Tandem

Gravecare: „Innovativ, praxisnah und lösungsorientiert“

Was ungewöhnlich klingt, verspricht viel Effizienz: das Friedhofsnavi „Gravecare“, eine App, entwickelt von sechs Studierenden der Informatik und Interaktiven Medien als Semesterprojekt.

Für das Projekt „Gravecare“ kooperierten die Gärtnerei Herbert Wörner GmbH und das HSA_innolab der Hochschule Augsburg. Die Beteiligten trafen sich in Augsburg am Protestantischen Friedhof zum Resümee.

Warum eine Friedhofs-App?

Herbert Wörner: Als Gärtnerei übernehmen wir für unsere Kunden die Grabpflege auf rund 40 Friedhöfen in und um Augsburg. Allein hier auf dem Protestantischen Friedhof betreuen wir rund 1.000 Gräber. Zudem ist er ein sehr alter Friedhof, nach der Reformation vor mehr als 500 Jahren eröffnet und dementsprechend eng und streckenweise unübersichtlich. Für die Mitarbeiter ist das Auffinden der Gräber

immer wieder eine Herausforderung, was viel Zeit kostet. Bei häufigen Namen wie Maier, Müller oder Huber wird auch schon mal das falsche Grab erwischt. Vor zwei Jahren dachte ich mir: Warum nicht die digitalen Möglichkeiten nutzen, um einen mobilen Navigator zu entwickeln, der die Mitarbeiter schnell und eindeutig zum Ziel führt?

Wie wurde das HSA_innolab involviert?

Prof. Dr.-Ing. Alexandra Teynor: Das liegt am Zweck des HSA_innolab selbst. Es wurde vor zwei Jahren mit Unterstützung des Zentrums Digitalisierung.Bayerns (ZD.B) gegründet und ermöglicht Studierenden, an innovativen Projekten zu aktuellen Fragestellungen der Digitalisierung mit externen Partnern zu arbeiten. Hier suchen wir besonders die Zusam­menarbeit mit der regionalen Wirtschaft. Wir haben das HSA_innolab auf verschiedenen Veranstaltungen vorgestellt, etwa bei der IHK Schwaben. Unternehmen können sich mit Themenvorschlägen an uns wenden, die wir – nach Prüfung auf Eignung – als Projektarbeiten ausschreiben. Die Studierenden können die für sie spannendsten Themen wählen. Im Fall des Friedhofsnavis begeisterten sich sechs Studierende, vier des Studiengangs Informatik und zwei der Interaktiven Medien, für die Sache.

Was reizt einen Studierenden, einen mobilen Friedhofsnavigator zu entwickeln?

Joshua Golde: Nun, erstmal die Tatsache, dass es sich um eine App handelt. Es ist spannend, größere Apps zu konzipieren, zu designen und zu programmieren, vor allem als praktische Semesterarbeit, die wir alle absolvieren müssen. Entscheidend dabei: Es ist keine Trockenübung, sondern eine reale Herausforderung, die den Partner aus der Wirtschaft weiterbringen soll. Für viele ist die Chance, an einem solchen Projekt zu arbeiten, sogar ein Grund, sich an der Hochschule Augsburg einzuschreiben. Und klar: Das Thema Friedhofsnavigator war zudem noch verlockend, weil so ungewöhnlich. Umso mehr aber ein Projekt mit viel Nutzen für die Gärtnerei.

Wofür soll der Friedhofsnavigator konkret eingesetzt werden?

