Interview

Chris Kolonko: „No Business während dem Business“

Seit gut 30 Jahren im Showgeschäft, zum zweiten Mal mit dem Spiegelpalast auf dem Plärrer. Chris Kolonko verriet uns im Interview, wie viel Unternehmer im Künstler steckt, auf was es bei beruflichen Entscheidungen im Showbiz ankommt und warum er lieber in Augsburg als in Amsterdam auftritt.

B4B WIRTSCHAFTSLEBEN SCHWABEN: Wenn die Gäste in das Spiegelpalast kommen, sehen sie dich als Moderator, als Sänger, als Showact. Du packst aber schon viel früher mit an. Wie würdest du deinen Job betiteln?

Chris Kolonko: Ich bin Produzent von dieser Show und sowas wie die Mutter vom Palast. Ich habe für jeden ein offenes Ohr, versuche, ein bisschen was von der Arbeit abzufangen. Hier springen 40 Leute rum. Da muss einer den Hut aufbehalten.

Und bevor du hier bist?

Ich führe vormittags meine ganzen Gespräche mit den führenden Kräften. Gastroleitung, Service-Leitung, Küchenchef... Nach ein, zwei Wochen ist es so eingespielt, dass ich zur fertigen Vorstellungen ins Zelt kommen kann. Dann wissen alle, wo ich die Brotkörbe stehen haben will. So Kleinigkeiten halt. Denn es ist mir einfach sehr wichtig, dass die Gäste das Gefühl haben, sie kommen zu mir nach Hause. Es ist das schönste Lob, wenn sie sagen: „Wir haben das Gefühl, wir waren in deinem Wohnzimmer.“ Deshalb bin ich beim Service dabei. Ich breche mir keinen Zacken aus der Krone, wenn ich selber mal einen Wein ausschenke.

Wann startet dein Tag?

Ich stehe meistens um neun auf. Dann sitze ich erst mal mit einem großen Kaffee vor meinem PC und checke meine Mails, Facebook und Co. Ein Mitarbeiter erinnert mich zusätzlich an Postings, Verlosungen, Bilder vom Vorabend und wie der Rücklauf ist. Diese ganzen Geschichten finden parallel am Vormittag statt. Oder eben, wenn ich noch Zähne putze. Ich betreibe oft Multitasking.

Hast du da überhaupt noch Freizeit?

Ja, aber nicht viel. Wenn ich frei habe, koche ich gern daheim, so ganz bürgerlich einen großen Topf Hühnersuppe, und verbringe Zeit mit meinen Hunden. Das muss dann auch mal sein. Aber es bleibt meistens nicht mehr als ein Abend in der Woche.

Wie bleibt man 30 Jahre erfolgreich? Was treibt dich an?

Ich glaube, es ist ein bisschen die Einstellung, dass dieser Beruf eine Berufung ist. Ich gehe nicht nach acht Stunden nach Hause und am Ende des Monats bekomme ich mein Geld. Es ist tatsächlich so, dass eine Produktion auch mal die nächste weiterträgt. Es ist nicht immer alles so erfolgreich, dass man gleich einen finanziellen Vorteil hat. Das treibt einen natürlich schon voran, weil man weiß, man wird mit so einem Projekt wie hier vielleicht erst in ein paar Jahren ein Plus machen. Bis dahin muss man schauen, dass sich das irgendwie deckt. Aber wir sind froh, wenn alle Gehälter und Rechnungen bezahlt sind und wir in vier, fünf Jahren hoffentlich auf dem Punkt sind, wo wir was verdienen. Wir brauchen ungefähr eine Million Euro, um dieses Projekt zu stemmen. Die muss erst reinkommen.

Du hast als Restaurantfachmann angefangen, dann eine Frisörlehre gemacht, weil du zur Theatermaske wolltest. War eine Theater-Dinner-Show jetzt Schicksal oder Zufall?

