New Work in Bayerisch-Schwaben

Pioniere stellen Ihre Konzepte vor

Bei fly-tech können die Teams mit modernen Lösungen an den Ideen für ihre Kunden arbeiten. Foto: fly-tech
New Work ist hip! Und sicherlich auch ein wichtiger Baustein bei der Gewinnung von talentierten Fachkräften. Doch wie machen das die Unternehmen in Bayerisch-Schwaben in der Praxis? Einblicke hinter die Bürotüren.

Ein Begriff geistert aktuell durch die Chefetagen Bayerisch-Schwabens: „New Work“. Die, laut Duden, „Gesamtheit der modernen und flexiblen Formen der [Büro]arbeit bzw. der Arbeitsorganisation“, scheint der Schlüssel gegen den akuten Fachkräftemangel. Das Konzept soll ein wichtiger Baustein bei der Gewinnung junger Talente sein, die sich aufgrund ihrer Qualifikation den Traum­arbeitgeber aussuchen können. Zudem soll es Arbeitnehmern den Alltag erleichtern, sie an das Unternehmen binden und spielend leicht das kreative Potenzial und den Output heben. Ein dritter Aspekt ist sicherlich die Bedeutung für das Image als attraktiver, moderner und guter Arbeitgeber.

New Work: eine Vision geht den Weg in die Wiklichkeit

Der amerikanisch-österreichische Philosoph und Anthropologe Frithjof Bergmann war es, der bereits vor 40 Jahren eine Vision für New Work als Gegenmodell zur kapitalistisch geprägten Arbeits­welt schuf. Ursprünglich hat er sich allerdings eher mit der Frage beschäftigt, wie es mit dem beruflichen Alltag weitergeht, wenn die Automatisierung immer mehr Einzug in die Produktionshallen hält. Denn auch, wenn die Digitalisierung das Arbeiten leichter macht – ersetzen wird sie den Menschen nicht. Das wusste schon Bergmann. Daher sein Vorschlag: Die Hälfte des Tages wird am Fließband gearbeitet. Die Zeit, die die Menschen durch die Digitalisierung gewinnen, sollen sie mit Unterstützung des Arbeit­gebers dazu nutzen, ihre Berufung zu finden.

Heute hat sich aus der Idee von Bergmann ein Begriff entwickelt, der sich mit Ideen beschäftigt, wie man durch eine Neugestaltung von Arbeitszeit­modellen und -plätzen den Anforderungen der Arbeitnehmer entgegenkommen kann. Schlagworte wie „Sechs- Stunden-Tag“, „Vier-Tage-Woche“, „Home Office“, „Fluid Teams“ oder „Coworking“ schwirren in diesem Zusammenhang durch die ­Büros. Doch wie sieht der Alltag in Bayerisch-Schwabens Unternehmen aus? Der Energievesorger ­MAXENERGY, der Automobilzulieferer Faurecia und der Digitaldienstleister fly-tech haben ihre Türen geöffnet und einen Einblick in ihre „New-Work-Welt“ gegeben.

MAXENERGY: Raum für Menschen im Mittelpunkt von New Work

„Eines ist klar: Ein Obstkorb und schöne Möbel machen noch kein New Work“, sagt auch Bernd Neider, Geschäftsführer von MAXENERGY. „Aber eine durchdachte New-Work-Kultur ist meines Erachtens die einzig logische Antwort auf die sich wandelnde Arbeitswelt.“ Der Strom- und Gaslieferant, der in Deutschland und Österreich aktiv ist, hat 2018 seine Räumlichkeiten im 5. Stock des Sheridan Towers bezogen – und die Gelegenheit genutzt, ein modernes und ansprechendes Arbeitsklima zu schaffen.

