B4B Impuls von Dong-Seon Chang

Team mit Hirn: Was braucht man für Spitzenleistungen?

Woher kommt Intelligenz? Das soziale Gehirn. Symbolbild.  iStock/ Jacob Ammentorp Lund
Kein Mensch kann alleine überleben, denn wir sind alle soziale Wesen. Und Studien zeigen: Die soziale Kompetenz, mit anderen Menschen zu interagieren, stand immer im Mittelpunkt der Evolution unserer Intelligenz. Bei den früheren Menschen sehen wir es auch anhand von Fossilbefunden: Je größer das soziale Netzwerk zwischen den Menschen war, desto größer war auch der Neokortex ausgeprägt, also genau der Teil unseres Gehirns, der uns befähigt zu „denken“.

Wie wir alle wissen, ist das „denken“ natürlich um einiges anstrengender als „nicht zu denken“. Wann müssen wir unser Hirn denn am meisten einschalten? Wenn wir über andere Menschen nachdenken!  Und damit verbringen wir tatsächlich auch die meiste Zeit unseres Lebens (Wie ist mein Chef heute gelaunt? Was will der Kollege von mir, wird der mir eins auf den Deckel hauen? Kann ich ihm vertrauen oder nicht? Mag die neue Kollegin mich oder nicht? Ist sie nett oder zickig? Sind beim neuen Kollegen Fehler vorprogrammiert, oder wird er mir einiges an Arbeit abnehmen können? Was sage ich meiner Frau, wenn ich heute zu spät nach Hause komme? Wie sage ich meinem Nachbarn für die Kindergeburtstagparty ab? ...)  Wir verbringen überhaupt so viel Zeit im Leben damit, uns über andere Menschen Gedanken zu machen.

Evolutionäre und anthropologische Studien bestätigen das: Unser Gehirn hat sich in der Evolution gerade dann so intelligent weiterentwickelt, als wir angefangen hatten, mit anderen Menschen intensiv zusammenzuleben, und vor allem zusammenzuarbeiten.

Zusammen arbeiten: Wenn ein Team nur perfekt funktionieren würde

Apropos, zusammen arbeiten. Wenn unser Gehirn schon seine Intelligenz der Zusammenarbeit mit anderen Menschen zu verdanken hat, warum ist zusammenarbeiten dann manchmal so schwer? Gemeinsam für ein Ziel zu arbeiten soll ja laut Wissenschaftlern, die die Evolution studiert haben, die natürliche Verhaltensweise für uns Menschen sein. Sind dann aber manche Menschen einfach Affen geblieben, und haben ihr Hirn irgendwo liegen gelassen?

In jeder großen oder kleinen Firma arbeiten Menschen im Team zusammen. Und natürlich schaffen gute Teams weitaus mehr, als jede einzelne Person alleine schaffen würde. Aber trotzdem entstehen die meisten Probleme des Alltags leider auch im Team, in der Zusammenarbeit mit anderen Menschen. Warum ist das so? Und wie kann man überhaupt ein perfektes Team zusammenbringen?

Was macht ein gutes Team aus? Fragt Google!

Im Jahr 2012 hatte der Suchmaschinenkonzern Google sich genau die gleiche Frage gestellt: Was macht ein Team zu einem guten Team? Was unterscheidet ein gutes, produktives, innovatives Team von einem, welches nicht so toll funktioniert? Und diese Frage sollte unter dem Namen „Project Aristotle“ von einer Spezialeinheit aus Personalern, Psychologen, Soziologen, Statistikern und Programmieren beantwortet werden.

Wie es bei Google üblich ist, wurden Millionen von Daten gesammelt von der ganzen Welt, aus allen möglichen Teams bestehend aus Google-Mitarbeitern. Wie oft gehen Team-Mitglieder miteinander essen? Treffen sie sich außerhalb der Arbeit? Wie oft halten sie Meetings? Welche gemeinsamen Hobbys haben sie? Wie viele Team-Mitglieder sind extrovertiert, wie viele introvertiert? Gibt es bestimmte Persönlichkeiten, die einem Team gut oder schlecht tun?

Man analysierte über 250 Eigenschaften von mehr als 180 Teams, stellte verschiedene Hypothesen auf, zeichnete Diagramme und Charts, und versuchte das genaue Rezept des perfekten Teams herauszubekommen. Die Antwort? Die ließ lange auf sich warten. Denn die Teams waren quer über die gesamte Erfolgsleiter vollkommen unterschiedlich. Egal ob MIT-Genies oder Ökofreaks, keine bestimmte Eigenschaft von Team-Mitgliedern machte die Gruppe zum Siegerteam.

Geborgenheit für Spitzenleistungen: Toleranz und Offenheit

Am Ende stellte sich heraus, dass das „WER“ fast gar keine Rolle für den Erfolg eines Teams spielte. Es war das „WIE“ innerhalb eines Teams!

