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Jürgen Reichert
Alter: 60
Position: Bezirkstagspräsident
Unternehmen: Bezirk Schwaben
Hobbies: Golf, hörenswerte Musik, Schlagzeug spielen (früher in einer eigenen Band!)
B4B SCHWABEN: Zunächst einmal rein geographisch gesehen – welches Gebiet betreuen Sie?
Jürgen Reichert: DerBezirk Schwabenumfasst in etwa das Gebiet von Oettingen bis Oberstdorf und von der Iller bis zum Lech. Es handelt sich dabei um eine langgestreckte Fläche mit einer Länge von gut 300 Kilometern und einer Breite von etwa 50 Kilometern. Geographisch und von der gesamten Charakteristik her betrachtet ist derBezirk Schwabensehr vielfältig – das lässt sich häufig sogar an den sehr unterschiedlichen Wetterverhältnissen in den Einzelregionen feststellen. Zahlenmäßig gesehen ist Schwaben nach Oberbayern der zweitgrößte von den insgesamt sieben bayerischen Bezirken. Auch mit seinen 1,8 Millionen Einwohnern belegt derBezirk Schwabenden zweiten Platz im bayerischen Vergleich.
B4B SCHWABEN: Und ganz praktisch, können Sie uns Ihre wichtigsten Aufgabengebiete nennen?
Jürgen Reichert: Das lässt sich im Wesentlichen in die beiden großen Bereiche „Gesundheit und Soziales“ sowie „Kultur und Bildung“ einteilen. Dahinter steht eine Vielzahl an Einzelaufgaben und spezifischen Leistungen – es würde den Rahmen dieses Interviews wirklich sprengen, auf all das detailliert einzugehen.
B4B SCHWABEN: Aber geben Sie uns doch zumindest einen groben Überblick…
Jürgen Reichert: Ja, dann fange ich mit dem Themenkomplex „Gesundheit und Soziales“ an: Dazu gehört u. a. die Psychiatrie. DerBezirk Schwabenist allein und mit einem flächendeckenden Netz an unterschiedlichsten Hilfsangeboten – stationär bis ambulant – zuständig für alle Angelegenheiten der psychiatrischen Versorgung. Dann sind wir im Bereich der Alten- und Pflegeheime sehr aktiv: So erhalten etwa 25 Prozent der Menschen, die in Altenheimen leben, vom Bezirk finanzielle Unterstützung, weil Renten- und Pflegeversicherung angesichts der steigenden Kosten nicht ausreichen. Ein weiteres großes Aufgabengebiet für den Bezirk ist die Eingliederungshilfe für Behinderte. Dabei begleiten wir einen behinderten Menschen mit unseren Hilfsangeboten sozusagen vom Kindesalter bis zum Älterwerden. Und schließlich kümmern wir uns intensiv und durch finanzielle Unterstützung von Beratungsstellen um Suchtkranke – da geht es um Drogen, Alkohol, Medikamente und moderne Suchtformen.
B4B SCHWABEN: „Moderne Suchtformen“ – was ist das denn?
Jürgen Reichert: Computer, Online-Medien, Handys. Hier bieten wir therapeutische Hilfen an den Bezirkskrankenhäusern an. Präventiv arbeitet unsereMedienfachberatung, die junge Menschen auf einen sinnvollen Umgang mit den neuen Medien vorbereitet. Unsere Berater stehen auch Elternbeiräten zur Verfügung, halten Vorträge, vor allem für Einrichtungen der offenen Jugendarbeit, oder führen Workshops durch.
B4B SCHWABEN: Um welche Leistungen geht es in dem vom Bezirk betreuten Bereich „Kultur und Bildung“?
Jürgen Reichert: Da ist die Traditionspflege, beispielsweise durch Volksmusik und Trachten repräsentiert, zu nennen. Wichtig ist hierbei, nicht nur die darin verankerte Tradition und Heimatverbundenheit zu erhalten, sondern gleichzeitig auch eine Weiterentwicklung zu ermöglichen. Denken Sie dabei nur an das neu erwachte Interesse an Trachten, wie wir es auf dem Oktoberfest erleben! Unsere Trachtenberatung in Krumbach und die Schneiderkurse, die wir schwabenweit geben, sind daher sehr gefragt. Dann gehören die Denkmalspflege, da sei als Beispiel das Augsburger Kurhaustheater genannt, und unsere Museumsarbeit zum Aufgabengebiet „Kultur undBildung“. Wir haben drei eigene Museen mit wissenschaftlichem Anspruch und unterstützen einzigartige, so genannte Unikatsmuseen, in ganz Bayerisch-Schwaben. Stichpunktartig möchte ich nur noch nennen die Unterstützung von Malerei, bildnerischer Kunst, Musik, Laientheater und Literatur – auch durch die Verleihung von Preisen. Und natürlich die Unterstützung aller bayerisch-schwäbischer Jugendverbände und vieler Vereine. Nicht vergessen möchte ich unsere in langen Jahren gewachsene, gute Zusammenarbeit auf dem Gebiet des Jugend-, Kultur- und Sozialaustauschs mit Frankreich und der Bukowina, die jeweils zur Hälfte zu Rumänien und zur Ukraine gehört.