Eine durchdachte New-Work-Kultur ist meines Erachtens die einzig logische Antwort auf die sich wandelnde Arbeitswelt.
Bernd Neider, MAXENERGY

Es sind viele Kleinigkeiten, die das Interieur zu etwas Besonderem machen: Schon beim Betreten fällt der angenehme Holzgeruch auf, den die dekorativen Latten von sich geben, die das Büro prägen: „Zirbenholz“, erklärt der Chef. „Es soll beruhigen und den Herzschlag senken – und einen regionalen Touch konnten wir so auch gleich in die Räume holen.“ Und tatsächlich: Betritt man die Räumlichkeiten, entfaltet das Zirbenholz auch bei Besuchern die Wirkung, die ihm nachgesagt wird.

Ruhe – trotz Großraum: durchdachte Innenraumkonzepte machen‘s möglich

Überhaupt strahlen Einrichtung und Atmosphäre eine erstaunliche Ruhe aus – und das, obwohl im Großraum die Telefone klingeln und Kollegen ihren Kunden beratend zur Seite stehen. Bei der Gestaltung half nicht nur ein Architekt, sondern auch die Experten des Sitzmöbelspezialisten Wagner-Living. Die modernen Bürostühle sind nicht nur optisch ein Hingucker. Ihr Bezug aus Filz schluckt den Schall und sorgt, genau wie der Teppichboden, für Ruhe, trotz Großraumbüro.

„Die Zeiten von Einzelbüros sind definitiv vorbei“

Denn Bernd Neider weiß: „Die Zeiten von Einzelbüros sind definitiv vorbei – Workbench ist gefragt.“ Also ein Tisch, an dem alle gemeinsam sitzen. Was für die Mitarbeiter nach dem Umzug zunächst eine Umstellung ist, ist für den Chef eine tolle Möglichkeit, die Kommunikation untereinander zu fördern. Auch der MAXENERGY-Chef sitzt im Großraum – wenngleich ein bisschen abseits, genau wie die sensiblen Abteilungen Personal und Buchhaltung.

Im Großraum gibt es kleine Stehinseln: ein Tisch und zwei Hocker. An einer diskutieren zwei Kollegen über Exceltabellen, im Besprechungsraum gegenüber haben vier Mitarbeiter in bequemen ­Ohrensesseln Platz genommen und besprechen Strompreisentwicklungen. Im kleinsten Rückzugsraum wird zur gleichen Zeit ein offensichtlich anstrengendes Telefonat geführt und vis à vis im Café sitzen zwei bei einem Cappuccino zusammen und sprechen über die Schulfortschritte ihrer Kids. „Auch das ist New Work: Weg vom Schreibtisch, ab ins Kollegengetümmel“, sagt der Chef. Da kann es schon mal sein, dass eine Besprechung des ­Führungsteams im Stehen stattfindet oder man sich draußen ins Gras setzt und bei Sonnenschein über die künftige Strategie diskutiert. „Manchmal muss man einfach eine andere Perspektive einnehmen, um ein Problem zu lösen und neu denken zu können“, sagt er.

Einfach mal Mut zum Neuen haben

Neudenken. Umdenken. Andersdenken. Das ist es, was Bernd Neider tat, als er sich mit dem Thema New Work beschäftigt hat. „Man muss sich ständig selbst hinterfragen, mit offenen Augen und Ohren durch die Welt gehen, Erfolgreiches adaptieren und einfach mal den Mut haben, Neues auszuprobieren.“

Von den Mitarbeitern ist in der neuen Arbeitswelt vor allem eines gefragt: ein hohes Maß an Eigenmotivation und Disziplin – dafür gibt es auch Freiheiten. „Ob jemand 9 to 5 an seinem Schreibtisch sitzt ist für mich nicht relevant. Wenn ein alleinerziehender Elternteil früher gehen muss, um das Kind abzuholen, dann soll er oder sie das tun – und später einfach mit freiem Kopf im Home Office weiterarbeiten“, erzählt Bernd Neider.

