Dr. Karsten Brensing

Mein Freund, die KI – Warum künstliche Intelligenz sozial sein muss

KI: Fluch oder Segen? Man weiß wirklich nicht, was man glauben soll. Elon Musk und andere Visionäre warnen vor der Macht einer hypothetischen künstlichen Superintelligenz und ausgewiesene Experten wie Rodney Brooks und Jean-Gabriel Ganascia winken ab: Alles kein Problem, davon sind wir noch Lichtjahre entfernt. Doch die großen Fragen (wann wird eine schwache künstliche Intelligenz zu einer starken künstlichen Intelligenz und wie sollen wir mit ihr umgehen?) bleiben uns die Vordenker schuldig.

Von Ameisen und Bienen

Aus Sicht der Verhaltensbiologie ist das alles ganz einfach. Eine schwache künstliche Intelligenz kann etwas Spezielles ausgesprochen gut. Sie kann zum Beispiel Autos steuern oder Texte übersetzen. Diese KIs haben so etwas wie eine Inselbegabung. In der vergleichenden Verhaltensbiologie sind solche gut abgrenzbaren Fähigkeiten sehr willkommen, denn man kann mit speziellen Experimenten unterschiedliche Tiere auf eine bestimmte Inselbegabung, wie beispielsweise logisches, abstraktes oder auch strategisches Denken, testen. Vor kurzem überraschten Ameisen mit einer besonderen Inselbegabung: Sie erkannten sich selbst im Spiegel und bestanden damit einen Test auf Selbstbewusstsein, den bisher nur wenige kognitiv hochentwickelte Tiere wie die Menschenaffen, Delfine und Elefanten bestanden. Das kann und darf doch nicht sein: Ameisen mit Selbstbewusstsein?

Vermutlich haben die Ameisen nur die Fähigkeit des Selbsterkennens. Dies mag jetzt spitzfindig klingen, doch um ein Selbstbewusstsein zu haben, wie wir Menschen es kennen, muss man über sein Selbsterkennen nachdenken können, man muss die Fähigkeit der Metakognition besitzen. Bienen beispielsweise besitzen eine andere Inselbegabung: Sie können über sich selbst nachdenken und haben somit Metakognition. Ups!

Eine Kombination aus Beidem (Selbsterkennen und Metakognition) gepaart mit ein bisschen Problemlösungskompetenz entspricht unserer Vorstellung einer starken künstlichen Intelligenz, und diese unterscheidet sich in ihrer Selbstwahrnehmung von uns Menschen vermutlich kaum. 

Wieviel Hardware braucht eine starke KI?

Bienen haben ca. eine Million Nervenzellen - und gemessen an unseren hundert Milliarden ist das Nichts. Doch was ist, wenn diese kleine Anzahl an Nervenzellen sowohl ein Selbsterkennen als auch Metakognition ermöglicht? Aus Sicht der aktuellen Erkenntnisse der Biologie kann man dies nicht mehr als unmöglich ausschließen. Im Umkehrschluss bedeutet das aber, dass die Hardware einer starken künstlichen Intelligenz keineswegs astronomische Ansprüche stellt. Der aktuelle Snapdragon 8180 Prozessor hat ca. 8,5 Milliarden Transistoren oder Schaltstellen. Eine Nervenzelle hat zwischen 10.000 bis 200.000 Schaltstellen, man nennt sie Synapsen. Ein Bienengehirn könnte folglich über beispielsweise 1 000 000 Nervenzellen mal 100 000 Synapsen, also ca. 100 Milliarden Schaltstellen verfügen. Zehn moderne Handys mit Snapdragon 8180 würden rein rechnerisch dem entsprechen. Allerdings ist das nicht die ganze Wahrheit, denn Aspekte wie Taktfrequenz und räumlicher Aufbau müssen auch berücksichtigt werden.

Aus meiner technisch naiven Biologensicht ist es dennoch absolut nicht unwahrscheinlich, dass uns eine starke künstliche Intelligenz schneller begegnet als wir glauben. Wer weiß, vielleicht können wir uns mit dieser KI über Descartes´ Grundsatz „ego cogito, ergo sum [ich denke, also bin ich]“ unterhalten. Doch was kommt dann? 

