geiger company compass GmbH

Herbert Geiger: „Die meisten Unternehmen beantragen zu spät Insolvenz“

Herbert Geiger, Geschäftsführer der geiger company compass GmbH. Foto: geiger company compass GmbH
Robert Buchalik, Partner bei Buchalik Brömmekamp Rechtsanwälte Steuerberater. Foto: geiger company compass GmbH
Prof. Dr. Peter Schettgen vom ZWW stellt sein Institut vor. Foto: geiger company compass GmbH
Referent Dirk Eichelbaum. Foto: geiger company compass GmbH
Christoph Nauen, Bernd Danckert, Robert Buchalik und Andreas Schmieg (v.l.n.r). Foto: geiger company compass GmbH
Referent Herbert Geiger bei der Begrüßung. Foto: geiger company compass GmbH

Unternehmerisches Scheitern – das ist es, was in der Regel mit dem Wort „Insolvenz“ verbunden wird. Wie eine wirtschaftliche Krise zur Chance wird, erklären Herbert Geiger, Geschäftsführer der geiger company compass GmbH und Robert Buchalik, Partner des Beratungsunternehmens Buchalik Brömmekamp und Vorstandsvorsitzender des BV ESUG.

B4B WIRTSCHAFTSLEBEN SCHWABEN: Das Gesetz zur weiteren Erleichterung der Sanierung von Unternehmen (ESUG) ist am 1. März 2012 in Kraft getreten. Wie genau hat es die Zukunftsaussichten insolventer Firmen beeinflusst?

Robert Buchalik: Das Gesetz ist auf die Fortführung eines Unternehmens ausgerichtet. Außerdem bleibt die Unternehmensleitung weiterhin in ihrer Position und kann die Sanierung zusammen mit ihren Gläubigern steuern. Das ist der wichtigste Unterschied im Vergleich zum herkömmlichen Regelinsolvenzverfahren.

Herbert Geiger: Das ESUG bietet Möglichkeiten, die einmalig in Europa sind. Trotzdem stellen die meisten Unternehmen nach wie vor viel zu spät einen Insolvenzantrag. Oft wird nicht der Weg über eine Eigenverwaltung, sondern die Regelinsolvenz gewählt.

Wie wollen Sie den Bekanntheitsgrad des ESUG erhöhen?

Buchalik: Wir haben dazu den Bundesverband ESUG gegründet. Dieser verfolgt zwei Ziele: Einerseits wollen wir die Stigmatisierung des unternehmerischen Scheiterns, die tief in der Gesellschaft verwurzelt ist, überwinden. Zweitens wollen wir die Sanierungschancen von Unternehmen in der Krise deutlich verbessern. Damit richten wir uns direkt an die Unternehmer.

Geiger: Nicht nur den Betroffenen selber, auch den Steuerberatern und Wirtschaftsprüfern kommt in der Krise eine bedeutende Rolle zu. Meist will der Unternehmer die Situation nicht sehen. Dann muss ein Anstoß zur Krisenbewältigung von außen kommen. Der Berater kennt die Unternehmenszahlen und hat eine neutrale Position. Leider ist das Informationsdefizit in dieser Berufsgruppe noch sehr groß. Dabei bietet das ESUG erhebliche Vorteile für den Steuerberater. Anders als in der Regelinsolvenz kann der Steuerberater seinen Mandanten weiter beraten. Nach dem Verfahren ist die Geschäftsbeziehung enger als zuvor.

Wie läuft ein Eigenverwaltungs- oder Schutzschirmverfahren ab?

Geiger: Das Wichtigste vorab: Je früher der Insolvenzantrag gestellt wird, umso größer sind die Erfolgsaussichten. Während der ganzen Dauer des Verfahrens ist das Unternehmen vor Eingriffen der Gläubiger geschützt. Insgesamt gewährt das Insolvenzrecht dem Unternehmen eine „wettbewerbsrechtliche Auszeit“ und lässt ihm Vergünstigungen in großem Umfang zukommen, damit die Sanierung gelingt und Arbeitsplätze erhalten werden können.

