Nachruf von Ulrich Pfaffenberger

Nachruf: Ein Mann namens Schmidt

Helmut Schmidt verstarb am 10. November 2015. Bild: Joern Pollex / Getty Images News / thinkstock

Der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt ist heute Nachmittag im Alter von 96 Jahren in Hamburg verstorben. B4B SCHWABEN-Redakteur Ulrich Pfaffenberger erklärt, warum sein Tod für dieses Land ein unermesslicher Verlust ist.

Eine kleine Geschichte, der Historiker Arnulf Baring hat sie einmal am Rand einer Veranstaltung erzählt. Es ging um die Qualität der Nachwuchskräfte in politischen Parteien. Der poltrige Baring, kein Freund des Schönredens, erinnerte sich an eine Szene während des „Deutschen Herbstes“ 1977, die er als junger Ministerialer im Bonner Krisenzentrum erlebte. Es ging um den entführten Hanns-Martin Schleyer. Helmut Schmidt als Bundeskanzler und Walter Scheel als Bundespräsident erörterten kurz die Frage, was geschehen sollte, würde einer von ihnen beiden entführt. Es habe nur wenige Sekunden gedauert, da kam die doppelte Aussage: Kein Austausch, keine Verhandlungen. Der Grund lag aus Sicht des Historikers auf der Hand: „Die waren beide im Krieg gewesen. Die hatten den Tod schon gesehen.“ Später habe sich auch Franz Josef Strauß die gleiche Position zu eigen gemacht.

Helmut Schmidt war der letzte dieser Generation, der noch mit kräftiger Stimme und kristallklarer Meinung auf die Tagespolitik gewichtigen Einfluss nahm. Ein paar Tage und einige Jahresrückblicke lang wird dieser Einfluss nach seinem Tod noch weiterwirken. Danach ist sie nur noch ein Eintrag in den Geschichtsbüchern. Das ist zutiefst zu bedauern, weil die öffentliche Wahrnehmung dessen, was dieser Tage geschieht, einer wichtigen Perspektive beraubt wird. Eine Perspektive, die von Sachverstand und Nüchternheit geprägt war – und frei von Nebelkerzen und Schönrednerei.

Einen wie Schmidt konnten auch junge Menschen aus konservativem Haus gut wählen, die anno 1980 erstmals zur Wahl gingen und denen Strauß als Regierungschef nicht behagte. Es ist allerdings ein Irrtum, wenn jemand den geläufigen Spruch zitiert, Schmidt sei nur in der falschen Partei gewesen. Wer seine Bücher gelesen hat, seinen Reden gefolgt ist und sein Verständnis von Internationalität und bürgerlicher Solidarität verinnerlicht hat, der wird keine Sekunde daran zweifeln: Dieser Mann konnte nur Sozialdemokrat sein. Vielleicht hat sich seine Partei ja auch deshalb schwer mit ihm getan.

Schauen wir uns das Bild an, das dieser Helmut Schmidt in seinen zwei letzten Lebensjahrzehnten als geheime Hoffnung der Deutschen abgegeben hat, dass Politik eigenständig und eigensprachig sein kann. Dann sehen wir einen Mann, der durch Geist und Wort genauso zu überzeugen vermochte wie durch sein Bewusstsein für Stil (als Staatsmann gekleidet bis zuletzt) und Kultur. Seine Auftritte als Pianist auf gehobenem Niveau haben bis heute keine Entsprechung in der deutschen parlamentarischen Welt gefunden. Männer von diesem Kaliber sind rar geworden, Politiker auch. Man braucht Helmut Schmidt nicht auf einen Sockel zu stellen und für eine Seligsprechung, selbst als Säulenheilgier der Raucher, reicht es auch nicht. Gleichwohl ist sein Tod für dieses Land ein unermesslicher Verlust.

Ulrich Pfaffenberger

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Nachruf von Ulrich Pfaffenberger

Nachruf: Ein Mann namens Schmidt

Helmut Schmidt verstarb am 10. November 2015. Bild: Joern Pollex / Getty Images News / thinkstock

Der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt ist heute Nachmittag im Alter von 96 Jahren in Hamburg verstorben. B4B SCHWABEN-Redakteur Ulrich Pfaffenberger erklärt, warum sein Tod für dieses Land ein unermesslicher Verlust ist.

Eine kleine Geschichte, der Historiker Arnulf Baring hat sie einmal am Rand einer Veranstaltung erzählt. Es ging um die Qualität der Nachwuchskräfte in politischen Parteien. Der poltrige Baring, kein Freund des Schönredens, erinnerte sich an eine Szene während des „Deutschen Herbstes“ 1977, die er als junger Ministerialer im Bonner Krisenzentrum erlebte. Es ging um den entführten Hanns-Martin Schleyer. Helmut Schmidt als Bundeskanzler und Walter Scheel als Bundespräsident erörterten kurz die Frage, was geschehen sollte, würde einer von ihnen beiden entführt. Es habe nur wenige Sekunden gedauert, da kam die doppelte Aussage: Kein Austausch, keine Verhandlungen. Der Grund lag aus Sicht des Historikers auf der Hand: „Die waren beide im Krieg gewesen. Die hatten den Tod schon gesehen.“ Später habe sich auch Franz Josef Strauß die gleiche Position zu eigen gemacht.

Helmut Schmidt war der letzte dieser Generation, der noch mit kräftiger Stimme und kristallklarer Meinung auf die Tagespolitik gewichtigen Einfluss nahm. Ein paar Tage und einige Jahresrückblicke lang wird dieser Einfluss nach seinem Tod noch weiterwirken. Danach ist sie nur noch ein Eintrag in den Geschichtsbüchern. Das ist zutiefst zu bedauern, weil die öffentliche Wahrnehmung dessen, was dieser Tage geschieht, einer wichtigen Perspektive beraubt wird. Eine Perspektive, die von Sachverstand und Nüchternheit geprägt war – und frei von Nebelkerzen und Schönrednerei.

Einen wie Schmidt konnten auch junge Menschen aus konservativem Haus gut wählen, die anno 1980 erstmals zur Wahl gingen und denen Strauß als Regierungschef nicht behagte. Es ist allerdings ein Irrtum, wenn jemand den geläufigen Spruch zitiert, Schmidt sei nur in der falschen Partei gewesen. Wer seine Bücher gelesen hat, seinen Reden gefolgt ist und sein Verständnis von Internationalität und bürgerlicher Solidarität verinnerlicht hat, der wird keine Sekunde daran zweifeln: Dieser Mann konnte nur Sozialdemokrat sein. Vielleicht hat sich seine Partei ja auch deshalb schwer mit ihm getan.

Schauen wir uns das Bild an, das dieser Helmut Schmidt in seinen zwei letzten Lebensjahrzehnten als geheime Hoffnung der Deutschen abgegeben hat, dass Politik eigenständig und eigensprachig sein kann. Dann sehen wir einen Mann, der durch Geist und Wort genauso zu überzeugen vermochte wie durch sein Bewusstsein für Stil (als Staatsmann gekleidet bis zuletzt) und Kultur. Seine Auftritte als Pianist auf gehobenem Niveau haben bis heute keine Entsprechung in der deutschen parlamentarischen Welt gefunden. Männer von diesem Kaliber sind rar geworden, Politiker auch. Man braucht Helmut Schmidt nicht auf einen Sockel zu stellen und für eine Seligsprechung, selbst als Säulenheilgier der Raucher, reicht es auch nicht. Gleichwohl ist sein Tod für dieses Land ein unermesslicher Verlust.

Ulrich Pfaffenberger

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