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B4B Schwaben
Energie und Umwelt

Energie und Umwelt: Wind of Change

Die Energiewende wirbelt die deutsche Versorgungslandschaft durcheinander. Dem schnell angekündigten Ausstieg aus der Kernkraft folgt die eifrige Suche nach wirtschaftlichen und kurzfristig umsetzbaren Konzepten. Regionale Versorgungsunternehmen in Bayerisch-Schwaben können dabei auf die Weiterentwicklung von Ideen und Innovationen aufbauen, mit denen sie schon vor einiger Zeit sich auf die neuen Zeiten eingestellt haben.

Die Dimensionen in der deutschen Energieversorgung waren über Jahrzehnte hinweg groß. Allein schon das Wort „Kraftwerksblock“ hatte etwas so Mächtiges, Unerschütterliches an sich, dass sich Zweifel an seiner Sicherheit und Stabilität von selbst verboten. Verbunden mit einer Rechenweise, die nur eine Maßzahl kannte – das Megawatt – schien für Wirtschaft und Gesellschaft die verlässliche Größe auf Ewigkeiten gesichert. Doch gut 20 Jahre nach dem politischen Mauerfall in Deutschland bröckelt nun auch diese Bastion. Ausgelöst durch die Besinnung auf regenerative Energien einerseits und die Kraftwerksunfälle in Japan andererseits weht ein „Wind of Change“ durch die Republik. Und Stromverbraucher, kleine wie große, müssen sich auf Veränderung einstellen.

So gut sich die Botschaft vom Ausstieg aus der Kernenergie macht und so verlockend der massive Ausbau der regenerativen Energien scheint: Das Tempo, in dem der „Wind of Change“ durch die Energiewirtschaft bläst, wirbelt einiges durcheinander. Nicht überall, wo sich nun gute Standortchancen für Windkrafträder bieten, werden die potenziellen Betreiber mit Hurra-Rufen begrüßt. Wasserkraft, als reinste Form der regenerativen Energie gepriesen, stößt auf Widerstand, wo Aus- und Neubauten in Flusslandschaften eingreifen. Und manchem Landschaftsschützer, der gewaltige Flächen von Solarpanelen ins idyllische Voralpenpanorama gestanzt sieht, geht der Trachtenhut bei der Vorstellung hoch, da könnten in den nächsten Jahren noch weitere Areale dazukommen.

Auch die Betreiber von Kraftwerken sehen sich vom schnellen Wandel mitunter überrannt. Der sonnige Herbst dieses Jahres verursachte eher Stirnrunzeln als Freude bei ihnen, denn die über 300.000 Fotovoltaikanlagen im Freistaat erzeugten um die Mittagszeit Strom auf Hochtouren – aber nur dann. „Die Fotovoltaik wird in Bayern im Jahr 2011 voraussichtlich mit über acht Prozent zur Deckung des Stromverbrauchs beitragen. Damit haben wir erst die Hälfte der im Bayerischen Energiekonzept geforderten Stromerzeugungsmengen erreicht und schon jetzt wissen wir vor allem an schönen Wochenenden nicht wohin mit dem Strom aus den Fotovoltaikanlagen“, sagte Norbert Breidenbach, Vorsitzender des Verbandes der Bayerischen Energie- und Wasserwirtschaft e.V. – VBEW.

Weil also auf diesem Weg die Probleme nicht allein zu lösen sind, die sich aus der gern postulierten „Energiewende“ ergeben, halten Innovation und Kreativität in einer Branche Einzug, die bisher als eher konservativ und veränderungsresistent galt. Insbesondere regionale Energieversorger erweisen sich hier als Vorreiter. Manche sind schon seit Jahren kräftig in Bewegung, ohne dass dies in der Öffentlichkeit besonders wahrgenommen wurde. Ihre Konzepte sind heute Orientierungspfeiler für Mitbewerber und Neuanbieter, die sich dem gewandelten Markt stellen müssen. Beispiel „erdgas schwaben“. Auf dem Gelände des regionalen Gasversorgers in Augsburg, östlich vom fast fertigen Neubau, wird seit Oktober 2011 ein zweiter Grundwasserbrunnen gebohrt. Das Grundwasser dient im Sommer zur Kühlung des Neubaus. Grundwasser findet sich in Göggingen ab ca. zwölf Meter Tiefe. Auf dem Grundstück von erdgas schwaben muss 20 Meter tief gebohrt werden.