Doch mit maximaler Freiheit kann nicht jeder umgehen. Eigenverantwortliches Arbeiten ist nicht jedermanns Sache. Hier müsse man jeden einzelnen Kollegen im Blick behalten und den einen etwas enger, den anderen etwas lockerer führen. „Denn eines darf man nicht vergessen: Auch wenn es ,New‘ ist, so bleibt es doch am Ende ,Work‘. Und da gibt es wirtschaftliche Ziele, die es zu erreichen gilt und die am Ende Einer verantworten muss.“

Faurecia: Flexible Umgebung für freie Geister

Jahrelang war das schicke Einzelbüro ein Statussymbol für viele Unternehmenslenker aber die Zeiten sind meiner Meinung nach vorbei
Carl Mannhardt, faurecia

Ein Trend zeichnet sich jedoch klar ab: vom „eigenen Reich“ Schreibtisch können sich die Arbeitnehmer langsam verabschieden. Großraumbüros, die durch clevere Konzepte zu einer Art multifunktionaler Fläche werden und so effizientes und angenehmes Arbeiten mit maximaler Flächenausbeute verbinden. Ein gelungenes Beispiel hierfür findet man auch beim Automobilzulieferer Faurecia. Einen eigenen Schreibtisch hat hier keiner mehr – wirklich keiner mehr: Carl Mannhardt, Director Business ­Development Europe und Standortleiter Augsburg bei Faurecia sucht sich auch, genau wie seine Mitarbeiter, jeden Morgen einen neuen Arbeitsplatz. Der Standortleiter, der für 1.500 Mitarbeiter verantwortlich ist, hat vor gut einem Jahr ein umfassendes New-Work- Konzept am Standort umgesetzt – und lebt es selbst mit Begeisterung vor. „Jahrelang war das schicke Einzelbüro ein Statussymbol für viele Unternehmenslenker“, weiß Carl Mannhardt, „aber die Zeiten sind meiner Meinung nach vorbei.“

Denn wer den Mitarbeitern auf Augenhöhe begegnen und das Miteinander im Team fördern will, muss sich auch mittenrein begeben ins Team. „Unser Unternehmen ist seit seiner Gründung 1875 einem ständigen Wandel unterlegen und muss sich permanent auf neue Marktgegebenheiten einstellen.“

„Telefonzelle“ mit iPhone und Headset

Vor etwa einem Jahr hat eine neue Art zu arbeiten bei Faurecia Einzug gehalten. Aktuell werden nach und nach alle Abteilungen auf die neue Arbeitswelt umgestellt. Betritt man den Großraum herrscht vor allem eins: Ruhe – und das obwohl kräftig telefoniert, getippt und gemeeted wird: „Ein ausgeklügeltes Schallschutzkonzept machts möglich“, erklärt Carl Mannhardt. Beispielsweise sind an den ­Wänden spezielle Verkleidungen angebracht. Sie schlucken jedes Wort. Außerdem gilt: telefonieren bitte in den kleinen, abgeschlossenen Kabinen. Mit Headset auf dem Kopf und iPhone in der Hand ­stehen die Kollegen an Hochtischen und diskutieren engagiert mit ihren Gesprächspartnern an der anderen ­Leitung.

Raus aus der Komfortzone und Weiterdenken

Passend zur Dynamik, die im jungen Team bei ­Faurecia herrscht, sollen auch die Arbeitsplätze ­gestaltet sein. Wer zu lange an einem Platz verweilt, richtet es sich meist heimelig ein. Doch wer weiterdenken will, muss sich aus der Komfortzone ­begeben. Deswegen auch der Wechsel der Schreibtische: Heute Vormittag ein Plätzchen am Hochtisch, nachmittags in die Kreativzelle und dann zum Meeting in die Lounge. Damit der schnelle Wechsel der Tische auch reibungslos funktioniert, gibt es eine Clean-Desk-Policy. Papierberge und das Kaffeegeschirr vom Vortag haben bei Faurecia keine Chance.

