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„Betroffene Menschen sitzen mit uns im Büro“: Welche Rolle Arbeit bei häuslicher Gewalt spielt
Interview Teil 1

„Betroffene Menschen sitzen mit uns im Büro“: Welche Rolle Arbeit bei häuslicher Gewalt spielt

Sogol Kordi, Überlebende von häuslicher Gewalt und Gründerin von MyProtectify. Foto: Armin Oehmke
Sogol Kordi, Überlebende von häuslicher Gewalt und Gründerin von MyProtectify. Foto: Armin Oehmke

Sogol Kordi wurde von ihrem Ex-Partner über Jahre geschlagen. Trotz sichtbarer Verletzungen sprach in der Arbeit niemand sie darauf an. Heute klärt sie mit ihrem Start-up MyProtectify Unternehmen über häusliche Gewalt im Arbeitskontext auf.

B4BSCHWABEN.de:Du bist Überlebende von häuslicher Gewalt, die du durch deinen damaligen Partner erfahren hast. Wann hast du zum ersten Mal gemerkt, dass du aus der Beziehung raus musst?

Sogol Kordi: Ich war vier Jahre lang mit meinem gewaltigen Ex-Partner zusammen und habe erst im dritten Jahr unserer Beziehung realisiert, dass das Gewalt ist. Die Manipulation davor war extrem stark. Es gab dann einen kleinen Moment nach drei Jahren, in dem ich gemerkt habe, dass sich etwas gerade nicht richtig anfühlt. Ich habe angefangen, mich mit der Thematik zu beschäftigen: Ist das schon Gewalt? Ich habe auch versucht herauszufinden, wie ich überhaupt aus der Beziehung herauskomme. Ich hatte viele Fragen, habe im Internet gesucht, aber keine passende Antwort gefunden. Daraus entstand dann später die Idee zu MyProtectify.

Was hätte dir damals geholfen, dich aus dieser Gewalt, aus dieser Beziehung zu befreien?

Einfach jemand, der zuhört, der da ist. Nicht über mich urteilt. Jemand, der mir sagt, dass, das, was mir passiert, nicht meine Schuld ist und ich nicht dafür verantwortlich bin. Bei vielem von dem, was ich damals im Internet gefunden habe, hatte ich das Gefühl, dass es eine indirekte Schuldzuweisung ist. Auch bei Beratungsstellen hatte ich oft die Erfahrung gemacht, dass mir Schuld zugewiesen wurde. Dazu kam, dass ich zu diesem Zeitpunkt kein soziales Umfeld mehr hatte. Mich einem komplett fremden Menschen, der urteilen könnte, zu öffnen und zu erzählen, was mir passiert ist, war einfach sehr schwer für mich. Dementsprechend war mein allergrößter Wunsch jemand, der mir wirklich zuhört. Heute habe ich diesen Wunsch mit MyProtectify umgesetzt.

Auf LinkedIn zeigst du Bilder von deinen damaligen Verletzungen. Sie waren auch sichtbar, im Gesicht. So bist du zur Arbeit gegangen. Wie hat dein Arbeitsumfeld darauf reagiert?

Gar nicht. Natürlich haben sie erst mal gefragt, was mir passiert ist. Ich hatte aber immer Ausreden und mir krasse Geschichten ausgedacht: Ich sei vom E-Scooter gefallen, hätte eine Schublade ins Gesicht bekommen. Mein Arbeitsumfeld hat mich dann einfach als tollpatschig eingeordnet und nicht weiter nachgefragt, ob alles in Ordnung ist. Dabei hatte ich alle Anzeichen: die sichtbaren Verletzungen, Konzentrationsprobleme, ich bin auch öfter im Büro einfach eingeschlafen. Der einzige Bereich, in dem mein Ex-Partner nicht die Kontrolle über mich hatte, war mein Arbeitsplatz. Und da hätte man mir so extrem helfen können.

Ich habe mich dann irgendwann an den Betriebsarzt des Konzerns gewandt. Ich habe ihm gesagt, dass meine Arbeitsleistung extrem schlecht geworden ist, ich Angst habe, gekündigt zu werden, und dass das daran liegt, dass ich zu Hause geschlagen werde. Das war das allererste Mal, dass ich jemandem gesagt habe, was mir passiert. Ich habe all meinen Mut zusammengenommen. Ich habe ihm meine Verletzungen gezeigt. Und er schaut mich an und schreibt mich sechs Tage krank und schickt mich aktiv in diese Gewaltsituation zurück. Ohne darüber nachzudenken, was für Konsequenzen das mit sich bringt, wenn ich jetzt sechs Tage zu Hause bin und nicht auf der Arbeit. Ich habe ihn darum gebeten, dass er diese Meldung nicht schreibt, er hat es dennoch getan. Ich habe dann morgens so getan, als ob ich zur Arbeit fahre, und mich acht Stunden in ein Café gesetzt.