B4B SCHWABEN: Sagen Sie mal, wann machen Sie das eigentlich alles?
Jürgen Reichert: Immer zwischen 0 und 24 Uhr (lacht).
B4B SCHWABEN: Gibt es etwas ganz Neues in Ihrem Verantwortungsbereich?
Jürgen Reichert: Ja, einen absoluten Vorbildbetrieb für ganz Bayern! Das ist unser Schwäbischer Fischereihof in Salgen. Der Bezirk ist ja für die Prüfung der Gewässergüte aller Gewässer in Schwaben zuständig, und die in Salgen speziell zu diesem Zweck gezüchteten Fische erleichtern diese Tätigkeit, weil sie auf bestimmte Schadstoffe im Wasser reagieren. Zudem werden dort u. a. auch vom Aussterben bedrohte heimische Fischarten gezüchtet. Und wir betreiben am Fischereihof eine Wasserschule, die jährlich von rund 4.000 Schulkindern besucht wird, beispielsweise im Rahmen von Projekttagen „Lebensraum Wasser“.
B4B SCHWABEN: Gibt es im Rahmen ihrer Gesamtverantwortung Aufgaben, für die das Herz des Menschen Jürgen Reichert besonders schlägt?
Jürgen Reichert: Ja, das sind die Aufgaben, für die man einen internationalen, einen europäischen Blick braucht und bei denen es darum geht, über die eigenen Landesgrenzen hinweg Menschen bei deren Weiterentwicklung zu helfen.
B4B SCHWABEN: Welche Rolle spielt die Politik oder die Partei in Ihrer täglichen Arbeit?
Jürgen Reichert: Im Bezirk geht es überwiegend um die Bewältigung von Sachaufgaben, in deren Mittelpunkt Menschen stehen. Die Sachpolitik muss daher immer an erster Stelle stehen! Ich brauche jedoch eine Partei, die mich trägt und unterstützt bei den Dingen, die ich umsetzen möchte. 2013 habe ich zum Beispiel die 10-prozentige Entlastung der aktuell völlig überlasteten Pflegekräfte zu meinem Programm gemacht und in meiner Partei, der CSU, alle Hebel in Bewegung gesetzt, damit dieses Vorhaben gelingt. Generell ist es mir bei meiner übrigens ehrenamtlichen Tätigkeit im und für den Bezirk immer wichtig, dass wir alle, unabhängig von Parteibüchern, für unsere gemeinsame Sache an einem Strang ziehen.
B4B SCHWABEN: Der Bezirk Schwaben begeht in diesem Jahr sein 60-jähriges Jubiläum – was ist aus diesem Anlass für die Öffentlichkeit geplant?
Jürgen Reichert: Es gibt eine aus 12 Modulen bestehende Wanderausstellung, in der die Region Schwaben und die Aufgaben des Bezirks präsentiert werden, und die die Besucher zum Mitmachen oder zur Interaktion einlädt. Darüber hinaus bieten wir mehrere Veranstaltungen an, bei denen wir die Bevölkerung mitnehmen wollen. So findet am Sonntag, 9. Juni, der „Tag der Kultur“ statt. An diesem Tag bieten die Kultureinrichtungen des Bezirks besondere Veranstaltungen an. Erstmals wollen wir auch einen Tag der offenen Tür am Samstag, 27. Juli, in unserer Augsburger Zentrale ausprobieren. Hier werden wir unter dem Motto „Markt der Möglichkeiten“ vor allem unsere Aufgaben und Leistungen im Sozialen präsentieren, aber auch dies verbunden mit Aktionen und Kultur. Unter www.60-jahre-bezirk-schwaben.de gibt es weitere Informationen zum Jubiläumsjahr.
B4B SCHWABEN: 60 Jahre Bezirk Schwaben – können Sie uns die wichtigsten Eckdaten in der Entwicklung des Bezirks nennen?
Jürgen Reichert: In dieser Zeit hat die Psychiatrie die revolutionärste Entwicklung durchlaufen. Früher wurden die Menschen, wenn sie anders „getickt“ haben, in Einrichtungen wie Kaufbeuren oder Günzburg weggesperrt, teilweise ihr Leben lang. Heute geht es um Integration in das Leben und in die „ganz normale“ Arbeitswelt. In den 70er Jahren gab es rund 5.000 Betten in Heimen, heute sind es weitaus weniger. Aus den seinerzeit nicht vorhandenen ambulanten Möglichkeiten haben sich Hilfen für heute über 60.000 Menschen jährlich entwickelt, die ambulant, das heißt vor Ort, in ihrem Lebensumfeld unterstützt werden. Eine ähnliche Entwicklung fehlt uns jetzt noch für behinderte Menschen. Wir brauchen noch mehr geeignete Wohnraumgestaltung und entsprechende Hilfskräfte. Das Thema Inklusion wird der nächste große Paradigmenwechsel in den kommenden 10, 20 Jahren sein.