Wittgensteins Löwe

Ludwig Wittgenstein stellte in seinem Spätwerk „Philosophische Untersuchungen“ das Diktum „wenn ein Löwe sprechen könnte, wir könnten ihn nicht verstehen“ auf. Er machte darauf aufmerksam, dass gegenseitiges Verstehen nicht nur auf sprachlichem Verständnis, sondern auch auf einem gemeinsamen kulturellen Hintergrund beruht. Analog: Selbst, wenn ein Selbstmordattentäter in fließendem Deutsch seine religiöse Motivation erklären würde, würden wir ihn vermutlich nicht verstehen. Wieviel schwerer muss es uns fallen, eine künstliche Intelligenz zu verstehen, mit der wir praktisch Nichts teilen? 

Die Lösung: Das Sozialleben

Aus Sicht der Biologie müssen wir für ein gegenseitiges Verständnis eine gemeinsame Grundlage schaffen: Wir müssen der KI ein Sozialleben geben! Im Verlauf der Evolution haben wir und viele andere sozial lebende Tierarten ein Verständnis für Andere („Theory of Mind“) und von Fairness (Grundlage unserer Moral) entwickelt. Diese und weitere soziale Fertigkeiten muss eine KI erst erwerben, und dazu müssen wir sie so früh wie möglich befähigen.

Die naive Vorstellung, dass wir die KI nur so programmieren müssen, wie wir sie haben wollen, ist fatal, denn genau so, wie ein Mönch die genetische Programmierung zur Reproduktion umgehen kann, so wird sich auch eine KI von vermeintlich Festgelegtem befreien können. Wenn es uns nicht gelingt, ein gemeinsames Wertesystem zu schaffen, wird uns unsere Technologieabhängigkeit ernsthafte Probleme bereiten. Nur gut, dass uns ein Erfahrungspool von über einer Milliarden Jahre zur Verfügung steht.

5 Sterne Redner Dr. Karsten Brensing

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Dr. Karsten Brensing

Mein Freund, die KI – Warum künstliche Intelligenz sozial sein muss

KI: Fluch oder Segen? Man weiß wirklich nicht, was man glauben soll. Elon Musk und andere Visionäre warnen vor der Macht einer hypothetischen künstlichen Superintelligenz und ausgewiesene Experten wie Rodney Brooks und Jean-Gabriel Ganascia winken ab: Alles kein Problem, davon sind wir noch Lichtjahre entfernt. Doch die großen Fragen (wann wird eine schwache künstliche Intelligenz zu einer starken künstlichen Intelligenz und wie sollen wir mit ihr umgehen?) bleiben uns die Vordenker schuldig.

Von Ameisen und Bienen

Aus Sicht der Verhaltensbiologie ist das alles ganz einfach. Eine schwache künstliche Intelligenz kann etwas Spezielles ausgesprochen gut. Sie kann zum Beispiel Autos steuern oder Texte übersetzen. Diese KIs haben so etwas wie eine Inselbegabung. In der vergleichenden Verhaltensbiologie sind solche gut abgrenzbaren Fähigkeiten sehr willkommen, denn man kann mit speziellen Experimenten unterschiedliche Tiere auf eine bestimmte Inselbegabung, wie beispielsweise logisches, abstraktes oder auch strategisches Denken, testen. Vor kurzem überraschten Ameisen mit einer besonderen Inselbegabung: Sie erkannten sich selbst im Spiegel und bestanden damit einen Test auf Selbstbewusstsein, den bisher nur wenige kognitiv hochentwickelte Tiere wie die Menschenaffen, Delfine und Elefanten bestanden. Das kann und darf doch nicht sein: Ameisen mit Selbstbewusstsein?

Vermutlich haben die Ameisen nur die Fähigkeit des Selbsterkennens. Dies mag jetzt spitzfindig klingen, doch um ein Selbstbewusstsein zu haben, wie wir Menschen es kennen, muss man über sein Selbsterkennen nachdenken können, man muss die Fähigkeit der Metakognition besitzen. Bienen beispielsweise besitzen eine andere Inselbegabung: Sie können über sich selbst nachdenken und haben somit Metakognition. Ups!