Wörner: Es gibt zahlreiche denkbare Anwendungen: Zum Ersten natürlich, dass meine Mitarbeiter – ob Gärtner oder Floristen, die Blumenbestellungen zu den Gräbern bringen – zügig vor Ort sind. Wie gesagt, die Zeitersparnis allein lohnt den Aufwand. Zudem gibt es Situationen, in denen es schnell gehen muss, etwa im Hitzesommer 2018. Gießen war dringend nötig und bei 1.000 Gräbern hier war es tatsächlich eine Frage der Zeit, dass nicht zu viele Pflanzen litten. Weiterhin kann die App eine wichtige Dokumentationsfunktion übernehmen – wir fotografieren die Gräber nach jeder Pflege und Angehörige, selbst wenn sie im Ausland leben, sollen sich in Zukunft vom Zustand des Grabs überzeugen können. Selbst die Friedhofverwaltung hat bereits Interesse angemeldet, für Friedhofsführungen zum Beispiel. Hier auf dem Protestantischen Friedhof liegen so manche prominente historische Persönlichkeiten wie Elias Holl oder die Schaezlers. Und auch so mancher Grabstein, da sehr alt, ist eine Sehenswürdigkeit, die man mit der App zielsicher findet.

Ein Friedhofsnavigator, in dem alle Gräber verzeichnet sind – ist deren Erfassung nicht ein großer Aufwand?

Golde: Oh ja, wir erledigten zu Beginn ganz profan jene Arbeit, die die App später vermeiden soll: Wir suchten Gräber, um eine Datenbank aufzubauen. Und wir digitalisierten den Friedhofsplan, der bis dato nur analog vorlag. Um Tests mit Mitarbeitern der Firma Wörner durchführen zu können, erfassten wir rund 30 Beispielgräber. Hatten wir das Grab gefunden, wurde ein Foto mit GPS-Daten verbunden – ab da war es einfacher.

Wörner: Der Aufwand am Anfang ist tatsächlich groß. Um nach Projektabschluss die App weiterentwickeln lassen zu können, musste ich den gesamten Bestand der von uns gepflegten Gräber auf dem Protestantischen Friedhof und anderen Friedhöfen erfassen. Das geschah händisch und zu Fuß, im Frühjahr, wenn die Bäume unbelaubt waren, auch mit Unterstützung einer Drohne. Aber ich dachte mir, es ist ein einmaliger Aufwand, der sich lohnt. Und ich weiß, wie es geht, für potenziell weitere Apps auf anderen Friedhöfen.

Welchen Beitrag können praktische Semesterarbeiten für eine spätere reale Anwendung leisten? Welches Resümee ziehen Sie?

Teynor: Natürlich schaffen wir kein fertiges, sozusagen marktreifes Produkt. Doch die Semesterarbeiten legen wichtige Grundlagen wie die prinzipielle Frage, ob die Idee überhaupt umsetzbar ist. Dann entwickeln wir Prototypen, machen Designvorschläge und programmieren erste Softwarelösungen. Wichtig ist die enge Zusammenarbeit mit dem Partner aus der Wirtschaft, ein Engagement auf beiden Seiten. Wir arbeiten agil, heißt, wir entwickeln ein Produkt „stückchenweise“ und besprechen mit dem Partner regelmäßig den Arbeitsfortschritt. So kommt man auch auf Dinge, an die anfangs gar nicht gedacht wurde und die man dann gemeinsam weiterdenkt. Die Zusammenarbeit mit der Gärtnerei Wörner war in dieser Hinsicht perfekt.

Wörner: Dem kann ich zustimmen. Gerade das Schrittweise zeichnet die Hochschulkooperation aus, man lässt sich die Zeit, bleibt aber dennoch innovativ, praxisnah und lösungsorientiert. Ideen konnten diskutiert und überdacht werden. Das gemeinsame Entwickeln der App hat allen Beteiligten Spaß gemacht, und alle haben viel dabei gelernt. Ich konnte nach dem Projekt meine Idee besser einschätzen und wusste, dass ich auf einem richtigen Weg bin. Ich habe damit erhalten, was ich mir gewünscht hatte. Ein Softwareunternehmen entwickelt jetzt die App, für die die Studierenden eine tolle Vorarbeit geleistet und den wichtigen Grundstein gelegt haben, weiter.

Golde: Es ist schön, im Nachhinein zu sehen, welche Früchte die eigene Arbeit trägt. Da geht uns allen sechs Beteiligten so. Bereits die Perspektive, dass Herr Wörner die App tatsächlich Realität werden lassen wollte, hat zusätzlich motiviert. Es hat Spaß gemacht und ich denke, unsere Ergebnisse konnten sich sehen lassen. Einige aus unserem Team denken bereits darüber nach, sich später beruflich dem Entwickeln von Apps zu widmen.

