Interview

Social Start-up mivao: Mit einer App den Alltag im Griff

Die App mivao will eine Stütze für Autisten im Alltag sein. Doch das Projekt wäre fast gestorben. Wären da nicht die beiden Gründer Margarita und Michael Fürmann gewesen, die das Projekt mit Willen und regionalen Partnern an der Seite weiterführen.

Wie ist die Idee entstanden? 

Michael Fürmann: Die Idee hinter dem Projekt kam aus der Zielgruppe. Ein Vater ist auf die Hochschule zugegangen, weil er es sich darüber gewundert hat, dass es für die Unterstützung von autistischen Kindern und Jugendlichen gar keine geeignete digitale Lösung gibt. Damit ist er an der Hochschule auf offene Ohren gestoßen und das Projekt wurde ins Leben gerufen. Im Foschungsmasterstudium war es meine Aufgabe, einen Prototypen für die App zu programmieren die AutistInnen im Alltag unterstützt.

Wie weit kamt ihr mit dem Prototypen? 

Der Prototyp enthielt Schritt-für-Schritt-Anleitungen. Er war aber noch zu weit von der Marktreife entfernt. Außerdem haben wir in Umfragen festgestellt, dass die zeitliche Strukturierung für AutistInnen viel wichtiger ist als die Anleitungen. Das heißt, der Fokus war auch nicht optimal gesetzt. Für unsere erste Version konzentrieren wir uns daher auf mehr Funktionen der Tagesstrukturierung.

Mit Auslaufen des Forschungsmasters wäre das Aus für die App gekommen. Was war deine Motivation, das Projekt weiterzuführen? 

Margarita Fürmann: Wir finden das Projekt wirklich toll und wichtig, daher wollten wir es nicht sterben lassen, nachdem die Gelder an der Hochschule aufgebraucht waren. Ich wollte mit meinem Informatik Master etwas sinnvolles machen. Mit Mivao habe ich die Möglichkeit, einen echten Mehrwert zu schaffen. Dass ich vorher Grundschullehramt studiert habe und daher auch Kenntnisse aus dem Beeich Pädagogik mitbringe, ist für das Projekt sehr hilfreich. 

Michael: Auch ich wollte etwas Sinnvolles machen. Während meines Studiums hatte ich viel Kontakt zu AutistInnen und deren Familien und habe sehr viel über deren Probleme im Alltag gelernt. Dadurch habe ich gesehen, wie wichtig das ist, was wir mit unserer App vorhaben. Am Ende des Masters gab es nur zwei Optionen: Das Projekt schläft ein oder wir gründen aus. Doch  mivao ist für AutistInnen zu wichtig, um es einschlafen zu lassen. Daher haben wir uns dazu entschieden, uns für das Exist-Gründerstipendium bewerben.  

Was ermöglicht euch Exist? 

Ende letzten Jahres als wir beide noch im Master waren, haben wir den Antrag für Exist abgegeben. Im August haben wir dann gestartet. Das Stipendium ermöglicht es uns, Vollzeit an dem Projekt zu arbeiten und es beinhaltet ein Sachmittel-Budget, mit dem wir uns Laptops und Büroausstattung gekauft haben. Zusätzlich gibt es noch ein Budget für Coaching und wir haben ein Büro im Digitalen Zentrum Schwaben  zur Verfügung gestellt bekommen. Das DZ.S hat uns auch beim Antrag geholfen und uns Tipps gegeben.  

Wie funktioniert die App genau? 

Unsere Zielgruppe sind Menschen, die sehr viel Struktur brauchen, um im Alltag zurechtzukommen. Das sind beispielsweise AutistInnen, Menschen mit ADHS oder kognitiven Beeinträchtigungen. Und aktuell gibt es dafür keine geeignete digitale Lösung und sie müssen analoge Hilfsmittel wie große Tagespläne in Papierformat oder Whiteboards verwenden. Diese sind aber sehr aufwendig zu erstellen und extrem unhandlich und man kann sie auch nicht mit sich tragen. Mit mivao sollen individuelle Tagesabläufe und Schritt-für-Schritt-Anleitungen für Aufgaben erstellt und verwaltet werden können. Über eine Weboberfläche können die Pläne und Anleitungen erstellt werden und über die App sind sie immer und überall griffbereit. Eine Erinnerungsfunktion soll es auch geben.  

Wie wollt ihr es schaffen, dass die App auch wirklich die Bedürfnisse der Zielgruppe erfüllt? 