Wenn sich die Kollegen zusammensetzen, können sie das in verschiedenen Atmosphären tun: Entweder klassisch, an einem langen Tisch zusammensitzen oder in gemütlicher Loung- Atmosphäre, die das kreative Arbeiten unterstützt. Ein großer Touchscreen gehört aber immer mit dazu. Hell ist es überall, denn bodentiefe Glasfronten lassen das angenehme Tageslicht jeden Raum erleuchten. Die helle Atmosphäre wird durch ein frisches Grün unterstützt, das die Innenarchitektur dominiert. „Unser Motto ist: Clean Mobility – mit unseren Abgassystemen in eine grüne Zukunft“, und diese Vision sollte sich auch in den Farben der Büros widerspiegeln“, erklärt Standortleiter Carl Mannhardt.

Doch New Work heißt bei Faurecia auch: Die Mitarbeiter in Bewegung bringen. Gemeinsam mit der AOK werden Sportkurse, wie Yoga und Rückenschule angeboten. Wer sich gerne im Fitnessstudio auspowert, der bekommt hier von der Firma einen Zuschuss. Und frei nach dem Motto „An Apple a day keeps the doctor away“, gibt es Gratis-Äpfel für die Mitarbeiter. Nur ein Baustein von vielen im New-Work- Konzept des internationalen Konzerns.

New Work in Bayerisch-Schwaben: Arbeit neu gedacht

Insgesamt zeigt sich: Ein radikales Umwerfen bestehender Strukturen ist nicht der richtige Weg. Denn die Mitarbeiter aus ihren gewohnten Strukturen zu reißen, kann Vorteile haben – kann aber auch zu Demotivation führen, wenn man sie auf dem Weg zur New Work nicht mitnimmt. Bei MAXENERGY, Faurecia und fly-tech haben die Chefs geschafft, ­ihren Spirit an die Mitarbeiter weiterzugeben und den neuen Weg im Team zu gehen. Jedes Unternehmen auf die Art, die am besten zu ihm passt. Die Vier-Tage-Woche oder der Sechs-Stunden-Tag ­können noch kommen – braucht aber eigentlich keiner, wenn er sich an seinem Arbeitsplatz wohl- und verstanden fühlt und sein eigenes Arbeits­tempo leben kann. 

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Ein Begriff geistert aktuell durch die Chefetagen Bayerisch-Schwabens: „New Work“. Die, laut Duden, „Gesamtheit der modernen und flexiblen Formen der [Büro]arbeit bzw. der Arbeitsorganisation“, scheint der Schlüssel gegen den akuten Fachkräftemangel. Das Konzept soll ein wichtiger Baustein bei der Gewinnung junger Talente sein, die sich aufgrund ihrer Qualifikation den Traum­arbeitgeber aussuchen können. Zudem soll es Arbeitnehmern den Alltag erleichtern, sie an das Unternehmen binden und spielend leicht das kreative Potenzial und den Output heben. Ein dritter Aspekt ist sicherlich die Bedeutung für das Image als attraktiver, moderner und guter Arbeitgeber.

New Work: eine Vision geht den Weg in die Wiklichkeit

Der amerikanisch-österreichische Philosoph und Anthropologe Frithjof Bergmann war es, der bereits vor 40 Jahren eine Vision für New Work als Gegenmodell zur kapitalistisch geprägten Arbeits­welt schuf. Ursprünglich hat er sich allerdings eher mit der Frage beschäftigt, wie es mit dem beruflichen Alltag weitergeht, wenn die Automatisierung immer mehr Einzug in die Produktionshallen hält. Denn auch, wenn die Digitalisierung das Arbeiten leichter macht – ersetzen wird sie den Menschen nicht. Das wusste schon Bergmann. Daher sein Vorschlag: Die Hälfte des Tages wird am Fließband gearbeitet. Die Zeit, die die Menschen durch die Digitalisierung gewinnen, sollen sie mit Unterstützung des Arbeit­gebers dazu nutzen, ihre Berufung zu finden.