Das war tatsächlich Schicksal. Ich spielte damals für Roncalli im Apollo Varieté. Die hatten mich als Marlene geholt, weil sie das Marlene-Musical gesehen hatten und dann ein Varieté-Programm mit ihr machen wollten. Das ist fast fünfzehn Jahre her. Damals fragte Roncalli, ob ich an der Panem et Circenses, der Dinnershow in Essen, Interesse hätte. Das war meine Erste. So habe ich die Leidenschaft zur Dinnershow entwickelt und seither viel gelernt. Irgendwann dachte ich mir, das gibt es noch nicht in Augsburg. Mein Engagement in Saarbrücken, im Alexander Kunz Theatre, hat mich dann davon überzeugt, dass das auch hier funktionieren könnte.

Wie genau lief der Spiegelpalast in Augsburg an?

Ein Konzertveranstalter kam auf mich zu, der das gerne mit mir auf die Beine stellen wollte. Das ist jetzt knapp vier Jahre her. Er hatte den Spiegelpalast und wusste, wie wir das organisieren können. Ich hatte keine Ahnung von dem Aufbau, was man braucht und tut. Wir haben drei Jahre lang geplant. Dabei hat uns auch die Stadt unterstützt. Wir bekamen einen Zuschlag für den Plärrer als Veranstaltungsort. Darauf haben wir uns gesagt, „Gut, dann machen wir es im nächsten Jahr“.

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Jetzt haben wir immer nur zehn Monate zwischen den Shows. Das ist ganz schön knapp, um wieder ein komplett neues Projekt auf die Beine zu stellen, wobei wir von einem Jahr zum anderen lernen. Da sitzt du mit dem Steuerberater zusammen und fragst dich, wie wir alles auf einem Level halten können, das uns finanziell nicht zugrunde richtet.

Wie ist denn der Augsburger Zuschauer?

Ich glaube, der Augsburger ist ein sehr, sehr guter Gast. Ich habe Gäste, die begleiten mich seit 30 Jahren. Letztens hatte ich wieder ein Ehepaar da, er ist mittlerweile 92 und hat keine Show verpasst. Im Vergleich zu anderen Städten ist es ein sehr nettes und höfliches Publikum. Es gibt Städte, da sind sie sehr laut. Amsterdam zum Beispiel, wo sie sich eigentlich nur selber feiern. Der Augsburger genießt und kann sich freuen. Er weiß Qualität zu schätzen. Er lässt sich einfach nicht verarschen und ist sehr kritisch. Aber wenn man ihn davon überzeugt hat, dass man es ehrlich mit ihm meint, dann hat man ihn für sich gewonnen.

Was ist der wichtigste unternehmerische Rat, den du je bekommen hast?

Auf das Bauchgefühl zu hören und mal Angebote mit Veranstaltern auszuschlagen. Der Gedanke „Das kann ich nicht alleine stemmen, ich bräuchte den dazu“, darf nicht der einzige Grund für deine Zusage sein. Ich habe einfach viele Kooperationspartner erlebt, die mit mir was aufziehen wollten. Im Nachhinein habe ich dann gesehen, das wäre eine Katastrophe geworden. Etwas abzulehnen und zu sagen, „Nein, das mache ich jetzt nicht, nur um auf der Bühne zu stehen“, das ist wichtig. Man muss sich selber treu bleiben. Bei all dem wirtschaftlichen Denken.

Das Showbiz ist sehr schrill, bunt und laut und teilweise geheimnisvoll. Was fasziniert dich an dieser Branche?

Die Menschen glücklich zu machen. Du hast ein paar Stunden unentwegt Spaß mit deinen Gästen. Sie vergessen den Alltag. Du vergisst selber den Alltag in der Zeit. Du lebst dann nur noch für diese paar Stunden, damit da alles glatt läuft. Natürlich lernst du auch viele Menschen kennen, die total crazy sind. Ob das jetzt Burlesque-Tänzer sind oder Freaks oder Artisten, Tänzer, Sänger. Die haben alle kein sicheres Leben. Du musst immer schauen, wie du dich in den nächsten Monaten weiter ernährst. Kein, „Ich bin halt jetzt mal krank und bekomme dann zwei Wochen mein Geld“. Das läuft hier nicht. Wenn ein Künstler krank ist, dann hat er kein Geld. Dann ist das einfach so. Dann zahlt auch erst mal die Kasse nichts. Das ist ein ganz anderes Risiko, das diese Menschen eingehen. Gleichzeitig wissen sie aber zu leben und zu feiern. Das ist wirklich eine eigene Welt für sich.