Mit Verletzungen wie diesen ist Sogol Kordi über Jahre in die Arbeit gegangen. Geholfen hat ihr dort niemand. Foto: Sogol Kordi
Mit Verletzungen wie diesen ist Sogol Kordi über Jahre in die Arbeit gegangen. Geholfen hat ihr dort niemand. Foto: Sogol Kordi

Welche Rolle spielt also für Betroffene in so einer Situation das Arbeitsumfeld?

Eine verdammt große Rolle. Es gibt diesen Mythos in unserer Gesellschaft, dass häusliche Gewalt nur Menschen mit Migrationshintergrund betreffe oder die, die frisch nach Deutschland gekommen sind, die, die Hartz IV empfangen und zu Hause sind. Nein, so ist es nicht. Statistiken zeigen: Betroffene Menschen sitzen mit uns im Büro, sie sind in allen anderen Kontexten mit uns unterwegs. Und wenn das Zuhause der gefährlichste Ort der Welt ist, kann der Arbeitsplatz zum sichersten Ort werden. Das heißt, wir müssen es Betroffenen ermöglichen, dass sie sich im Arbeitsumfeld anvertrauen und um Hilfe bitten können. Ich bin immer mit denselben blauen Flecken zur Arbeit gegangen und niemand hat mal ernsthaft gefragt: „Sogol, ich habe das Gefühl, bei dir stimmt etwas nicht. Brauchst du Hilfe?“ Allein dieser Satz hätte mir damals so viel gegeben. Ich hätte den Mut bekommen zu sagen: „Ich werde zu Hause verprügelt. Den einzigen sicheren Ort, den ich gerade habe, ist meine Arbeit. Ich brauche Hilfe.“

Wie kann ein Unternehmen, aber auch konkret die Kolleginnen und Kollegen oder Vorgesetzte, ein Umfeld schaffen, das es Betroffenen erleichtert, sich anzuvertrauen?

Zum Beispiel durch Allies (Anm. d. Redaktion: Vertrauensperson), die in den Arbeitsbereichen extra ausgebildet werden. Wir bieten dazu Workshops an. Dann wissen Betroffene: Da ist eine Vertrauensperson, die ist im Thema häusliche Gewalt geschult. Es sind aber nicht nur die einzelnen Vertrauenspersonen wichtig, sondern das komplette Arbeitsumfeld. Es müssen nicht alle zu Experten werden, aber das Umfeld muss für das Thema ein Bewusstsein haben und aufmerksam sein. Allein schon, damit es zu dem Thema keine dummen Sprüche gibt. Ich wurde gebeten, vor Meetings meine blauen Flecken zu verdecken. Wie fühlst du dich denn da als Betroffene? Es ist wichtig, wie das Arbeitsumfeld über diese Thematik spricht, wie die Haltung dazu ist. Sonst trauen sich Betroffene nicht, zu sprechen. Wenn wir auf der Arbeit sitzen und uns darüber lustig machen, dass Person XY wieder mit einem blauen Fleck zur Arbeit kommt und einfach krass tollpatschig ist – damit erschaffen wir keinen Safe Space, in dem man sich öffnen kann.

Am Freitag, 13. März, erscheint der zweite Teil des Interviews. Darin spricht Sogol Kordi unter anderem darüber, was Unternehmen „Nichtstun“ beim Thema häusliche Gewalt kostet.

Sogol Kordi hat das Start-up „MyProtectify“ gegründet und gemeinsam mit Betroffenen den KI-Hilfe-Chat „Maya“ entwickelt. Der Chat ist nur über den Browser aufrufbar. Über einen „Sicher verlassen“-Button schließt sich der Chat sofort und der Suchverlauf wird automatisch überschrieben. Der Chat ist rund um die Uhr und in verschiedenen Sprachen erreichbar. Betroffene von häuslicher Gewalt können sich hier über Hilfsangebote in der Nähe informieren, aber auch darüber, welche Formen es von Gewalt gibt.