Heute hat sich aus der Idee von Bergmann ein Begriff entwickelt, der sich mit Ideen beschäftigt, wie man durch eine Neugestaltung von Arbeitszeit­modellen und -plätzen den Anforderungen der Arbeitnehmer entgegenkommen kann. Schlagworte wie „Sechs- Stunden-Tag“, „Vier-Tage-Woche“, „Home Office“, „Fluid Teams“ oder „Coworking“ schwirren in diesem Zusammenhang durch die ­Büros. Doch wie sieht der Alltag in Bayerisch-Schwabens Unternehmen aus? Der Energievesorger ­MAXENERGY, der Automobilzulieferer Faurecia und der Digitaldienstleister fly-tech haben ihre Türen geöffnet und einen Einblick in ihre „New-Work-Welt“ gegeben.

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„Eines ist klar: Ein Obstkorb und schöne Möbel machen noch kein New Work“, sagt auch Bernd Neider, Geschäftsführer von MAXENERGY. „Aber eine durchdachte New-Work-Kultur ist meines Erachtens die einzig logische Antwort auf die sich wandelnde Arbeitswelt.“ Der Strom- und Gaslieferant, der in Deutschland und Österreich aktiv ist, hat 2018 seine Räumlichkeiten im 5. Stock des Sheridan Towers bezogen – und die Gelegenheit genutzt, ein modernes und ansprechendes Arbeitsklima zu schaffen.

Eine durchdachte New-Work-Kultur ist meines Erachtens die einzig logische Antwort auf die sich wandelnde Arbeitswelt.
Bernd Neider, MAXENERGY

Es sind viele Kleinigkeiten, die das Interieur zu etwas Besonderem machen: Schon beim Betreten fällt der angenehme Holzgeruch auf, den die dekorativen Latten von sich geben, die das Büro prägen: „Zirbenholz“, erklärt der Chef. „Es soll beruhigen und den Herzschlag senken – und einen regionalen Touch konnten wir so auch gleich in die Räume holen.“ Und tatsächlich: Betritt man die Räumlichkeiten, entfaltet das Zirbenholz auch bei Besuchern die Wirkung, die ihm nachgesagt wird.

Ruhe – trotz Großraum: durchdachte Innenraumkonzepte machen‘s möglich

Überhaupt strahlen Einrichtung und Atmosphäre eine erstaunliche Ruhe aus – und das, obwohl im Großraum die Telefone klingeln und Kollegen ihren Kunden beratend zur Seite stehen. Bei der Gestaltung half nicht nur ein Architekt, sondern auch die Experten des Sitzmöbelspezialisten Wagner-Living. Die modernen Bürostühle sind nicht nur optisch ein Hingucker. Ihr Bezug aus Filz schluckt den Schall und sorgt, genau wie der Teppichboden, für Ruhe, trotz Großraumbüro.

„Die Zeiten von Einzelbüros sind definitiv vorbei“

Denn Bernd Neider weiß: „Die Zeiten von Einzelbüros sind definitiv vorbei – Workbench ist gefragt.“ Also ein Tisch, an dem alle gemeinsam sitzen. Was für die Mitarbeiter nach dem Umzug zunächst eine Umstellung ist, ist für den Chef eine tolle Möglichkeit, die Kommunikation untereinander zu fördern. Auch der MAXENERGY-Chef sitzt im Großraum – wenngleich ein bisschen abseits, genau wie die sensiblen Abteilungen Personal und Buchhaltung.