Was hat dich überrascht, als du ins Showbiz eingestiegen bist?

Dass es sehr viel Unseriosität gibt. Gar nicht unbedingt Konkurrenzkampf in dem Sinne, sondern, dass Leute einem falsche Versprechungen machen. Da wird sehr viel gelogen und phantasiert. Es gibt einfach sehr viele Menschen, die sehr viel reden und es stimmt nichts. Wenn all das, was mir schon versprochen wurde, wahr geworden wäre, wäre ich heute ein Weltstar. Das lernt man aber mit der Zeit, aber am Anfang glaubst du das noch. Ich bin vorsichtiger geworden.

Welche drei Charakterzüge braucht man, um ins Showbiz zu gehen?

Zunächst brauchst du Disziplin. Das ist sehr, sehr wichtig. Du musst die erste Vorstellung genauso spielen wie die letzte, auch wenn dir alles wehtut. Du darfst nicht wehleidig und zimperlich sein. Du musst Kritik vertragen können, um Kritik anzunehmen. Du muss gut und bereit sein, etwas zu lernen. Wer heute im Showbusiness überleben will, ohne dass er alle zwei Jahre von einem Musical ins andere wechselt, der muss Eigeninitiative ergreifen, um selber was auf die Bühne zu stellen und risikofreudig sein. Ich glaube, Selbsteinschätzung, Disziplin und dieses Wissen, dass du mal 13, 14 Stunden arbeiten musst, ist das Wichtigste.

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Viele denken, du kommst am Abend ein bisschen auf die Bühne, malst dich an und singst ein paar Songs. Viele bleiben deshalb immer Artist oder Sänger. Ich bin auch Produzent und Regisseur. Ich muss die Augen überall haben, sehr wach sein. Obwohl du jeden Tag Zugriff auf Alkohol hast, muss du dich zurückhalten. Klar kann ich mit meinen Gästen jeden Tag feiern, aber dann ist es doch das alkoholfreie Bier. Ich muss einen klaren Kopf bewahren und am nächsten Tag wieder topfit hier stehen.

Du bist einerseits Chris Kolonko auf der Bühne und einerseits Chris Kolonko hinter der Bühne. Gibt es da große Unterschiede? Merkst du selber, dass du anders bist?

Vielleicht wenn ich ganz privat bin, ja. Dann habe ich meine Fingernägel nicht schon fertig modelliert für den Abend. Dann bin ich einfach nur ich. Da sitze ich in meiner Jogginghose mit meinen Hunden auf dem Sofa und da ist es mir egal, wie ich aussehe, und will einfach nur Ruhe haben. Da will ich nicht über das Showbusiness sprechen, sondern abschalten. Dann sind meine Freunde mit ihren Themen auch mal wichtig. In dem Moment, wo es ums Geschäft geht, geht es nur um das Business.

Diese Trennung ist wichtig, oder?

Es gibt wenig Zeit, das zu trennen, aber es ist wichtig. Es gibt auch Zeiten, in denen ich ins Fitness gehe und das Handy bleibt im Spind. Dann bin ich mal nicht erreichbar, will nicht telefonieren, will keine Fragen beantworten, auch nicht von meinem Küchenchef, der mich fragt, wo die Marzipanscheibchen geblieben sind.

Wie viel Unternehmer steckt in dir als Künstler?

Ich glaube, ziemlich viel, sonst würde ich so was hier nicht machen. Von dem, was ich tatsächlich tue, sind es – glaube ich – 40 Prozent Unternehmer und 60 Prozent Künstler. Vom Feeling her hätte ich es gerne wesentlich weniger, aber es muss halt so sein. Solange ich nicht mit dem Geld zu tun haben muss. Ich sorge gerne dafür, dass alles läuft wie mit der Steuer und gebe alle Rechnungen und alle Quittungen ab und so weiter. Bei Arbeitsverträgen will ich drüber Bescheid wissen. Aber ich brauche mein Team, welches die Sachen betreut. Das schaffe ich zeitlich einfach nicht.

