Interview mit Doreen Seeberger

So geht Memmingen Tourismus mit der Corona-Pandemie um

Seit Anfang 2020 ist Doreen Seeberger die neue Leiterin von Memmingen Tourismus. Im Interview hat sie verraten, wie der Tourismus im Allgäu von der Corona-Pandemie betroffen ist und weshalb mit schlagartigen Verlusten zu rechnen ist.

B4B WIRSCHAFTSLEBEN SCHWABEN: Frau Seeberger, Sie absolvierten eine Ausbildung zur Hotelfachfrau, ein Studium der Tourismusbetriebswirtschaft und mehrere Auslandsaufenthalte. Nun haben Sie seit Anfang des Jahres die Leitung von Memmingen Tourismus übernommen – wie lassen sich Ihre bisherigen beruflichen Stationen mit der neuen Stelle kombinieren?

Doreen Seeberger: Ich durfte durch meine Anstellungen im Tourismus die Hotelbranche aus vielen verschiedenen Blickwinkeln betrachten. Ich kenne die Branche sehr gut operativ, administrativ, strategisch. Das gepaart mit meiner Neugier am Menschen lässt mich immer wieder neue Ideen und Projekte mit verschiedensten Akteuren entwickeln. In der Position als Tourismusleitung ist das eine gute Basis, um gemeinsam mit allen Leistungsträgern ein wunderbares Produkt zu schaffen.

Wie wird die Stadt Memmingen durch das Corona-Virus eingeschränkt?

Der durch den Corona-Virus ausgelöste Schock ist ein Erdbeben für unsere Gastgeber und touristischen Leistungsträger. Es ist wahrscheinlich, dass sich die touristische Infrastruktur verändern wird. Wenn wir es schaffen diesen Veränderungsprozess anzunehmen und uns nicht dagegen wehren, dann kann diese Veränderung viele positive Folgen haben. Die Voraussetzung dafür ist ein freier Geist, Mut, Anpassungsfähigkeit und Kreativität.

Wie leidet der Tourismus im Allgäu unter der Corona-Pandemie?


Ich bin ein Kind der Hotellerie, deswegen bricht es mir das Herz, wenn ich aus meinem Netzwerk in Süddeutschland höre, wie viele Betriebe aufgrund von Corona aktuell schon Insolvenz angemeldet haben und Mitarbeiter entlassen mussten. In Memmingen ist das zum Glück noch nicht der Fall, aber es ist auch nicht auszuschließen. Der Hotelmarkt ist historisch stark fragmentiert. Mit vielen kleinen unterschiedlichen Unternehmen. Diversität ist die Stärke der deutschen Gastgeberbranche. Ich befürchte, dass wir hier schlagartig Verluste hinnehmen müssen. Zu dem Gefühl der Machtlosigkeit mischen sich Existenzängste. Aber ich sehe auch wie experimentierfreudig einige Gastgeber mit der Situation umgehen und beispielsweise Kliniken planen oder die Zimmer nun tagsüber als Einzelbüro vermieten. Andere bleiben sichtbar durch To-go und Abholangebote.

Wie verfahren Hotels und Betriebe mit denjenigen Touristen die zu Zeiten von Corona vor Ort sind?

Für alle Gastgeber gilt eine offizielle Betriebsuntersagung bis zum 30. März. Das bedeutet, dass Beherbergungsbetrieben die Zurverfügungstellung jeglicher Unterkünfte zu privaten touristischen Zwecken untersagt ist. Geschäfts- und Handelsreisende sind von ihren Firmen heimgeholt worden. Insofern gibt es aktuell keine zu betreuenden Touristen.

Gibt es Pläne wie man Stornierungen finanziell auffängt?


Da gibt es nichts aufzufangen. Die finanziellen Reserven vieler Betriebe sind bereits aufgebraucht. Hotelübernachtungen sind ein höchst vergängliches Produkt. Die Nacht, die man gestern nicht verkauft hat, kann man nicht lagern und morgen verkaufen. Das ist ja die Dramatik an der Sache. Insofern ist auch die Ambition einiger Hotelportale die Buchung in die Zukunft zu verlegen, nicht zielführend. Die Soforthilfen des Bayerischen Wirtschaftsministeriums ist tatsächlich unkompliziert über einen zweiseitigen Antrag schnell verfügbar. Sie dient aber maximal dazu den großen Fixkostenanteil eines Gastgebers im ersten Krisenmonat zu bewältigen. Alle variablen Kosten bleiben bestehen. Alle nachfolgenden finanziellen Unterstützungsangebote müssen zurückgezahlt werden. Steuerstundungen verschieben das Problem nach hinten, lösen es aber nicht. Eine echte und faire langfristige Lösung wäre die Einführung der sogenannten 7-Prozent-Gastro Mehrwertsteuer, wenn es nach der Krise wieder losgeht.