Im Großraum gibt es kleine Stehinseln: ein Tisch und zwei Hocker. An einer diskutieren zwei Kollegen über Exceltabellen, im Besprechungsraum gegenüber haben vier Mitarbeiter in bequemen ­Ohrensesseln Platz genommen und besprechen Strompreisentwicklungen. Im kleinsten Rückzugsraum wird zur gleichen Zeit ein offensichtlich anstrengendes Telefonat geführt und vis à vis im Café sitzen zwei bei einem Cappuccino zusammen und sprechen über die Schulfortschritte ihrer Kids. „Auch das ist New Work: Weg vom Schreibtisch, ab ins Kollegengetümmel“, sagt der Chef. Da kann es schon mal sein, dass eine Besprechung des ­Führungsteams im Stehen stattfindet oder man sich draußen ins Gras setzt und bei Sonnenschein über die künftige Strategie diskutiert. „Manchmal muss man einfach eine andere Perspektive einnehmen, um ein Problem zu lösen und neu denken zu können“, sagt er.

Einfach mal Mut zum Neuen haben

Neudenken. Umdenken. Andersdenken. Das ist es, was Bernd Neider tat, als er sich mit dem Thema New Work beschäftigt hat. „Man muss sich ständig selbst hinterfragen, mit offenen Augen und Ohren durch die Welt gehen, Erfolgreiches adaptieren und einfach mal den Mut haben, Neues auszuprobieren.“

Von den Mitarbeitern ist in der neuen Arbeitswelt vor allem eines gefragt: ein hohes Maß an Eigenmotivation und Disziplin – dafür gibt es auch Freiheiten. „Ob jemand 9 to 5 an seinem Schreibtisch sitzt ist für mich nicht relevant. Wenn ein alleinerziehender Elternteil früher gehen muss, um das Kind abzuholen, dann soll er oder sie das tun – und später einfach mit freiem Kopf im Home Office weiterarbeiten“, erzählt Bernd Neider.

Doch mit maximaler Freiheit kann nicht jeder umgehen. Eigenverantwortliches Arbeiten ist nicht jedermanns Sache. Hier müsse man jeden einzelnen Kollegen im Blick behalten und den einen etwas enger, den anderen etwas lockerer führen. „Denn eines darf man nicht vergessen: Auch wenn es ,New‘ ist, so bleibt es doch am Ende ,Work‘. Und da gibt es wirtschaftliche Ziele, die es zu erreichen gilt und die am Ende Einer verantworten muss.“

Faurecia: Flexible Umgebung für freie Geister

Jahrelang war das schicke Einzelbüro ein Statussymbol für viele Unternehmenslenker aber die Zeiten sind meiner Meinung nach vorbei
Carl Mannhardt, faurecia

Ein Trend zeichnet sich jedoch klar ab: vom „eigenen Reich“ Schreibtisch können sich die Arbeitnehmer langsam verabschieden. Großraumbüros, die durch clevere Konzepte zu einer Art multifunktionaler Fläche werden und so effizientes und angenehmes Arbeiten mit maximaler Flächenausbeute verbinden. Ein gelungenes Beispiel hierfür findet man auch beim Automobilzulieferer Faurecia. Einen eigenen Schreibtisch hat hier keiner mehr – wirklich keiner mehr: Carl Mannhardt, Director Business ­Development Europe und Standortleiter Augsburg bei Faurecia sucht sich auch, genau wie seine Mitarbeiter, jeden Morgen einen neuen Arbeitsplatz. Der Standortleiter, der für 1.500 Mitarbeiter verantwortlich ist, hat vor gut einem Jahr ein umfassendes New-Work- Konzept am Standort umgesetzt – und lebt es selbst mit Begeisterung vor. „Jahrelang war das schicke Einzelbüro ein Statussymbol für viele Unternehmenslenker“, weiß Carl Mannhardt, „aber die Zeiten sind meiner Meinung nach vorbei.“

Denn wer den Mitarbeitern auf Augenhöhe begegnen und das Miteinander im Team fördern will, muss sich auch mittenrein begeben ins Team. „Unser Unternehmen ist seit seiner Gründung 1875 einem ständigen Wandel unterlegen und muss sich permanent auf neue Marktgegebenheiten einstellen.“