B4B SCHWABEN: Und was hat sich in der Aufgabenstellung des Präsidenten geändert?
Jürgen Reichert: Insgesamt ist die Aufgabe des Präsidenten sehr gewachsen, u. a. weil der Bezirk die gesamte ambulante Eingliederungshilfe übernommen hat. Und, um nur einen Zeitabschnitt etwas genauer zu betrachten: Im Jahr 2003 machte der Bezirk nur etwa 70 Prozent von dem aus, was er heute ist. Viel mehr alte Menschen leben seither in Heimen und müssen betreut werden – das ist aber nur ein Teilaspekt der großen Gesamtaufgabe für den Bezirk und seinen Präsidenten. Heute ist insgesamt alles sehr viel komplexer geworden, es gilt nicht mehr nur schwarz oder weiß bzw. ja oder nein bei einem Thema. Viele, teilweise sehr zeitintensive Zwischentöne müssen beachtet werden. Was sich natürlich an der Arbeitsweise des Präsidenten verändert hat, ist die Nutzung der modernen Kommunikationsmittel. Einerseits ist das sehr hilfreich, andererseits baut es auch Druck auf – wenn man es zulässt.
B4B SCHWABEN: Sie wurden im hessischen Korbach geboren – wie kamen Sie nach Bayerisch-Schwaben?
Jürgen Reichert: Meine Eltern flüchteten aus dem Sudetenland nach Hessen. Ich wurde dort geboren, kam aber schon mit einem Jahr durch ein berufliches Angebot, das mein Vater als Beamter bekam, nach Bobingen. Dort habe ich seither, mit einigen, durch Studium oder Beruf bedingten, kurzen Unterbrechungen, gelebt. Dort ist für mich Heimat!
B4B SCHWABEN: Was schätzen Sie an den Menschen in Bayerisch-Schwaben?
Jürgen Reichert: Für mich sind die Schwaben, wenn ich hier mal verallgemeinern darf, bemerkenswerte Tüftler und Macher. Und sie vertreten meist die nachahmenswerte Meinung, dass es immer eine Lösung gibt – man muss sie bloß wollen, und man muss bereit sein, sich auf Alternativen einzulassen. Außerdem schätze ich am Schwaben, dass er gut mit Geld umgehen kann. Das entspricht übrigens ganz meiner persönlichen Haltung. Ich bin gelernter Kaufmann und steuere die mir anvertrauten Gelder im besten Sinne und mit hohem Verantwortungsbewusstsein. Motto: Geld mit Bedacht „zammhalten“ und nicht mehr ausgeben als man einnimmt!
B4B SCHWABEN: Als welchen Typus Mensch würden Sie sich selbst beschreiben?
Jürgen Reichert: Na, das sollten eigentlich andere sagen! – Nun ja, ich bin Optimist. Und ich habe einen offenen Blick für die Welt. Der christliche Glaube spielt eine große Rolle in meinem Leben, und ich versuche, die christlichen Tugenden für mich als Maßstab zu nehmen und auch danach zu handeln.
B4B SCHWABEN: Wo sehen Sie den Bezirk Schwaben in fünf Jahren? Und sich selbst?
Jürgen Reichert: Ich hoffe, dass in fünf Jahren das Thema Inklusion ein Stück weiter fortgeschritten ist und dass dann mehr Behinderte als heute im Rahmen ihrer Möglichkeiten in einem Betrieb statt in einer beschützenden Werkstatt arbeiten können. Ich hoffe auch, dass es in fünf Jahren durch entsprechende Präventivmaßnahmen weniger psychisch belastete Menschen gibt als heute und dass sie ihren Alltag besser meistern können als heute. Für diese nahe Zukunft wünsche ich mir, dass der schwäbische Gesamtblick auf Wirtschaft, Kultur und Soziales erhalten bleibt und dass der Bezirk weiterhin eine wichtige Rolle spielt in der Region und darüber hinaus. Was mich persönlich betrifft lässt sich sagen, dass ich, sofern ich im Herbst 2013 wieder gewählt werde, auch noch in fünf Jahren als Bezirkstagspräsident tätig sein werde.
B4B SCHWABEN: Welche 3 Persönlichkeiten aus Bayerisch-Schwaben (lebende oder historische) beeindrucken Sie?
Jürgen Reichert: Da möchte ich aus meinem persönlichen Umfeld den pensionierten Pfarrer Dr. Michael Mayr nennen, der seit einer schweren Erkrankung an den Rollstuhl gefesselt ist und dennoch eine unglaublich positive, lebensbejahende Ausstrahlung hat und ein wahrer Segen für seine Mitmenschen ist. Grundsätzlich beeindrucken mich Ehrenamtliche – sie sind sozusagen das „Plus x“ in unserer Gesellschaft. Ohne sie und das Mehr, das sie aus eigenem Antrieb und aus freien Stücken leisten, geht es nicht.
B4B SCHWABEN: Ganz herzlichen Dank für dieses Gespräch, das uns – Sie erlauben das kleine Wortspiel – mit viel Wissenswertem über den Bezirk Schwaben und dessen Präsidenten be-reichert hat!