Denn erst als die Forscher sich mehr auf die Normen konzentrierten, die in den verschiedenen Teams und Gruppen galten, kamen sie der Lösung näher. In Teams, die wirklich effizient und kreativ waren, gab es nämlich immer eine Gemeinsamkeit: Jedes Mitglied durfte seine Meinung sagen, ohne dafür verlacht oder getadelt zu werden. Die „psychologische Sicherheit“, die in einer Gruppe zählte, war das wichtigste Rezept für ein gutes Team! In Teams, wo man sich keine Sorgen machen musste, dass einem jemand in den Rücken fällt, wo man selbst Einfälle, die sich als undurchführbare Hirngespinste herausstellen, frei kommunizieren durfte, kamen die besten Ergebnisse! Also genau dort, wo mehr Toleranz und Offenheit für Andersdenkende herrschte, und wo sich jeder bei dem anderen geborgen fühlte.

Beste Teamarbeit = Gemeinschaftsgeist für das Gehirn

Gerade in besonders leistungsorientierten Firmen und Konzernen herrscht aber oft genau das umgekehrte Klima. Und genau das ist eigentlich schlecht für die gesamte Leistung. Denn nur in psychologisch sicheren Gruppen kann jeder Einzelne sein Potenzial voll entfalten, weil es kein Risiko ist, Fehler zu begehen. Und wie wir alle wissen: Kein Mensch ist fehlerfrei! Am besten klappt also Teamarbeit in einer Gemeinschaft, wo wir uns wohl und sicher fühlen. Weil der eine dann auch dem anderen bei Fehlern helfen kann. Spitzenleistungen kommen selten als Einzelleistung,  denn wie schon am Anfang gesagt: Wir alle sind soziale Wesen. Vor allem: Unser Gehirn funktioniert am besten zusammen mit anderen!

Über Dong-Seon Chang

Dong-Seon Chang, Dr.rer.nat., Dipl.Biol., ist Neurowissenschaftler, Autor, und einer der international bekanntesten Science Slammer. Mit seinen Vorträgen bringt er die neuesten Forschungsergebnisse aus der Gehirnforschung und Verhaltenswissenschaften unterhaltsam und leicht verständlich auf die Bühne und begeistert Massen von Menschen. Er ist Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik in Tübingen und Referent am Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen in Bonn.

Sein Buch „Mein Hirn hat seinen eigenen Kopf: Wie wir andere und uns selbst wahrnehmen“ ist beim Rowohlt Verlag erschienen und wurde sofort nach dem Erscheinen Spiegel-Bestseller.  Er ist regelmäßiger Gast im Fernsehen und Radio, u.a. bei Markus Lanz, Bettina und Bommes und WDR Funkhaus Europa.

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B4B Impuls von Dong-Seon Chang

Team mit Hirn: Was braucht man für Spitzenleistungen?

Woher kommt Intelligenz? Das soziale Gehirn. Symbolbild.  iStock/ Jacob Ammentorp Lund
Kein Mensch kann alleine überleben, denn wir sind alle soziale Wesen. Und Studien zeigen: Die soziale Kompetenz, mit anderen Menschen zu interagieren, stand immer im Mittelpunkt der Evolution unserer Intelligenz. Bei den früheren Menschen sehen wir es auch anhand von Fossilbefunden: Je größer das soziale Netzwerk zwischen den Menschen war, desto größer war auch der Neokortex ausgeprägt, also genau der Teil unseres Gehirns, der uns befähigt zu „denken“.

Wie wir alle wissen, ist das „denken“ natürlich um einiges anstrengender als „nicht zu denken“. Wann müssen wir unser Hirn denn am meisten einschalten? Wenn wir über andere Menschen nachdenken!  Und damit verbringen wir tatsächlich auch die meiste Zeit unseres Lebens (Wie ist mein Chef heute gelaunt? Was will der Kollege von mir, wird der mir eins auf den Deckel hauen? Kann ich ihm vertrauen oder nicht? Mag die neue Kollegin mich oder nicht? Ist sie nett oder zickig? Sind beim neuen Kollegen Fehler vorprogrammiert, oder wird er mir einiges an Arbeit abnehmen können? Was sage ich meiner Frau, wenn ich heute zu spät nach Hause komme? Wie sage ich meinem Nachbarn für die Kindergeburtstagparty ab? ...)  Wir verbringen überhaupt so viel Zeit im Leben damit, uns über andere Menschen Gedanken zu machen.

Evolutionäre und anthropologische Studien bestätigen das: Unser Gehirn hat sich in der Evolution gerade dann so intelligent weiterentwickelt, als wir angefangen hatten, mit anderen Menschen intensiv zusammenzuleben, und vor allem zusammenzuarbeiten.

Zusammen arbeiten: Wenn ein Team nur perfekt funktionieren würde

Apropos, zusammen arbeiten. Wenn unser Gehirn schon seine Intelligenz der Zusammenarbeit mit anderen Menschen zu verdanken hat, warum ist zusammenarbeiten dann manchmal so schwer? Gemeinsam für ein Ziel zu arbeiten soll ja laut Wissenschaftlern, die die Evolution studiert haben, die natürliche Verhaltensweise für uns Menschen sein. Sind dann aber manche Menschen einfach Affen geblieben, und haben ihr Hirn irgendwo liegen gelassen?

