Baugeschichte – Damals und Heute | Teil 5

DIERIG: Umzug, Wiederaufbau und Wandel eines Textilkonzerns

Vorstand Benjamin Dierig erzählt, wie einer der einst größten Arbeitgeber der Stadt in den Süden kam, Augsburg prägte und sich dem Wandel der Zeit anpassen musste. Wo Dierig seine Spuren in der Fuggerstadt hinterlassen hat, lesen Sie im fünften Teil von „Baugeschichte – Damals und Heute“.

Über 200 Jahre ist es her, dass Christian Gottlob Dierig das Unternehmen gründete. Den Grundstein für den heutigen Konzern legte er 1805 in Langenbielau (Schlesien) als textiles Verlagsgeschäft. Gut hundert Jahre nannte das Unternehmen ausschließlich die Region nahe Breslau seine Heimat, stellte 1830 die ersten Jacquard-Webstühle auf, nahm 1866 die erste Dampfmaschine für mechanische Webstühle in Betrieb. Erst gegen Ende des ersten Weltkriegs kauft sich Dierig in Augsburg ein.

Expansion nach Augsburg 1918

„Hintergedanke hier war die Expansion in einen neuen Markt, der von Osten aus nur schwer zu bedienen war. Dazu kam: Der erste Weltkrieg war so gut wie verloren und die Ostgrenze des deutschen Reichs näher an Schlesien gerückt“, erzählt Benjamin Dierig. Seine Vorfahren befürchteten, dass im Falle eines erneuten Weltkriegs, weitere Teile Deutschlands abgeschnitten werden könnten. „Also expandierten sie 1918 in den Süden nach Augsburg und Ende der 20er Jahre in den Westen.“ Der Schritt hat sich bewährt: 1945 ging alles, was Dierig ursprünglich  im Osten besaß, an die russischen und polnischen Besatzer. Im selben Jahr wurde die Weberei Mühlbach in Augsburg zum Konzernsitz. Da ein Großteil der verantwortlichen Personen den Krieg nicht überlebt hatte oder in Gefangenschaft war, übernahm mit Julius Graf ein Nicht-Familien-Mitglied die Führung und baute das Unternehmen wieder auf.

Zehn Standorte in der Fuggerstadt

Nach dem Krieg gehörten zum Konzern Werke in Osnabrück, Rheydt, Rheine und Bocholt, ein Standort in Kempten und zehn in Augsburg. Darunter die Spinnerei am Stadtbach, die Spinnerei Wertach (gegenüber Plärrer), die Spinnerei am Senkelbach (heute Arbeitsamt) und die Weberei am Fichtelbach (zum Teil erhalten, Sitz der Schlosserei Haugg). Unbeschadet überstanden die Werke den Krieg nicht – sie wurden großteils zerstört oder schwer beschädigt. Erst 1955 war der Wiederaufbau abgeschlossen, doch gleichzeitig begann die Produktion zu stagnieren. Mit bekannten Folgen. „Die erste Produktion in Augsburg schlossen wir 1980. Die Buntweberei Riedinger, die auf Jersey-Stoff spezialisiert war, konnte mit den günstigeren Produzenten im Osten nicht mehr mithalten“, so Dierig. 17 Jahre später wurde mit der Weberei am Mühlbach die letzte Produktion des Konzerns geschlossen.

Immobilien werden vermietet

Die Firma Dierig musste sich neu orientieren. 1998 trat Bernhard Schad ins Unternehmen ein. Als Immobilienexperte fand er neue Zwecke für die Unternehmens-Immobilien. „In den historischen Shedhallen der Weberei am Mühlbach in Augsburg Pfersee wurden peu à peu Loft-Büros, Werkstätten, Fitnessstudios und so weiter eingebaut“, berichtet Dierig. Auf dem ehemaligen Mitarbeiter-Parkplatz entstand 2002 das Pflegeheim Christian-Dierig-Haus, das fünf Jahre später erweitert wurde. Auch Wohnhäuser und ein Büro-Einzelhandelsgebäude wurden gebaut.

Der „Prinz-Gewerbepark“ in Lechhausen, früher der Ausrüstungsbetrieb des Konzerns, ist heute Heimat vieler Unternehmen und lebt weitestgehend von seinem historischen Bestand. Es gibt aber auch eine moderne Halle, die 2015 für den ansässigen Logistiker neu gebaut wurde. Der Stammsitz der textilen Tochter kaeppel an der Klinkertorstraße ist heute weitestgehend an einen Sanitärgroßhandel vermietet.