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Für das Projekt „Gravecare“ kooperierten die Gärtnerei Herbert Wörner GmbH und das HSA_innolab der Hochschule Augsburg. Die Beteiligten trafen sich in Augsburg am Protestantischen Friedhof zum Resümee.

Warum eine Friedhofs-App?

Herbert Wörner: Als Gärtnerei übernehmen wir für unsere Kunden die Grabpflege auf rund 40 Friedhöfen in und um Augsburg. Allein hier auf dem Protestantischen Friedhof betreuen wir rund 1.000 Gräber. Zudem ist er ein sehr alter Friedhof, nach der Reformation vor mehr als 500 Jahren eröffnet und dementsprechend eng und streckenweise unübersichtlich. Für die Mitarbeiter ist das Auffinden der Gräber

immer wieder eine Herausforderung, was viel Zeit kostet. Bei häufigen Namen wie Maier, Müller oder Huber wird auch schon mal das falsche Grab erwischt. Vor zwei Jahren dachte ich mir: Warum nicht die digitalen Möglichkeiten nutzen, um einen mobilen Navigator zu entwickeln, der die Mitarbeiter schnell und eindeutig zum Ziel führt?

Wie wurde das HSA_innolab involviert?

Prof. Dr.-Ing. Alexandra Teynor: Das liegt am Zweck des HSA_innolab selbst. Es wurde vor zwei Jahren mit Unterstützung des Zentrums Digitalisierung.Bayerns (ZD.B) gegründet und ermöglicht Studierenden, an innovativen Projekten zu aktuellen Fragestellungen der Digitalisierung mit externen Partnern zu arbeiten. Hier suchen wir besonders die Zusam­menarbeit mit der regionalen Wirtschaft. Wir haben das HSA_innolab auf verschiedenen Veranstaltungen vorgestellt, etwa bei der IHK Schwaben. Unternehmen können sich mit Themenvorschlägen an uns wenden, die wir – nach Prüfung auf Eignung – als Projektarbeiten ausschreiben. Die Studierenden können die für sie spannendsten Themen wählen. Im Fall des Friedhofsnavis begeisterten sich sechs Studierende, vier des Studiengangs Informatik und zwei der Interaktiven Medien, für die Sache.

Was reizt einen Studierenden, einen mobilen Friedhofsnavigator zu entwickeln?

Joshua Golde: Nun, erstmal die Tatsache, dass es sich um eine App handelt. Es ist spannend, größere Apps zu konzipieren, zu designen und zu programmieren, vor allem als praktische Semesterarbeit, die wir alle absolvieren müssen. Entscheidend dabei: Es ist keine Trockenübung, sondern eine reale Herausforderung, die den Partner aus der Wirtschaft weiterbringen soll. Für viele ist die Chance, an einem solchen Projekt zu arbeiten, sogar ein Grund, sich an der Hochschule Augsburg einzuschreiben. Und klar: Das Thema Friedhofsnavigator war zudem noch verlockend, weil so ungewöhnlich. Umso mehr aber ein Projekt mit viel Nutzen für die Gärtnerei.

Wofür soll der Friedhofsnavigator konkret eingesetzt werden?

Wörner: Es gibt zahlreiche denkbare Anwendungen: Zum Ersten natürlich, dass meine Mitarbeiter – ob Gärtner oder Floristen, die Blumenbestellungen zu den Gräbern bringen – zügig vor Ort sind. Wie gesagt, die Zeitersparnis allein lohnt den Aufwand. Zudem gibt es Situationen, in denen es schnell gehen muss, etwa im Hitzesommer 2018. Gießen war dringend nötig und bei 1.000 Gräbern hier war es tatsächlich eine Frage der Zeit, dass nicht zu viele Pflanzen litten. Weiterhin kann die App eine wichtige Dokumentationsfunktion übernehmen – wir fotografieren die Gräber nach jeder Pflege und Angehörige, selbst wenn sie im Ausland leben, sollen sich in Zukunft vom Zustand des Grabs überzeugen können. Selbst die Friedhofverwaltung hat bereits Interesse angemeldet, für Friedhofsführungen zum Beispiel. Hier auf dem Protestantischen Friedhof liegen so manche prominente historische Persönlichkeiten wie Elias Holl oder die Schaezlers. Und auch so mancher Grabstein, da sehr alt, ist eine Sehenswürdigkeit, die man mit der App zielsicher findet.