„Drei bis vier Liter Grundwasser in der Sekunde werden wir für die Kühlung des neuen Gebäudes nutzen“, so Hermann Egger, Bauingenieur Architekturbüro Buchschuster. Das innovative Kühlsystem mit Grundwasser vermeidet fast vollständig CO2-Emissionen und trägt so zum Klimaschutz bei. Das heißt, bei einer Klimatisierung des Gebäudes mit einer sonst üblichen elektrisch betriebenen Kältemaschine liegt der Mehrverbrauch gegenüber der Grundwasserkühlung bei ca. 25.000 Kilowattstunden Strom pro Jahr. Eine Grundwasserkühlung spart somit 25 Tonnen CO2 pro Jahr. Grundwasser ist auch an heißen Sommertagen etwa 12 bis 14 °C kühl. Im Gebäude des Neubaus wurden Heizungsrohre ähnlich einer Fußbodenheizung in die Betondecken eingebaut. Durch diese Rohre wird das Grundwasser gepumpt und somit der Massivkern des Hauses gekühlt. Diese Bauweise nennt man Baukernaktivierung.

Wenn das Wasser durch die Gebäudekühlung erwärmt wurde, wird dieses über einen Schluckbrunnen dem Grundwasser wieder zugeführt. Ein Szenenwechsel führt an einen anderen exemplarischen Schauplatz. Exemplarisch deshalb, weil er zeigt, wie effizient Schritte in kleinere Dimensionen sind. Eine Baustelle in Nordschwaben. Mächtige Metallzylinder werden aufgestellt. Sie sind grau und rund und übermannsgroß, und sie waren der letzte noch fehlende Bestandteil des neuen Bioenergie- Blockheizkraftwerks, mit dem der Markt Offingen (Landkreis Günzburg) im Rahmen des erdgas schwaben Wärme-Contracting künftig mehrere kommunale Gebäude mit nachhaltig erzeugter Energie und Wärme versorgen wird. Mit der Aufstellung der beiden Pufferspeicher war der Weg frei für den Betrieb des Blockheizkraftwerks. Seit Mitte November 2011 verbreitet „grüne“ Wärme in Grund- und Mittelschule, in der Mindelhalle sowie in Vereins- und Jugendheim Behaglichkeit – sehr zur Freude von Bürgermeister Thomas Wörz, der den Anstoß zur Offinger Energiewende gegeben hat. Die Gemeinde nutzt nun eine Anlage auf technisch neuestem Stand, die sie selbst – von den reinen Heizkosten einmal abgesehen – keinen Cent gekostet hat.

„Das Wärme- Contracting von erdgas schwaben hat uns enorm geholfen, die fälligen Heizungssanierungen durchzuführen und dabei auch noch Gelder einzusparen. Die gesamten Investitions- und Unterhaltskosten für das Blockheizkraftwerk übernimmt unser Contractor, also erdgas schwaben. Das ist ein Riesenvorteil für die Gemeinde“, freut sich Wörz. Genau genommen hat der Offinger Bürgermeister sogar doppelten Grund zur Freude, denn der vom Blockheizkraftwerk erzeugte Strom wird direkt ins Netz eingespeist, die anfallende Einspeisungsvergütung mit den Wärmegestehungskosten verrechnet. So hält das Wärme-Contracting auch die laufenden Heizkosten für die Gemeinde niedrig. Freuen darf sich auch die Umwelt, weil das Offinger Blockheizkraftwerk mit Bioerdgas beschickt werden wird, das erdgas schwaben in eigenen Bioerdgasanlagen erzeugt und ins Netz einspeist.

Auch die Schlagzeilen, die die SWU Stadtwerke Ulm/Neu-Ulm GmbH gemeinsam mit der Daimler- Tochter car2go GmbH und ihren Technologiepartnern Mennekes und FG.de-Unternehmensgruppe diesen Sommer verursachten, als sie das Zeitalter der Elektromobilität in Ulm und Neu-Ulm einläuteten, hätte es vor nicht allzu langer Zeit nicht gegeben. Seit Anfang August 2011 sind in der car2go-Flotte die ers ten elektrisch betriebenen smart fortwo anmietbar. Die Voraussetzung dafür schuf die SWU mit der Inbetriebnahme eines Netzes von Stromtankstellen im Verteilgebiet, das zügig auf 24 „Stromzapfsäulen“ in den beiden Donaustädten ausgebaut wird. Die Elektrofahrzeuge sind dabei klimaneutral unterwegs, denn die Ladestationen werden ausschließlich mit SWU NaturStrom versorgt. Bis Ende 2012 können dort alle Elektrofahrzeuge, also auch E-Bikes oder Elektroroller, gratis aufgetankt werden. Für Ivo Gönner, Oberbürgermeister der Stadt Ulm und SWU-Aufsichtsratsvorsitzender, ist die Kooperation mit car2go der Garant dafür, dass die Elektromobilität in Ulm und Neu-Ulm schnell Fuß fassen kann: „Mit car2go als Partner ist eine breite Nutzung der neuen Versorgungsinfrastruktur sichergestellt. Damit ist auch die Grundlage für den schnellen Ausbau der Elektromobilität in Ulm und Neu-Ulm geschaffen.“

