Blick hinter den Bauzaun Teil 7: Ilona Hinzmann

New Work – Der Chef muss eine gesunde Arbeitswelt vorleben

Ilona Hinzmann, Coach, Mediatorin, Familientherapeutin, Suchtberaterin. Foto: Nikolas Luis Anton Hagele
New Work heißt nicht nur, ein neuer Umgang mit Arbeitszeiten und Innenarchitektur. Es heißt auch, die Gesundheit der Mitarbeiter im Blick zu behalten. Wie erklärt Gesundheitsexpertin Ilona Hinzmann. Inklusive Checkliste: Mögliche Signale, dass die Work-Life-Balance des Mitarbeiters aus dem Gleichgewicht geraten ist.

B4B WIRTSCHAFTSLEBEN SCHWABEN: Frau Hinzmann, wie können Arbeitgeber ihre Arbeitnehmer beim Erhalt einer guten Work-Life-Balance unterstützen?

Ilona Hinzmann: Indem sie Modelle zur Arbeitszeitflexibilisierung, Homeoffice, Sabatticals, Pflegezeiten und Angebote zur Kinderbetreuung anbieten. Zudem müssen Führungskräfte auf persönliche Lebenssituationen Rücksicht nehmen. Überstunden sollten die Ausnahme sein und Arbeitszeiten eingehalten werden. Die permanente Erreichbarkeit von Mitarbeitern muss gestoppt und Ausnahmen klar geregelt werden. Auch mit einem gut funktionierenden Gesundheitsmanagement und Gesundheitsangeboten können Arbeitgeber viel zur Work-Life-Balance beitragen.

Soviel zu den Rahmenbedingungen. Und was kann die Führungskraft ganz persönlich tun?

Ein ganz wichtiger Punkt ist Wertschätzung. Diese beinhaltet eine respektvolle Kommunikation, Achtsamkeit, Authentizität und das Handeln zum Wohle aller. Auch Wohlwollen, Zugewandtheit, Interesse, gegenseitige Anerkennung und Respekt, Offenheit und Ehrlichkeit spielen mit rein. Es bedeutet nicht, Mitarbeiter zu tätscheln, damit sie besser funktionieren und produktiver sind. Wertschätzung ist eine innere Haltung, sie ist wirkliches und authentisches Agieren auf Augenhöhe, es ist ein Denken und Handeln, das auf humanitären Werten basiert. Und ganz wichtig: Wertschätzung muss von oben (vor)gelebt und von allen Führungskräften eingefordert werden.

Welche Gesundheitsangebote werden Ihrer Erfahrung nach besonders gut angenommen und welche können kostengünstig und schnell eingeführt werden?

Gesundheitstage, die von den Krankenkassen unterstützt werden, sind kostengünstig und kommen immer gut an. Ebenso Aktionen wie „Mit dem Rad zur Arbeit“ und Firmenläufe. Auch Sport- und Entspannungsangebote werden gerne angenommen. Voraussetzung ist allerdings, dass dies auch von Führungskräften aktiv unterstützt und vorgelebt wird. Wenn es solche Angebote gibt, brauchen die Mitarbeiter Zeit, um sie wahrzunehmen. Auch wird kaum jemand teilnehmen, wenn er „schief angeschaut“ wird oder sich Kommentare wie „Musst Du schon wieder dorthin?“ anhören muss.

Auf großes Interesse stoßen auch Seminarangebote zu den Themen „Sucht“ und „Körperliche und geistige Fitness“. Für Arbeitgeber ist das eine gute Investition, denn er bekommt dafür gesündere und zufriedenere Mitarbeiter. Außerdem wird die Förderung der Mitarbeitergesundheit steuerlich begünstigt (Paragraf 3 Nr. 34 Einkommensteuergesetz, EStG).

Der Generation Y wird ja gerne nachgesagt, dass sie nicht mehr so stressresistent ist, wie ihre älteren Kollegen. Ist da aus Ihrer Sicht etwas dran?

