Not Yet Visible

So gestaltet ein Augsburger Startup die Städte von morgen

Joachim Sommer und Katharina Kasarinow stehen kurz vor der Gründung ihres Startups. Foto: Not Yet Visible
Die Zukunft schon heute sichtbar machen: Das ist die Idee, die hinter „Not Yet Visible“ steckt. Wir haben mit der angehenden Firmengründerin Katharina Kasarinow über ihr Startup, das Risiko des Scheiterns und die Augsburger Gründerszene gesprochen.

Hinter „Not Yet Visbible“ stecken Katharina Kasarinow und Joachim Sommer. Die beiden Studenten der Hochschule Augsburg arbeiten an einem neuartigen VR-Vermittlungskonzept. Katharina Kasarinow verriet uns auch, vor welchen Herausforderungen die beiden angehenden Gründer stehen.

B4B WIRTSCHAFTSLEBEN SCHWABEN: Frau Kasarinow, wie kamen Sie auf die Idee, ein eigenes Unternehmen zu gründen?

Katharina Kasarinow: Das war keine Entscheidung von einem Tag auf den anderen, sondern ein organischer Prozess. Die Idee zu Not Yet Visible entstand während unseres Masterstudiums an der Hochschule Augsburg. Je länger wir an dem Projekt arbeiteten, desto realistischer und attraktiver wurde die Vorstellung, selbstbestimmt eigene Ideen verwirklichen zu können. Als wir die unglaublich positive Resonanz auf unterschiedlichen Ausstellungen zu unserem damaligen VR-Prototyp erhielten, war das der endgültige geistige Startschuss für die Firma.

Was genau steckt hinter Not Yet Visible?

„Not Yet Visible“ ist ein VR-Ausstellungskonzept. Es überführt Planungsunterlagen von komplexen Bauvorhaben in interaktive und begehbare VR-Visualisierungen. Sonst nicht sichtbare Daten werden visuell aufbereitet. Dabei wird viel Wert auf die Details der noch nicht sichtbaren, städtebaulichen Strukturen gelegt. So können Planungsunterlagen für jeden Nutzer unmittelbar erfahrbar werden – unabhängig vom Kenntnisstand.

Eine mögliche Zukunft lässt sich so bereits im Vorfeld besichtigen, wie bei einer Zeitreise. Auf dieser Basis wird sich ein kooperativ-kritischer Austausch zwischen Stadtplanern, Bürgern und Investoren erleichtert. Damit könnten kostenintensive Konflikte vor ihrer Entstehung erkannt, Planungsergebnisse verbessert und die Akzeptanz von Um - und Neubaumaßnahmen erhöht werden.

Gibt es bereits Interessenten, die Ihr Konzept nutzen wollen?

Ja, es gibt einige Interessenten aus dem städtischen und wissenschaftlichen Umfeld.

Noch wurde das Unternehmen nicht offiziell gegründet. Für wann ist dieser Schritt geplant?

Die Gründung wird voraussichtlich Anfang kommenden Jahres durchgeführt. Wir sind noch in der Feedbackphase, in der wir das Tool mit Ansprechpartnern rückkoppeln, um nicht an den echten Problemen vorbei zu entwickeln.

Das Gründer-Team wird über das Exist-Gründerstipendium gefördert und auch von der Hochschule Augsburg unterstützt. Wie hilft Ihnen das weiter?

Das Exist-Stipendium ist eine tolle Möglichkeit für Studenten, die gerade ihren Abschluss gemacht haben und ihre Idee verwirklichen wollen, unabhängig ihres wirtschaftlichen Backgrounds. Es bietet uns einen sicheren unternehmerischen Raum zum Experimentieren. Wir können uns auf die Entwicklung unseres Prototyps konzentrieren, ohne uns Sorgen um die Finanzierung machen zu müssen. Die Hochschule und das Digitale Gründerzentrum Schwaben unterstützen uns zusätzlich, indem sie uns Kontakte aus Wirtschaft und Politik vermitteln. In manchen Bereichen, in denen noch Wissenslücken bestehen, bieten sich auch Coachings zur Weiterbildung an.

Was sind die größten Herausforderungen, vor denen Sie und Ihr Team derzeit stehen?

Die größte Herausforderung ist die ständige Einarbeitung in neue Gebiete. Man ist nicht mehr auf nur seinen Teilbereich fixiert, sondern muss das große Ganze sehen, wirtschaftliche Aspekte bedenken und den rasanten technologischen Wandel nachvollziehen. Das ist anstrengend und fordert einen ständig heraus, aber man kann an solchen Aufgaben auch wachsen und sich verbessern. 

Was denken Sie: Wie entsteht Gründergeist?

Wir glauben, dass es dazu zweierlei Dinge bedarf. Zum einen natürlich die persönliche Motivation, Dinge gestalten zu wollen. Auf der anderen Seite aber auch das Vertrauen und die Möglichkeit genossen zu haben, eigene Ideen zu entwickeln und neue Wege gehen zu können, um noch nicht besetzte Räume zu finden. Die Mentalität „nicht geschimpft ist gelobt genug“ sollte sich langsam zu einer Kultur der positiven Bestätigung wandeln, damit gute Ideen auch wachsen können. Zudem ist natürlich eine Infrastruktur an Ansprechpartnern wichtig, bei der Gründer ihre Ideen vorstellen und Expertenmeinungen einholen können.

In Bezug auf Unternehmensgründungen wird immer wieder kritisiert, in Deutschland herrsche eine zu strenge Kultur des Scheiterns. Sehen Sie das genauso?

Wenn man auf Effizienz getrimmt ist, bleibt oftmals keine Zeit für Experimente. Da ist es natürlich schwierig, Innovationssprünge zu machen, da das Risiko des Scheiterns die Handlungsmöglichkeiten extrem einschränkt. Das Neue kommt nicht in die Welt, weil jemand ein Formular zum 20sten Mal ausgefüllt hat. Es kommt, weil jemand die Dinge anders macht, als sie zuvor gemacht wurden. Und wenn man da hinwill, dann muss man auch akzeptieren, kurzfristig in einer Sackgasse zu landen. Scheitern sollte endlich als das anerkannt werden, was es tatsächlich ist: Ein Zwischenschritt auf dem Weg zu einer besseren Lösung.

Wo sehen Sie Ihr Unternehmen in fünf Jahren?

In den nächsten fünf Jahren würden wir gerne wachsen, um Großprojekte in Deutschland, Österreich und der Schweiz begleiten zu können. Das Thema Klimaresilienz, die Verdichtung urbaner Räume und die Entwicklung neuer Mobilitätskonzepte werden die Stadtplanung noch eine ganze Weile begleiten. Wir würden gerne durch das visuelle Verständnis abstrakter Vorgänge zu einer Verbesserung der Qualität des Diskurses und der Entscheidungen von Bürgern und Behörden beitragen.

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