Das SchlachthofQuartier am Rande des Textilviertels gehört ebenfalls der Firma Dierig, ist aber kein traditioneller Textilstandort, sondern ein Zukauf . „Die Intention für den Kauf waren unsere Expertise mit dem Denkmalschutz und das Entwicklungspotential dieser ehemaligen Brache“, erläutert Benjamin Dierig. Hier entsteht aktuell ein Bürogebäude. Außer diesem gibt es nur noch ein historisches Objekt, das zur Umwidmung ansteht.

Das Areal an der Porschestraße (Gersthofen) kam 2012 zum Unternehmen. „Dierig hat damals nach Anlagemöglichkeit gesucht und mit dem zum Verkauf stehenden Areal von Technotrans und dem Mieter faurecia das perfekte Objekt gefunden“, erinnert sich Dierig. Seither wurde der ursprüngliche Kern mehrfach erweitert, 2015 weitere Grundstücke unter anderem für diese Erweiterungen erworben.

Neue Heimat Augsburg

2018 feierte die Firma Dierig 100 Jahre in Augsburg. Seit 1945 ist das Unternehmen hier fest verankert. Der Mühlbach blieb immer Stammsitz der Firma mit ihren textilen Töchtern fleuresse GmbH (Bettwäsche für den Fachhandel), kaeppel GmbH (Bettwäsche für den Einzelhandel), Bimatex GmbH (Vertrieb von Rohwaren und Objekttextilien) und Christian Dierig GmbH (Vertrieb von Textilien nach Westafrika). Die Dierigs selbst sind mittlerweile „echte Augsburger von Geburt an“ und die Stadt ihre Heimat.

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Expansion nach Augsburg 1918

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Zehn Standorte in der Fuggerstadt

Nach dem Krieg gehörten zum Konzern Werke in Osnabrück, Rheydt, Rheine und Bocholt, ein Standort in Kempten und zehn in Augsburg. Darunter die Spinnerei am Stadtbach, die Spinnerei Wertach (gegenüber Plärrer), die Spinnerei am Senkelbach (heute Arbeitsamt) und die Weberei am Fichtelbach (zum Teil erhalten, Sitz der Schlosserei Haugg). Unbeschadet überstanden die Werke den Krieg nicht – sie wurden großteils zerstört oder schwer beschädigt. Erst 1955 war der Wiederaufbau abgeschlossen, doch gleichzeitig begann die Produktion zu stagnieren. Mit bekannten Folgen. „Die erste Produktion in Augsburg schlossen wir 1980. Die Buntweberei Riedinger, die auf Jersey-Stoff spezialisiert war, konnte mit den günstigeren Produzenten im Osten nicht mehr mithalten“, so Dierig. 17 Jahre später wurde mit der Weberei am Mühlbach die letzte Produktion des Konzerns geschlossen.

Immobilien werden vermietet

Die Firma Dierig musste sich neu orientieren. 1998 trat Bernhard Schad ins Unternehmen ein. Als Immobilienexperte fand er neue Zwecke für die Unternehmens-Immobilien. „In den historischen Shedhallen der Weberei am Mühlbach in Augsburg Pfersee wurden peu à peu Loft-Büros, Werkstätten, Fitnessstudios und so weiter eingebaut“, berichtet Dierig. Auf dem ehemaligen Mitarbeiter-Parkplatz entstand 2002 das Pflegeheim Christian-Dierig-Haus, das fünf Jahre später erweitert wurde. Auch Wohnhäuser und ein Büro-Einzelhandelsgebäude wurden gebaut.

Der „Prinz-Gewerbepark“ in Lechhausen, früher der Ausrüstungsbetrieb des Konzerns, ist heute Heimat vieler Unternehmen und lebt weitestgehend von seinem historischen Bestand. Es gibt aber auch eine moderne Halle, die 2015 für den ansässigen Logistiker neu gebaut wurde. Der Stammsitz der textilen Tochter kaeppel an der Klinkertorstraße ist heute weitestgehend an einen Sanitärgroßhandel vermietet.

Das SchlachthofQuartier am Rande des Textilviertels gehört ebenfalls der Firma Dierig, ist aber kein traditioneller Textilstandort, sondern ein Zukauf . „Die Intention für den Kauf waren unsere Expertise mit dem Denkmalschutz und das Entwicklungspotential dieser ehemaligen Brache“, erläutert Benjamin Dierig. Hier entsteht aktuell ein Bürogebäude. Außer diesem gibt es nur noch ein historisches Objekt, das zur Umwidmung ansteht.

Das Areal an der Porschestraße (Gersthofen) kam 2012 zum Unternehmen. „Dierig hat damals nach Anlagemöglichkeit gesucht und mit dem zum Verkauf stehenden Areal von Technotrans und dem Mieter faurecia das perfekte Objekt gefunden“, erinnert sich Dierig. Seither wurde der ursprüngliche Kern mehrfach erweitert, 2015 weitere Grundstücke unter anderem für diese Erweiterungen erworben.

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