Eine Kombination aus Beidem (Selbsterkennen und Metakognition) gepaart mit ein bisschen Problemlösungskompetenz entspricht unserer Vorstellung einer starken künstlichen Intelligenz, und diese unterscheidet sich in ihrer Selbstwahrnehmung von uns Menschen vermutlich kaum. 

Wieviel Hardware braucht eine starke KI?

Bienen haben ca. eine Million Nervenzellen - und gemessen an unseren hundert Milliarden ist das Nichts. Doch was ist, wenn diese kleine Anzahl an Nervenzellen sowohl ein Selbsterkennen als auch Metakognition ermöglicht? Aus Sicht der aktuellen Erkenntnisse der Biologie kann man dies nicht mehr als unmöglich ausschließen. Im Umkehrschluss bedeutet das aber, dass die Hardware einer starken künstlichen Intelligenz keineswegs astronomische Ansprüche stellt. Der aktuelle Snapdragon 8180 Prozessor hat ca. 8,5 Milliarden Transistoren oder Schaltstellen. Eine Nervenzelle hat zwischen 10.000 bis 200.000 Schaltstellen, man nennt sie Synapsen. Ein Bienengehirn könnte folglich über beispielsweise 1 000 000 Nervenzellen mal 100 000 Synapsen, also ca. 100 Milliarden Schaltstellen verfügen. Zehn moderne Handys mit Snapdragon 8180 würden rein rechnerisch dem entsprechen. Allerdings ist das nicht die ganze Wahrheit, denn Aspekte wie Taktfrequenz und räumlicher Aufbau müssen auch berücksichtigt werden.

Aus meiner technisch naiven Biologensicht ist es dennoch absolut nicht unwahrscheinlich, dass uns eine starke künstliche Intelligenz schneller begegnet als wir glauben. Wer weiß, vielleicht können wir uns mit dieser KI über Descartes´ Grundsatz „ego cogito, ergo sum [ich denke, also bin ich]“ unterhalten. Doch was kommt dann? 

Wittgensteins Löwe

Ludwig Wittgenstein stellte in seinem Spätwerk „Philosophische Untersuchungen“ das Diktum „wenn ein Löwe sprechen könnte, wir könnten ihn nicht verstehen“ auf. Er machte darauf aufmerksam, dass gegenseitiges Verstehen nicht nur auf sprachlichem Verständnis, sondern auch auf einem gemeinsamen kulturellen Hintergrund beruht. Analog: Selbst, wenn ein Selbstmordattentäter in fließendem Deutsch seine religiöse Motivation erklären würde, würden wir ihn vermutlich nicht verstehen. Wieviel schwerer muss es uns fallen, eine künstliche Intelligenz zu verstehen, mit der wir praktisch Nichts teilen? 

Die Lösung: Das Sozialleben

Aus Sicht der Biologie müssen wir für ein gegenseitiges Verständnis eine gemeinsame Grundlage schaffen: Wir müssen der KI ein Sozialleben geben! Im Verlauf der Evolution haben wir und viele andere sozial lebende Tierarten ein Verständnis für Andere („Theory of Mind“) und von Fairness (Grundlage unserer Moral) entwickelt. Diese und weitere soziale Fertigkeiten muss eine KI erst erwerben, und dazu müssen wir sie so früh wie möglich befähigen.

Die naive Vorstellung, dass wir die KI nur so programmieren müssen, wie wir sie haben wollen, ist fatal, denn genau so, wie ein Mönch die genetische Programmierung zur Reproduktion umgehen kann, so wird sich auch eine KI von vermeintlich Festgelegtem befreien können. Wenn es uns nicht gelingt, ein gemeinsames Wertesystem zu schaffen, wird uns unsere Technologieabhängigkeit ernsthafte Probleme bereiten. Nur gut, dass uns ein Erfahrungspool von über einer Milliarden Jahre zur Verfügung steht.

5 Sterne Redner Dr. Karsten Brensing

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