Ich sehe das nicht so. Diese Generation ist hoch motiviert, hat aber bestimmte Vorstellungen von Arbeit und Leben. Sie legen Wert auf eine sinnstiftende, nachhaltige und transparente Arbeit, fordern mehr Selbstbestimmung ein und stellen Hierarchien in Frage. Sie wollen selbst denken und handeln sowie eigenverantwortlich, mobil und flexibel arbeiten. Die Generation Y zeigt Leistung, will aber auch Lebensgenuss, Glück ist ihr wichtiger als Geld. Den Generationen davor ist das eher fremd – für sie zählte immer nur Leistung. Geld und Karriere waren wichtiger als alles andere. Klar, dass die „Jungen“ da misstrauisch beäugt werden und sich Vorurteile breitmachen.

Wie kann man die Generation motivieren, doch an die „Stressgrenze“ zu gehen?

Es ist meiner Meinung nach nicht nötig, dass diese Generation an ihre Stressgrenze geht. Das haben Vorgängergenerationen zur Genüge getan, mit dem Ergebnis, dass psychische Probleme und Erkrankungen extrem zugenommen haben. Depression und Burnout sind zur Volkskrankheit Nummer eins geworden. Laut WHO (Weltgesundheitsorganisation) zählt Stress zu „einer der größten Gesundheitsgefahren des 21. Jahrhunderts“. Den Unternehmen entstehen damit hohe Kosten. Wollen wir da wirklich so weitermachen und den Kopf über die Generation Y schütteln, oder uns vielleicht doch lieber das ein oder andere von ihr abschauen?

Neben der körperlichen spielt auch die mentale Fitness eine wichtige Rolle bei der Zufriedenheit der Mitarbeiter. Wie kann man sich mental fit halten, um im Job das Beste zu geben?

Körperliche und mentale Fitness hängen eng zusammen. Für die Erhaltung unserer mentalen Fitness benötigen wir Bewegung und Sauerstoff. Leistung braucht aber auch Entspannung. Wer mental fit bleiben will, muss sich auch erholen können. Nur wenn wir Körper und Geist regelmäßig Ruhepausen gönnen, bleiben sie funktionsfähig und laufen „störungsfrei“. Äußerst wirkungsvoll ist dabei regelmäßiger und ausreichender Schlaf, aber auch kleine „Auszeiten im Arbeitsalltag“ sowie verschiedene Entspannungsverfahren.

Welche Rolle spielt hier das Thema Ernährung?

Unsere Ernährung hat ebenfalls großen Einfluss auf die mentale Fitness. Essentielle Fettsäuren, komplexe Kohlenhydrate, Vitamine, Mineralstoffe, Aminosäuren und ausreichend Flüssigkeitszufuhr (kein Alkohol) wirken sich positiv auf unsere Gesundheit aus. Sie lassen unser Gehirn zur Höchstform auflaufen, steigern unser Konzentrations- und Lernvermögen, halten uns geistig fit und machen uns stressresistenter.

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Ilona Hinzmann: Indem sie Modelle zur Arbeitszeitflexibilisierung, Homeoffice, Sabatticals, Pflegezeiten und Angebote zur Kinderbetreuung anbieten. Zudem müssen Führungskräfte auf persönliche Lebenssituationen Rücksicht nehmen. Überstunden sollten die Ausnahme sein und Arbeitszeiten eingehalten werden. Die permanente Erreichbarkeit von Mitarbeitern muss gestoppt und Ausnahmen klar geregelt werden. Auch mit einem gut funktionierenden Gesundheitsmanagement und Gesundheitsangeboten können Arbeitgeber viel zur Work-Life-Balance beitragen.

Soviel zu den Rahmenbedingungen. Und was kann die Führungskraft ganz persönlich tun?

Ein ganz wichtiger Punkt ist Wertschätzung. Diese beinhaltet eine respektvolle Kommunikation, Achtsamkeit, Authentizität und das Handeln zum Wohle aller. Auch Wohlwollen, Zugewandtheit, Interesse, gegenseitige Anerkennung und Respekt, Offenheit und Ehrlichkeit spielen mit rein. Es bedeutet nicht, Mitarbeiter zu tätscheln, damit sie besser funktionieren und produktiver sind. Wertschätzung ist eine innere Haltung, sie ist wirkliches und authentisches Agieren auf Augenhöhe, es ist ein Denken und Handeln, das auf humanitären Werten basiert. Und ganz wichtig: Wertschätzung muss von oben (vor)gelebt und von allen Führungskräften eingefordert werden.

Welche Gesundheitsangebote werden Ihrer Erfahrung nach besonders gut angenommen und welche können kostengünstig und schnell eingeführt werden?