Wie sich die Corona-Krise weiterentwickeln wird ist unklar. Gibt es trotzdem festgesteckte Ziele für 2020 die sie erreichen möchten, wenn ja, welche?

Ja ganz sicher. Bei meinem Start im Februar, und da gab es noch kein Corona, war eines meiner Hauptziele die Vernetzung, der Austausch und der Dialog mit allen Leistungsträgern. Jetzt erst recht. Corona zeigt, dass es nur miteinander geht. Ein weiteres Ziel für dieses Jahr ist der Aufbau der Tourist-Information. Bisher gibt es eine Stadtinformation in Memmingen, die neben vielen Bürgeraufgaben auch touristische Aufgaben mit übernommen hat. Die Stadtinformation wird bis Ende 2020 zu einer Tourist-Information umstrukturiert, mit klarer touristischer Aufgaben- und Zielsetzung. Der Fokus gilt der Professionalisierung der internen Strukturen im Bereich Tourismus und der Kultivierung einer Gastgebermentalität bei allen Mitarbeitern. Das Aufgabenfeld der Mitarbeiter wird sich zielführend in Richtung Tourismus verschieben.

Welche Rolle spielt Social-Media beim Thema Tourismus?

Social Media ist die Zukunft im Tourismus. Gerade jetzt, wo wir alle, mehr oder weniger „eingesperrt“ sind, zeigt sich, wie wichtig die verschiedenen Kanäle sind, um mit unserer Welt und Umwelt in Verbindung zu bleiben. Dabei sind Emotionen von wichtigster Bedeutung. Social Media eignet sich perfekt dafür, diese Emotionen durch Bilder und Bewegtbilder nach außen zu tragen.

Abschließend: Welche Worte möchten Sie den Menschen in dieser Krisenzeit mitgeben?

Wir Touristiker, Hotels, Gastronomen und Kulturtreibende sind eine besondere Spezies. Leidensfähig, höchst anpassungsfähig, optimistisch und immer mit ganzem Herzen dabei. Wenn es jemand schafft diese Krise zu meistern und in etwas Gutes zu verwandeln, dann wir. Zusammenhalten. Das packen wir schon.

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B4B WIRSCHAFTSLEBEN SCHWABEN: Frau Seeberger, Sie absolvierten eine Ausbildung zur Hotelfachfrau, ein Studium der Tourismusbetriebswirtschaft und mehrere Auslandsaufenthalte. Nun haben Sie seit Anfang des Jahres die Leitung von Memmingen Tourismus übernommen – wie lassen sich Ihre bisherigen beruflichen Stationen mit der neuen Stelle kombinieren?

Doreen Seeberger: Ich durfte durch meine Anstellungen im Tourismus die Hotelbranche aus vielen verschiedenen Blickwinkeln betrachten. Ich kenne die Branche sehr gut operativ, administrativ, strategisch. Das gepaart mit meiner Neugier am Menschen lässt mich immer wieder neue Ideen und Projekte mit verschiedensten Akteuren entwickeln. In der Position als Tourismusleitung ist das eine gute Basis, um gemeinsam mit allen Leistungsträgern ein wunderbares Produkt zu schaffen.

Wie wird die Stadt Memmingen durch das Corona-Virus eingeschränkt?

Der durch den Corona-Virus ausgelöste Schock ist ein Erdbeben für unsere Gastgeber und touristischen Leistungsträger. Es ist wahrscheinlich, dass sich die touristische Infrastruktur verändern wird. Wenn wir es schaffen diesen Veränderungsprozess anzunehmen und uns nicht dagegen wehren, dann kann diese Veränderung viele positive Folgen haben. Die Voraussetzung dafür ist ein freier Geist, Mut, Anpassungsfähigkeit und Kreativität.

Wie leidet der Tourismus im Allgäu unter der Corona-Pandemie?