Und das würdest du auch nicht wollen?

Vielleicht, wenn ich nicht auf der Bühne stehen würde. Ich weiß natürlich, was wir an Gewinn und was an Verlust haben. Aber es gibt so einen schönen Satz bei uns im Show-Geschäft, der heißt „no Business während dem Business“. Das eine ist dann die Show und das andere ist das Finanzielle. Das klärt du dann alles möglichst vormittags, damit du abends den Kopf frei hast, um lustig zu sein. Das ist nicht immer einfach, wenn du weißt, wie viel Verlust du machst. Das ist schon schwer, das belastet. Aber am Schluss siegt dann doch wieder die Initiative und der Teamgeist. Wir wollen das packen und wir wollen das schaffen.

Und wenn du jetzt denkst, in den nächsten 20 Jahren geht es vielleicht Richtung Rente, bist du dann mehr Unternehmer irgendwann?

Es könnte sein. Das weiß ich nicht so ganz genau. Ich habe für die nächsten Jahre wieder tolle Angebote, obwohl ich kürzer treten wollte. In meinem Beruf weißt du nie so ganz genau, was passiert. Sollte sich der Spiegelpalast über die Jahre nicht tragen, sagst du schade, es war toll, aber dann hast du es gemacht. Ich glaube daran, dass das funktioniert. Ich glaube daran, dass wir uns etablieren als Unternehmen, auch für die Stadt Augsburg. Aber das weiß man nie. Das ist das Schöne an diesem Beruf, du weißt nie, was in zwei Jahren ist. Vielleicht weht dich der Wind in ein ganz anderes Land. Vielleicht kommt jemand und sagt, ich nehme jetzt euren Spiegelpalast und das machen wir jetzt in Oakland. Vielleicht machen wir es dann und hier steht ein zweites. Keiner weiß es.

Du bist also sehr zufrieden mit deiner Berufswahl, die du getroffen hast.

Absolut. Ich bin niemand, der an Rente denkt. Das heißt jetzt nicht, dass ich keine Verträge abgeschlossen habe in meinem Leben, damit ich irgendwann mal in Rente gehen kann. Klar sorgt man vor. Aber ich hoffe, dass ich dann die Rente zum Kaffeetrinken verpulvern kann und nebenbei habe ich vielleicht noch einen Spiegelpalast und sitze hier als Oma in der Ecke und passe auf, dass alles läuft.

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B4B WIRTSCHAFTSLEBEN SCHWABEN: Wenn die Gäste in das Spiegelpalast kommen, sehen sie dich als Moderator, als Sänger, als Showact. Du packst aber schon viel früher mit an. Wie würdest du deinen Job betiteln?

Chris Kolonko: Ich bin Produzent von dieser Show und sowas wie die Mutter vom Palast. Ich habe für jeden ein offenes Ohr, versuche, ein bisschen was von der Arbeit abzufangen. Hier springen 40 Leute rum. Da muss einer den Hut aufbehalten.

Und bevor du hier bist?

Ich führe vormittags meine ganzen Gespräche mit den führenden Kräften. Gastroleitung, Service-Leitung, Küchenchef... Nach ein, zwei Wochen ist es so eingespielt, dass ich zur fertigen Vorstellungen ins Zelt kommen kann. Dann wissen alle, wo ich die Brotkörbe stehen haben will. So Kleinigkeiten halt. Denn es ist mir einfach sehr wichtig, dass die Gäste das Gefühl haben, sie kommen zu mir nach Hause. Es ist das schönste Lob, wenn sie sagen: „Wir haben das Gefühl, wir waren in deinem Wohnzimmer.“ Deshalb bin ich beim Service dabei. Ich breche mir keinen Zacken aus der Krone, wenn ich selber mal einen Wein ausschenke.