Wir arbeiten von Anfang an sehr eng mit der Zielgruppe zusammen. Die Selbsthilfegruppe Autismus Augsburg, von der auch die Idee stammt, ist seit Beginn dabei. Sie haben uns schon während das Hochschulprojekt noch lief, Feedback gegeben und an Nutzertests teilgenommen. Das Kompetenzzentrum Autismus Schwaben Nord von der Caritas und das Frère-Roger-Kinderzentrum sind nun auch an Board. Dort können wir unsere Entwürfe dann auch mit AutistInnen testen und deren Feedback in die Entwicklung miteinfließen lassen. Nur so können wir sicherstellen, dass die App auch für die Zielgruppe funktioniert.  

Habt ihr es als soziales Start-up schwerer? 

Gefühlt haben wir es schwerer. Gleich zu Beginn gab es die große Herausforderung, überhaupt geeignete Mitgründer zu finden. Die meisten Start-ups, mit denen wir gesprochen haben, sind aus dem Bekanntenkreis oder an der Uni/Hochschule entstanden. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass viele unser Projekt toll finden, aber entweder gründungsbegeistert sind oder kein Interesse an einem Projekt mit sozialer Ausrichtung haben.

Könnt ihr euch erklären, wieso das so ist? 

Wir müssen sehr nah an der Zielgruppe arbeiten. Und auf der anderen Seite verspricht ein soziales Projekt nicht unbedingt so hohe Gewinne wie ein Projekt im B2B-Bereich für große Unternehmen. Bei uns muss man neben dem Gewinn auf dem Konto den sozialen Impact mitzählen und braucht Mitgründer, die darauf Wert legen und das anerkennen. Die harte Suche hat sich am Ende dann bezahlt gemacht. Mit Lisa Abeltshauser haben wir so jemanden gefunden.  

Was sind eure nächsten Schritte? 

Wir wollen im Sommer 2021 an den Markt gehen. In den nächsten Monaten haben wir daher noch sehr viel vor uns. Wir arbeiten aktuell die Konzepte für die App und die Verwaltung über den Webbrowser aus und müssen das mit Menschen aus der Zielgruppe evaluieren. Und die Funktionen müssen noch umgesetzt werden. Eine technische Basis ist zwar vorhanden, aber die viele Sachen müssen wir noch fertig konzipieren und umsetzen.  

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Social Start-up mivao: Mit einer App den Alltag im Griff

Die App mivao will eine Stütze für Autisten im Alltag sein. Doch das Projekt wäre fast gestorben. Wären da nicht die beiden Gründer Margarita und Michael Fürmann gewesen, die das Projekt mit Willen und regionalen Partnern an der Seite weiterführen.

Wie ist die Idee entstanden? 

Michael Fürmann: Die Idee hinter dem Projekt kam aus der Zielgruppe. Ein Vater ist auf die Hochschule zugegangen, weil er es sich darüber gewundert hat, dass es für die Unterstützung von autistischen Kindern und Jugendlichen gar keine geeignete digitale Lösung gibt. Damit ist er an der Hochschule auf offene Ohren gestoßen und das Projekt wurde ins Leben gerufen. Im Foschungsmasterstudium war es meine Aufgabe, einen Prototypen für die App zu programmieren die AutistInnen im Alltag unterstützt.

Wie weit kamt ihr mit dem Prototypen? 

Der Prototyp enthielt Schritt-für-Schritt-Anleitungen. Er war aber noch zu weit von der Marktreife entfernt. Außerdem haben wir in Umfragen festgestellt, dass die zeitliche Strukturierung für AutistInnen viel wichtiger ist als die Anleitungen. Das heißt, der Fokus war auch nicht optimal gesetzt. Für unsere erste Version konzentrieren wir uns daher auf mehr Funktionen der Tagesstrukturierung.

Mit Auslaufen des Forschungsmasters wäre das Aus für die App gekommen. Was war deine Motivation, das Projekt weiterzuführen? 

Margarita Fürmann: Wir finden das Projekt wirklich toll und wichtig, daher wollten wir es nicht sterben lassen, nachdem die Gelder an der Hochschule aufgebraucht waren. Ich wollte mit meinem Informatik Master etwas sinnvolles machen. Mit Mivao habe ich die Möglichkeit, einen echten Mehrwert zu schaffen. Dass ich vorher Grundschullehramt studiert habe und daher auch Kenntnisse aus dem Beeich Pädagogik mitbringe, ist für das Projekt sehr hilfreich. 