In jeder großen oder kleinen Firma arbeiten Menschen im Team zusammen. Und natürlich schaffen gute Teams weitaus mehr, als jede einzelne Person alleine schaffen würde. Aber trotzdem entstehen die meisten Probleme des Alltags leider auch im Team, in der Zusammenarbeit mit anderen Menschen. Warum ist das so? Und wie kann man überhaupt ein perfektes Team zusammenbringen?

Was macht ein gutes Team aus? Fragt Google!

Im Jahr 2012 hatte der Suchmaschinenkonzern Google sich genau die gleiche Frage gestellt: Was macht ein Team zu einem guten Team? Was unterscheidet ein gutes, produktives, innovatives Team von einem, welches nicht so toll funktioniert? Und diese Frage sollte unter dem Namen „Project Aristotle“ von einer Spezialeinheit aus Personalern, Psychologen, Soziologen, Statistikern und Programmieren beantwortet werden.

Wie es bei Google üblich ist, wurden Millionen von Daten gesammelt von der ganzen Welt, aus allen möglichen Teams bestehend aus Google-Mitarbeitern. Wie oft gehen Team-Mitglieder miteinander essen? Treffen sie sich außerhalb der Arbeit? Wie oft halten sie Meetings? Welche gemeinsamen Hobbys haben sie? Wie viele Team-Mitglieder sind extrovertiert, wie viele introvertiert? Gibt es bestimmte Persönlichkeiten, die einem Team gut oder schlecht tun?

Man analysierte über 250 Eigenschaften von mehr als 180 Teams, stellte verschiedene Hypothesen auf, zeichnete Diagramme und Charts, und versuchte das genaue Rezept des perfekten Teams herauszubekommen. Die Antwort? Die ließ lange auf sich warten. Denn die Teams waren quer über die gesamte Erfolgsleiter vollkommen unterschiedlich. Egal ob MIT-Genies oder Ökofreaks, keine bestimmte Eigenschaft von Team-Mitgliedern machte die Gruppe zum Siegerteam.

Geborgenheit für Spitzenleistungen: Toleranz und Offenheit

Am Ende stellte sich heraus, dass das „WER“ fast gar keine Rolle für den Erfolg eines Teams spielte. Es war das „WIE“ innerhalb eines Teams!

Denn erst als die Forscher sich mehr auf die Normen konzentrierten, die in den verschiedenen Teams und Gruppen galten, kamen sie der Lösung näher. In Teams, die wirklich effizient und kreativ waren, gab es nämlich immer eine Gemeinsamkeit: Jedes Mitglied durfte seine Meinung sagen, ohne dafür verlacht oder getadelt zu werden. Die „psychologische Sicherheit“, die in einer Gruppe zählte, war das wichtigste Rezept für ein gutes Team! In Teams, wo man sich keine Sorgen machen musste, dass einem jemand in den Rücken fällt, wo man selbst Einfälle, die sich als undurchführbare Hirngespinste herausstellen, frei kommunizieren durfte, kamen die besten Ergebnisse! Also genau dort, wo mehr Toleranz und Offenheit für Andersdenkende herrschte, und wo sich jeder bei dem anderen geborgen fühlte.

Beste Teamarbeit = Gemeinschaftsgeist für das Gehirn

Gerade in besonders leistungsorientierten Firmen und Konzernen herrscht aber oft genau das umgekehrte Klima. Und genau das ist eigentlich schlecht für die gesamte Leistung. Denn nur in psychologisch sicheren Gruppen kann jeder Einzelne sein Potenzial voll entfalten, weil es kein Risiko ist, Fehler zu begehen. Und wie wir alle wissen: Kein Mensch ist fehlerfrei! Am besten klappt also Teamarbeit in einer Gemeinschaft, wo wir uns wohl und sicher fühlen. Weil der eine dann auch dem anderen bei Fehlern helfen kann. Spitzenleistungen kommen selten als Einzelleistung,  denn wie schon am Anfang gesagt: Wir alle sind soziale Wesen. Vor allem: Unser Gehirn funktioniert am besten zusammen mit anderen!

Über Dong-Seon Chang

Dong-Seon Chang, Dr.rer.nat., Dipl.Biol., ist Neurowissenschaftler, Autor, und einer der international bekanntesten Science Slammer. Mit seinen Vorträgen bringt er die neuesten Forschungsergebnisse aus der Gehirnforschung und Verhaltenswissenschaften unterhaltsam und leicht verständlich auf die Bühne und begeistert Massen von Menschen. Er ist Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik in Tübingen und Referent am Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen in Bonn.

Sein Buch „Mein Hirn hat seinen eigenen Kopf: Wie wir andere und uns selbst wahrnehmen“ ist beim Rowohlt Verlag erschienen und wurde sofort nach dem Erscheinen Spiegel-Bestseller.  Er ist regelmäßiger Gast im Fernsehen und Radio, u.a. bei Markus Lanz, Bettina und Bommes und WDR Funkhaus Europa.

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