Jürgen Schäffner, Geschäftsführer der SWU Energie GmbH, betont, dass dieses Projekt weit mehr als eine PR-Aktion ist: „Wir reden hier nicht von der isolierten Installation von ein paar Zapfsäulen, sondern von einem integrierten Gesamtkonzept. Denn es werden sowohl die Systeme eines Mobilitätsdienstleisters wie car2go als auch die intelligente Software für die bedarfsgerechte Stromverteilung von der FG.de Unternehmensgruppe integriert. Damit übernimmt die SWU eine Vorreiterrolle unter den deutschen Stadtwerken.“ Überhaupt: Während auf Bundesebene noch Konzepte gewälzt und große Worte geführt werden, vollzieht sich in der Region der Wandel. „Wir unterstützen den Ausbau der erneuerbaren Energien in der Region tatkräftig. Als Netzbetreiber stellen wir eine reibungslose Stromeinspeisung und -vergütung sicher und passen unsere Netze entsprechend an“, so Richard Agerer, Pressesprecher der Lechwerke. Um die stetig steigende Stromeinspeisung aus erneuerbaren Energien zu gewährleisten, ist vor allem ein reibungslos funktionierendes Netzsicherheitsmanagement notwendig.

Im Jahr 2010 investierten die Lechwerke bezogen auf das gesamte Netzgebiet mehr als 20 Millionen Euro in den Netzausbau zur Einbindung der erneuerbaren Energien. Im Netzgebiet der Lechwerke liegt der Anteil der erneuerbaren Energien an der Stromerzeugung schon jetzt mit rund 31 Prozent fast doppelt so hoch wie im Bundesdurchschnitt. Womit sich der Kreis schließt – zurück zu den Schwankungen und Unwägbarkeiten der Energie, die wir von der Sonne abzapfen. Doch auch hier ist Abhilfe in Sicht. „Intelligente Verbrauchssteuerung“ heißt sie, im Amerikanischen „Demand Response“ genannt. Sie setzt vor allem darauf, dass Strom-Großverbraucher über ausreichende Möglichkeiten verfügen, ihren Bedarf flexibel zu gestalten. Indem zum Beispiel Brauereien ihr Wasser dann pumpen, wenn überschüssige Energie verfügbar ist – und ihre Kühlaggregate dann vorübergehend herunterfahren, wenn der Strom anderweitig benötigt und obendrein teuer ist.

Ein junges Unternehmen aus München, die Entelios AG, ist hier seit Kurzem unterwegs und hat mit ihrem Verfahren vor allem in den Branchen Lebensmittel, Chemie und Papier für Aufmerksamkeit gesorgt. „Mit unserem für Deutschland innovativen Ansatz schonen wir Ressourcen in jeder Hinsicht“, so Vorstandschef Oliver Stahl. „In nachfrageschwachen Zeiten wird schon erzeugter Strom in der Art eines virtuellen Pumpspeicherwerks auf Vorrat abgenommen. Und in Phasen mit Spitzenlasten kann auf den Einsatz von Reservekraftwerken verzichtet werden, weil große Stromverbraucher in dieser Zeit auf Abnahme bewusst verzichten. Insbesondere die teuren Gaskraftwerke müssen dann nicht mehr hoch gefahren werden. Auf Dauer können sogar Investitionen in zusätzliche Kraftwerke unterbleiben, wenn der Bestand intelligenter genutzt wird.“ Er hat sogar schon einen Begriff geprägt, der einmal ähnliche Wirkung wie der anfangs erwähnte „Kraftwerksblock“ entfalten könnte: „Die Zukunft gehört der nicht verbrauchten Energie, den Nega-Watts.“