Wann startet dein Tag?

Ich stehe meistens um neun auf. Dann sitze ich erst mal mit einem großen Kaffee vor meinem PC und checke meine Mails, Facebook und Co. Ein Mitarbeiter erinnert mich zusätzlich an Postings, Verlosungen, Bilder vom Vorabend und wie der Rücklauf ist. Diese ganzen Geschichten finden parallel am Vormittag statt. Oder eben, wenn ich noch Zähne putze. Ich betreibe oft Multitasking.

Hast du da überhaupt noch Freizeit?

Ja, aber nicht viel. Wenn ich frei habe, koche ich gern daheim, so ganz bürgerlich einen großen Topf Hühnersuppe, und verbringe Zeit mit meinen Hunden. Das muss dann auch mal sein. Aber es bleibt meistens nicht mehr als ein Abend in der Woche.

Wie bleibt man 30 Jahre erfolgreich? Was treibt dich an?

Ich glaube, es ist ein bisschen die Einstellung, dass dieser Beruf eine Berufung ist. Ich gehe nicht nach acht Stunden nach Hause und am Ende des Monats bekomme ich mein Geld. Es ist tatsächlich so, dass eine Produktion auch mal die nächste weiterträgt. Es ist nicht immer alles so erfolgreich, dass man gleich einen finanziellen Vorteil hat. Das treibt einen natürlich schon voran, weil man weiß, man wird mit so einem Projekt wie hier vielleicht erst in ein paar Jahren ein Plus machen. Bis dahin muss man schauen, dass sich das irgendwie deckt. Aber wir sind froh, wenn alle Gehälter und Rechnungen bezahlt sind und wir in vier, fünf Jahren hoffentlich auf dem Punkt sind, wo wir was verdienen. Wir brauchen ungefähr eine Million Euro, um dieses Projekt zu stemmen. Die muss erst reinkommen.

Du hast als Restaurantfachmann angefangen, dann eine Frisörlehre gemacht, weil du zur Theatermaske wolltest. War eine Theater-Dinner-Show jetzt Schicksal oder Zufall?

Das war tatsächlich Schicksal. Ich spielte damals für Roncalli im Apollo Varieté. Die hatten mich als Marlene geholt, weil sie das Marlene-Musical gesehen hatten und dann ein Varieté-Programm mit ihr machen wollten. Das ist fast fünfzehn Jahre her. Damals fragte Roncalli, ob ich an der Panem et Circenses, der Dinnershow in Essen, Interesse hätte. Das war meine Erste. So habe ich die Leidenschaft zur Dinnershow entwickelt und seither viel gelernt. Irgendwann dachte ich mir, das gibt es noch nicht in Augsburg. Mein Engagement in Saarbrücken, im Alexander Kunz Theatre, hat mich dann davon überzeugt, dass das auch hier funktionieren könnte.

Wie genau lief der Spiegelpalast in Augsburg an?

Ein Konzertveranstalter kam auf mich zu, der das gerne mit mir auf die Beine stellen wollte. Das ist jetzt knapp vier Jahre her. Er hatte den Spiegelpalast und wusste, wie wir das organisieren können. Ich hatte keine Ahnung von dem Aufbau, was man braucht und tut. Wir haben drei Jahre lang geplant. Dabei hat uns auch die Stadt unterstützt. Wir bekamen einen Zuschlag für den Plärrer als Veranstaltungsort. Darauf haben wir uns gesagt, „Gut, dann machen wir es im nächsten Jahr“.

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Wie ist denn der Augsburger Zuschauer?

Ich glaube, der Augsburger ist ein sehr, sehr guter Gast. Ich habe Gäste, die begleiten mich seit 30 Jahren. Letztens hatte ich wieder ein Ehepaar da, er ist mittlerweile 92 und hat keine Show verpasst. Im Vergleich zu anderen Städten ist es ein sehr nettes und höfliches Publikum. Es gibt Städte, da sind sie sehr laut. Amsterdam zum Beispiel, wo sie sich eigentlich nur selber feiern. Der Augsburger genießt und kann sich freuen. Er weiß Qualität zu schätzen. Er lässt sich einfach nicht verarschen und ist sehr kritisch. Aber wenn man ihn davon überzeugt hat, dass man es ehrlich mit ihm meint, dann hat man ihn für sich gewonnen.