Buchalik: In der Eigenverwaltung gibt es drei wesentliche Meilensteine. Zunächst wird der Antrag auf ein Eigenverwaltungsverfahren beim Amtsgericht gestellt. Davor sollten mit den wesentlichen Gläubigern, dem Gericht und den Finanzierungspartnern die Eckpunkte des Verfahrens vorbesprochen werden. Eine zu erstellende Liquiditätsplanung zeigt auf, ob die vorhandenen Mittel ausreichen oder ob zusätzliche Mittel generiert werden müssen. Nach der Antragstellung wird ein grobes Sanierungskonzept erarbeitet. Dieses zeigt auf, wie das Unternehmen entschuldet und wieder wettbewerbsfähig aufgestellt werden kann.

Der zweite Meilenstein ist nach rund drei Monaten die Eröffnung des Verfahrens. Hier wird idealerweise ein erster Entwurf des Insolvenzplans vorgelegt. Sieht das Gericht die Sanierung als erfolgreich an, eröffnet es das Verfahren. Die Gläubiger werden dann aufgefordert, ihre Forderungen anzumelden.

In einem Termin beim zuständigen Insolvenzgericht, dem dritte Meilenstein, stimmen die Gläubiger dem Insolvenzplan zu und das Gericht bestätigt den Plan. Zwei Wochen später ist das Verfahren beendet, sofern keine Rechtsmittel eingelegt wurden. Das Eigenverwaltungsverfahren dauert normalerweise sechs bis acht Monate, in Ausnahmefällen auch fünf Monate oder weniger.

Wie genau wirkt sich die Eigenverwaltung auf den Prozess aus?

Geiger: Das Insolvenzrecht stellt eine Vielzahl von Sondervergünstigungen zur Verfügung. Diese gibt es außerhalb eines solchen Verfahrens nicht. So bleibt zunächst einmal die Geschäftsführung im Amt, wenn auch unter der Aufsicht eines Sachwalters. Zudem werden für die Dauer von bis zu drei Monaten die Löhne und Gehälter aus den Mitteln des Insolvenzgeldes finanziert. Die dadurch gesparte Liquidität kann voll für die Sanierung eingesetzt werden.

Das Unternehmen kann sich unter Insolvenzschutz zudem aus ungünstigen, auch langfristigen Verträgen lösen. Bestehende Verbindlichkeiten können in eine Unternehmensbeteiligung, also in Eigenkapital umgewandelt werden. Außerdem wird eine eventuell notwendige Anpassung der Personalstruktur deutlich vereinfacht.

Buchalik: Ein Beispiel vom Bodensee: Bernd Danckert, ehemaliger Geschäftsführer der DIF, die Ideenfabrik, konnte seine Insolvenz durch eine Eigenverwaltung meistern. Sein Unternehmen mit Sitz in Friedrichshafen geriet durch ein nicht durchgängig finanziertes Neubauvorhaben in die Krise. Nach einem Teilverkauf des Unternehmens blieb Bernd Danckert weiterhin Geschäftsführer und konnte ein Viertel seiner Anteile erhalten. Die DIF konnte schon nach knappen zehn Monaten den Turnaround erzielen.

Ein abschließendes Statement: Warum sehen Sie die Insolvenz als Chance für Unternehmen?

Buchalik: Die Insolvenz ist für wettbewerbsfähige Unternehmen eine wichtige Möglichkeit, sich in einer Krisensituation zu sanieren. Damit leistet auch die Insolvenz einen wesentlichen Beitrag für die Gesellschaft insgesamt, ganz besonders für Gläubiger, Investoren und Schuldner. Sie sichert Arbeitsplätze, ermöglicht nach der Krise wieder Wachstum und bietet für alle Beteiligten eine Planungssicherheit in und nach der Insolvenz.

In der Eigenverwaltung können sich Unternehmer außerdem leichter von Altlasten wie Dauerschuldverhältnissen oder unrentablen Aufträgen befreien. Da das Unternehmen das Verfahren und die Maßnahmen selber steuert, ist die Eigenverwaltung eine strategische Option zur Krisenbewältigung.