Michael: Auch ich wollte etwas Sinnvolles machen. Während meines Studiums hatte ich viel Kontakt zu AutistInnen und deren Familien und habe sehr viel über deren Probleme im Alltag gelernt. Dadurch habe ich gesehen, wie wichtig das ist, was wir mit unserer App vorhaben. Am Ende des Masters gab es nur zwei Optionen: Das Projekt schläft ein oder wir gründen aus. Doch  mivao ist für AutistInnen zu wichtig, um es einschlafen zu lassen. Daher haben wir uns dazu entschieden, uns für das Exist-Gründerstipendium bewerben.  

Was ermöglicht euch Exist? 

Ende letzten Jahres als wir beide noch im Master waren, haben wir den Antrag für Exist abgegeben. Im August haben wir dann gestartet. Das Stipendium ermöglicht es uns, Vollzeit an dem Projekt zu arbeiten und es beinhaltet ein Sachmittel-Budget, mit dem wir uns Laptops und Büroausstattung gekauft haben. Zusätzlich gibt es noch ein Budget für Coaching und wir haben ein Büro im Digitalen Zentrum Schwaben  zur Verfügung gestellt bekommen. Das DZ.S hat uns auch beim Antrag geholfen und uns Tipps gegeben.  

Wie funktioniert die App genau? 

Unsere Zielgruppe sind Menschen, die sehr viel Struktur brauchen, um im Alltag zurechtzukommen. Das sind beispielsweise AutistInnen, Menschen mit ADHS oder kognitiven Beeinträchtigungen. Und aktuell gibt es dafür keine geeignete digitale Lösung und sie müssen analoge Hilfsmittel wie große Tagespläne in Papierformat oder Whiteboards verwenden. Diese sind aber sehr aufwendig zu erstellen und extrem unhandlich und man kann sie auch nicht mit sich tragen. Mit mivao sollen individuelle Tagesabläufe und Schritt-für-Schritt-Anleitungen für Aufgaben erstellt und verwaltet werden können. Über eine Weboberfläche können die Pläne und Anleitungen erstellt werden und über die App sind sie immer und überall griffbereit. Eine Erinnerungsfunktion soll es auch geben.  

Wie wollt ihr es schaffen, dass die App auch wirklich die Bedürfnisse der Zielgruppe erfüllt? 

Wir arbeiten von Anfang an sehr eng mit der Zielgruppe zusammen. Die Selbsthilfegruppe Autismus Augsburg, von der auch die Idee stammt, ist seit Beginn dabei. Sie haben uns schon während das Hochschulprojekt noch lief, Feedback gegeben und an Nutzertests teilgenommen. Das Kompetenzzentrum Autismus Schwaben Nord von der Caritas und das Frère-Roger-Kinderzentrum sind nun auch an Board. Dort können wir unsere Entwürfe dann auch mit AutistInnen testen und deren Feedback in die Entwicklung miteinfließen lassen. Nur so können wir sicherstellen, dass die App auch für die Zielgruppe funktioniert.  

Habt ihr es als soziales Start-up schwerer? 

Gefühlt haben wir es schwerer. Gleich zu Beginn gab es die große Herausforderung, überhaupt geeignete Mitgründer zu finden. Die meisten Start-ups, mit denen wir gesprochen haben, sind aus dem Bekanntenkreis oder an der Uni/Hochschule entstanden. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass viele unser Projekt toll finden, aber entweder gründungsbegeistert sind oder kein Interesse an einem Projekt mit sozialer Ausrichtung haben.

Könnt ihr euch erklären, wieso das so ist? 

Wir müssen sehr nah an der Zielgruppe arbeiten. Und auf der anderen Seite verspricht ein soziales Projekt nicht unbedingt so hohe Gewinne wie ein Projekt im B2B-Bereich für große Unternehmen. Bei uns muss man neben dem Gewinn auf dem Konto den sozialen Impact mitzählen und braucht Mitgründer, die darauf Wert legen und das anerkennen. Die harte Suche hat sich am Ende dann bezahlt gemacht. Mit Lisa Abeltshauser haben wir so jemanden gefunden.  

Was sind eure nächsten Schritte? 

Wir wollen im Sommer 2021 an den Markt gehen. In den nächsten Monaten haben wir daher noch sehr viel vor uns. Wir arbeiten aktuell die Konzepte für die App und die Verwaltung über den Webbrowser aus und müssen das mit Menschen aus der Zielgruppe evaluieren. Und die Funktionen müssen noch umgesetzt werden. Eine technische Basis ist zwar vorhanden, aber die viele Sachen müssen wir noch fertig konzipieren und umsetzen.  

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