Was ist der wichtigste unternehmerische Rat, den du je bekommen hast?

Auf das Bauchgefühl zu hören und mal Angebote mit Veranstaltern auszuschlagen. Der Gedanke „Das kann ich nicht alleine stemmen, ich bräuchte den dazu“, darf nicht der einzige Grund für deine Zusage sein. Ich habe einfach viele Kooperationspartner erlebt, die mit mir was aufziehen wollten. Im Nachhinein habe ich dann gesehen, das wäre eine Katastrophe geworden. Etwas abzulehnen und zu sagen, „Nein, das mache ich jetzt nicht, nur um auf der Bühne zu stehen“, das ist wichtig. Man muss sich selber treu bleiben. Bei all dem wirtschaftlichen Denken.

Das Showbiz ist sehr schrill, bunt und laut und teilweise geheimnisvoll. Was fasziniert dich an dieser Branche?

Die Menschen glücklich zu machen. Du hast ein paar Stunden unentwegt Spaß mit deinen Gästen. Sie vergessen den Alltag. Du vergisst selber den Alltag in der Zeit. Du lebst dann nur noch für diese paar Stunden, damit da alles glatt läuft. Natürlich lernst du auch viele Menschen kennen, die total crazy sind. Ob das jetzt Burlesque-Tänzer sind oder Freaks oder Artisten, Tänzer, Sänger. Die haben alle kein sicheres Leben. Du musst immer schauen, wie du dich in den nächsten Monaten weiter ernährst. Kein, „Ich bin halt jetzt mal krank und bekomme dann zwei Wochen mein Geld“. Das läuft hier nicht. Wenn ein Künstler krank ist, dann hat er kein Geld. Dann ist das einfach so. Dann zahlt auch erst mal die Kasse nichts. Das ist ein ganz anderes Risiko, das diese Menschen eingehen. Gleichzeitig wissen sie aber zu leben und zu feiern. Das ist wirklich eine eigene Welt für sich.

Was hat dich überrascht, als du ins Showbiz eingestiegen bist?

Dass es sehr viel Unseriosität gibt. Gar nicht unbedingt Konkurrenzkampf in dem Sinne, sondern, dass Leute einem falsche Versprechungen machen. Da wird sehr viel gelogen und phantasiert. Es gibt einfach sehr viele Menschen, die sehr viel reden und es stimmt nichts. Wenn all das, was mir schon versprochen wurde, wahr geworden wäre, wäre ich heute ein Weltstar. Das lernt man aber mit der Zeit, aber am Anfang glaubst du das noch. Ich bin vorsichtiger geworden.

Welche drei Charakterzüge braucht man, um ins Showbiz zu gehen?

Zunächst brauchst du Disziplin. Das ist sehr, sehr wichtig. Du musst die erste Vorstellung genauso spielen wie die letzte, auch wenn dir alles wehtut. Du darfst nicht wehleidig und zimperlich sein. Du musst Kritik vertragen können, um Kritik anzunehmen. Du muss gut und bereit sein, etwas zu lernen. Wer heute im Showbusiness überleben will, ohne dass er alle zwei Jahre von einem Musical ins andere wechselt, der muss Eigeninitiative ergreifen, um selber was auf die Bühne zu stellen und risikofreudig sein. Ich glaube, Selbsteinschätzung, Disziplin und dieses Wissen, dass du mal 13, 14 Stunden arbeiten musst, ist das Wichtigste.

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Du bist einerseits Chris Kolonko auf der Bühne und einerseits Chris Kolonko hinter der Bühne. Gibt es da große Unterschiede? Merkst du selber, dass du anders bist?