Gesundheitstage, die von den Krankenkassen unterstützt werden, sind kostengünstig und kommen immer gut an. Ebenso Aktionen wie „Mit dem Rad zur Arbeit“ und Firmenläufe. Auch Sport- und Entspannungsangebote werden gerne angenommen. Voraussetzung ist allerdings, dass dies auch von Führungskräften aktiv unterstützt und vorgelebt wird. Wenn es solche Angebote gibt, brauchen die Mitarbeiter Zeit, um sie wahrzunehmen. Auch wird kaum jemand teilnehmen, wenn er „schief angeschaut“ wird oder sich Kommentare wie „Musst Du schon wieder dorthin?“ anhören muss.

Auf großes Interesse stoßen auch Seminarangebote zu den Themen „Sucht“ und „Körperliche und geistige Fitness“. Für Arbeitgeber ist das eine gute Investition, denn er bekommt dafür gesündere und zufriedenere Mitarbeiter. Außerdem wird die Förderung der Mitarbeitergesundheit steuerlich begünstigt (Paragraf 3 Nr. 34 Einkommensteuergesetz, EStG).

Der Generation Y wird ja gerne nachgesagt, dass sie nicht mehr so stressresistent ist, wie ihre älteren Kollegen. Ist da aus Ihrer Sicht etwas dran?

Ich sehe das nicht so. Diese Generation ist hoch motiviert, hat aber bestimmte Vorstellungen von Arbeit und Leben. Sie legen Wert auf eine sinnstiftende, nachhaltige und transparente Arbeit, fordern mehr Selbstbestimmung ein und stellen Hierarchien in Frage. Sie wollen selbst denken und handeln sowie eigenverantwortlich, mobil und flexibel arbeiten. Die Generation Y zeigt Leistung, will aber auch Lebensgenuss, Glück ist ihr wichtiger als Geld. Den Generationen davor ist das eher fremd – für sie zählte immer nur Leistung. Geld und Karriere waren wichtiger als alles andere. Klar, dass die „Jungen“ da misstrauisch beäugt werden und sich Vorurteile breitmachen.

Wie kann man die Generation motivieren, doch an die „Stressgrenze“ zu gehen?

Es ist meiner Meinung nach nicht nötig, dass diese Generation an ihre Stressgrenze geht. Das haben Vorgängergenerationen zur Genüge getan, mit dem Ergebnis, dass psychische Probleme und Erkrankungen extrem zugenommen haben. Depression und Burnout sind zur Volkskrankheit Nummer eins geworden. Laut WHO (Weltgesundheitsorganisation) zählt Stress zu „einer der größten Gesundheitsgefahren des 21. Jahrhunderts“. Den Unternehmen entstehen damit hohe Kosten. Wollen wir da wirklich so weitermachen und den Kopf über die Generation Y schütteln, oder uns vielleicht doch lieber das ein oder andere von ihr abschauen?

Neben der körperlichen spielt auch die mentale Fitness eine wichtige Rolle bei der Zufriedenheit der Mitarbeiter. Wie kann man sich mental fit halten, um im Job das Beste zu geben?

Körperliche und mentale Fitness hängen eng zusammen. Für die Erhaltung unserer mentalen Fitness benötigen wir Bewegung und Sauerstoff. Leistung braucht aber auch Entspannung. Wer mental fit bleiben will, muss sich auch erholen können. Nur wenn wir Körper und Geist regelmäßig Ruhepausen gönnen, bleiben sie funktionsfähig und laufen „störungsfrei“. Äußerst wirkungsvoll ist dabei regelmäßiger und ausreichender Schlaf, aber auch kleine „Auszeiten im Arbeitsalltag“ sowie verschiedene Entspannungsverfahren.

Welche Rolle spielt hier das Thema Ernährung?

Unsere Ernährung hat ebenfalls großen Einfluss auf die mentale Fitness. Essentielle Fettsäuren, komplexe Kohlenhydrate, Vitamine, Mineralstoffe, Aminosäuren und ausreichend Flüssigkeitszufuhr (kein Alkohol) wirken sich positiv auf unsere Gesundheit aus. Sie lassen unser Gehirn zur Höchstform auflaufen, steigern unser Konzentrations- und Lernvermögen, halten uns geistig fit und machen uns stressresistenter.

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