Das Interview führte Isabell Walter

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geiger company compass GmbH

Herbert Geiger: „Die meisten Unternehmen beantragen zu spät Insolvenz“

Herbert Geiger, Geschäftsführer der geiger company compass GmbH. Foto: geiger company compass GmbH
Robert Buchalik, Partner bei Buchalik Brömmekamp Rechtsanwälte Steuerberater. Foto: geiger company compass GmbH
Prof. Dr. Peter Schettgen vom ZWW stellt sein Institut vor. Foto: geiger company compass GmbH
Referent Dirk Eichelbaum. Foto: geiger company compass GmbH
Christoph Nauen, Bernd Danckert, Robert Buchalik und Andreas Schmieg (v.l.n.r). Foto: geiger company compass GmbH
Referent Herbert Geiger bei der Begrüßung. Foto: geiger company compass GmbH

Unternehmerisches Scheitern – das ist es, was in der Regel mit dem Wort „Insolvenz“ verbunden wird. Wie eine wirtschaftliche Krise zur Chance wird, erklären Herbert Geiger, Geschäftsführer der geiger company compass GmbH und Robert Buchalik, Partner des Beratungsunternehmens Buchalik Brömmekamp und Vorstandsvorsitzender des BV ESUG.

B4B WIRTSCHAFTSLEBEN SCHWABEN: Das Gesetz zur weiteren Erleichterung der Sanierung von Unternehmen (ESUG) ist am 1. März 2012 in Kraft getreten. Wie genau hat es die Zukunftsaussichten insolventer Firmen beeinflusst?

Robert Buchalik: Das Gesetz ist auf die Fortführung eines Unternehmens ausgerichtet. Außerdem bleibt die Unternehmensleitung weiterhin in ihrer Position und kann die Sanierung zusammen mit ihren Gläubigern steuern. Das ist der wichtigste Unterschied im Vergleich zum herkömmlichen Regelinsolvenzverfahren.

Herbert Geiger: Das ESUG bietet Möglichkeiten, die einmalig in Europa sind. Trotzdem stellen die meisten Unternehmen nach wie vor viel zu spät einen Insolvenzantrag. Oft wird nicht der Weg über eine Eigenverwaltung, sondern die Regelinsolvenz gewählt.

Wie wollen Sie den Bekanntheitsgrad des ESUG erhöhen?

Buchalik: Wir haben dazu den Bundesverband ESUG gegründet. Dieser verfolgt zwei Ziele: Einerseits wollen wir die Stigmatisierung des unternehmerischen Scheiterns, die tief in der Gesellschaft verwurzelt ist, überwinden. Zweitens wollen wir die Sanierungschancen von Unternehmen in der Krise deutlich verbessern. Damit richten wir uns direkt an die Unternehmer.

Geiger: Nicht nur den Betroffenen selber, auch den Steuerberatern und Wirtschaftsprüfern kommt in der Krise eine bedeutende Rolle zu. Meist will der Unternehmer die Situation nicht sehen. Dann muss ein Anstoß zur Krisenbewältigung von außen kommen. Der Berater kennt die Unternehmenszahlen und hat eine neutrale Position. Leider ist das Informationsdefizit in dieser Berufsgruppe noch sehr groß. Dabei bietet das ESUG erhebliche Vorteile für den Steuerberater. Anders als in der Regelinsolvenz kann der Steuerberater seinen Mandanten weiter beraten. Nach dem Verfahren ist die Geschäftsbeziehung enger als zuvor.

Wie läuft ein Eigenverwaltungs- oder Schutzschirmverfahren ab?

Geiger: Das Wichtigste vorab: Je früher der Insolvenzantrag gestellt wird, umso größer sind die Erfolgsaussichten. Während der ganzen Dauer des Verfahrens ist das Unternehmen vor Eingriffen der Gläubiger geschützt. Insgesamt gewährt das Insolvenzrecht dem Unternehmen eine „wettbewerbsrechtliche Auszeit“ und lässt ihm Vergünstigungen in großem Umfang zukommen, damit die Sanierung gelingt und Arbeitsplätze erhalten werden können.

