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„Häusliche Gewalt kann Unternehmen Millionen kosten“: Das können Unternehmen tun
Interview Teil 2

„Häusliche Gewalt kann Unternehmen Millionen kosten“: Das können Unternehmen tun

Sogol Kordi, Überlebende von häuslicher Gewalt und Gründerin von MyProtectify. Foto: Armin Oehmke
Sogol Kordi, Überlebende von häuslicher Gewalt und Gründerin von MyProtectify. Foto: Armin Oehmke

Häusliche Gewalt schadet auch Unternehmen, sagt Sogol Kordi. Sie ist selbst Überlebende von Gewalt und Gründerin von MyProtectify. Im Interview erklärt sie, wie Unternehmen Betroffene unterstützen können.

B4BSCHWABEN.de: Was bietet MyProtectify Unternehmen zur Unterstützung an?

Sogol Kordi: Wir haben für Unternehmen ein Awareness-Konzept zum Thema häusliche Gewalt im Arbeitskontext erstellt. Wir bieten Workshops an, mit denen wir direkt in die Unternehmen gehen. Dort vermitteln wir Wissen über die Anzeichen häuslicher Gewalt, geben Einblicke in die Perspektive von Betroffenen und zeigen auf, welche Rolle Kolleg*innen und Führungskräfte im Arbeitsumfeld spielen können. Ein weiterer Baustein sind unsere Train-the-Trainer-Formate: Unternehmen lassen einzelne Mitarbeitende von uns zu internen Vertrauenspersonen ausbilden. Sie lernen etwa Gespräche sensibel zu führen und Betroffene an Hilfsangebote zu vermitteln. Zusätzlich können Unternehmen unseren KI-gestützten Hilfe-Chat „Maya“ zum Beispiel in das Intranet einbinden. Viele Betroffene stehen unter ständiger Kontrolle und können Unterstützung oft nur in kurzen, sicheren Momenten suchen. Unternehmen können MyProtectify außerdem als Partnerorganisation an ihrer Seite holen. Immer mehr Menschen erwarten von Unternehmen, dass sie gesellschaftliche Verantwortung übernehmen – und dazu gehört inzwischen auch der Umgang mit häuslicher Gewalt im Arbeitskontext.

Was kostet Unternehmen „Nichtstun“ beim Thema häusliche Gewalt?

Sehr viel – auch wirtschaftlich. Häusliche Gewalt bleibt nicht an der Haustür stehen, sie wirkt sich direkt auf den Arbeitsalltag aus. Viele Betroffene leiden unter Konzentrationsproblemen, Schlafmangel, Angstzuständen oder Panikattacken. Dadurch steigen Fehlzeiten, die Leistungsfähigkeit sinkt und Teams werden zusätzlich belastet. Ein Krankheitstag kostet Arbeitgeber in Deutschland durchschnittlich zwischen 400 und 500 Euro. Studien zeigen, dass häusliche Gewalt Unternehmen jährlich Millionenbeträge kosten kann – durch Fehlzeiten, Fluktuation, Produktivitätsverlust und gesundheitliche Folgen. Trotzdem hören wir in Gesprächen mit Unternehmen häufig den Satz: „Bei uns passiert so etwas nicht.“ Unsere Antwort darauf ist immer dieselbe: Es ist gut, wenn sich ein Unternehmen als wertschätzenden Ort versteht. Aber statistisch gesehen arbeiten Betroffene auch dort: Jede dritte Frau und viele weitere Menschen erleben im Laufe ihres Lebens partnerschaftliche Gewalt. Die Frage ist also nicht, ob, sondern wie Unternehmen damit umgehen, wenn Mitarbeitende Unterstützung brauchen.

Lesen Sie hier den ersten Teil des Interviews: „Betroffene sitzen im Büro: Die Rolle von Arbeit bei häuslicher Gewalt

Was rätst du mittelständischen oder kleinen Unternehmen, die damit starten wollen?

Erst mal ist wichtig: Auch mittelständische und kleine Unternehmen, haben durch häusliche Gewalt hohe Kosten. Laut Zahlen des BKA wird bei uns alle zwei Minuten ein Mensch Opfer von häuslicher Gewalt. Diese Menschen haben einen Job, ein Hobby, die sind mit uns unterwegs. Deshalb sage ich auch immer zu kleinen und mittelständischen Unternehmen: Die Ausrede, dass ihr viel zu klein seid, gilt nicht.

Aber die drei Punkte, die ich immer mit an die Hand gebe, sind:

  1. Sich eingestehen, dass man im Unternehmen nicht genügend tut. Auch wenn man Psychologen in der HR hat. Das ist nicht das, was Betroffene brauchen.
  2. In die Calls mit uns nicht überheblich hineingehen. Ich habe das Gefühl, Unternehmen fühlen sich bei dem Thema angegriffen. Wir möchten nur mit euch gemeinsam eine Lösung auf die Beine stellen, damit Betroffene ganz genau wissen: Ich bin auf der Arbeit sicher.
  3. Es ist in Ordnung, sich heranzutasten. Zum Beispiel über unser „Lunch und Protect“: Wir kommen in der Mittagspause und gehen 45 Minuten auf das Thema häusliche Gewalt ein.
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Wenn du Unternehmerinnen und Unternehmern nur einen Satz mitgeben könntest: Wie lautet der?

Aus der Perspektive von Sogol, Gründerin von My Protectify: Häusliche Gewalt ist keine Privatsache. Häusliche Gewalt sitzt morgens mit uns im Büro. Als Sogol, die Überlebende von häuslicher Gewalt, sage ich: Auch Unternehmen tragen Verantwortung, wenn es um das Thema häusliche Gewalt geht, und wir können diese Verantwortung gemeinsam stemmen. Ich hätte mir damals so sehr gewünscht, dass mein Chef oder meine Abteilungsleiterin wirklich zu mir gekommen wären und gefragt hätten: „Sogol, was ist da los?“ Was ich Unternehmer:innen mitgeben möchte: Ihr seid nicht nur Führungsperson, ihr seid nicht nur Teamlead. Sondern ihr tragt auch Verantwortung für die Menschen, die tagtäglich dafür sorgen, dass euer Unternehmen läuft. Und ich bin der festen Überzeugung, dass diese Menschen es verdient haben, Hilfe zu bekommen. Auch im Arbeitsumfeld.

Welchen Satz möchtest du Frauen mitgeben, die von Gewalt betroffen sind?

Ihr seid nicht schuld an eurer Situation. Ihr wart es nie und ihr werdet es auch nie sein. Kein Mensch hat diese Gewalt verdient. Jeder Mensch hat das Recht auf eine Beziehung ohne Gewalt, auf eine Liebe, die nicht wehtut. Es gibt Hilfe, da draußen, und ihr werdet es aus dieser Situation herausschaffen. Ihr seid nicht allein.

Sogol Kordi hat das Start-up „MyProtectify“ gegründet und gemeinsam mit Betroffenen den KI-Hilfe-Chat „Maya“ entwickelt. Der Chat ist nur über den Browser aufrufbar. Über einen „Sicher verlassen“-Button schließt sich der Chat sofort und der Suchverlauf wird automatisch überschrieben. Der Chat ist rund um die Uhr und in verschiedenen Sprachen erreichbar. Betroffene von häuslicher Gewalt können sich hier über Hilfsangebote in der Nähe informieren, aber auch darüber, welche Formen es von Gewalt gibt.