationen im Vordergrund. Nur wer gesund und gleichzeitig zügig aus der Krise herauskommt, kann sich auch künftig am Markt behaupten. Wir müssen die Innovationskraft der bayerisch-schwäbischen Unternehmen auf hohem Niveau halten und ausbauen. Dabei spielt die hohe Qualifikation der Mitarbeiter und die Sicherung des Fachkräftepools in der Region eine herausragende Rolle. Wir als IHK stehen hier eng an der Seite unserer Mitgliedsunternehmen und unterstützen die Firmen mit einem breiten Dienstleistungsangebot.

Wo sehen Sie für die IHK Chancen sich neu oder anders aufzustellen?

In der Krise waren und sind wir als Industrie- und Handelskammer voll gefordert – als Berater unserer Unternehmen, als Interessensvertreter gegenüber der Politik und als zentraler Ansprechpartner im Bereich der Aus- und Weiterbildung. Dieses Mandat haben wir aus meiner Sicht bislang sehr gut erfüllt. Dabei sind uns in den vergangenen Wochen auch Schwachstellen aufgefallen. Diese werden wir jetzt schrittweise angehen. So hat uns die Krise deutlich vor Augen geführt, dass mit Blick auf unser digitales Angebot Luft nach oben besteht. Wir werden die hohe Veränderungsbereitschaft, die im Moment greifbar ist, nutzen, um den Transformationsprozess voranzutreiben. Wir wollen künftig mehr Dienstleistungen auf digitalem Weg anbieten. Damit werden unsere Services künftig einen größeren Teil unserer 140.000 Mitgliedsunternehmen erreichen.

Wenn wir Sie in sechs Monaten wieder interviewen dürfen: Auf welche Meilensteine würden Sie dann gerne zurückblicken?

Einige interne Projekte mit hoher Kundenorientierung sollten bis Ende 2020 abgeschlossen sein. Gleichzeitig möchte ich dieses Jahr noch alle für uns relevanten Ansprechpartner aus Politik, Verwaltung und Gesellschaft kennengelernt haben. Mein Ziel ist es stets, dass das Gesamtinteresse der bayerisch-schwäbischen Wirtschaft gut sicht- und hörbar ist – besonders bei der bayerischen Staatsregierung. Wichtig ist mir auch der Ausbildungsstart im Herbst. Wir arbeiten daran, dass trotz aller Widrigkeiten wieder viele Jugendliche und Ausbildungsbetriebe zueinanderfinden.  

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