„Telefonzelle“ mit iPhone und Headset

Vor etwa einem Jahr hat eine neue Art zu arbeiten bei Faurecia Einzug gehalten. Aktuell werden nach und nach alle Abteilungen auf die neue Arbeitswelt umgestellt. Betritt man den Großraum herrscht vor allem eins: Ruhe – und das obwohl kräftig telefoniert, getippt und gemeeted wird: „Ein ausgeklügeltes Schallschutzkonzept machts möglich“, erklärt Carl Mannhardt. Beispielsweise sind an den ­Wänden spezielle Verkleidungen angebracht. Sie schlucken jedes Wort. Außerdem gilt: telefonieren bitte in den kleinen, abgeschlossenen Kabinen. Mit Headset auf dem Kopf und iPhone in der Hand ­stehen die Kollegen an Hochtischen und diskutieren engagiert mit ihren Gesprächspartnern an der anderen ­Leitung.

Raus aus der Komfortzone und Weiterdenken

Passend zur Dynamik, die im jungen Team bei ­Faurecia herrscht, sollen auch die Arbeitsplätze ­gestaltet sein. Wer zu lange an einem Platz verweilt, richtet es sich meist heimelig ein. Doch wer weiterdenken will, muss sich aus der Komfortzone ­begeben. Deswegen auch der Wechsel der Schreibtische: Heute Vormittag ein Plätzchen am Hochtisch, nachmittags in die Kreativzelle und dann zum Meeting in die Lounge. Damit der schnelle Wechsel der Tische auch reibungslos funktioniert, gibt es eine Clean-Desk-Policy. Papierberge und das Kaffeegeschirr vom Vortag haben bei Faurecia keine Chance.

Wenn sich die Kollegen zusammensetzen, können sie das in verschiedenen Atmosphären tun: Entweder klassisch, an einem langen Tisch zusammensitzen oder in gemütlicher Loung- Atmosphäre, die das kreative Arbeiten unterstützt. Ein großer Touchscreen gehört aber immer mit dazu. Hell ist es überall, denn bodentiefe Glasfronten lassen das angenehme Tageslicht jeden Raum erleuchten. Die helle Atmosphäre wird durch ein frisches Grün unterstützt, das die Innenarchitektur dominiert. „Unser Motto ist: Clean Mobility – mit unseren Abgassystemen in eine grüne Zukunft“, und diese Vision sollte sich auch in den Farben der Büros widerspiegeln“, erklärt Standortleiter Carl Mannhardt.

Doch New Work heißt bei Faurecia auch: Die Mitarbeiter in Bewegung bringen. Gemeinsam mit der AOK werden Sportkurse, wie Yoga und Rückenschule angeboten. Wer sich gerne im Fitnessstudio auspowert, der bekommt hier von der Firma einen Zuschuss. Und frei nach dem Motto „An Apple a day keeps the doctor away“, gibt es Gratis-Äpfel für die Mitarbeiter. Nur ein Baustein von vielen im New-Work- Konzept des internationalen Konzerns.

New Work in Bayerisch-Schwaben: Arbeit neu gedacht

Insgesamt zeigt sich: Ein radikales Umwerfen bestehender Strukturen ist nicht der richtige Weg. Denn die Mitarbeiter aus ihren gewohnten Strukturen zu reißen, kann Vorteile haben – kann aber auch zu Demotivation führen, wenn man sie auf dem Weg zur New Work nicht mitnimmt. Bei MAXENERGY, Faurecia und fly-tech haben die Chefs geschafft, ­ihren Spirit an die Mitarbeiter weiterzugeben und den neuen Weg im Team zu gehen. Jedes Unternehmen auf die Art, die am besten zu ihm passt. Die Vier-Tage-Woche oder der Sechs-Stunden-Tag ­können noch kommen – braucht aber eigentlich keiner, wenn er sich an seinem Arbeitsplatz wohl- und verstanden fühlt und sein eigenes Arbeits­tempo leben kann. 

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