Ich bin ein Kind der Hotellerie, deswegen bricht es mir das Herz, wenn ich aus meinem Netzwerk in Süddeutschland höre, wie viele Betriebe aufgrund von Corona aktuell schon Insolvenz angemeldet haben und Mitarbeiter entlassen mussten. In Memmingen ist das zum Glück noch nicht der Fall, aber es ist auch nicht auszuschließen. Der Hotelmarkt ist historisch stark fragmentiert. Mit vielen kleinen unterschiedlichen Unternehmen. Diversität ist die Stärke der deutschen Gastgeberbranche. Ich befürchte, dass wir hier schlagartig Verluste hinnehmen müssen. Zu dem Gefühl der Machtlosigkeit mischen sich Existenzängste. Aber ich sehe auch wie experimentierfreudig einige Gastgeber mit der Situation umgehen und beispielsweise Kliniken planen oder die Zimmer nun tagsüber als Einzelbüro vermieten. Andere bleiben sichtbar durch To-go und Abholangebote.

Wie verfahren Hotels und Betriebe mit denjenigen Touristen die zu Zeiten von Corona vor Ort sind?

Für alle Gastgeber gilt eine offizielle Betriebsuntersagung bis zum 30. März. Das bedeutet, dass Beherbergungsbetrieben die Zurverfügungstellung jeglicher Unterkünfte zu privaten touristischen Zwecken untersagt ist. Geschäfts- und Handelsreisende sind von ihren Firmen heimgeholt worden. Insofern gibt es aktuell keine zu betreuenden Touristen.

Gibt es Pläne wie man Stornierungen finanziell auffängt?


Da gibt es nichts aufzufangen. Die finanziellen Reserven vieler Betriebe sind bereits aufgebraucht. Hotelübernachtungen sind ein höchst vergängliches Produkt. Die Nacht, die man gestern nicht verkauft hat, kann man nicht lagern und morgen verkaufen. Das ist ja die Dramatik an der Sache. Insofern ist auch die Ambition einiger Hotelportale die Buchung in die Zukunft zu verlegen, nicht zielführend. Die Soforthilfen des Bayerischen Wirtschaftsministeriums ist tatsächlich unkompliziert über einen zweiseitigen Antrag schnell verfügbar. Sie dient aber maximal dazu den großen Fixkostenanteil eines Gastgebers im ersten Krisenmonat zu bewältigen. Alle variablen Kosten bleiben bestehen. Alle nachfolgenden finanziellen Unterstützungsangebote müssen zurückgezahlt werden. Steuerstundungen verschieben das Problem nach hinten, lösen es aber nicht. Eine echte und faire langfristige Lösung wäre die Einführung der sogenannten 7-Prozent-Gastro Mehrwertsteuer, wenn es nach der Krise wieder losgeht.

Wie sich die Corona-Krise weiterentwickeln wird ist unklar. Gibt es trotzdem festgesteckte Ziele für 2020 die sie erreichen möchten, wenn ja, welche?

Ja ganz sicher. Bei meinem Start im Februar, und da gab es noch kein Corona, war eines meiner Hauptziele die Vernetzung, der Austausch und der Dialog mit allen Leistungsträgern. Jetzt erst recht. Corona zeigt, dass es nur miteinander geht. Ein weiteres Ziel für dieses Jahr ist der Aufbau der Tourist-Information. Bisher gibt es eine Stadtinformation in Memmingen, die neben vielen Bürgeraufgaben auch touristische Aufgaben mit übernommen hat. Die Stadtinformation wird bis Ende 2020 zu einer Tourist-Information umstrukturiert, mit klarer touristischer Aufgaben- und Zielsetzung. Der Fokus gilt der Professionalisierung der internen Strukturen im Bereich Tourismus und der Kultivierung einer Gastgebermentalität bei allen Mitarbeitern. Das Aufgabenfeld der Mitarbeiter wird sich zielführend in Richtung Tourismus verschieben.

Welche Rolle spielt Social-Media beim Thema Tourismus?

Social Media ist die Zukunft im Tourismus. Gerade jetzt, wo wir alle, mehr oder weniger „eingesperrt“ sind, zeigt sich, wie wichtig die verschiedenen Kanäle sind, um mit unserer Welt und Umwelt in Verbindung zu bleiben. Dabei sind Emotionen von wichtigster Bedeutung. Social Media eignet sich perfekt dafür, diese Emotionen durch Bilder und Bewegtbilder nach außen zu tragen.

Abschließend: Welche Worte möchten Sie den Menschen in dieser Krisenzeit mitgeben?

Wir Touristiker, Hotels, Gastronomen und Kulturtreibende sind eine besondere Spezies. Leidensfähig, höchst anpassungsfähig, optimistisch und immer mit ganzem Herzen dabei. Wenn es jemand schafft diese Krise zu meistern und in etwas Gutes zu verwandeln, dann wir. Zusammenhalten. Das packen wir schon.

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