Vielleicht wenn ich ganz privat bin, ja. Dann habe ich meine Fingernägel nicht schon fertig modelliert für den Abend. Dann bin ich einfach nur ich. Da sitze ich in meiner Jogginghose mit meinen Hunden auf dem Sofa und da ist es mir egal, wie ich aussehe, und will einfach nur Ruhe haben. Da will ich nicht über das Showbusiness sprechen, sondern abschalten. Dann sind meine Freunde mit ihren Themen auch mal wichtig. In dem Moment, wo es ums Geschäft geht, geht es nur um das Business.

Diese Trennung ist wichtig, oder?

Es gibt wenig Zeit, das zu trennen, aber es ist wichtig. Es gibt auch Zeiten, in denen ich ins Fitness gehe und das Handy bleibt im Spind. Dann bin ich mal nicht erreichbar, will nicht telefonieren, will keine Fragen beantworten, auch nicht von meinem Küchenchef, der mich fragt, wo die Marzipanscheibchen geblieben sind.

Wie viel Unternehmer steckt in dir als Künstler?

Ich glaube, ziemlich viel, sonst würde ich so was hier nicht machen. Von dem, was ich tatsächlich tue, sind es – glaube ich – 40 Prozent Unternehmer und 60 Prozent Künstler. Vom Feeling her hätte ich es gerne wesentlich weniger, aber es muss halt so sein. Solange ich nicht mit dem Geld zu tun haben muss. Ich sorge gerne dafür, dass alles läuft wie mit der Steuer und gebe alle Rechnungen und alle Quittungen ab und so weiter. Bei Arbeitsverträgen will ich drüber Bescheid wissen. Aber ich brauche mein Team, welches die Sachen betreut. Das schaffe ich zeitlich einfach nicht.

Und das würdest du auch nicht wollen?

Vielleicht, wenn ich nicht auf der Bühne stehen würde. Ich weiß natürlich, was wir an Gewinn und was an Verlust haben. Aber es gibt so einen schönen Satz bei uns im Show-Geschäft, der heißt „no Business während dem Business“. Das eine ist dann die Show und das andere ist das Finanzielle. Das klärt du dann alles möglichst vormittags, damit du abends den Kopf frei hast, um lustig zu sein. Das ist nicht immer einfach, wenn du weißt, wie viel Verlust du machst. Das ist schon schwer, das belastet. Aber am Schluss siegt dann doch wieder die Initiative und der Teamgeist. Wir wollen das packen und wir wollen das schaffen.

Und wenn du jetzt denkst, in den nächsten 20 Jahren geht es vielleicht Richtung Rente, bist du dann mehr Unternehmer irgendwann?

Es könnte sein. Das weiß ich nicht so ganz genau. Ich habe für die nächsten Jahre wieder tolle Angebote, obwohl ich kürzer treten wollte. In meinem Beruf weißt du nie so ganz genau, was passiert. Sollte sich der Spiegelpalast über die Jahre nicht tragen, sagst du schade, es war toll, aber dann hast du es gemacht. Ich glaube daran, dass das funktioniert. Ich glaube daran, dass wir uns etablieren als Unternehmen, auch für die Stadt Augsburg. Aber das weiß man nie. Das ist das Schöne an diesem Beruf, du weißt nie, was in zwei Jahren ist. Vielleicht weht dich der Wind in ein ganz anderes Land. Vielleicht kommt jemand und sagt, ich nehme jetzt euren Spiegelpalast und das machen wir jetzt in Oakland. Vielleicht machen wir es dann und hier steht ein zweites. Keiner weiß es.

Du bist also sehr zufrieden mit deiner Berufswahl, die du getroffen hast.

Absolut. Ich bin niemand, der an Rente denkt. Das heißt jetzt nicht, dass ich keine Verträge abgeschlossen habe in meinem Leben, damit ich irgendwann mal in Rente gehen kann. Klar sorgt man vor. Aber ich hoffe, dass ich dann die Rente zum Kaffeetrinken verpulvern kann und nebenbei habe ich vielleicht noch einen Spiegelpalast und sitze hier als Oma in der Ecke und passe auf, dass alles läuft.

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