Buchalik: In der Eigenverwaltung gibt es drei wesentliche Meilensteine. Zunächst wird der Antrag auf ein Eigenverwaltungsverfahren beim Amtsgericht gestellt. Davor sollten mit den wesentlichen Gläubigern, dem Gericht und den Finanzierungspartnern die Eckpunkte des Verfahrens vorbesprochen werden. Eine zu erstellende Liquiditätsplanung zeigt auf, ob die vorhandenen Mittel ausreichen oder ob zusätzliche Mittel generiert werden müssen. Nach der Antragstellung wird ein grobes Sanierungskonzept erarbeitet. Dieses zeigt auf, wie das Unternehmen entschuldet und wieder wettbewerbsfähig aufgestellt werden kann.

Der zweite Meilenstein ist nach rund drei Monaten die Eröffnung des Verfahrens. Hier wird idealerweise ein erster Entwurf des Insolvenzplans vorgelegt. Sieht das Gericht die Sanierung als erfolgreich an, eröffnet es das Verfahren. Die Gläubiger werden dann aufgefordert, ihre Forderungen anzumelden.

In einem Termin beim zuständigen Insolvenzgericht, dem dritte Meilenstein, stimmen die Gläubiger dem Insolvenzplan zu und das Gericht bestätigt den Plan. Zwei Wochen später ist das Verfahren beendet, sofern keine Rechtsmittel eingelegt wurden. Das Eigenverwaltungsverfahren dauert normalerweise sechs bis acht Monate, in Ausnahmefällen auch fünf Monate oder weniger.

Wie genau wirkt sich die Eigenverwaltung auf den Prozess aus?

Geiger: Das Insolvenzrecht stellt eine Vielzahl von Sondervergünstigungen zur Verfügung. Diese gibt es außerhalb eines solchen Verfahrens nicht. So bleibt zunächst einmal die Geschäftsführung im Amt, wenn auch unter der Aufsicht eines Sachwalters. Zudem werden für die Dauer von bis zu drei Monaten die Löhne und Gehälter aus den Mitteln des Insolvenzgeldes finanziert. Die dadurch gesparte Liquidität kann voll für die Sanierung eingesetzt werden.

Das Unternehmen kann sich unter Insolvenzschutz zudem aus ungünstigen, auch langfristigen Verträgen lösen. Bestehende Verbindlichkeiten können in eine Unternehmensbeteiligung, also in Eigenkapital umgewandelt werden. Außerdem wird eine eventuell notwendige Anpassung der Personalstruktur deutlich vereinfacht.

Buchalik: Ein Beispiel vom Bodensee: Bernd Danckert, ehemaliger Geschäftsführer der DIF, die Ideenfabrik, konnte seine Insolvenz durch eine Eigenverwaltung meistern. Sein Unternehmen mit Sitz in Friedrichshafen geriet durch ein nicht durchgängig finanziertes Neubauvorhaben in die Krise. Nach einem Teilverkauf des Unternehmens blieb Bernd Danckert weiterhin Geschäftsführer und konnte ein Viertel seiner Anteile erhalten. Die DIF konnte schon nach knappen zehn Monaten den Turnaround erzielen.

Ein abschließendes Statement: Warum sehen Sie die Insolvenz als Chance für Unternehmen?

Buchalik: Die Insolvenz ist für wettbewerbsfähige Unternehmen eine wichtige Möglichkeit, sich in einer Krisensituation zu sanieren. Damit leistet auch die Insolvenz einen wesentlichen Beitrag für die Gesellschaft insgesamt, ganz besonders für Gläubiger, Investoren und Schuldner. Sie sichert Arbeitsplätze, ermöglicht nach der Krise wieder Wachstum und bietet für alle Beteiligten eine Planungssicherheit in und nach der Insolvenz.

In der Eigenverwaltung können sich Unternehmer außerdem leichter von Altlasten wie Dauerschuldverhältnissen oder unrentablen Aufträgen befreien. Da das Unternehmen das Verfahren und die Maßnahmen selber steuert, ist die Eigenverwaltung eine strategische Option zur Krisenbewältigung.

Das Interview führte Isabell Walter

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