Ein Friedhofsnavigator, in dem alle Gräber verzeichnet sind – ist deren Erfassung nicht ein großer Aufwand?

Golde: Oh ja, wir erledigten zu Beginn ganz profan jene Arbeit, die die App später vermeiden soll: Wir suchten Gräber, um eine Datenbank aufzubauen. Und wir digitalisierten den Friedhofsplan, der bis dato nur analog vorlag. Um Tests mit Mitarbeitern der Firma Wörner durchführen zu können, erfassten wir rund 30 Beispielgräber. Hatten wir das Grab gefunden, wurde ein Foto mit GPS-Daten verbunden – ab da war es einfacher.

Wörner: Der Aufwand am Anfang ist tatsächlich groß. Um nach Projektabschluss die App weiterentwickeln lassen zu können, musste ich den gesamten Bestand der von uns gepflegten Gräber auf dem Protestantischen Friedhof und anderen Friedhöfen erfassen. Das geschah händisch und zu Fuß, im Frühjahr, wenn die Bäume unbelaubt waren, auch mit Unterstützung einer Drohne. Aber ich dachte mir, es ist ein einmaliger Aufwand, der sich lohnt. Und ich weiß, wie es geht, für potenziell weitere Apps auf anderen Friedhöfen.

Welchen Beitrag können praktische Semesterarbeiten für eine spätere reale Anwendung leisten? Welches Resümee ziehen Sie?

Teynor: Natürlich schaffen wir kein fertiges, sozusagen marktreifes Produkt. Doch die Semesterarbeiten legen wichtige Grundlagen wie die prinzipielle Frage, ob die Idee überhaupt umsetzbar ist. Dann entwickeln wir Prototypen, machen Designvorschläge und programmieren erste Softwarelösungen. Wichtig ist die enge Zusammenarbeit mit dem Partner aus der Wirtschaft, ein Engagement auf beiden Seiten. Wir arbeiten agil, heißt, wir entwickeln ein Produkt „stückchenweise“ und besprechen mit dem Partner regelmäßig den Arbeitsfortschritt. So kommt man auch auf Dinge, an die anfangs gar nicht gedacht wurde und die man dann gemeinsam weiterdenkt. Die Zusammenarbeit mit der Gärtnerei Wörner war in dieser Hinsicht perfekt.

Wörner: Dem kann ich zustimmen. Gerade das Schrittweise zeichnet die Hochschulkooperation aus, man lässt sich die Zeit, bleibt aber dennoch innovativ, praxisnah und lösungsorientiert. Ideen konnten diskutiert und überdacht werden. Das gemeinsame Entwickeln der App hat allen Beteiligten Spaß gemacht, und alle haben viel dabei gelernt. Ich konnte nach dem Projekt meine Idee besser einschätzen und wusste, dass ich auf einem richtigen Weg bin. Ich habe damit erhalten, was ich mir gewünscht hatte. Ein Softwareunternehmen entwickelt jetzt die App, für die die Studierenden eine tolle Vorarbeit geleistet und den wichtigen Grundstein gelegt haben, weiter.

Golde: Es ist schön, im Nachhinein zu sehen, welche Früchte die eigene Arbeit trägt. Da geht uns allen sechs Beteiligten so. Bereits die Perspektive, dass Herr Wörner die App tatsächlich Realität werden lassen wollte, hat zusätzlich motiviert. Es hat Spaß gemacht und ich denke, unsere Ergebnisse konnten sich sehen lassen. Einige aus unserem Team denken bereits darüber nach, sich später beruflich dem Entwickeln von Apps zu widmen.

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